PetitTube und Forgotify: Die unbekannten Tiefen des Internets

Ihr kennt ihn doch sicherlich auch: Diesen Moment, wenn ihr ein fragwürdiges Bild, Lied oder Video im Internet entdeckt und plötzlich das Gefühl habt, nun wirklich alles gesehen zu haben. Meist sind aber selbst diese zweifelhaften Inhalte bereits von Tausenden oder Millionen anderer Nutzer geklickt wurden. Darum hat man sie ja schließlich ebenfalls gefunden.

Unter der Oberfläche schlummert aber noch ein Potential an schlechtem und gutem Content, das bislang völlig unentdeckt blieb. Ihr habt jedoch die Möglichkeit, auch diese völlig unbekannten Inhalte zu entdecken. Doch erwartet nicht, dass diese Inhalte wirklich sehens- oder hörenswert sind. Eher tun sich riesige Abgründe auf.

PetitTube – Videos die noch keiner sah

Kaum ein Social Network kann so niederschmetternd sein wie YouTube. Wer keine Reichweite hat und Videos produziert, die in der Suche völlig untergehen, kann schnell ungesehen bleiben.

Die französische Seite PetitTube, oder auch die deutsche Variante ZeroTube, haben ein Herz für die Unbekannten und zeigt euch Videos, die bislang noch niemand auf YouTube angeschaut hat. Da können schon echte Perlen mit dabei sein. Schließlich fängt jedes Video zum Release ohne Views an, auch wenn große Kanäle schon nach Sekunden die ersten Aufrufe verzeichnen. Ebenso gibt es auch ständig neue Kanäle oder YouTuber, die zwar gute Videos machen, aber keine Ahnung von ihrer Vermarktung haben.

Das sind auf PetitTube aber zugegeben die Ausnahmen. In erster Linie erwartet euch auch qualitativ der Bodensatz des YouTube-Contents. Aber Trash-TV ist ja bekanntlich nicht erst eine YouTube-Erfindung.

Ich sah zum Beispiel erst ein achtsekündiges Video einer Familie, bei dem vorwiegend der nicht ganz saubere Boden zu sehen war. Danach folge ein kurzes Video einer Katze im Käfig, dass offenbar mit einem Bild pro Sekunde aufgenommen wurde. Anschließend durfte ich eine Minute lang Insektenlarven in einer Tupperdose zuschauen. Was ein Arzt mit einer Zange in der Nase eines Patienten gemacht hat, führe ich besser erst gar nicht aus. Zuletzt wurde mir auf dem Kanal eines Maklers eine hübsche Immobilie in Gibstown, New Jersey gezeigt.

Wäre ich auf Immobiliensuche, hätte mich PetitTube womöglich nach Gibbstown, New Jersey gebracht – Screenshot by Stefan Reismann

Forgotify – Lieder, die noch keiner hörte

Einen ähnlichen Ansatz wie PetitTube, verfolgt auch Forgotify. Der Name lässt allerdings schon den Bezug zu Spotify vermuten. Als die Seite erstellt wurde, gab es rund vier Millionen Lieder auf dem Musikdienst, die noch nie jemand angehört hat. Das mussten die Betreiber von Forgotify natürlich ändern.

Ob einmal über die Seite gehörte Lieder aus der Liste rausfallen, lässt sich allerdings anzweifeln, da der Vorrat an Liedern begrenzter ist, als bei den 300 Stunden Videomaterial, die minütlich auf YouTube hochgeladen werden. Zudem wurde Forgotify bereits von BBC, Time, VICE Motherboard und The Guardian beworben.

Mein erstes Hörerlebnis auf Forgotify waren indische Trommelklänge des Filmkomponisten und Playbacksängers Ghantasala Venkateswararao. Danach folgte etwas, das mit viel gutem Willen noch als Warteschleifenmusik durchgehen könnte. Anschließend lief dafür die schmissige Nummer „Tenessee-Woman“ des bekannten Bluesmusikers Charlie Musselwhite. Da hätte ich schon mit ein paar Spotify-Aufrufen gerechnet – doch vielleicht legen Genrefans auch einfach lieber die gute alte Platte auf. Anschließend ging es mit einem Stück von Beethoven, vorgetragen vom String Quartet der renommierten Julliard School weiter.

Auch ohne Spotify-Abo lassen sich auf Forgotify immerhin die ersten 30 Sekunden der Lieder anhören – Screenshot by Stefan Reismann

Underviewed – Videos mit generischem Namen

Auch die Seite Underviewed macht sich auf die Suche nach verborgenen Schätzen in den YouTube-Tiefen. Anders als PetitTube dürfen die Videos aber durchaus Views haben. Als „Qualitätsmerkmal“ dient in diesem Fall der Titel.

Geräte speichern Dateien standardmäßig nach einem bestimmten Muster ab. GOPR1337.MP4 ist beispielsweise ein typischer Name einer Aufnahme per GoPro-Kamera. Wer die Datei einfach mit dem Standardnamen hochlädt und nichts weiter auf YouTube daran ändert, hat diesen völlig ideenlosen Dateinamen auch als Titel auf YouTube.

Underviewed sucht nach genau solch einer Namensstruktur und listet alle zu dem Dateinamen gefundenen Videos auf. Entsprechend des generischen Titels, haben diese Videos selten großartige Aufrufzahlen.

GoPro-Videos mit dem gehaltvollen Titel GOPR1246.MP4 versprechen zumindest etwas Action – Screenshot by Stefan Reismann

Nur wenig Substanz am Grund der Internetmedien

Natürlich war davon auszugehen, dass ein Großteil dieser nie entdeckten Medien zurecht ihr unbeachtetes Dasein fristen. Vor allem PetitTube und Underviewed boten vorwiegend Videos, die bereits technisch ganz schlecht aufgenommen waren. Es ist ein wenig wie ein Autounfall, wo man trotzdem irgendwie hinschaut. Dass es überhaupt Personen gibt, die einige Inhalte für hochladenswert halten, ist die erschreckendste Erkenntnis.

Forgotify hingegen überraschte mich positiv. Es hatte einen sehr interessanten Genremix und mit manchen Liedern oder Künstlern konnte ich sogar halbwegs etwas anfangen. Womöglich habe ich auch einfach Glück gehabt und die schlimmsten Lieder verpasst. 


Image by NinaMalyna via stock.adobe.com

Bezeichnet sich auf YouTube gerne als social Influencer. Bereichert nun die Netzpiloten als Praktikant in der Redaktion. Multifunktions-Nerd, der sich auch gerne auf Mittelaltermärkten rumtreibt.


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