Netzwerk oder Stahlwerk?

Um die Kulturtechnik Internet zu verbessern, sollten Programmierer und Nutzer sich besser verstehen. Viele Standardbegriffe verhindern dies jedoch. Vielleicht vernebeln sie sogar ganze Bedeutungsbereiche in Sachen Kommunikation.

Gerade Wörter wie Netzwerk oder Datenflut sind ständige Begleiter der Diskussionen über technologische Gegenwart und kulturelle Zukunft. Aber helfen uns diese Begriffe überhaupt beim Formulieren und Verstehen aktueller Probleme und Wünsche?

Will man ein Netzwerk beschreiben, muss man in die Tiefen der Mathematik hinabsteigen: in die Graphentheorie. Dieser Teil der Mathematik ist nicht ganz zufällig die Basis vieler Algorithmen oder der Komplexitätstheorie. Damit sind wir im Kern der Informatik. Aber auch das Zusammenleben der Menschen wird auf diese Weise formuliert. Graphentheoretische Modelle bildeten die erste Grundlage für Soziologen, um Soziale Netzwerke zu analysieren. Auf diese Weise haben Wissenschaftler eine naturwissenschaftlich fundierte Struktur an der Hand, um die soziale Ordnung einer Gruppe nachvollziehbar zu beschreiben. Die einzelnen Akteure solcher Gemeinschaften werden dabei als Knoten (vertices) betrachtet. Ihre Beziehungen zueinander werden als Kanten (edges) formuliert. Diese beiden Elemente bilden gemeinsam große oder kleine Strukturen: die Netzwerke. Schon lange vor der Soziologie wurden in der Ethnologie Verwandtschaftsverhältnisse bei Naturvölkern auf diese Weise aufgezeichnet. Die Vorläufer solcher Analysen stammen von britischen Forschern, die afrikanische Stämme untersuchten. Heutzutage schauen wir differenzierter auf Beziehungen als nur unter dem Aspekt der Verwandtschaft.

Denn neben den Sozialwissenschaften und der Psychologie haben auch die Wirtschaftswissenschaften und die Systemtheorie diesen Begriff in ihren Methodenkanon aufgenommen. Interessant ist dabei vor allem der Blick auf die Betriebswirtschaftslehre, die als Netzwerkorganisation einen informellen Zusammenschluss von Menschen mit ähnlichen Interessen beschreibt, die voneinander profitieren. Doch genau das fehlt in der Beschreibungswelt der Graphentheorie: Eine Dimension der Organisation, also eine inhaltliche Beschreibung der Motive und Handlungen der ordnenden Hand. Denn Graphen sind eine Menge von Punkten. Zugegeben, die Knoten als Verbindung mehrerer Graphen sind besondere Elemente, aber wie weit reicht diese Metapher des Netzwerks, um aktuelle Zustände oder zukünftige Vorhaben zu gestalten?

Denn anders als die Institution der Organisation ist der Prozess des Organisierens eine ganz andere Kategorie, die nicht als Element oder Struktur beschreibbar ist, sondern auf beide einwirkt. Die Handlungen der Beteiligten sind an dieser Stelle eine mögliche Dimension. Deutlich interessanter muss für uns jedoch der Aspekt des Sinns sein, der diese steuernden Handlungen lenkt.

Dieser Blick wird besonders gern unterschlagen, wenn Datennetzwerke zur Diskussion stehen. Ob Datenschutz, Bundestrojaner oder Terroristendateien – in den allermeisten Fällen werden Beziehungen und Knotenpunkte diskutiert. Die Knoten sind entweder private Datenendeinrichtungen, die aus geschäftlichen Gründen geheim bleiben sollen oder es sind persönliche Kommunikationsapparate einer Privatperson, die dort einen geschützten Raum für ihre persönlichsten Informationen wünscht. Wenn Datennetzwerke und soziale Netzwerke ineinander fallen wie bei Facebook oder Google+, dann wird aus dem Fachbegriff Netzwerk eine metaphorische Beschwörungsformel, die zu allerlei Spekulationen Anlass liefert. Leider fallen in vielen Talkshows und Podiumsdiskussionen vor allem die Experten mit einem metaphorischen Gebrauch von basalen Fachtermini wie Daten oder Netzwerke auf. Denn je ungenauer die Knoten, Verbindungen und Daten beschrieben werden, desto eher verkommen die Begriffe zu reiner Wortmalerei.

Die Diskussionen um Facebook-Parties, Datenschutz, Fotos mit betrunkenen Jugendlichen und den Abermilliarden an Werbeeinnahmen werden durch schwammige Begriffe wie eben das Netzwerk weder verständlicher noch präziser. Denn die sogenannten social networks vornehmlich amerikanischer Herkunft sind ein Goldesel, der uns verkleidet als hölzernes Pferd ins Dorf geschoben wurde mit dem Hinweis, dass wir mit dieser Software Identitätsmanagement betreiben können. Der Nutzer listet seine Freunde (Knoten) auf und die Kanten werden durch die Interaktionen mit diesen Leuten täglich präziser beschrieben. Fragt sich nur, für wen die Präzision zunimmt.

Aber die Organisation solcher Netzwerke bleibt unsichtbar und undiskutiert. Jeden Monat kommen neue Funktionen hinzu. Ihre Aufgabe ist es, den einzelnen Knoten – sei es der Nutzer oder ein Inhalt wie verlinkte Artikel oder Videos – besser zu beschreiben. Die Sinnhaftigkeit und die Präzision geben die Programmierer vor. Jedes Mal wenn wir gegenüber Vertretern der Webgiganten wie Facebook und Google die Interessen der Nutzer einklagen wollen, kommt es nur zu einem Austausch über die Elemente und Verbindungen. Die Sinnebene erreichen wir nicht. Die Sprache fehlt.

Das liegt aber auch an uns. Denn innerhalb der Gesellschaft brauchen wird Denker und Praktiker, die die neue Kulturtechnik der Echtzeitkommunikation mitten in einer mobilen Bücherei mit Abermillionen von Dokumenten und Kommentaren mit uns und für uns gestalten. Wenn Sicherheitsbehörden, Politiker, Funktionäre und Firmenlenker unisono von anhaltenden Kommunikationsproblemen sprechen, während wir alle gemeinsam in dieser mobilen, allwissenden Datenhalde stehen, die Dutzende Megawatt Storm täglich verschlingt, dann müssen wir den Programmierern offenbar bessere Aufträge erteilen und unsere Wünsche angemessener ausdrücken.

Leider entwickeln die Computerfreaks meistens ohne unser Zutun, weil wir einfach nicht richtig unseren Bedarf formulieren. Und leider beschreiben sie gern alle Aufgaben im Rahmen der Graphentheorie. Auf diese Weise kann man zwar phantastische Routenplaner erstellen, aber schon die Aufgabe, ein Rundreise zu verschiedenen Sehenswürdigkeiten zu errechnen, die kurze Fahrzeiten beachtet, also möglichst wenig gefahrene Kilometer zum Ziel hat, ist eine schier unlösbare Aufgabe. Wenn man also Sinn hinzufügen will zu den Kanten und Knoten, dann purzeln die mathematischen Verfahren durcheinander und Computer-Software als das Land der unbegrenzbaren Wirklichkeiten wird schnell zum Flaschenhals für einfach menschliche Bedürfnisse.

Eine ähnliche Betrachtung kann man auch für den Begriff der Datenflut anstellen. Hierbei handelt es sich um die Tatsache, dass eine unvorstellbare Anzahl an Buchstaben und Zahlen weltweit auf Computern gespeichert ist, die alle an das Internet angeschlossen sind. Wer aber den Speicherort nicht kennt, wird nie auf diese Flut zugreifen können. Suchmaschinen durchsuchen jede Sekunde das gesamte Datennetz und ermöglichen erst das Wissen über die Unzahl an möglichen Informationen – die man ohne sie nie erfahren hätte. Dann erst haben sie ihre Existenzberechtigung, indem sie uns erklären, dass ihre Arbeit darin liegt, die einzelnen Treffer zu gewichten. Sie schaffen also erst das Problem, dass sie nachher großzügig lösen. Zumindest sollen wir glauben, dass sie das Problem lösen. Da sie nicht wissen, was für uns wichtig ist, müssen sie auch noch Informationen über unsere Interessen sammeln, damit sie uns präzisere Lösungen für Probleme anbieten können, die wir ohne sie nicht hätten. Auch hier begegnen wir wieder dem Phänomen, dass die Sinnebene gar nicht erörtert wird. Denn die Pioniere haben das weltweite Datennetz früher auch ohne globale Suchmaschine genutzt: Sie haben mit anderen kommuniziert. Gemeinsam hat man Lösungen gefunden. Das hat zwar länger gedauert als einfach ein paar Worte zu googeln, aber wer sagt denn, dass mehr Geschwindigkeit ein erstrebenswertes Ziel ist.

Es wäre an der Zeit, dass wir Talkshows, Stammtischsitzungen und Familienmeetings nutzen, um über Sinn und Unsinn der digitalen Informationswelt und deren Nutzen im Alltag zu diskutieren. Tausende Firmen mussten ihre Arbeitsprozesse an Betriebssoftware anpassen. Das passiert nicht immer zum Wohl der Firma. Und auch das Anpassen der Kommunikationsgewohnheiten an die Modellierfähigkeiten der Programmierer findet nicht immer uneingeschränkte Zustimmung. Auf der anderen Seite steht der Unwillen vieler Nutzer, sich auf die neuen Herausforderungen offen einzulassen und neue Fähigkeiten und einen verantwortungsvollen Umgang mit Technik auszubilden. Denn man kann ein Smartphone am Wochenende einfach ausstellen. Und dann zählen wieder so archaische Kantenbeziehungen wie Verwandtschaft und Freundschaft.

Will man jedoch, dass die Ängste und Unsicherheiten rund um digitale Kommunikation und Arbeitsorganisation eingedämmt werden, dann muss ein offener Austausch über Wünsche und Möglichkeiten stattfinden. Viele Begriffe der Webexperten kommen aber weder im Alltag noch in der Vorstellungswelt der Nutzer vor. Genau genommen entstammen sie zumeist einer technischen Herkunft. Und so reden weiter alle aneinander vorbei, wenn sie überhaupt reden. Denn vor der Technikfolgenabschätzung haben die höheren Wesen die Entwickler und Ingenieure gesetzt. Der Kunde oder Nutzer darf höchsten beim Testen dabei sein, ob die Erfindungen bedienbar sind. Und man darf dem Nutzer bis auf die Innenseite der Fußsohle schauen – zu seiner Sicherheit. Da ist das Gerede von der schlimmen Datenflut ein Hohn. Und das Netzwerke andere Produkte als Stahlwerke ausstoßen, dürfte auch klar sein.

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


Artikel per E-Mail verschicken
Schlagwörter:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.