Netzneutralität, die

Es gibt viele Netze. Das Gasnetz, das Stromnetz und das Wasser/Abwasser-Netz. Das sind so die bekanntesten. Auch der gute alte Rohrpostbrief wurde via Netz aus Rohren verteilt. Allen Netzen gemeinsam ist Tatsache, dass in der Regel ein einziges Gut transportiert wird. In den Gasnetzen ist es Erdgas und nicht Argon oder Helium. In den Stromnetzen ist es ein Potential, das am anderen Ende zum Leuchten der Glühbirne führt und beim Wasser gibt es eben zwei Netze: Eines für Trinkwasser und eines für das Abwasser. Das Web verteilt Datenpakete also Nullen und Einsen.

Im Zeitalter des Internet möchte man uns nun erklären, dass es damit vorbei ist. Es gibt besondere Leute, die immer nur Baden und nicht Duschen; das verbraucht deutlich mehr Wasser und muss daher teurer bepreist werden, sagen die Verfechter so genannter managed services. Diesen Begriff gab es schon früher, Anbieter wie EDS (später HP) oder IBM haben unter diesem Label besondere Dienste an große Kunden verkauft. Ganze Rechenzentren wurden so aus der Veranwtortung der Banken und Versicherungen ausgelagert und die Anbieter verkauften den Kunden nicht die Server oder Software sondern alles als Paket – die Kunden mussten sich um nichts mehr kümmern sondern buchten einfach, was sie brauchten: Also Netzwerk, Rechenkapazität und Speicherplatz für eine Abteilung mit 200 Mitarbeitern. Befürworter der Netzneutralität pochen darauf, dass alles im Netz Datenpakete sind, alles müssen gleich schnell durchgeleitet werden. Die Firmen wollen bestimmte Pakete teurer machen als andere. Denn das mit den Bandbreiten weit oberhalb DSL 16.000 scheint nicht richtig zu klappen. Also macht man woanders eine neues Productizing.


Denn heute möchte uns die Welt der Access Provider im Web (das sind die Telekoms und Verizons dieser Welt) klar machen, dass sie darunter bestimmte Dateiformate verstehen. Wer also Videostreaming in guter Qualität via Web sehen möchte, der muss dann bei der Telekom einfach mehr zahlen als wenn er einfach nur Blogs liest oder E-Mails verschickt.
Mit einer abenteuerlichen Begründung hat sich jedenfalls der Sir Francis Drake (Philipp Blank, Pressesprecher der Deutschen Telekom AG) bei carta.info gemeldet und den Kaperbrief der rosaroten Piraten genau wie damals in England mit allgemeinem öffentlichen Interessen begründet.

Eine strikte Gleichbehandlung sämtlicher Datenpakete kann nicht im Interesse der Allgemeinheit und der Endnutzer sein. Bei einer solchen Gleichbehandlung würde die Qualität von Diensten wie Videokonferenzen oder Telemedizin erheblich eingeschränkt. Im Interesse der Nutzer ist nicht allein der diskriminierungsfreie Zugang zu Informationen und Anbietern, sondern auch das reibungslose Funktionieren von Anwendungen und effizient eingesetzte Netzressourcen, die letztlich zu niedrigen Zugangspreisen beitragen.

Und da es damals kein Völkerrecht gab, konnte Drake also alle spanischen und portugisieschen Galleonen mit Billigung der englischen Krone angreifen und versenken.
Die Telekom meint also, dass sie statt sich der vielen weißen Flecken, die in Deutschland noch keinen Breitbandanschluß haben, zu widmen, einfach mal alle Leuet, die gerne Baden damit bestraft, dass andere Leute ihr Geld mit dem Baden verdienen. Und da es Schwimmbäder und Saunen etc. gibt, die ja professionell mit Wasser umgehen, müssen also die paar Leute, die einfach nur privat in der Wohnung rumplanschen mehr für das Wasser bezahlen.

Diese Argumentation prädemokratisch zu nennen, liegt nahe. Aber es hat in diesem Fall noch einen deutlich anderen Geschmack. Denn die Tatsache, dass der Breitbandausbau in Deutschland extrem hinterherhinkt, was Bandbreite und Fläche angeht, wird nun noch dadurch verschärft, dass Leute mit geringerem Geldbeutel zukünftig auf bestimmte Arten von Datenpaketen verzichten müssen. Auf diese Weise führt man dann wieder das alte Gebührenmodell aus der prä-Flatrate-Ära wieder ein, wo per Stunde bezahlt wurde. Nur ist man diesmal schlauer, denn die Preise werden nicht pauschal und übersichtlich per Stunden erhoben sondern eben per Datenformat. Wer glaubt, dass Krankenhäuser dadurch eher oder besser mit Gigabit-Intranets versorgt werden, der irrt.

Besonders auffällig ist der häufige Gebrauch des Wortes „diskrimierungsfrei“ in der Argumentation des Herrn Blank. Es ist wohl auch intern aufgefallen, dass eigentlich das geplante Leistungschutzrecht darauf basiert, dass die Bevölkerung als Teil der gelebten Demokratie ein Anrecht auf Information, Bildung und Unterhaltung hat. Wenn nun aber ein paar Jungs daher kommen und auf der Basis von abstrakten Datenformaten und der Durchflußmenge pro Sekunde bestimmen wollen, welche Inhalte eine besondere (teure) Qualität darstellen, dann beginnt das, was wir schon mit Russland erlebt haben. Europa braucht das Gas, um das sich Anbieter (Russland) und
Durchleiter (Ukraine) streiten. Wer das Netzwerk besitzt kann als die Durchflußmenge begrenzen – und zwar nach Belieben. Die Kunden gucken dumm in die Röhre, wenn die beiden Marktteilnehmer sich nicht grün sind und ewige Verhandlungen führen.

Noch schlimmer ist aber das Signal, das davon ausgeht:

Es ist ein volkswirtschaftlich wichtiges Grundprinzip, dass Anbieter unterschiedliche Qualitäten auch zu unterschiedlichen Preisen anbieten können.

Die Telekom geht also wirklich davon aus, dass sie Anbieter ist. Wer jetzt glaubt, dass die vier Stromriesen mit dem seltsam schleppenden Ausbau der Stromleitungen von der Nordsee bis nach Bayern möglicherweise den Siegeszug der Erneuerbaren Energien hinauszögern wollen, der könnte so nahe an der Wahrheit liegen, dass er einsehen könnte, dass früher oder später auch die Telekom – wie die 4 Stromriesen – beide Elemente der Wertschöpfungskette kontrollieren will. Es würde mich nicht wundern, wenn sogar bestimmte offene Streaming-Formate teurer wären als andere. Und wer herumkräht, dass wir eine intelligente Steuerung des Internetverkehrs brauchen, der könnte sich einige Länder in Skandinavien ansehen und deren durchschnittliche Bandbreite und deren Versorgungsgrad der ländlichen Regionen. Es beginnt ein weiteres dunkelrosanes Kapitel und es scheint ein schlimme Zeit zu werden.

Jetzt nur mal so für uns Idioten, warum hat die Telekom eigentlich verschiedene Preismodelle für DSL 4000, 8000 und 16.000 und diese VDSL-HomeMovie-Dingsbums-Kiste. Könnte das mit verschiedenen Qualitäten zu tun haben? Man weiß es nicht. Denn nicht selten schleicht ein DSL 16.000 Kunde mit weit unter der Hälfte an Bandbreite durchs Netz. Ob das auch schon im Interesse der Allgemeinheit passierte?

The leading horse ist white, the second horse is red, the third one is a black and the last one is a green.

Bildnachweis: Paul Schubert

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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