Netz-Helfer: Zattoo

Als ich vor einigen Jahren für eine wichtige Uni-Prüfung lernen musste, habe ich kurzerhand das Programm-Kabel versteckt, um meinen Kopf und mein Zeitbudget vor zu viel Fernseh-Konsum zu schützen. Das Kabel war dann aber so gut versteckt, dass ich es später lange Zeit nicht mehr gefunden habe. Irgendwann habe ich gemerkt, dass Fernsehen doch nicht nur eine Verblödungsmaschine ist, sondern ab und zu ganz nett sein kann. Was tun? Ich habe einen Dienst entdeckt, auf dem zumindest die öffentlich-rechtlichen Sender kostenlos und vollständig gestreamt werden können: Zattoo…

Was leistet Zattoo?
Zattoo bietet die Möglichkeit, Fernseh-Sender zu streamen. Es ist wirkliches Live-TV: kein Video-on-Demand, kein Abruf von Archiv-Material und kein Konsum von Ausschnitten, die jemand auf Youtube hochgeladen hat. Das selbst erklärte Ziel von Zattoo ist es, „allen Menschen weltweit einen kostenlosen Zugang zur TV-Welt zu gewähren“.

Wie funktioniert es?
Gestreamt wird im Browser: In einer langen Liste werden auf der Zattoo-Seite alle momentan laufenden und verfügbaren Sendungen angezeigt. Vor Beginn eines jeden Streams und bei jedem Senderwechsel läuft ein Werbe-Clip. Alternativ zur Browser-Nutzung werden für Windows, Linux und Mac auch Desktop-Clients zum Download angeboten. Die Grundfunktionen von Zattoo sind kostenlos.

Hintergrund
Zattoo wurde im Jahr 2005 von einem Dreier-Team gegründet: ein Professor für Informatik an der University of Michigan, sein Student und ein mit dem Professor befreundeter BWLer. Von Anfang an stand der europäische Fernseh-Markt im Fokus, der Hauptsitz ist folgerichtig auch in Europa (Zürich). 2006 startete das Angebot in der Schweiz, im September 2007 wurde der deutsche Dienst freigeschaltet.

Die größte Herausforderung sind Verhandlungen mit Sende-Anstalten und Fernseh-Gruppen, die es Zattoo erlauben müssen, ihre jeweiligen Angebote zu streamen. Im Portfolio für deutsche Nutzer sind etwas über 50 Fernseh-Sender. Das öffentlich-rechtliche Angebot ist komplett vertreten, die zwei großen privaten Sendergruppen ProSieben/Sat1 und RTL hingegen nicht. Ansonsten beteiligen sich viele kleinere (n24) und Nischen-Sender (Dmax oder BibelTV). Zudem lassen sich auch alle öffentlich-rechtlichen Radiosender streamen.

Geld verdient Zattoo auf zwei Wegen: über „Kanalwechselwerbung“, die nach Eigenaussagen bei Anzeigekunden sehr begehrt ist und über verschiedene Premium-Accounts. Premium-Nutzer sehen keine Werbeclips beim Wechseln der Sender, und die eher bescheidene Auflösung der Streams ist höher. Diese „Zattoo HiQ“-Mitgliedschaft kostet zwischen monatlich 2,50€ und 3,99€, je nach Laufzeit. Für Menschen mit Migrationshintergrund gibt es Pakete, die türkische, polnische, bosnische oder kroatische Sender im Angebot haben (zwischen 2,90€ und 8,90€ pro Monat). Erst seit kurzem hat Zattoo begonnen, den klassischen PayTV-Markt für sich zu erschließen. „Zattoo+“ schaltet für monatlich 9,99€ sieben Bezahlprogramme frei.

Risiken und Nachteile
Da die großen privaten Sendergruppen bis jetzt noch nicht als Kooperationspartner gewonnen werden konnten, fehlen wichtige und reichweitenstarke Sender im Portfolio, vor allem RTL, Sat1 und ProSieben. Das Angebot ist somit noch sehr unvollständig.

Da größtenteils nur öffentlich-rechtliche Sender vertreten sind, zahlt man als Premium-Kunde für deren Angebot doppelt. Zum ersten finanziert man über die Rundfunk-Gebühren die Erstellung der Inhalte. Zum zweiten zahlt man an Zattoo dafür, dass man die Inhalte in guter Qualität sehen kann und nicht jeder Senderwechsel durch einen Werbeclip unterbrochen wird.

Fazit
Zattoo hat viele spannende Optionen. Die noch in den Kinderschuhen steckende Plattform für PayTV ist geeignet, dem eh nur mäßig erfolgreichen Anbieter Sky Deutschland (ehemals Premiere) ernsthafte Konkurrenz zu machen. Gerade hat Zattoo zudem eine pionierhafte Kooperation mit Focus Online begonnen, bei der Artikel des Nachrichtenportals mit thematisch passenden Live-Berichterstattungen verknüpft werden.

Es sieht so aus, als ob die Zukunft hier gerade erst begonnen hat und Zattoo ganz vorne mitspielen könnte. Zattoo ist zwar bis jetzt erst in sechs europäischen Ländern vertreten, doch darunter sind mit Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Spanien die größten und wichtigsten Märkte. Nach Eigenangaben hat Zattoo monatlich 1 Mio. aktive deutsche Nutzer. Das ist noch nicht gigantisch, zeigt aber zumindest eine gewissen Massentauglichkeit des Angebots. Für den deutschen Zuschauer-Markt ist entscheidend, ob sich die noch fehlenden großen Privat-Sender ins Boot holen lassen. Dann ist alles möglich.

Stefan Mey

hat Publizistik und Soziologie studiert und lebt als freier Journalist in Berlin.


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