„Neo-Feudalismus“: Interview mit Matteo Pasquinelli

netzpiloten: Matteo Pasquinelli, Sie vertreten die These vom digitalen Neo-Feudalismus. Was genau meinen Sie damit – und was folgt aus Ihrer Analyse?
Matteo Pasquinelli: Ich wollte dieses Bild des „Neo-Feudalismus“ pushen, um auf einen Bruch im vorherrschenden Populismus hinzuweisen (der auch in linkspolitischen Kreisen und sozialen Bewegungen sehr stark ist), der digitale Kooperationen als etwas feiert, das unabhängig von der materiellen Wirtschaft und Marktgesetzen funktioniert. Ich meine damit nicht das Problem der Meinungsfreiheit, sondern die Kapitalkreisläufe, die „digitale Spaltung von Arbeit“, die diese „freie Meinungsäußerung“ ausbeutet.
Wie könnten wir ein demokratischeres Internet schaffen? Sie vergleichen die aktuelle Lage mit der der französischen Revolution, sehen die Notwendigkeit, das aktuelle System zu überwinden.
Wenn ich mich auf das Beispiel der digitalen „Französischen Revolution“ beziehe, dann nur um klarzumachen, dass ein neuer Kampf gegen neue oligarchische Regime von ökonomischen Renten nötig ist. Und damit meine ich materielle wie immaterielle: Renten für geistiges Eigentum und Netzwerke – und ebenso Renten für urbane Räume und natürliche Ressourcen.
In vielerlei Hinsicht erinnern Ihre Ideen an die Kritik, die Jaron Lanier kürzlich in seinem Buch „You are not a gadget“ formuliert hat. Besonders wenn es um das Scheitern von freier Kultur und seine Kritik am digitalen Maoismus geht. Würden Sie dem zustimmen?
Jaron Lanier ist ein guter Computerwissenschaftler, aber ein schlechter politischer Denker. Er behauptet, dass „digitaler Kollektivismus“ gefährlich ist, weil die Autorenschaft verloren geht. Ich behaupte das Gegenteil: dass „digitale Intelligenz“ nicht gefährlich genug ist. Viele wünschen sich, dass kollektive Intelligenz gefährlich ist – aber ich sehe nicht, dass von ihr heutzutage eine Bedrohung für die traditionelle Politik und wirtschaftliche Institutionen ausgeht.
Warum glauben Sie eigentlich, dass der Free Culture-Ansatz gescheitert ist? Warum ist es nicht möglich, eine nicht-gewinnorientierte digitale Klasse von Kulturarbeitern zu haben?
Wir haben bereits eine gigantisch große digitale Klasse nicht gewinnorientierter Kulturarbeiter. Wir alle sind es! Das ist eine ideologische Frage. Der Unterschied zwischen gewinnorientiert und nicht-gewinnorientiert ist, wenn er auf das Internet angewendet wird, irreführend. Schauen Sie sich all diese Kultur an, die wir „free“, also kostenlos und frei, produzieren. Der Punkt ist, dass diese Kultur sehr leicht intellektuelles Eigentum oder symbolisches Kapital für das Geschäft oder die Hardware von jemand anderem werden kann – etwa, wenn man sich die kulturelle Gentrifizierung anschaut oder neue Geräte wie iPod oder mp3-Player. Free Culture ist eine Methode, um lebendiges Wissen in einem rückversichernden juristischen System für globale Monopole zu vereinnahmen.
Was könnte ein möglicher Weg für die Massen von Freelancern sein, um diesem Renten- bzw. Frondienst-System der Netzbarone zu entkommen? Würden Sie vorschlagen, mehr Monetarisierung von Kulturgütern online anzustreben? Und wie könnte das funktionieren?
Es würde schon ausreichen, wenn wir aufhören würden, die neuen „sozialen Netzwerke“ als Form der politischen Organisation zu feiern, die Kreativindustrie als Lösung unsere Städte und Free Culture als Modell für den Kultursektor. Der „destruktive“ Teil daran ist die Sabotage der Rentenzahlungen, um das Gemeinschaftliche zu verteidigen. Bis jetzt ist die Sabotage dieser Renten lediglich eine Geste der digitalen Massen. Wir könnten zum Beispiel Pirate Bay und Peer-to-peer-Netzwerke als politische Versuche der Sabotage von Rentenzahlungen für intellektuelles Eigentum betrachten. Und es gibt einen konstruktiven Teil: Dabei geht es um neue sozialstaatliche Politik und Strategien für ein Grundeinkommen. Kultur und Bildung ist von digitalen Netzwerken deterritorialisiert und molekularisiert worden. Jetzt ist es an der Zeit, über eine Rückkehr zu organisierten Formen nachhaltiger Autonomie nachzudenken.
Haben Sie das Gefühl, dass derzeit viele Netztheoretiker, Pioniere und User der ersten Stunde anfangen, den Free Culture-Ansatz anzugreifen?
Wie ich bereits im Februar auf der Berliner Transmediale gesagt habe, als ich über Netzwerkpolitik sprach: Nach einem Jahrzehnt voller Experimente hat sich ein Universum in sich selbst geschlossen. „Es gibt nicht länger ein draußen“, heisst es heute in einer Redensart: Es gibt keine Grenze mehr, von der aus noch expandiert werden kann. Neue Medieninstitutionen sind zu Fabriken geworden, in denen trendig „schwache Gedanken“ ohne Realitätscheck und politische Nutzen produziert werden. Netzwerktheorie ist zu oft eine Luftnummer für akademische Bücher und Medienfestivals. Nach einer Dekade, in der die „Sprache der neuen Medien“ untersucht wurde, beginnen einige Gruppen nun die flüchtige „Wirtschaft des Immateriellen“ zu entdecken – beziehungsweise sie auf eine richtige Basis und Ästhetik zu erden.
Matteo Pasquinelli ist Autor, Kurator und Forscher an der Queen Mary University of London. Er beschäftigt sich unter anderem mit Fragen des Lebens, Arbeitens, Forschens und Kulturschaffens in digitalen Gesellschaften.


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