Bildempfangsstörung (Bild Paulae [CC-BY-3.0], via Wikimedia Commons)

Mediathekenumschau vom 21. Oktober

In der Mediathekenumschau heute: Der MDR feiert ein Schlachtfest, Leipzig macht sich und ein politischer Mord, der Italien veränderte. // von Hannes Richter

 

  

Es ist so eine Sache mit den Mediatheken: Für viele Digital Natives sind sie schon Fernsehersatz – alles ist überall abrufbar. Doch nur auf Zeit: Gerade die öffentlich-rechtlichen Programme sind oft nach einer Woche wieder offline. Verlängertes Fernsehen statt digitales Archiv. Bevor sie verschwinden, fischen wir die besten Perlen aus der TV-Flut.

MATERIALSCHLACHT: Die Völkerschlacht im MDR

3Sat +++ mehrere Sendungen: „An Leipzigs Völkerschlacht führt derzeit kein Weg vorbei.“ So beginnt eine Diskussionsrunde im Vorfeld des wohl größten medialen Budenzaubers, der je um ein historisches Ereignis in einem öffentlich-rechtlichen Sender abgefackelt wurde (ohne Superlative und Metaphern scheint derzeit keine MDR-Sendung auszukommen). Die tatsächlich gewaltige Völkerschlacht von 1713, bei der die napoleonischen Truppen kurz nach dem verlorenen Russlandfeldzug vernichtend geschlagen wurden, wird 200 Jahre später mit einer Reihe von Dokumentationen und Diskussionen, mit allerlei Historienkitsch und Tamtam abgefeiert, dass es einem schwindelig werden könnte. Highlight: eine Fake-Nachrichtensendung, in der der schneidige Ingo Zamperoni die „aktuellen“ Ereignisse aufbereitet und Reporter live vom Schlachtfest berichtet. Das ganze mag manchmal sehr gestellt wirken und die Lust am Gemetzel ist an manchen Stellen doch ein bisschen zu offensichtlich. Das Lob bei Spiegel Online für den „peinliche Onkel aus dem Osten“ (Arno Frank über den MDR) und sein außergewöhnliches Experiment ist allerdings berechtigt. Schon vor dem mehrtägigen Spektakel ließ der MDR in eingangs erwähnter Diskussionsrunde souverän auch den Historiker Prof. Peter Reichel zu Wort kommen, der sich sehr kritisch zur „Übermacht der Eventisierung des Ereignisses“ äußert.

UND HEUTE: Das neue Leipzig

ZDF +++ Sendung vom 3. Oktober: Leipzig, 200 Jahre später. Die Stadt schwimmt auf einer Coolness-Welle. Obwohl der Hype um die Leipziger Schule nun schon ein bisschen in die Jahre gekommen ist und Campino als Testimonial für eine Stadt „in der sein Bruder lebte“ ein bisschen skurril wirkt, reißt der kurze ZDF-Film ein interessantes Thema an: Die Blüte einer Stadt, die zumindest im Augenblick noch die Balance zwischen Gentrifizierung und urigem Paradies für Künstler, die noch leerstehende Häuser besetzen und selbst verwalten, ganz gut hinzubekommen scheint. Bleibt der Stadt, die als eine der wenigen in Ostdeutschland wieder wächst, zu wünschen, dass es so bleibt.

POLITISCHER MORD: Die Akte Pasolini

arte +++ Sendung vom 16. Oktober: Ein kleiner schmächtiger Strichjunge, 17 Jahre alt, soll also einen gestandenen, ungleich schwereren Mann bestialisch erschlagen haben. Trotz Geständnis geglaubt haben das schon damals, im November 1975, nur wenige. Doch der italienische Filmemacher und Schriftsteller, das linke Gewissen Italiens, Pier Paolo Pasolini, wird von der konservativen Presse ein zweite Mal ermordet: Pädophilie und moralische Verwerflichkeit werden ins Feld geführt, das Geständnis des Jungen kommt da ganz recht. Die hochspannende und mit ungewöhnlichen Mitteln (Comic-Szenen zeigen seine nächtlichen Streifzüge) umgesetzte Dokumentation über das Leben und den Tod Pasolinis stellt einen Kämpfer gegen das Establishment und einen Streiter für das einfache Volk und seine Kultur vor. Leidenschaften, die ihn offensichtlich das Leben kosteten.


Teaser by Paulae (CC-BY-3.0)]


Image Screenshot, http://www.mdr.de/voelkerschlacht/topnews/verteilseite3010.html

Hannes Richter

wanderte schon früh zwischen den Welten, on- und offline. Der studierte Kulturarbeiter arbeitete in der Redaktion eines schwulen Nachrichtenmagazins im Kabelfernsehen, produzierte Netzvideos und stellte eine Weile Produktionen im Cabaret-Theater Bar jeder Vernunft auf die Beine, bevor er als waschechter Berliner nach Wiesbaden zog, um dort am Staatstheater Erfahrungen im Kulturmarketing zu sammeln. Er baute später die Social-Media-Kanäle der Bayreuther Festspiele mit auf und schoss dabei das erste Instagram-Bild und verfasste den ersten Tweet des damals in der Online-Welt noch fremden Festivals. Seitdem arbeitete er als Online-Referent des Deutschen Bühnenvereins und in anderen Projekten an der Verbindung von Kultur und Netz. 


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