German Angst? So groß ist unser Vertrauen in Künstliche Intelligenz wirklich

Lange Zeit galt Deutschland als ein Land der Technologieverweigerer. So gab es sogar den Begriff der „German Angst“, der diese Angst vor der Veränderung beschreibt. Daher ist es passend, dass sich der neue Media Innovation Report von nextMedia.Hamburg dem Thema Künstliche Intelligenz widmet (zuletzt ging es um Streaming-Angebote). Ist die German Angst noch immer gegenwärtig oder stimmt dieses Vorurteil schon gar nicht mehr? Wir zeigen euch die spannenden Ergebnisse der online-repräsentativen Studie, die von Statista durchgeführt wurde.

Deutlich erhöhte Akzeptanz von KI

Die Ergebnisse der Befragung fangen bereits mit einem Paukenschlag an. Dass die generelle Akzeptanz von KI zunimmt, dürfte kaum jemanden verwundern. Doch dass diese von 2018 auf 2019 um satte 25 Prozent zugenommen hat, dafür umso mehr.

2018 konnten sich in einer Studie von nextMedia.Hamburg 58 Prozent der Befragten vorstellen, mit Künstlicher Intelligenz zu kommunizieren. Bei der neuen online-repräsentativen Studie, die Statista dieses Jahr im Auftrag von nextMedia.Hamburg durchführte, sind es bereits 83 Prozent.

Auch wenn sich darüber streiten lässt, inwieweit Sprachassistenten schon Künstliche Intelligenzen sind, ist die Verbreitung von Alexa und Co sicherlich ausschlaggebend für diese rapide Entwicklung.

Wenngleich beide Studien von Statista durchgeführt wurden, wird lediglich die letztjährige als repräsentativ angegeben. Vorausgesetzt die 2018 erhobenen Daten wurden nicht online erhoben, kann der Faktor „Online“ einen nicht unerheblichen Einfluss haben.

Infografik: 83 Prozent können sich vorstellen, KI-Inhalte zu konsumieren
Starke Steigerung. 83 Prozent können sich vorstellen mit Künstlicher Intelligenz zu kommunizieren. Im Vorjahr nur 58 Prozent. Image: nextMedia.hamburg

Künstliche Intelligenz nicht überall geduldet

83 Prozent der Befragten sind also offen für Künstliche Intelligenz. Nun stellt sich nur noch die Frage: In welchem Bereich?

Spitzenreiter der Umfrage sind Wetterbericht (63 Prozent der Befragten) und Verkehrsmeldungen (51 Prozent). In beiden Fällen hat man sehr klare Fakten, die sich allein durch Zahlen, Grafiken oder sehr generische Sätze zusammenfassen lassen.

Im Mittelfeld folgen schließlich Musik (34 Prozent) und Bücher (34 Prozent). Das ist fast schon überraschend. Beide Bereiche, außer man geht wirklich von reinen Sachbüchern aus, erfordern schließlich eine gewisse Kreativität. An dieser Stelle benötigt man aber tatsächlich auch eine KI, die lernen kann, welche Erzähl- oder Musikstrukturen für Menschen angenehm sind. Beim Wetterbericht oder den Verkehrsmeldungen ist der KI-Anteil indes vergleichsweise gering. 

Überraschend sind die nur 13 Prozent, die bereit sind, KI-produzierte politische Berichte zu konsumieren. Auch hier ist die Kreativleistung eher gering einzuschätzen. Der Wunsch nach Menschlichkeit in der Politik, auch in der Berichterstattung, und die Angst vor Manipulation könnten hier eine Rolle spielen.

Infografik welche KI-Inhalte gefragt sind.
Kurzmitteilungen wie Wetterberichte und Verkehrsmeldungen sind in Ordnung. Bei politischen Berichten herrscht hingegen wenig Vertrauen. Image: nextMedia.Hamburg

Angst vor Unglaubwürdigkeit

Die Angst vor Manipulation verdeutlicht nämlich auch die Frage nach Glaubwürdigkeit KI-generierter Nachrichten. 53 Prozent der Befragten sehen KI-Nachrichten kritisch. Angst vor wachsendem KI-Einfluss (33 Prozent) und Zweifel an der technischen Umsetzbarkeit (36 Prozent) sind dabei weniger stark vertreten als die Manipulation durch KI-Algorithmen (54 Prozent).

Manipulation ist zwar auch möglich, wenn ein Mensch hinter der Veröffentlichung steht, doch hier kommt die führende Begründung ins Spiel: 64 Prozent begründen ihre Haltung damit, dass eine Künstliche Intelligenz nicht für ihre Inhalte verantwortlich gemacht werden kann.

Infografik: Warum halten Sie KI-generierte Nachrichten für unglaubwürdig?
Die größte Angst bei KI-Nachrichten: Manipulation und fehlende Haftbarkeit eines Autoren. Image: nextMedia.Hamburg

Bitte keine Vermenschlichung

Wichtig ist den Befragten zudem die Transparenz KI-generierter Inhalte. 77 Prozent gaben an, dass KI-Anwendungen als solche identifizierbar sein müssen. Nur zehn Prozent hingegen sprachen sich dafür aus, KI-Anwendungen zu vermenschlichen. Damit haben beispielsweise künstliche Nachrichtensprecher, wie sie derzeit in China ausprobiert werden und die sogar menschliche Mimik nachahmen, eher schlechte Karten in Deutschland.

Infografik: Sollten KI-Anwendungen vermenschlicht werden?
Klare Haltung: KI-Inhalte müssen als solche erkennbar sein. Image: nextMedia.Hamburg

Passend dazu prüfte die Umfrage auch, ob wir überhaupt Texte einer Künstlichen Intelligenz erkennen. Wie viel man einer KI mittlerweile zutraut, zeigen die nur 24 Prozent der Befragten, die sich sicher waren, Texte von KI und Mensch unterscheiden zu können. Beim Testbeispiel identifizierten nur 39 Prozent den richtigen Text als KI-geschrieben. Die Beispiele waren allerdings nur Textfragmente, bei dem der KI-geschriebene Satz eine lebendige Phrase nutzte und der menschliche Autor zu einer sehr nüchternen Formulierung griff. Ein wirklicher Schluss auf die Qualität von KI-Texten lässt sich dadurch nicht ziehen.

Infografik: Identifizierbarkeit von KI-Texten
KI-Texte lassen sich offenbar nicht immer auch als solche erkennen. Image: nextMedia.Hamburg

Künstliche Intelligenz mit Einschränkungen

Insgesamt zeigt die Studie, dass in Deutschland ein starkes Umdenken stattfindet. Schlüsseltechnologien wie Künstliche Intelligenz gewinnen immer mehr an Akzeptanz. Die German Angst scheint überwunden.

Trotzdem bleibt Deutschland noch immer ein Land der Skeptiker. Wir wollen unsere KI als solche noch identifizieren können und politische Nachrichten noch immer aus menschlicher Hand wissen. Wir haben Angst vor Manipulation durch Algorithmen und möchten jemanden für seine Texte haftbar machen können.

An der Studie nahmen 1.000 Personen teil, die zu 50,4 Prozent männlich und zu 49,6 Prozent weiblich waren. Sie wurde von Statista im Auftrag von nextMedia.Hamburg zwischen dem 25. und 30. Juni 2019 im Vorfeld der Innovationskonferenz scoopcamp durchgeführt. Dieser Text stammt nicht von einer Künstlichen Intelligenz.


Image by Tatiana Shepeleva via stock.adobe.com

Stefan Reismann

Das Internet ist sein Zuhause, die Gaming-Welt sein Wohnzimmer. Der Multifunktions-Nerd machte eine Ausbildung zum Programmierer, entdeckte dann aber vor allem die inhaltliche Seite für sich. Nun schreibt er für die Netzpiloten und betreibt nebenher einen Let's Play-Kanal, auf dem reichlich gedaddelt wird.


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