Katastrophentourismus: Vom Schlimmsten der Menschheitsgeschichte lernen

Katastrophentourismus ist in den letzten Jahren zu einer deutlich umfassenderen Freizeitbeschäftigung geworden, bei der eine makabre Faszination Touristen dazu bringt, verschiedene Orte zu bereisen, die nicht von Thomas Cook angeflogen werden: die Schauplätze von Schlachten und Völkermorden, Soldatenfriedhöfe, Gefängnisse und sogar gegenwärtige Kriegsgebiete wie beispielsweise Syrien. Allein das 20. Jahrhundert bietet eine ellenlange Liste von Orten, an denen Katastrophen oder große Verluste von Leben und Leid stattgefunden haben. Schauplätze, die besucht werden, reichen von der Stelle, von der aus JFK einem Attentat zum Opfer fiel, über Gefängnisse wie Alcatraz in San Francisco bis hin zu Schlachtfeldern der Weltkriege oder den Spuren der Völkermorde wie Ausschwitz in Polen oder Tuol Sleng in Phnom Penh, Kambodscha. Das mag nicht jedermanns Sache sein, aber wir sollten diejenigen, für die das von Interesse ist, nicht verurteilen.

Kein modernes Phänomen

Katastrophentourismus scheint eine Erscheinungsform unserer multimedialen Gesellschaft zu sein, über die online gefundene Informationen uns dazu bewegen mögen, historische Schauplätze selbst zu sehen. Der Ursprung kann jedoch viel weiter zurückverfolgt werden als die Faszination für die Tode und Unglücke des 19. und 20. Jahrhunderts. Im elften Jahrhundert besuchten Menschen und Pilger oft Plätze mit religiöser Bedeutung, wie etwa Jerusalem, wo der Ort, an dem Christus gekreuzigt wurde, ein beliebter Anziehungspunkt ist. Touristen besuchten Gettysburg, den Schauplatz einer der blutigsten Schlachten der Amerikanischen Bürgerkriegs im Jahre 1863. In den letzten Jahrhunderten bot dies eine Möglichkeit für die Wohlhabenden, Europa zu erkunden, mit Stätten wie den antiken Ruinen des Kolosseums in Rom – wo zum Zwecke der Unterhaltung Hinrichtungen, Qualen und Tod stattfanden – einer der Attraktionen, die gesehen werden müssen. Heute findet parallel zur wachsenden Beliebtheit von Katastrophentourismus das enorme Wachstum der sozialen Medien und der Nachrichtenkonjunktur rund um die Uhr statt. Der erleichterte Zugang zu solch flächendeckender Erfassung über das Internet, Facebook und Twitter hat das Bewusstsein der Menschen von und die Faszination für diese historischen Kriegs-, Kampf und Katastrophenschauplätze gesteigert. Zum Beispiel brachte das letzte Jahrzehnt einen schwunghaften Anstieg der Besucherzahlen in Tschernobyl, wo Fremdenführer die Besucher durch die herrenlose Stadt Pripyat führen (sofern es die Strahlenbelastung erlaubt), die seit der Explosion des Atomkraftwerks am 26. April 1986 verlassen ist. Der 30. Jahrestag hat das Interesse noch verstärkt, die überwucherte und bröckelnde Stadt zu besuchen.

Wie man aus dem Horror lernt

Wie es mit Tourismus jeder Art ist, bringt diese größere Besucherfrequenz auch Vorteile. In diesem Fall nicht nur den wirtschaftlichen Aufschwung, sondern auch als Mittel zur Bildung und sogar zur Konfliktlösung. Zum Beispiel bieten die Taxi-Touren zu Belfasts Wandgemälden, die den Nordirlandkonflikt dokumentieren, Besuchern eine Möglichkeit, die Geschichte zu verstehen und liefern den betroffenen Gemeinden ein Mittel, um zu reflektieren und den Konflikt hinter sich zu lassen. Dieses Modell wird von den moderaten Kräften auf beiden Seiten der arabisch-israelischen Teilung mit Interesse und Hoffnung betrachtet, die auf lange Sicht nach einer friedlichen Lösung suchen. Die Touren im Robin Island-Gefängnis in Südafrika, in dem Nelson Mandela 18 Jahre lang eingekerkert verbrachte, zeigen auf schroffe Weise auf, wie die, die von einem korrupten und diskriminierenden politischen System eingesperrt wurden, später zu Frieden und Versöhnung beitragen können. Die Touren durch das Soweto Township in Johannesburg haben zum Teil als Mittel gedient, mithilfe dessen Generationen von Südafrikanern die dunkle Vergangenheit ihres Landes verstehen lernten und helfen können, Wahrheit und Versöhnung für die Zukunft zu etablieren. Katastrophentourismus sollte meiner Meinung nach nicht als unethische, abstoßende oder sogar genussvolle Beschäftigung angesehen werden. Sicherlich mögen sich manche Katastrophentouristen an ihrer Freizeitbeschäftigung aus den ganz falschen Gründen beteiligen – wenn sie Tod und Zerstörung als Ware sehen, die mit kaum einem Gedanken an diejenigen konsumiert wird, die in ihrem Sog gefangen sind. Aber andere besuchen solche Schauplätze, um ihren Respekt zu zollen, um das Ausmaß von Tod und Zerstörung besser zu verstehen und um die Außenwelt über die Einzelheiten schrecklicher Ereignisse zu informieren – in manchen Fällen sogar, um Hilfe anzubieten. Das sind positive Auswirkungen, die aus so viel Schmerz und Leid erwachsen. Wir sollten danach streben, die Ursprünge der schrecklichen Ereignisse der Menschheitsgeschichte zu verstehen, um verhindern zu können, dass wir sie wiederholen. In dieser Hinsicht kann der Trend, dass mehr Menschen Schauplätze, die mit Katastrophentourismus verbunden werden, besuchen und etwas über sie lernen, als nützlich angesehen werden. Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Skulls“ by Volitare88 (CC BY 2.0)


Neil Robinson

ist Dozent an der Salford University Business School. Sein Forschungsgebiet umfasst Katastrophen- und Terrorforschung und deren Auswirkung auf Marketing und Tourismusentwicklung.


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