Jesse Stiles: Zwischen Medien und Elektronik

Bild: Jesse Stiles bei einem Auftritt – Elektronik und Performance-Kunst (Fotograf nicht genannt)

Wer sich vor ein paar Wochen „Leaky World: A Playable Theory“ von Molleindustria angeschaut hat, ist schon über die Musik von Jesse Stiles gestolpert. Bei dem amerikanischen Künstler und Musiker (* 1978), der an einer modernen Verbindung verschiedenster Medien arbeitet, gibt es jedoch noch einiges mehr zu entdecken.

Stiles‘ Musik: Elektronik mit indischen Einflüssen

Den musikalischen Jesse Stiles gibt es in zwei Ausführungen zu hören – beide Alben stehen frei zum Anhören auf seiner Webseite. Da wäre zum einen sein Debüt „The Watson Songs“ unter seinem Moniker The Jesse Stiles 3000, auf dem er vorrangig elektronisch-chillig zu Werke geht, stilistisch wohl am ehesten dem IDM-Stil (intelligent dance music) zuzuordnen – wenn ich diesen Begriff auch nicht mag, legt er doch nahe, andere Dance-Musik sei nicht intelligent. „The Watson Songs“ verdankt seinen Namen der Watson Foundation, die Stiles von August 2000 bis August 2001 mit einem Reise-Stipendium ausgezeichnet hat. Einzige Bedingung: Die Stipendiaten dürfen ein Jahr lang nicht mehr zurückkehren. Stiles führte der Weg nach Indien, wo er sich mit indischen Ragas vertraut macht, einem traditionellen Modus mit zwölf Tönen. Stiles kombinierte seine eigenen elektronischen Kreationen mit Samples von Aufnahmen, die er auf seiner ausgedehnten Reise angefertigt hat.

Teile seines aktuellen Albums „The Target Museum“ (2010) entstanden ebenfalls in Indien, zusätzlich inspirierte ihn jedoch eine ungewöhnliche Arbeit als forensischer Videofilmer. Mehr kann ich nicht verraten, denn dann hättet ihr keine Lust mehr, das Musikvideo-Spiel zum Song „The Building“ zu spielen, das in Kooperation mit Molleindustria entstand. Gewinnen oder verlieren könnt ihr dabei nicht – das Spiel läuft so lange ihr wollt, mindestens jedoch bis zum Aha-Erlebnis. Einmal mehr versuchen Stiles und Molleindustria hier, neue Wege der Medienkunst zu beschreiten.

Bild rechts: Artwork zu „The Target Museum“ (Illustrationen von Isa Esasi)

Stiles‘ Kunst: Kreative Computer

Bild: Die Videoinstallationen waren Teil von Stiles‘ Ausstellung „Automatic Speleology“ (Foto von David Brota).

Doch wirkt Indien nicht nur als Sample-Lieferant für Stiles‘ Musik, sondern auch als kreativer Impulsgeber für seine Kunst. So beginnt er eigene Software zu schreiben, um die improvisierten Ansätze indischer Musik auf seine Arbeit übertragen zu können – und entwickelt daraus seine erste Soloausstellung „Automatic Speleology“ aus dem letzten Jahr, bei der er zufällig generierte Klänge mit ebenso zufällig gezeigten Bildern und Videos kombinierte, unterlegt von einigen Roboter-Schlagzeugern. Doch so ganz zufällig war die Sache doch nicht – Katherine Rushworth spricht im Central New York Magazine (September/Oktober 2010) von einer kontrollierten Zufälligkeit, erzeugt von kreativen Computern. Das erinnert an die großen Vorbilder aus der Fluxus-Bewegung – John Cage und Nam June Paik. Doch ist Stiles mehr an der Performance interessiert, legt Wert auf den ständigen Wechsel von Aufbau und Wieder-Aufbau – ein Ende gibt es in seiner Installation nicht.

Heute arbeitet Stiles mit der Merce Cunningham Dance Company, wo er für Music und Sound zuständig ist. Seine Alben sind zu einem Preis eurer Wahl auf Stiles‘ Homepage verfügbar.

Bild: Wo geht die Reise hin? (Foto: Olivia Robinson)

Bildnachweis: Alle Bilder stammen aus dem Pressematerial von Jesse Stiles und sind von der CC-Lizenz ausgenommen.

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Björn Rohles

ist Medienwissenschaftler und beobachtet als Autor („Grundkurs Gutes Webdesign“) und Berater den digitalen Wandel. Seine Themenschwerpunkte sind User Experience, anwenderfreundliches Design und digitale Strategien. Er schreibt regelmäßig für Fachmedien wie das t3n Magazin, die Netzpiloten oder Screenguide. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.


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