#favelasonline: In den Favelas ist das Internet nicht kaputt

Im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft verändert sich viel in Brasilien. Spannend ist, dass die Armenviertel von Rio de Janeiro dabei einen digitalen Wandel durchmachen. // von Janina Gera

Junge Brasilianer / Rene Silva

Sascha Lobo hat uns vor kurzem erklärt, das Internet sei kaputt. Die übermäßige Überwachung und deren Bedeutung für Freiheit, Demokratie und Privatsphäre seien für den Kollaps verantwortlich. Dass das Internet zu großen Teilen aber noch fantastisch funktioniert, zeigen uns junge Menschen aus den Armenvierteln Brasiliens. Hashtag Favelasonline.


  • In Rio de Janeiro gibt es etwa 1000 Favelas, ein Viertel der Einwohner der Stadt wohnt in diesen einkommensschwachen Stadtteilen, in denen die Drogenmafia übernimmt die Rolle von Justiz und Politik.
  • 2007 hat die Regierung entschieden: Das alles soll sich bis zur WM und den Gouverneurs- und Präsidentschaftswahlen 2014 ändern, also die Gemeinschaften „befriedet“ und die Infrastruktur ausgebaut werden.
  • Von außen betrachtet, klingt das gut. Wie es von innen aussieht, berichten die Bewohner der Favelas selbst. Und zwar sehr intensiv via Twitter, Instagram, Facebook und Blogs. Mit einer außergewöhnlich starken Wirkung.

Pazifikation der Armenviertel

Fortschritte des Einsatzes der knapp 10 000 UPP-Polizisten sind bereits sichtbar: Weniger Drogenbanden mit Maschinengewehren auf den Straßen, Bibliotheken, Sporthallen, Freizeiteinrichtung. Doch zeigt sich, dass eine Umstrukturierung innerhalb weniger Jahre nicht ohne Gewalt und Widerstand funktioniert. Für die gesellschaftliche Integration sind außerdem nur jene Favelas interessant, die nah am Flughafen, den großen Straßen und dem Strand liegen. Die Bewohner erkennen, wo die Regierung Prioritäten setzt und sagen, was viele denken: Aufhübschung für Touristen geht vor Verbesserung der Grundstruktur.

Neue Kommunikationsstruktur

Im September 2013 hat mehr als die Hälfte der Bewohner Zugang zum Internet. Internetcafes sind günstig und für jeden erreichbar. Das sorgt dafür, dass Bürgermedien, die in den Favelas Tradition haben, nun online gehen. Vor allem Jugendliche bringen Nachrichten täglich ins Netz oder dienen als Vermittler für andere Bewohner.

Michel Silva ist einer von vielen Reportern, er twittert und schreibt täglich auf vivarocinha.org

„Die Bewohner kämpfen seit den 70er Jahren für bessere Abwasserversorgung in der Rocinha. Die Regierung aber will eine Seilbahn.“ Hier nennt er den Bau einer Seilbahn – ein im Vergleich zu Bussen und Motortaxen teures Verkehrsmittel.

Wir finden neue Formen von Politik

Mit diesen Worten macht Marina Moreira deutlich, dass sich die Wahrnehmung der Favelas geändert hat. Das sei nicht nur bei den restlichen Bewohnern Rio de Janeiros, sondern auch auf der Agenda der klassischen Medien zu erkennen. Das merkt die Regierung und lässt sie reagieren.

Die wichtigste Reaktion dieser Art, war die Aufklärung des Mordes an Amarildo de Souza. Auf digitalen Plattformen haben sich Proteste organisiert, die nicht mehr ignoriert werden konnten. Gleichzeitig haben sich die Bewohner ein Informationsnetz für den Alltag aufgebaut, was sie z.B. bei nächtlichen Schießereien schneller warnt, als die Massenmedien.

Die Idee ist richtig, es läuft nur falsch

Julia Jaroschweksi findet, dass die Befriedungsstrategie der UPP zwar gut gemeint ist, aber nicht funktioniert. Zusammen mit Sonja Peteranderl berichtet sie seit 2011 on und off aus Brasilien. Der Blog der beiden Journalistinnen bringt Einblick in die Favela Rocinha, eine Gemeinschaft im Süden der Stadt. Die Enttäuschungen sind groß, weil die Erwartungen zu hoch sind, zitiert Sonja Peteranderl sinngemäß die Einwohner der Favela Rocinha.

Drogenkartelle beherrschen die Favelas weiterhin. Die Reporter erwähnen dieses Thema nicht. Aber der Umschwung durch die zusätzliche Kommunikationsstruktur hat stattgefunden und kann dafür sorgen, dass auch nach den Großereignissen die Interessen der Favelas von außen sichtbar sind.


Teaser & Image by Rene Silva


Janina Gera

studiert Publizistik und Kommunikationswissenschaften: Momentan als Masterstudentin an der Freien Universität Berlin, davor an den Universitäten Wien, Aarhus (DK) und Lund (SE). In ihren Arbeiten beschäftigte sie sich mit interkultureller Kommunikation und dem Problemfeld "Journalismus in der Online-Welt". Neben der Universität arbeitete sie in Print-, Online-, und TV-Redaktionen. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.


Artikel per E-Mail verschicken
Schlagwörter: , , ,

2 comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.