Erfolgreiche Gründerin: Claudia Ulbrich, die 15-Millionen-Euro-Frau

Die deutsche Startup-Szene ist ein „Boys Club“, insbesondere in technischen Branchen. Doch warum sollten nur Männer Firmen aufbauen können? Die erfolgreiche Gründerin Dr. Claudia Ulbrich ist ein glänzendes Gegenbeispiel. Als Co-Founder des Biopharmazie-Startups Cardior Pharmaceuticals hat sie Seite an Seite mit dem High-Tech Gründerfonds und weiteren namhaften Investoren kürzlich 15 Millionen Euro in einer Finanzierungsrunde eingesammelt und damit für Aufsehen in der Gründerwelt gesorgt. Cardior wurde im Jahr 2016 aus der Medizinischen Hochschule Hannover ausgegründet und will die Behandlung von Patienten mit chronischer Herzschwäche revolutionieren. Cardior ist nicht Ulbrichs erste Gründung. Sie ist seit über 20 Jahren als Unternehmerin in der Life-Science-Branche tätig.

Über die Zukunft weiblicher Führungskräfte in einer von Männern dominierten Branche und darüber, wie man mehr Frauen zum Gründen motiviert, sprachen wir mit Claudia Ulbrich und Investment-Managerin Dr. Marianne Mertens vom High-Tech Gründerfonds.

Netzpiloten: Frau Ulbrich, wie haben Sie es geschafft, sich als erfolgreiche Gründerin in der sehr hierarchisch und männlich geprägten Biotechnologie-Welt zu behaupten?

Porträt Claudia Ulbrich erfolgreiche Gründerin
Claudia Ulbrich, erfolgreiche Biotech-Gründerin. Image by Cardior Pharmaceuticals

Dr. Claudia Ulbrich (CU): Ich persönlich habe mich nie mit diesem Konflikt konfrontiert gesehen. Ich finde Gender-Themen zwar wichtig, habe die Geschlechterfrage aber nie mit meiner Karriere verknüpft. Stattdessen habe ich konsequent meinen eigenen Weg verfolgt und gleichzeitig immer darauf geachtet, dass ich natürlich auch Frau bleibe. Seit meiner ersten Selbständigkeit hatte ich eine Doppelaufgabe als Unternehmerin und Mutter. Meine zwei Kinder im Alter von 15 und 18 Jahren sind für mich ein Eckpfeiler meines Lebens. Mir war und ist es daher bis heute wichtig, nicht nur mir, sondern auch anderen Müttern die Chance zu geben, Familie und Beruf zu verbinden. In allen Firmen, in denen ich Leitungspositionen hatte, war ich immer bestrebt, flexible Arbeitsmodelle zu schaffen, also etwa Home-Office oder Jobsharing zu ermöglichen. Nicht zuletzt deshalb waren weibliche Führungskräfte in den von mir gemanagten Unternehmen sehr präsent.

Work-Life-Balance, New Work, Home-Office: Sind das die Angebote, die Frauen brauchen, um am Berufsleben gleichberechtigt teilhaben zu können?

Dr. Marianne Mertens (MM): Entscheidend ist vor allem das Selbstverständnis, dass solche Angebote für Männer wie auch für Frauen wichtig sind. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sollte ein Eltern-, und kein Frauen-Thema sein. Solange es in letzter Instanz in der Verantwortung der Frau liegt, ein gangbares Modell zu finden, und solange es auch für Männer nicht zur Normalität werden kann, solche Angebote in Anspruch zu nehmen, wird es meines Erachtens keine berufliche Gleichberechtigung geben können. Oft treffen Männer sogar auf noch mehr Unverständnis, wenn sie diese Flexibilität einfordern möchten.

CU: Ich sehe das als ein Generationen-Thema. Immer mehr Männer haben den Wunsch, als Väter Zeit mit der Familie und den Kindern zu verbringen. Mit der Zeit werden sich die Widerstände dagegen sicher auflösen. Je mehr Männer und Frauen mit dem modernen Verständnis von Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Führungspositionen gelangen, desto häufiger werden Unternehmen das akzeptieren und fördern. Momentan dominieren noch Männer alter Schule die Führungsetagen. Aber das wird sich ändern.

Wie beurteilen Sie den Beitrag von Frauen, diesen Wechsel auch aktiv herbeizuführen? Ist das Problem der Unterrepräsentation auch ihr Fehler, weil sie sich selbst nicht genug zutrauen? Brauchen wir eine Feminismus-Offensive?

MM: Ich würde mir wünschen, dass das Feminismus-Thema nicht durch das ganze 21. Jahrhundert gezerrt werden muss. Man merkt, dass jede neue Generation mit einem stärkeren und natürlicheren Selbstverständnis für Gleichberechtigung ausgestattet ist. Dennoch sind die grundlegenden Sozialisierungen und Strukturen tief verankert und es wird wohl noch eine Weile dauern, bis diese aufgeweicht werden können. Für wichtig halte ich, dass Frauen nicht zu sehr in die Opferrolle verfallen und mit viel Spaß, Gestaltungswillen und Engagement der Herausforderung begegnen. Ich bin da optimistisch.

CU: Selbstbewusstsein und Mut gehört auf jeden Fall zu beruflichem Erfolg dazu. Ich denke auch, dass sich viele Frauen selbst Steine in den Weg legen, weil sie glauben, nicht qualifiziert genug für eine höhere Position zu sein. Das ist sehr schade, denn wenn Frauen nur deswegen ihre Fähigkeiten nicht abrufen und auf Führungspositionen verzichten, geht Unternehmen einfach sehr viel Talent verloren.

Welche Vorteile hat es Ihrer Meinung nach, wenn eine Frau an der Führungsspitze ist?

CU: Ich bin der Meinung, dass Frauen strukturierter und überlegter in Führungspositionen agieren. Oft wird das darauf zurückgeführt, dass Frauen nicht so risikofreudig seien. Aber das glaube ich nicht. Ich beobachte stattdessen, dass Frauen ein kalkulierteres Risiko eingehen. Abgesehen davon bin ich überzeugt, dass Frauen im Allgemeinen oft teamorientierter als Männer agieren. Für mich stellt sich aber gar nicht die Frage, ob ein Mann oder eine Frau besser für eine Führungsposition geeignet ist. Vielmehr glaube ich an die Vorteile von gemischten Führungsteams, die ihre unterschiedlichen Talente, Charaktere und durchaus auch emotionale Intelligenz einbringen.

MM: Im Operativen habe ich bislang keine großen Unterschiede gesehen. Als Gründer sollte man immer Herr oder Dame der Lage sein und wissen, wohin es mit dem Unternehmen gehen soll. Dies sind Geschäftsführer-Qualitäten, die man unabhängig vom Geschlecht mitbringen sollte. Jeder Mensch bringt da seinen eigenen Stil mit – was auch wünschenswert ist. Ich fände es schade, wenn eine erfolgreiche Gründerin es sich nehmen ließe, ihren eigenen Stil auszuleben, um besser in das männliche Macht-Schema zu passen.

Wo muss die berufliche Förderung von Frauen ansetzen: im Kindergarten, in der Schule und Hochschule oder erst im Berufsleben?

Porträt Marianne Mertens
Investment Managerin Marianne Mertens unterstützt das Startup Cardior und engagiert sich für bessere Chancen für Gründerinnen. Image by High-Tech Gründerfonds

CU: Je früher, desto besser. Wenn ich bedenke, dass in Kindergärten und Schulen teilweise noch Bücher mit völlig veralteten Familienmodellen eingesetzt werden, dann kann man gar nicht früh genug anfangen, Rollenstereotypen vorzubeugen. Auch das Interesse für technische Berufe sollte man nicht erst in der Berufsausbildung, sondern zum Beispiel durch Mentoring-Programme bereits in der Schulzeit wecken. Damit Frauen sich mehr trauen, würde ich mich über mehr Veröffentlichungen von Erfolgsgeschichten freuen. Jede erfolgreiche Gründerin macht Mut.

MM: Ich denke auch, dass bereits in der Schule angesetzt werden muss. Mädchen sollten in frühen Jahren ermutigt werden, ihr naturwissenschaftliches oder technisches Talent zu entdecken. Es gibt hier eine tolle Initiative des Talente-Netzwerks Femtec namens „Girls macht MI(N)T!“, die jungen Mädchen Perspektiven in vermeintlichen Männerberufen aufzeigt. Aber auch in anderen Bereichen sollten Mädchen und jungen Frauen früh das Gefühl gegeben werden, dass sie aktiv gestalten können. Ich habe damals das Career-Building-Programm der Femtec absolviert und sehr davon profitiert, mit ambitionierten, selbstbewussten und technikbegeisterten Mitstreiterinnen zu diskutieren und zu arbeiten. Es ist wichtig, dass es weibliche Vorbilder gibt, die den Weg bereits beschritten haben und zeigen, dass es geht.

Der Anteil der Gründerinnen in Deutschland liegt bei 15 Prozent. Was raten Sie anderen Frauen, die sich in männlich geprägten Sphären als erfolgreiche Gründerin durchsetzen möchten?

CU: Ich rate den Frauen dazu, viel mehr Selbstvertrauen und Mut zu haben, viel mehr Ideen zu äußern und anzugehen. Was die Geschlechter-Frage betrifft, sollten Frauen verkrustete Strukturen nicht gegen die Männer, sondern mit Männern gemeinsam aufbrechen. Sowohl Frauen als auch Männer müssen versuchen, miteinander einen neuen Weg zu gehen und eine Kultur für gemischte Teams aufzubauen.

MM: Wir brauchen mehr Frauen in technischen Berufen, Frauen mit mehr Risikobereitschaft und dem Selbstbewusstsein, als erfolgreiche Gründerin oder Investorin ein Unternehmen aufbauen und gestalten zu können. In diesem Sinne dürfen Frauen sich gern mehr zutrauen und sich gegenseitig auch aktiv unterstützen.

Vielen Dank.

 

Über Dr. Claudia Ulbrich 

Dr. Claudia Ulbrich ist Humanmedizinerin und Gesundheitsökonomin. Sie ist seit über 20 Jahren in der Life-Science-Branche tätig, davon überwiegend selbstständig. In ihrer eigenen Unternehmensberatung gibt sie seit zehn Jahren ihre Gründungserfahrung an Startups weiter. Die erfolgreiche Gründerin stammt aus einer Familie mit unternehmerischen Wurzeln und hat ihre erste eigene Firma bereits nach dem Medizinstudium aufgebaut. Als Co-Gründerin und Geschäftsführerin der Cardior Pharmaceuticals GmbH arbeiten sie und ihr Team an einem revolutionären Präparat. Es soll Patienten mit Herzinsuffizienz heilen können, während bisherige Medikamente den tödlichen Krankheitsverlauf nur hinauszögern.

Über Dr. Marianne Mertens

Dr. Marianne Mertens ist Investment Managerin im Life-Science-Team des High-Tech Gründerfonds, Europas aktivster Seed Stage Investor. Die studierte Biotechnologin identifiziert und finanziert dort vielversprechende Technologieunternehmen in einer sehr frühen Gründungsphase, und begleitet sie managementseitig auf ihrem Entwicklungsweg. Dabei hilft ihr Know-how aus der medizinischen Forschung und der strategischen Unternehmensberatung, in der sie zuvor mehrere Jahre gearbeitet hat. Die Cardior Pharmaceuticals GmbH unterstützt sie seit Anfang 2017.

Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit dem High-Tech Gründerfonds.


Images by iStock, Cardior Pharmaceuticals, High-Tech Gründerfonds



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1 comment

  1. Statt mit den beiden (weiblichen) Gesprächspartnern, die überaus professionell in zwei erfolgreichen Organisationen arbeiten, über die Gründung und den Aufbau hochinnovativer Unternehmen in einem international kompetetiven Umfeld zu sprechen, nutzt Berti Kolbow-Lehradt seine Zeit und die des Lesers um über – natürlich!!! – Frauenthemen zu schreiben. Glaubt er nicht, dass beide auch über Geschäftliches Interessantes beizutragen hätten? Ich zumindest hätte an dieser Stelle gern mehr über Cardior Pharmaceuticals, den Weg zur überaus erfolgreichen Finanzierung, die weiteren Unternehmensziele sowie über den Anteil des HTGF daran erfahren!!!

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