Die veröffentlichte Identität

Wir allen haben von Zeit zu Zeit Probleme damit, unsere Verachtung und unsere Bewunderung angemessen in der Welt zu verteilen. Daher hat die moderne Gesellschaft für diesen Zweck die Identität erschaffen. Und genau dann, wenn wir uns mit unseren Urteilen in Übereinstimmung befinden, bezeichnen wir uns als identisch mit uns selbst. Aber nicht wenige Kräfte aus der Außenwelt stricken fleißig mit an diesem Tannenbaum aus Urteilen und sehr viel Lametta…

Der Grund für dieses Crowd-Sourcing-Projekt namens Identität findet sich schnell: Urteile sind das rationale Mittel um Unterscheidungen festzustellen. Das andere nicht-rationale Mittel des Bewertens unserer Situation sind die Gefühle. Doch in unserer aufgeklärten Welt hat diese Art der Orientierung in der Lebenswelt keinen besonders guten Leumund – außer in der esoterischen Literatur und in Frauenmagazinen.

Beginnen wir am besten ganz vorne. Jeder hat sich im Laufe seiner Kindheit ein bestimmtes Set zurecht gelegt. Eine Art Erwachsener zu sein, die man erreichen will, oft in totaler Ablehnung der Werte der Eltern oder in einer ähnlich absoluten Weise die exakte Kopie von deren Bewertungsschema. Diese erste Urform unserer Identität erleidet frühestens in der späten Jugend oder den frühen Dreißigern Schiffbruch. Denn unsere hehren Ziele erfordern eine tägliche Disziplin und ein striktes Regiment an moralischen Handlungen, die wir selten über Jahre durchhalten.

Da kommt uns das Arbeitsleben sehr gelegen. Dort schaffen wir uns gern eine zweite Haut, die wir auch noch äußerlich durch besondere Uniformen wie Anzüge und Kostüme, Schminke und Statussymbole zu verankern suchen. Überschießende Ansichten finden ihren bevorzugten Ort in Stammtischen, beim Mädelsabend oder im trauten Urschrei-Kreis beim Fußball. Sie stören nicht die „eigentliche“ Identität des Erwachsenen in festen Arbeitsbeziehungen. Denn sie sind privat. Damit bezeichnet man zwar ein Eigentum, das eher zugehörig als Teil des inneren Seelenlebens ist. Aber genau das ist das Schöne. Denn ganz tief innen hat man sich die erste Identität aus der Kindheit bewahrt. Mit Spenden an notleidende Kinder, mit Biokraftstoffen und mit Eiern von glücklichen Hühnern können wir diese innere Heimat sehr erfolgreich verteidigen: Andere mögen sagen, zum Schweigen bringen.

Nun kommt ein neuer Schauplatz zum Tragen, an dem Identität gezeigt und erworben wird: die Medien im weitesten Sinne. Denn nicht wenige Zeitungen haben sich einem bestimmten Menschenbild verschrieben, das oft sogar seine Spiegelungen in Parteiprogrammen erhält. Die einen verschreiben sich dem Kampf für ein regelloses Marktgeschehen und bewundern damit den Götzen der Freiheit. Die Anderen dienen demselben Götzen, indem sie vielen Bevölkerungsgruppen einen Zwang zu organisierten Befreiung vorschreiben. Wer nun als Einzelner keine besondere Lust oder Begabung darin verspürt, solche großen Fragen in seinem eigenen stillen Kämmerlein zu durchdenken, der hat mit diesen Massenmedien ein probates Mittel an der Hand, das für ihn das Urteilen argumentativ vorbereitet. Der Leser oder die Leserin klaut sich dabei aber nicht einfach die Sätze, um sie am Stammtisch oder beim Mädelsabend wiederzukäuen, sondern hat sich aktiv am öffentlichen Prozess der Meinungsbildung beteiligt. Damit hat der postmoderne Mensch seine Reinheit der Identität erhalten und trotzdem diffizile Probleme einer kaum überschaubaren Welt erfolgreich beurteilt.

Das Internet nun ist ein dummes Ding. Denn darin passiert etwas ganz Unerhörtes. Früher gab es sehr viele Menschen, die schrieben. Aber nur sehr wenige, die das auch veröffentlichten. Heutzutage ist die Gruppe derjenigen, die ihre Wörter – ob nun selbst gedacht oder öffentlich willensgebildet – veröffentlichen, sehr groß geworden. Die Journalisten sind pikiert. Die öffentliche Willensbildung hat ein Problem. Denn nun gibt es abweichende Urteile, die zu den bizarrsten und schwierigsten Problemen der Menschheit Stellung beziehen. Nicht selten in einer inhaltlichen Tiefe und Breite, die jede Zeitung und jede Fernsehsendung platzen lassen würde. Aber zum Glück gibt es auch so etwas wie twitter und facebook, wo man einfach nur seine Identität pflegt, indem man Talkshows, Popstars und das letzte Käsebaguette beurteilt. Und schon kann man die offizielle Form der publizierten Identität klar als das Bessere qualifizieren. Denn schließlich sind die Menschen die in den sozialen Netzwerken ihre Identität „frei Schnauze“ erschaffen, keine professionell geschulten Journalisten, die nur bestimmte Themen und nur mittels bestimmte Fachexperten bewerten. Wir wissen ja alle, dass nur Sozialwissenschaftler angemessen unseren Zeitvertreib am Wochenende bewerten können. Nur Ernährungswissenschaftler können eine begründete Meinung zum Käsebaguette haben und auch das Leben und Wirken von Popstars kann nur von jemandem beurteilt werden, der mindestens 6000 CDs gehört hat. Insofern ist es klar, dass die Identität in den Sozialen Netzwerken bloß digital sind und damit praktisch wertlose Ketten aus Nullen und Einsen. Oder etwa nicht?

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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