Die Playlist zwischen Kuration und Code

Google erwirbt Songza und setzt beim Thema Kuration von Musik wieder auf den Faktor Mensch. Erst kaufte Apple spektakulär die Firma Beats Music, die neben Kopfhörern auch einen kuratierten Streamingdienst im Angebot hat. Jetzt erwarb Google Songza, einen Dienst, der Playlisten offeriert, zusammengestellt von Menschen, nicht Algorithmen. Damit steht Google nicht alleine da. Verändern sich unsere Hörgewohnheiten schon wieder?

Ein neuer Shoppingtrend

Schon am Montag hatte der Streamingdienst Rdio den Kauf von TastemakerX  verkündet, einem Service, der es seinen Nutzern erlaubt, Playlisten und ganze Musikkollektionen zu kuratieren und zu teilen. Rdio erwarb sich so eine Art anonyme Redaktion, die den Dienst nach ihrer Integration näher an ebenfalls redaktionell betreute Mitbewerber wie WiMP und Beats heranrücken würde, weg von Pandorra und Spotify, die ihre Musikvorschläge noch immer mithilfe von das Nutzerverhalten analysierenden Algorithmen generieren.

Am Dienstag zog Google nach. Kolportierte 15 Millionen US Dollar soll sich der Konzern sein neues Familienmitglied Songza kosten lassen haben. Ein Schnäppchen im Vergleich zu den jüngsten Shoppingergebnissen von Apple und dem aktuell vorangetriebenen Aufbau eines eigenen an YouTube angedockten Streamingdienstes.

Songzas Geschäftsmodell sind kuratierte Playlisten, im Prinzip ist es allerdings selbst ein Streamingdienst. 2007 gegründet, hat der vor allem in den USA bekannte Service derzeit mehr als fünf Millionen Nutzer, die entweder für 9,99 US-Dollar im Monat oder eben mit Werbeunterbrechung hier Musik hören. Aktuell gibt es neu im Angebot sechs Playlisten zum Independence Day, sechs Playlisten für den Sommer, eine Liste zu jedem Haus der Fernsehserie Game of Thrones oder unzählige 90ies-Playlisten wie “90210 Slumber Party”. Diese wurden zusammengestellt von menschlichen Experten wie Musikern und Musikjournalisten, allerdings verbleiben diese bei Songza im Hintergrund. In seinen (in Deutschland leider noch nicht verfügbaren) Apps erweckt Songza im Gegenteil sogar den Eindruck, eigentlich doch durch und durch von “schlauem” Code durchdrungen zu sein.

Menschliche Steigbügelhalter

Eine Funktion namens “Concierge”, die als Einstiegstor in Songza dient, wertet die bereits etablierten Nutzervorlieben, sowie die Tageszeit und den Faktor, ob man gerade von einem Mobilgerät oder einem Rechner auf Songza zugreift, aus, um dem Nutzer unterschiedliche Aktivitäten vorzuschlagen, die dieser gerade machen könnte. An einem Freitagabend etwa Schlafengehen, Vorglühen, Tanzen etc. Anschließend fragt es nach der Stimmung des Nutzers und startet eine entsprechend optimierte Playlist.

Mit Last.fm wäre das nicht möglich. Allerdings bedeutet dies keinesfalls, dass die menschliche Kuration nun wieder wichtiger als ein bloßer Algorithmus ist. Vielmehr wird Ersteres eher zum Steigbügelhalter für Letzteres, sie schafft erste Anreize und Reaktionen, die dann umso besser auszu- und verwerten sind. Google hat das erkannt – genauso wie Spotify, das schon 2011 kuratierte Apps in seinen Streamingdienst aufnahm. Es ist wie bei unserem ersten Myspace-Freund Tom: Ist man von Anfang an nicht ganz alleine in einem neuen Angebot unterwegs, dann fühlt man sich gleich viel wohler.

Songza-Playlisten wie “We’re Crazy About These 7 Indie R&B Singers” oder “This Party-Starter is MAGIC!” zeigen zudem, dass das Buzzfeed-Prinzip natürlich auch auf Musik angewendet werden kann und dort bestens funktioniert. Der Nutzer kann es sich darüber hinaus erlauben, noch “fauler” zu werden: Statt Pandorra oder Last.FM Klick-für-Klick auf sich konditionieren zu müssen, kommt er bei Songza schon mit drei Klicks zu einer mehr oder mehr individuellen Playlist. Wie viel neue Musik dabei dann noch entdeckt werden kann, bleibt allerdings vage. Zumal Playlisten derart leicht zu kopieren sind, dass am Ende doch wieder alle Dienste – in einem Anfall der gegenseitigen Kontrolle – das Gleiche spielen könnten.


Image (adapted) „Playlist“ by Delwin Steven Campbell (CC BY 2.0)


 

Thomas Vorreyer

schreibt als freier Journalist vor allem über Kultur und Gesellschaft im Angesicht der Digitalisierung.


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