Das zweite Leben

Die Online-Welt von ‚Second Life‘ zieht Millionen Menschen in ihren Bann, die in der neuen virtuellen Welt siedeln und ihre eigene Identität neu erschaffen. Ein Markt, den zunehmend auch Unternehmen entdecken und in das zweite Leben eindringen.
Kaum ein anderes Thema aus dem Internet zieht derzeit – sieht man einmal vom stetigen Quell der Neuigkeitenverkündung Google ab – soviel Interesse in Medien, Weblogs und Unternehmen auf sich wie Second Life. Das Online-Spiel von Linden Lab ist in den letzten Monaten zu einem dem Namen durchaus gerecht werdenden zweiten Leben im ersten Leben von Millionen Menschen geworden. Täglich loggen sich Tausende in die grafisch eher einfache Welt ein, schlüpfen in selbst kreierte Avatare und tummeln sich an einem virtuellen Ort, um ein Leben zu spielen. Im Grunde genommen ist Second Life der nächste Schritt nach den Sims, nur mit echten Menschen, die echte Konversationen führen.

Dabei stellt Second Life für die Mehrheit der Spieler weniger die Flucht aus dem Alltag dar als vielmehr die Möglichkeit, mit Menschen in Kontakt zu treten, die sie im realen Leben nicht treffen würden. Die virtuelle Welt erweitert Social Communities wie MySpace um eine visuelle Ebene. Im Gegensatz zu allen anderen Rollenspielen verfolgt man in Second Life keine Missionen. Hier kommt es bei Begegnungen mit Anderen nicht auf Stärke, Zauberkräfte oder Fertigkeiten im Schwertkampf an. Hier geht es darum, eine Welt aufzubauen, kommuniziert und nebenbei ein eigenes virtuelles Leben gelebt wird. Etwas, das man durchaus auch als “Besiedeln einer virtuellen Welt“ bezeichnen könnte.

Wie das aussehen kann, zeigen zunehmend Firmen, welche die zweite – virtuelle – Welt für sich entdecken. Da werden Seminare abgehalten, Schuhe (bspw. adidas) von Markenherstellern gekauft, Autos besichtigt (Toyota u. Nissan) oder Urlaube in virtuellen Hotels gemacht. Um Second Life hat sich nicht nur ein blühendes Wirtschaftsleben auf Seiten von Publisher Linden Lab entwickelt. Einzelne Immobilienmakler, die Häuser erstellen und verkaufen, sind nur ein kleiner Teil einer Gruppe von Menschen, die mit dem Verkauf und Handeln von virtuellen Waren recht gut Geld verdienen. Auch wenn Second Life nicht die erste virtuelle Welt ist, mit der Partizipierende Geld verdienen können, so ist sie gleichwohl die größte dieser „Spielwiesen“ weltweit.

Auch Medienunternehmen entdecken die Spieler bei Second Life. So ist die Nachrichtenagentur Reuters bereits seit einiger Zeit mit einer eigenen „Niederlassung“ in der zweiten Welt vertreten und der Axel Springer Verlag startet demnächst eine Boulevard-Postille in der virtuellen Welt über eben diese. Endemol wird am 1. Dezember eine Big Brother-Staffel in Second Life starten, während MTV mit Virtual Laguna Beach schon vor einigen Wochen eine TV-Serie in die virtuelle Welt überführte.

Second Life ist für immer mehr Unternehmen ein Platz, um sich zu präsentieren. Hier ist eine bedeutende, internationale Gruppe von Menschen zugegen, die sich bewusst mit dem auseinandersetzen, was in ihrer virtuellen Welt passiert. Sie gehen bewusst zum Autohändler oder in eine Boutique. Sie setzen sich weit intensiver und länger mit einer Marke auseinander als sie es im Rausch von TV-, Print- und Onlinewerbung woanders tun würden. Und für Unternehmen ist der Kanal Second Life zudem ein, im Vergleich zum Budget einer Print-Kampagne, kostengünstiger Platz, um sich zu präsentieren. Genau da liegt allerdings – neben irgendwann sicherlich auftauchenden Vandalen – auch die größte Gefahr für den Erfolg: Übersteigt die Anzahl werblich Aktiver den von den Bewohnern akzeptierten Rahmen, kann die Welt der zweiten Leben schnell zum ersten virtuellen Geisterdorf werden. Second Life ist das erste Online-Spiel, in welchem Unternehmen in einem solchen Maße aktiv sind, und es könnte sich zum Lehrstück entwickeln. Es ist ein Ort, der für Spieler und Unternehmen ein hohes Potenzial hat, weil es eine interessante Community ist, die vielleicht so etwas wie einen Ausblick auf das Web 4.0 gewährt.

Thomas Gigold

ist Journalist und Berufsblogger. Blogger ist Gigold bereits seit den letzten Dezembertagen des Jahres 2000, seit 2005 verdient er sein Geld mit Blogs und arbeitete u.a. für BMW, Auto.de und die Leipziger Messe. Selbst bloggt Gigold unter medienrauschen.de über Medienthemen. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.


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