Das Social Credit System in China – Facebook trifft Stasi?

Im Internet misst sich der Wert gerne in Daumen, Views und Abonnenten. Während viele diese Netzwerke eher privat nutzen, begeben sich andere sehr bewusst in den Wettkampf um Anerkennung. Das gleiche gilt auch für High Scores in Spielen. Auch in China kann man Punkte sammeln. Das Social Credit System in China bewertet das soziale Verhalten einer Person und gewährt dementsprechend Vor- und Nachteile. Ist das schon Stasi 4.0 oder doch eher gelebte Gamification?

Wie funktioniert das Social Credit System in China?

Bislang wird das Social Credit System in China lediglich getestet. 2020 peilt man die landesweite Einführung des Systems an.

Jeder startet gleich

Beim Social Scoring startet jeder mit dem selben Punktestand von 1.000 Punkten. Der höchstmögliche Wert beträgt 1.300 Punkte. Der niedrigste Wert beträgt 600 Punkte.

Im Social Credit System in China Punkte sammeln

Punkte bekommen Bürger für gutes Verhalten. Dazu zählt unter anderem auch die Regimetreue. Lobt man beispielsweise die Regierung in den sozialen Medien, gibt es dafür entsprechend Punkte. In erster Linie zählt jedoch gesellschaftliches Engagement. Pflegt man ältere Familienmitglieder oder übernimmt man sogar Verantwortung für die Nachbarschaft, gibt das Punkte. Auch wer den Armen hilft oder Blut spendet, freut sich über ein höheres Scoring. Auch eine gute finanzielle Lage oder allgemeine Leistungen im Job beeinflussen den Punktestand.

So verliert man Punkte

Punkte verliert man im Social Credit System in China ganz ähnlich. Anti-Regierungs-Posts im Internet oder allgemeines Auflehnen gegen die Obrigkeit gibt Abzüge. Auch wer seine alternden Eltern NICHT besucht, bekommt das im Social Score zu spüren. Ebenso bestraft das Social Credit System Verkehrsvergehen oder das Streuen von Gerüchten im Internet. Entschuldigt man sich unaufrichtig nach einem Verbrechen, gibt es ebenfalls Abzüge. Auch die Teilnahme an kultistischen Tätigkeiten oder das Betrügen in Onlinespielen führt zu Abzügen. So wie ein tadelloses Konto für Punkte sorgt, führen Verschuldungen zu einem schlechteren Score.

Die Belohnungen für einen hohen Social Score

Ein hoher Score bedeutet Vorteile im Social Credit System in China. Dazu gehört unter anderem:

  • Bevorzugung bei Bewerbungen auf einen Job
  • Steuervorteile
  • Einfacherer Zugang zu Krediten
  • Bevorzugung für die Schulwahl des Kindes.

Die Strafen für einen niedrigen Social Score

Ein niedriger Score bedeutet Nachteile im Social Credit System in China. Dazu gehört unter anderem:

  • Beschränkter Zugang zu öffentlichen Services
  • Ausschluss vom Buchen von Flugzeug- oder Bahn-Tickets
  • Untauglichkeit für bestimmte Berufe
  • Public Shaming im Fernsehen oder über Social Media

Ist das Social Credit System in China die Stasi 4.0 ?

In Deutschland kommt einem das Social Credit System unangenehm vertraut vor. Die Staatssicherheit (Stasi) hatte in der DDR nämlich eine ziemlich ähnliche Funktion. Auch bei der Stasi ging es darum die guten und schlechten Bürger herauszufiltern, auch wenn der Fokus noch stärker auf politischen Ebene beruhte und in terroristische Gefilde ging.

Doch auch in der DDR galt: Wer das Land beispielsweise durch sportliche oder künstlerische Leistungen vertrat und dabei regimetreue zeigte, der hatte ein angenehmes Leben mit einigen Privilegien. Regimekritiker wurden hingegen ausspioniert, eingeschüchtert, inhaftiert oder sogar eliminiert.

Auch wenn China offiziell nicht ganz so drastisch vorgeht, stehen ihnen in der vernetzten Welt ganz andere Mittel zur Verfügung. Wer braucht schon Spitzel, wenn man Suchanfragen und Social Media auslesen kann? In China ist zudem das Smartphone Spitzenreiter: 92 Prozent der Jugendlichen in China gaben an, mit dem Smartphone ins Internet zu gehen. Auch die chinesische Social Network Landschaft steht von ihrer Größe Facebook und Co in kaum etwas nach. Dazu kommt noch der rasch vorangetriebene 5G-Ausbau und die vorwiegende Nutzung chinesischer Smartphone-Modelle. Die Mittel zur Spionage werden quasi freiwillig genutzt.

Mittlerweile funktioniert auch Gesichtserkennung so zuverlässig, das Überwachungskameras Personen erkennen und auswerten, um das Verhalten im öffentlichen Raum in den Social Score einfließen zu lassen. Was bei der Stasi mehr als 200.000 Mitarbeiter erforderte, lässt sich mittlerweile fast schon durch Automatismen erreichen.

Das Mehrheitsprinzip

Ein Stück weit erinnert das System aber auch an die Folge „Mehrheitsprinzip“ der Science Fiction-Serie The Orville.

In der Folge gerät die Crew auf einem Planeten, auf dem jede Entscheidung durch das Prinzip der Mehrheitsmeinung getroffen wird. Jeder Mensch sammelt Likes und Dislikes – sowohl über Social Media, als auch über Buttons auf der Kleidung. Du hast was Nettes über jemanden gepostet? LIKE! Du hast jemanden angerempelt? DISLIKE! Du hast eine schwangere Frau im Bus nicht Platz gemacht? DISLIKE! Mehrfach! Shame on you! Selbst Strafprozesse gerieten in dieser fiktiven Welt zu Webshows mit der Möglichkeit zum Abstimmen.

Was in vielen Situationen durchaus fair wirkte, zeigte bald schon seine Tücken. Mit jemandem der viele Dislikes hat, will niemand was zu tun haben, wen viele nicht mögen, der muss auch schlecht sein. Die eigene Meinung ordnete sich der Mehrheit unter und einmal angefangene Dislike-Wellen gingen schnell viral.

Eine ähnliche Auswirkung könnte auch das Social Scoring System in China haben. Und es ist auch gewissermaßen gewollt: Durch die Auswirkung möchte man den Bürger schließlich zu einem „besseren Menschen“ erziehen.

Scheinheiligkeit im Westen

Wir im Westen sind immer schnell dabei gegen die Zensur und Überwachung in anderen Ländern zu urteilen. Vor allem wenn es um China geht. Dabei ist unsere „aufgeklärte“ westliche Welt nicht immer besser.

In Deutschland haben wir beispielsweise die Schufa, die unsere Kreditwürdigkeit bewertet. Ist man in Deutschland auf Wohnungssuche, kommt man um die „freiwillige“ Schufa-Auskunft kaum herum.

Auch die USA, die zuletzt auch politisch gerne mal gegen China schießen, sind fleißige Datensammler. 2013 enthüllte Whistleblower Edward Snowden den Umfang der Daten, die von der National Security Agency (NSA) gesammelt werden. Die Größe des Speichers im Utah Data Center der NSA wurde mitunter auf 5 Zettabyte beziffert. Ausgedruckt entspräche die Datenmenge 52 Billionen Aktenschränken. Als Stellfläche für so viele Schränke wäre selbst die Gesamtfläche der USA noch zu klein.

Auch im Silicon Valley wächst die Idee eines Social Credit Systems bei Unternehmen. So kann PatronScan in Bars schon beim Betreten per Ausweis-Scan erkennen ob ein Gast ein Risiko für andere Gäste und Personal darstellt. Auch erste Versicherungen kündigen Prämien anhand von Social Media-Auswertungen an. Wer gesunden Lebensstil beispielsweise durch Yoga und entsprechende Ernährung zeigt, bekommt Pluspunkte. Wer hingegen raucht, trinkt oder Sprünge vom Dach in ein kleines Planschbecken postet, wird negativ eingestuft.

Auch das Zukunftsmodell für Städte, die Smart City, sammelt immense Datenmengen, um optimal auf die Bedürfnisse einzugehen. Diese Daten können in den falschen Händen auch zur Überwachung genutzt werden.

Social Scoring als Schulprojekt

Das SINUS-Institut hat Anfang 2019 zusammen mit YouGov eine Umfrage zum Social Credit System in China durchgeführt. Zwar bewerteten 47 Prozent der Befragten das System als sehr schlecht und 21 Prozent als schlecht, doch immerhin 32 Prozent fanden das System eher gut (3 Prozent), sehr gut (3 Prozent) oder waren sich unschlüssig (15 Prozent).

Wie so ein Social Scoring System funktioniert, zeigte übrigens auch ein Schulprojekt in Brandenburg. Ähnlich wie im Buch „Die Welle“ übernahm man das System nämlich für den Schulunterricht. Wer aktiv zum Unterricht beitrug, erhielt Pluspunkte und durfte sich weiter nach vorne setzen. Auch mit Hausaufgaben verdienten die Schüler Punkte. Es ging sogar so weit, dass das Grüßen der Lehrer oder Hilfe im Haushalt das Punktekonto aufbesserte.

Im Gegensatz zum Buch hielt die Lehrerin mit dem Twitter-Pseudonym „Frau Schiller“ das Experiment aber kurz, sodass es nicht aus dem Ruder laufen konnte. Doch selbst innerhalb der kurzen Zeit nahmen die Schüler das System, dem sie selbst kritisch gegenüberstanden an und begannen – wider der sonstigen Natur von Schülern – um die vorderen Plätze zu wetteifern. Die Klasse meldete sich eifriger als sonst, machte ihre Hausaufgaben, half im Haushalt. Am Ende wurden die Schüler mit dem Ende der Black Mirror Folge Nosedive konfrontiert auf der das Experiment basierte.

Social Credit System in China – Gute Ideen, gefährliche Umsetzung

Besagte Folgen von Black Mirror und The Orville lassen soziale Bewertungssysteme nicht gerade im besten Licht dastehen. Von manchen Grundzügen ist es dabei gar nicht mal nur schlecht. Es kann eine Gesellschaft tatsächlich zum positiven „formen“. Auch in China wirkt sich das System größtenteils gut auf das Miteinander aus. Die Menschen gehen freundlicher miteinander um und setzen sich mehr für ihre Nachbarschaft ein. Doch der Grund? Angst. Angst davor öffentlich angeprangert zu werden oder plötzlich nicht mehr mit der Bahn fahren zu können. Wer die Folgen zu spüren bekommt, spendet Geld, um seinen Social Score zu verbessern. Wohin das Geld geht? Da fehlt es an Transparenz. 

Das schlimmste am Social Credit System in China ist jedoch die politische Erziehung. Punkte für Systemtreue gehen weit über die reine soziale Erziehung hinaus und soll einfach nur für brave Schäfchen sorgen. Außerdem traut sich dann auch kaum jemand, etwas negatives über das Social Credit System in China zu sagen – das gibt schließlich Minuspunkte. 

Doch ist unsere Social Media-Realität so viel anders? Verbiegen sich nicht Viele ein Stück weit, um mehr Likes zu bekommen? Ist die Meinung in den jeweiligen sozialen Blasen nicht stark uniform, sodass man sich kaum traut, mal etwas Gegensätzliches zu äußern? Zwar bekommen wir unabhängig unserer Tweets und Insta-Stories noch immer problemlos Zugtickets, aber ein Stück Social Score steckt auch schon in unserem Alltag. Trotzdem bin ich verdammt froh, dass dies nicht als staatlicher Kontrollapparat genutzt wird.


Die Folge „Mehrheitsprinzip“ findet ihr in der ersten Staffel von The Orville (Provisionslink)

Stefan Reismann

Das Internet ist sein Zuhause, die Gaming-Welt sein Wohnzimmer. Der Multifunktions-Nerd machte eine Ausbildung zum Programmierer, entdeckte dann aber vor allem die inhaltliche Seite für sich. Nun schreibt er für die Netzpiloten und betreibt nebenher einen Let's Play-Kanal, auf dem reichlich gedaddelt wird.


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