Das Microsoft Gaming Imperium – Zu viel Macht?

Ein mächtiges Beben erschüttert die Gaming-Landschaft. Microsoft übernimmt überraschend Activision Blizzard. 68,7 Milliarden US-Dollar lässt sich Microsoft seinen bislang schwersten Deal kosten. Das Microsoft Gaming Imperium wächst und es ist nicht die erste große Übernahme. 2014 kaufte sich Microsoft mit Mojang Studios die Minecraft-Lizenz. 2018 folgten mit InXile, Obsidian und Playground Games weitere Größen, 2021 kamen mit der Übernahme von ZeniMax Media unter anderem Bethesda, id Software und Arkane Studios zu den Xbox Game Studios hinzu. Schon diese letzte große Übernahme war mit 7,5 Milliarden US-Dollar ein großer Gamechanger.

Microsoft expandiert aggressiv wie kaum jemand anderes auf dem Gaming-Markt. Damit füttern die Xbox Game Studios unter anderem ihren Abo-Service Game Pass, wo die meisten Spiele der eigenen Studios gleich vom ersten Tag an im Abo enthalten sind. Doch wie gesund ist das für den Markt?

Wir schauen auf die jüngste Übernahme von Activision Blizzard und in wie weit sie dem angeschlagenen Unternehmen guttun könnte. Anschließend geht der Blick aber auch auf die Xbox Game Studios selbst und ihren Game Pass. Dabei gibt es nicht nur Zerstörungspotential, sondern auch viele neue Möglichkeiten.

Mit der Xbox Series S den Game Pass nutzen (Provisionslink)

Microsoft muss Activision Blizzard aufräumen

Bei Activision Blizzard lief zuletzt vieles falsch. Von Jahr zu Jahr schien man den Draht zur treuen Community immer mehr zu verlieren. Auf der hauseigenen BlizzCon sorgte ein Diablo für Smartphones als einzige große Ankündigung für Missmut und auch das Remake Warcraft 3 Reforged machte eher mit gebrochenen Versprechen und katastrophalem Matchmaking von sich reden.

Die spielerischen Defizite wurden allerdings noch von den internen Abgründen getoppt. Sexismus, Mobbing und Diskriminierung warfen einen großen Schatten auf das Unternehmen, das viel zu spät und viel zu wenig gegen die Vorwürfe unternahm. Mitarbeiter forderten daher auch den Rücktritt des CEOs Bobby Kotick, der – bevor alles öffentlich wurde – nicht auf Mitarbeiterbeschwerden einging und sogar selbst keine ganz weiße Weste hat. Kein Wunder, dass aktuell der Abgang Koticks als erste personelle Konsequenz gemutmaßt wird.

Microsofts Übernahme von Activision Blizzard könnte der Unternehmenskultur also guttun. Jetzt ist da jemand, der nicht in den alten Strukturen verwurzelt ist und womöglich wichtige Konsequenzen zieht, die sich das Unternehmen selbst nicht traute. Auch für die Außenwahrnehmung könnte die Übernahme ein wichtiger Schnitt sein und eine neue Ära der Studios begründen.

Der Activision Blizzard Deal und seine bizarre Summe

Allerdings bleibt auf dem Papier die geradezu wahnwitzige Summe von 68,7 Milliarden US-Dollar. Das ist selbst abseits der Gaming-Branche ein Giga-Deal und muss sich erst einmal rentieren. Dahinter stecken viele beliebte Spielemarken. Zu ihnen gehören allein aus dem Blizzard-Fundus das erfolgreichste, wenn auch aktuell etwas kränkelnde MMORPG World of Warcraft, der E-Sports-Erfolg Overwatch und natürlich auch die Diablo-Reihe. All das mit einer gehörigen Portion Merchandise im Hintergrund. Weitere Marken sind das Mobile Game Candy Crush, Call of Duty, Crash Bandicot, Spyro, Skylanders und die Tony Hawk-Reihe.

Hinzu kommen allerdings auch die Studios an sich mit ihren rund 10.000 Mitarbeitern. Eine ganze Menge Workpower und Know-How also. Aber begründet das in der aktuellen Situation tatsächlich eine derart große Summe? Eine Milliarde Dollar wäre selbst inklusive Aufbau eines ganz neuen Studios noch eine gigantische Summe für die Entwicklung eines einzelnen Spieles. Red Dead Redemption 2 dürfte mit rund 540 Millionen US-Dollar (inkl. Marketing) das bislang teuerste Spiel gewesen sein. Und selbst dann könnte man fast 70 solcher Megaspiele entwickeln. Ein neu gegründetes Studio würde womöglich sogar durch frische Ideen profitieren und es könnten ganz neue Marken entstehen.

Stattdessen schluckt man für die Summe aber ein riesiges Unternehmensmonstrum, dass man erst irgendwie in die eigenen Strukturen eingliedern muss. Zwar hat man damit Erfahrung, aber 10.000 neue Mitarbeiter, verteilt auf mehrere Studios mit strukturellen Problemen, sind neben der monetären Summe auch nochmal ein Haufen Arbeit. Ich als Laie hätte da lieber für weniger Geld einige neue Studios gegründet, bekannte Größen und Indie-Genies an Bord geholt und ihnen fast alle Freiheiten gegeben neue geile Spiele zu entwickeln. Dank Game Pass können sich selbst neue IPs wunderbar ausprobieren.

Die Vorzüge des Blizzard-Imperium

Hoffnung für geliebte Marken

Activision Blizzard verstand seine eigenen Spieler nicht mehr. Als wir 2018 von der BlizzCon berichteten, stand vor allem der Mobilableger Diablo Immortal im Vordergrund. Trotz hoher Erwartungen war dies nämlich die größte Ankündigung der hauseigenen Convention. Was mich damals am meisten schockierte war, wie sehr Blizzard von der ernüchterten Reaktion überrascht schien. Selbst für mich, der kaum Blizzard-Spiele gezockt hat, war das eigentlich klar vorherzusehen. Sogar den einzigen Lichtblick der BlizzCon 2018, Warcraft Reforged fuhr man krachend gegen die Wand. Grafisch und spielerisch war es ein klares Downgrade zu dem, was noch bei der Enthüllung versprochen wurde.

Die Blizzard Activision Übernahme durch Microsoft könnte sich für viele geliebte Marken als Segen herausstellen. Microsoft bewies mit den Definitive Editions der alten Age of Empires-Spiele sowie Age of Empires 4, dass sie noch an die Echtzeitstrategie glauben und auch Geld investieren. Starcraft und Warcraft könnten davon profitieren, wenn Microsoft sich den frühen E-Sports-Ikonen annimmt. Auf Spiele in fortgeschrittener Entwicklungsphase wird die Übernahme zwar wohl eher wenig Einfluss haben, aber vielleicht hilft es einem Overwatch 2 noch weiter. Die Ankündigung des Nachfolgers ließ Overwatch auf der Stelle treten ohne dass man bislang viel vorzeigen konnte. Auch der Release im Game Pass dürfte einem potenziellen Onlinekracher guttun.

Eine kleine Truppe Orks bei einem Marktplatz in Warcraft 3.
Warcraft 3 war 2002 der letzte Teil des erfolgreichen Franchise. Könnte es nun nach einem halbgaren Remaster einen richtigen Nachfolger geben? Image via IGDB

Microsoft versteht aktuell das Gaming

Während Blizzard zuletzt gekonnt jedes denkbare Fettnäpfchen mitnahm, sieht die Situation bei Microsoft ganz anders aus. Dort scheint man aktuell sehr wohl das Gaming zu verstehen. Microsoft ist sich bewusst, dass der Game Pass nur funktioniert, wenn man ihn auch mit reichlich guten Spielen füttert. Große Marken sind genauso vertreten wie Indiespiele, Sogar vermeintliche Nischen sind stark besetzt. So bietet der Game Pass unter anderem knifflige Strategiespiele wie Crusader Kings 3 und Frostpunk oder starke JRPGs wie Dragon Quest 11 und Final Fantasy.

Auch auf der E3 2021 hatte man das Gefühl, dass Microsoft sich als einziger großer Player wirklich Mühe gegeben gab. Mit Forza Horizon 5, A Plague Tale: Requiem, Age of Empires 4, The Outer Worlds 2, Stalker 2 und Starfield hatte Microsoft ein paar Pfeile mehr im Köcher als die Konkurrenz. Nintendo ritt dagegen die Nostalgiewelle und Sony fehlte sogar komplett.

Obwohl der Game Pass ursprünglich ein „Xbox“ im Namen trägt, stärkt dieser aktuell auch den PC als Plattform. Die Bibliothek der Xbox- und PC-Variante unterscheidet sich nicht stark und es gibt eher Vorteile für PC-Spieler, die zudem eine EA Play-Mitgliedschaft erhalten. Außerdem setzt Microsoft immer stärker auf Crossplay zwischen den Plattformen und ermöglicht das Streaming von Spielen, etwa auf Mobilgeräten. Dagegen tut sich Sony deutlich schwerer, auch wenn einige PlayStation-Exclusives mit etwas Verzögerung den PC erobern. Auch in Sachen Abwärtskompatibilität geht der Punkt an Microsoft. Die Series X ist bis hin zur ersten Xbox kompatibel – die PS5 unterstützt dagegen nur PS4-Titel.

Einen großen Einfluss hat dabei der aktuelle Microsoft Gaming CEO Phil Spencer. Unter ihm sind nicht nur viele neue Studios hinzugekommen und der Game Pass entstanden. Auch Inklusion steht für Spencer hoch im Kurs. Das zeigt unter anderem der 2018 erschienene Adaptive Controller, der alternative Steuerung für körperlich eingeschränkte Spieler ermöglicht.

Die Schattenseiten von Microsofts Expansions-Politik

Ein Gigant der immer größer wird

Der größte Nachteil an der Activision Blizzard-Übernahme von Microsoft liegt auf der Hand. Der ohnehin schon große Gigant wird mit seinen Xbox Game Studios immer größer und vereinigt mehr und mehr große Marken unter sich. Aktuell grenzt es die Konkurrenz noch nicht aus, doch ist die Macht trotzdem gefährlich. Microsoft kann mehr und mehr mitbestimmen, in welche Richtung sich das Gaming entwickelt, wenn sie so viele große Marken besitzen.

Und auch wenn die Xbox Game Studios aktuell eher gute Entscheidungen zu treffen scheinen, muss das ebenfalls nicht so bleiben. Es reicht aus, dass Phil Spencers, der Microsoft Gaming CEO, die Gesamtvision aus dem Auge verliert oder dass irgendwann jemand an seine Stelle tritt, der den Fußstapfen nicht gewachsen ist. Je mehr Studios unter einem Dach sind, desto größer der Schaden, wenn dieses Dach irgendwann einstürzt.

Ein Kampf in Fallout 4 mit Energiewaffen gegen einen Behemoth, einem trollartigen Mutanten.
Mit dem Kauf von Zenimax Online gingen bereits große Bethesda-Marken wie Fallout und Elder Scrolls an Microsoft über. Image via IGDB.

Xbox Game Pass macht uns abhängig

Das „Netflix des Gamings“ wollten bereits viele sein. Mit dem Xbox Game Pass ist Microsoft bislang näher dran als alle anderen. Google Stadia hatte zwar einen noch Plattformunabhängigeren Ansatz, scheiterte aber teils genau daran, dass man Garnichts von eigener Hardware hatte. Der größte Faktor waren aber die Spiele. Google Stadia bietet nur wenige große und vor allem brandaktuelle Titel. Der Game Pass bietet da deutlich mehr Kracher und das zu immer größeren Teilen von Tag 1 an.

Im Gegensatz zu Netflix sind Spiele aber ein Medium, dass man oft länger und wiederholter konsumiert. Fliegt bei den Streamingdiensten eine Serie aus dem Programm ist es schade, aber ich habe sie im Optimalfall schon geschaut. Wandert ein Spiel aus dem Game Pass, bin ich eher noch glücklich beschäftigt mit dem Spiel und mir bleibt als einzige Möglichkeit, mir das Spiel zu kaufen. Am besten dann natürlich über den Microsoft Store, damit ich gewohnt weiterspielen kann und nicht noch irgendwie die Spielstände auf die Steam-Version übertragen muss.

Auch die Steam-Bibliothek könnte mir irgendwann verloren geht, wenn das Unternehmen plötzlich krachend abstürzt. Beim Game Pass reicht es schon aus, wenn ich den Abodienst nicht weiter nutzen will. Damit endet dann auch mein Zugriff auf die Spiele, die ich dort bislang gespielt habe. Je länger ich den Service nutze, desto stärker wird meine Abhängigkeit vom Game Pass. Aktuell freu ich mich noch, dass meine Ausgaben für Videospiele stark zurückgegangen sind. Läuft das Abo irgendwann aus, bleibt mir jedoch nichts. Sind genug in diese Abhängigkeit gefallen, wird eine Preiserhöhung des Abos umso schmerzlicher.

Fazit: Das Microsoft Gaming Imperium ist gut – bis es böse wird

Ich bin ehrlich. Für mich ist Microsofts Expansionskurs aktuell ein ziemlicher Segen. Es ist lange her, dass ich das Gefühl hatte, dass der PC von der Gaming-Industrie Liebe erfährt. Viele Jahre dominierten die Konsolen die Spieleentwicklung. Dabei geht der Console-First-Ansatz noch in Ordnung. Konsolen sind halt eine einheitlichere Hardware-Basis und die Steuerung muss eben auch auf dem Controller funktionieren. Schlimmer waren für mich die Exklusivtitel, die Spieler zum Kauf der Konsolen zwingen sollten.

Microsoft weicht aktuell die Grenzen zwischen PC und Konsole wieder auf und selbst Sony öffnet sich daraufhin langsam und veröffentlicht ursprüngliche Exklusivtitel zeitverzögert auch für PC. Einzig Nintendo-Spiele bleiben abseits der Emulatoren ihren Konsolen vorenthalten – aber wer weiß was da noch kommt.

Trotzdem schwebt mit dem Microsoft Gaming Imperium auch eine große Gefahr über der Gaming-Landschaft. Die Xbox Game Studios werden mehr und mehr zu einer Art Übermacht und der Game Pass, so gut er auf der einen Seite für schwindende Plattformgrenzen ist, macht uns auch Abhängig von dem Angebot, weil wir die Spiele im Abo nicht selbst besitzen. Sollte Microsoft irgendwann seine Gaming-Vision verlieren, könnte das außerdem Einfluss auf viele große Studios zugleich haben.

Was Activision Blizzard angeht, habe ich zumindest Hoffnung für einige ältere Franchises. Es wäre schön, wenn Warcraft und Starcraft mal wieder ein zeitgemäßes Spiel bekämen. Auch ein neues Caesar oder Guitar Hero wären stark. Und vielleicht, ja ganz vielleicht, wird doch mal wieder der Versuch eines neuen großen MMORPGs unternommen. Nur rechtfertigt das alles eine horrende Summe von fast 70 Milliarden Dollar? Für weniger Geld hätte man auch selbst einiges aus dem Boden stampfen und dabei für mehr frische Impulse sorgen können.

Den Game Pass könnt ihr beispielsweise mit der Xbox Series S nutzen (Provisionslink)


Image by Diego via Adobe Stock


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