Das Google sagt gaga

Nachdem Iran seine Revolution (nicht) hatte, Michael Jackson schon länger seine Ruhe genießen darf, ist die Meute der Meinungsbesitzenden weiter gezogen. Da gerade kein Skandal in Sicht war, hat man sich wieder auf die großen Firmen gestürzt, die aufgrund ihrer jüngsten Geschichte am meisten Sediment aufgewirbelt haben. Eine von denen ist das Unternehmen aus Mountain View. Da Google sich überall dort aufhält, wo früher der umherziehende Barde die Geschichten aus 1001 Nacht zum Besten gab, sind das heute die schneidenden Kanten der Medienwelt.



Die Bevölkerung bekommt von Google nichts mit. Weder am Fernseher, noch beim Lesen der Zeitung während des Morgenkaffees noch beim Tatort am Abend. Auch beim Fußball, der Formel 1 oder im Puff gibt es kein Google. Grund genug für viele Schreiber, die marktbeherrschende Stellung des Informationsimperiums in den Mittelpunkt des Interesses zu rücken. Und bei diesem leicht anmutenden Thema kommt es dann zu Verwerfungen. Denn die Kalifornier wollen laut eigener Aussagen das Wissen der Welt auf ihren Servern versammeln. Mindestens wollen sie wissen, wo es steht. Sie meinen damit alle Buchstaben, die je ein Mensch in die Tasten gehauen hat, alles Geschreibsel, dass je auf Papier getrocknet ist und zusätzlich alle ASCII-Zeichen dieses Planeten.



Dabei müssen sie natürlich diesen Wunsch finanzieren. Bei genau Betrachtung der Renditen einzelner Industriezweige sind ihnen drei Branchen aufgefallen, die hohe zweistellige Renditen sei Jahrzehnten abwerfen: Medien, Energieanbieter und Banken. Von den Medien haben sie zunächst das Geschäft der Werbung übernommen, um den Grundumsatz der allwissenden Müllhalde zu garantieren. Keiner ahnt, was Hundertschaften von Serverfarmen verfrühstücken – außer Facebook vielleicht. Wenn es aber nicht reicht, alle Websites, die mehr als 100 Besucher am Tag haben, mit Textanzeigen vollzupflastern und die Wegweiser des Internet mit Werbung zu bekleben, dann muss man natürlich dahin, wo noch keine Werbung klebt. Das ist das Handy und jeder Ort wohin es mitgenommen wird. Es wird der Fernseher sein, der Internet anzeigt und mobile Displays am Gürtel, in der Schminktasche, an der Mütze oder am Schuhabsatz.

Und dann? Dann wird Google zum Energieriesen, weil alle glauben, dass Elektroautos der Renner sind. Denn wenn ein paar reiche Familien auf der arabischen Halbinsel mehr als die Hälfte Europas besitzen, nur weil sie ein paar Jahrzehnte lang Öl verkauften, dann wird Google sich um die nächsten Jahrzehnte kümmern. Denn – wie gesagt – der Werbemarkt finanziert nur den Grundumsatz der allwissenden Müllhalde. Selbst denken kann sie erst, wenn das Äquivalent von 12 Atomkraftwerken ein künstliches Gehirn aus 127651726517625172651725617256172651726517265 parallelen 64-Kern-Prozessoren antreiben kann, dann wird Google überhaupt erst die Augen aufschlagen.

Ach, und wenn man via Google mit seinem Handy einen Einkauf mit einem Klick oder Laut seines Besitzers bezahlen kann, werden schon 376 Banken ins Grass gebissen haben wegen des mobile payment.



Und dann schaut uns all das an, was wir nicht geschafft haben, vor Google in Sicherheit zu bringen. So wie die Touristen in den Urlaubszentren beim Schwimmen alte Bekannte wieder finden, die sie nach dem Frühstück verabschiedet hatten. Denn dann fliegt uns all das um die Ohren und Augen, was jemals jemand niedergeschrieben hat. Die Gedanken werden in Muster zerlegt, analysiert, neu verknüpft und als Menschheitswissen für teures Geld an uns zurück verkauft.


Dass viele Verleger und Sender jetzt Probleme mit demjenigen haben, der der natürlich Feind jedes Filterns ist, erscheint klar. Google will alles lesen! Aber dann, wenn Google genau wissen wird, was wir zu jedem gegebenen Zeitpunkt unseres Lebens als Information brauchen werden, dann wird auch den Politikern und den Experten und den Lehrern klar, dass die nächste Zeitrechnung angebrochen sein wird: Nach der Landwirtschaft und der Industrie wird nun die Dienstleistung zu einem exorbitanten Prozentsatz von der allwissenden Müllhalde rationalisiert, koordiniert, geordnet und verordnet werden. Computer werden die Menschen mit Aufgaben betreuen, die ihr Gedächtnis verbessern, sie werden den Menschen Aufgaben geben, die die allwissender Müllhalde nicht allein verrichten kann und am Lebensende werden die Menschen mit Computern und Reaktionsübungen an der Demenz gehindert, die ihnen Linderung über sinnlose Leere ihres Lebens hätte verschaffen können.



Es geht nicht darum, einfach Märkte zu besetzen, die hierarchisch organisierte Firmen aufgrund mediokren Strategiemanagements und mit Zuckerbrot und Peitsche einfach brach liegen lassen. Es geht auch nicht darum, den Politikern und ihren Besitzern aus dem Hoch- und Geldadel einen Strich durch die Rechnung zu machen: Es geht um das ureigene Programm des Guten Menschen: Bring Erleuchtung in jede Hütte. Nur, was Buddha als den mittleren Weg bezeichnete, ist bei Google das Fokussieren auf alles, was Buchstaben hat.



Rettung naht. Die Wissenschaft hat schon längst festgestellt, dass Aufgeschriebenes nichts mit Wissen zu tun hat. Denn der Code der Wörter enthält nur den Teil des Wissens, der von der eigenen Erfahrung, den eigenen Erlebnissen abstrahierbar ist. Die Bedeutung der Wörter erschließt sich also erst, wenn man die historischen gesellschaftlichen Parameter und den persönlichen Zustand des Autors beim Niederschreiben zur aktuellen Situation des Lesens hinzuaddiert. Das ist eine einfach Aufgabe für Menschen. Für Maschinen ist das niemals lösbar, weil ihre Gehirne keine Subjektmodelle selbst entwerfen können. Ihre Aufnahmekapazität ist viel zu groß. Der menschliche Geist kann nicht viel auf einmal wahrnehmen, daher lernt er jeweils nur Differenzen zu dem, was er schon einmal gesehen oder gehört hat. Dies erfordert eine mehrwertige Logik im Rechner. Aktuell können wir davon ausgehen, dass die Computer in ungefähr 2000 Jahren in der Lage sind, so ein wachsendes Modell der Welt in parallem Lernen in Differenzen zu schaffen: Dazu bräuchte man allerdings erst einmal ein taugliches Modell einer mehrwertigen Logik, deren Dimensionen einerseits heterarchisch und andererseits vieldimensional sein müsste. Das könnte die Mathematik sicher in einigen hundert Jahren schaffen. Bis dahin beoachten wir, wie Google den Weg alles Irdischen geht. Erinnern sie sich noch an die Weltherrscher Watson, Edison, Bell, etc. pp.

Und für alle, die noch nicht genau wissen, was das Web eigentlich ist:






Bildnachweis: jeltovski

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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4 comments

  1. toller artikel … endlich mal eine perspektive mit mehr weitblick als diese kommerz-ängstlichen horrorszenarien der homophoben verlagsmedienwelt. kritik jo klar, sicherlich ist google kein gutmensch … aber es gibt grad sehr viel bedenklichere entwicklungen: staatlicher überwachungswahn und sicherheitsfanatismus.

    google ist clever und bringt im bestehenden medien-system alles zum wackeln – das sind aber alles gewollte mechanismen, die die spielregeln unseres kapitalistischen systems zulässt. An zensur, ePass, datenbanken, biometrie, kameras usw. hängt zwar auch nen wirtschaftliches Interesse, aber die laufen entgegen unserer systemlogik … angst war glaub ich noch nie nen guter entwicklungsmotor für eine gesellschafft.

    wie traurig, dass dies die eigentliche gefahr für nen unabhängigen journalismus und freiem wissen wiederspiegelt … mmh naja, google spricht sich wahrscheinlich einfach leichter aus.

    1. Danke für die Blumen. Wie viele andere auch versuchen die Verlage ihre Interessen zu wahren. Das ist nicht verwerflich, aber verfehlt, wie Du richtig schreibst den Kern der zu erledigenden Aufgaben. Diese Energien sind fehlgeleitet in Bezug auf die Aufgaben die eine ordentliche Geschäftsfeldanalyse und Kundenorientierung bedeuten. Es gäbe eine Menge, was man ähnlich oder besser machen könnte als Google. Zunächst wäre da die Tatsache, dass alle Google Mitarbeiter 25% ihrer Arbeitszeit damit verbringen, eigene Projekte zu entwerfen und diese zunächst vor internen Gremien bestehen müssen und dort getestet werden. Diese Art des strategischen Managements ist um den Fakter 4000 effektiver als die strategische Planung der deutschen Firmen, da sie sowohl evolutiv als auch parallel entwickeln können. Dann müssten sich viele Firmen das ROWE-Konzept der Arbeit ansehen, das in den USA sehr erfolgreich eingesetzt wird.

      Das Thema Datenschutz und Überwachung wird von bestimmmten Gruppen an Google befestigt, damit diese freie Hand haben um ihre Interessen durchzusetzen. Das macht Google keineswegs harmloser aber auch nicht gefährlicher als andere Kräfte, die weniger trommeln, dass sie allwissende Müllhalde werden und es trotzdem verfolgen.

      „Erst wenn das letzte Datum gespeichert ist, und die größte Datenbank der Welt über Milliarden von Tabellen Querverweise erstellt hat, werdet ihr merken, dass die Analyse von Daten keineswegs zu Wissen führt.“ frei nach dem Spruch der Cree-Indiander.

  2. Es tut sehr gut die Ecken und Enden von Google so unterhaltsam vorgeführt zu bekommen. Wenn ein Riese fällt schlägt er sehr hart auf dem Boden auf: Nicht auszudenken Google realisierte mit geringer Vorlaufzeit für alle seine Dienste ein geringes Entgelt einzuführen zu müssen um die Kosten des Suchdienstes aufrecht zu erhalten der die meisten Einnahmen generiert. Eine ähnliches Scenario was das arbeiten in einer Cloud bedenkenswert macht.

  3. Ob Google fällt? Nein, AOL ist auch nicht gefallen sondern einfach ein normale Firma geworden. Angesichts der sehr revolutionären Arbeitsstrukturen glaube ich aber, dass Google eher ein Rolemodel ist. Die Revolution frisst ihre Kinder. In 5 Jahren wird man so über Google reden, wie jetzt über Yahoo und Microsoft, beides keine Leichtgewichte. Du kannst der Beste, der Stärkste und der Größte werden, aber Du kannst es nicht bleiben. Das gilt eben für alles, was auf dieser Erde herumkreucht. Eine Exxon kann eben nur schmunzeln über die Gewinne bei Google. Insofern ist alles relativ…nicht nur historisch sondern eben auch ökonomisch

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