Danke, 2019. Tumblr ist zurück.

„Vielleicht wird doch noch alles gut. Vielleicht.“ Diese sieben Worte waren die einzigen Worte, die ich im ganzen Jahr 2019 auf meinem Tumblr-Blog isarmatrose.tumblr.com gepostet habe. Mit ihnen kommentierte ich die Meldung, dass Tumblr nun ein Teil von Automattic ist, dem Unternehmen hinter WordPress.

Zwei Jahre, nachdem das Telco-Unternehmen Verizon, im Zuge der Akquise von Yahoo, Eigentümer von Tumblr wurde, ist die Blogging-Plattform gefühlt wieder ein Teil des freien Internets und nicht eines globalen Multikonzerns. Doch vielleicht kommt diese Entwicklung zu spät, denn Tumblr ist nicht mehr das, was es einmal war.

Bevor Yahoo und Verizon die Eigentümer von Tumblr wurden, war es einer der schönsten Orte für Internetkultur im Netz. Eine Mischung aus Instagram und Twitter (die beide übrigens jünger sind), aber ohne die negativen Begleiterscheinungen des Internets wie Hasskommentare, Clickbaiting oder einfach auch nur Werbung.

Beiträge konnten geherzt oder weitergeteilt werden, sogenannte Downvotes wie bei reddit waren nicht möglich. Auch konnten Beiträge nicht kommentiert werden, was den Hass fernhielt. Tumblr stellte für viele Menschen eine positive Online-Erfahrung dar, die Anonymität und eine das Anderssein preisende Atmosphäre ermöglichte.

Erst Yahoo, dann Verizon – Tumblr als Handelsware

Drei Jahre nach der Gründung von Tumblr durch David Karp und Marco Arment gab es 20 Millionen Nutzer*innen auf der Plattform. Es war gefühlt der einfachste und schnellste Weg, ein eigenes Blog zu starten. Anfang 2012 waren es bereits mehr als 39 Millionen Blogs. Und so cool wie Tumblr war eine Blogging-Plattform nie wieder.

Das Wachstum setze sich auch nach dem Kauf der Plattform durch Yahoo im Sommer 2013 für 1,1 Milliarden US-Dollar fort. Im Januar 2014 waren es bereits 293 Millionen Blogs mit insgesamt 133 Milliarden einzelnen Posts. Durch Yahoo zog Werbung bei Tumblr ein und es nervte, aber erst Verizon schaffte es, Tumblr wirklich zu schaden.

Nach zwei Rekordmonaten im März und Juni 2018 mit jeweils rund 624 Millionen Besucher*innen, entfernte Apple die Tumblr-App aufgrund von entdeckter Kinderpornographie auf der Plattform aus dem iOS-Store. Verizon richtete daraufhin innerhalb von zwei Wochen einen Pornofilter ein, der alle expliziten Inhalte betraf.

In den ersten zwei Monaten danach sank die Zahl der Besucher*innen um fast ein Drittel. Ein Jahr später lässt sich festhalten, dass Tumblrs Webseiten-Traffic um mehr als 21 Prozent gesunken ist. Der Grund dafür war nicht der Bann von Pornographie, sondern von dem, was Tumblr noch alles ausmachte: anders sein zu können.

Tumblr ist ein Ort für die Kultur des Anderssein

Tumblr war keine Online-Plattform für Pornos und trotzdem, wie so vieles im Internet, voll damit. Dabei ist es egal, wie man zu Pornographie steht, denn neben Pornos traf der Bann auch Erotika, NSFW-Kunst und Storytelling (NSFW = Not Safe For Work), die hier genauso wie Unternehmenskommunikation oder Taylor Swift stattfanden.

Tumblr war der Ort im Digitalen, an dem sich eine Jugend mit progressiven Vorstellungen von Politik tummelte, wo sich eine Fandom-Kultur mit queeren und feministischen Nutzer*innen entwickeln und kommunizieren konnte, Ideen und Memes zu Aktivismus heran wuchsen und es Pornos für Frauen gab, sogar auch als GIF.

Keines dieser Themen hat mich persönlich interessiert, auch wenn sie eine Relevanz besitzen. Als weißer, heterosexueller Mann habe ich nicht nach ihnen gesucht, aber entdeckt. Sie waren anders und ich betrachtete sie manchmal mit Unglauben und manchmal mit Neugierde. Das machte für mich den wirklichen Reiz von Tumblr aus.

Hier lernte ich, was es noch alles gibt, von dem ich bisher nichts wusste. Ich stellte mich hier nicht selber dar wie auf Twitter oder Instagram. Auf Tumblr entdeckte ich Sachen, mit denen ich bisher keinen Kontakt hatte. Tumblr war für mich das, was das Internet in seinem besten Sinne einmal ausmachte: ein Ort der grenzenlosen Vielfalt.

Das Internet braucht Tumblr

Es gab womöglich auf Tumblr nichts, was es nicht auch im wirklichen Leben gab. Sowohl die negativen als auch die positiven Ausprägungen unserer Zeit waren hier sichtbar. Vor allem aber fand hier aber die Vielfalt des Lebens statt. Ich glaube, dass es das wieder unter der Führung von Automattic geben kann. Vielleicht. Ich hoffe es.

Bisher existiert der Pornofilter weiterhin. Doch durch eine durchdachte Moderation und mehr Selbstverwaltung von Communities könnte Automattic die kulturelle Auseinandersetzung mit etwas anderen Themen wieder möglich machen. Die kürzlich vorgestellte Gruppenchat-Funktion scheint in diese Richtung gedacht zu sein.

Es gibt auch noch andere Probleme zu lösen. Bei der letzten Präsidentschaftswahlen waren auch hier russische Trolle aktiv, und es gibt ein Spam-Problem, wie man es auch von anderen Online-Plattformen kennt. Tumblr ist nicht das verlorene Paradies, aber es hielt im Internet stets die Flagge für Toleranz, Kreativität und Diversität hoch.

Während Facebook vom Symbol für die Vernetzung der Menschheit und dem Drang nach Freiheit zum Synonym für Überwachung und Propaganda wurde, Twitter sich vom Hort der Meinungsfreiheit zum Ort für Verschwörungstheorien wandelte, ist Tumblr unbelastet und hat eine neue Chance bekommen, alles besser zu machen.

Tobias Kremkau

ist Coworking Manager des St. Oberholz und als Editor-at-Large für Netzpiloten.de tätig. Von 2013 bis 2016 leitete er Netzpiloten.de und unternahm verschiedene Blogger-Reisen. Zusammen mit Ansgar Oberholz hat er den Think Tank "Institut für Neue Arbeit" gegründet und berät Unternehmen zu Fragen der Transformation von Arbeit. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.


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