Die Höllenmaschine bändigen – Computerkurse für Senioren

Eigentlich wollte Ruth Schmidt mit Internet und Computern nichts mehr zu tun haben. Als sie Anfang der 2000er in Rente geht, ist das Internet noch in seinen Kinderschuhen. Mark Zuckerburg geht zur Uni, Überweisungen schreibt man in der Regel noch mit der Hand, und das Internet auf dem Handy löste bei den meisten Menschen eher Panik und Angst vor der nächsten Handyrechnung aus.

Für die Rentnerin gibt es keinen Grund, sich nochmal mit dem neuen Medium zu beschäftigen. Doch über die Jahre hinweg tauchen immer mehr Dienste auf, die selbst das analoge Leben revolutionieren – und nur noch im Internet stattfinden.

In München kann man sich auf Sozialwohnungen nur noch online bewerben. Termine im Bürgerbüro lassen sich vom Sofa aus festlegen. Und während immer mehr Bankfilialen schließen, wird das Onlinebanking populärer. Wer nicht mit PC und Internet umgehen kann, steht auf verlorenem Posten – und wird vom gesellschaftlichen Leben abgeschnitten. Gerade für Senioren wird die digitale Welt zunehmend zur Herausforderung.

Zeit, etwas zu ändern

Irgendwann bemerkt auch Ruth Schmidt, dass sie den Anschluss verliert und lernen muss, wie Computer und Internet funktionieren. Sie besucht Computerkurse, die speziell auf Senioren ausgerichtet sind.

In genau so einem Kurs sitzt sie an einem Montagmorgen gemeinsam mit knapp einem Dutzend anderer Senioren im Untergeschoss der Arbeiterwohlfahrt München. Mehrere Tischreihen mit Bildschirmen stehen in diesem umfunktionierten Kellerraum. Vorne steht der Tutor und spricht über Betreff, CC und BCC. Heute steht Mails verschicken auf dem Stundenplan. Kurz nach dem Vortrag geht es in die Einzelbetreuung. Ein Tutor betreut zwei Senioren und zeigt, wie sich die Teilnehmer untereinander Mails schicken können. Ständig ploppen auf den Bildschirmen unten rechts neue Benachrichtigungen auf. Das Zeichen des Erfolgs.

Solche Kurse sollen dabei helfen, dass Senioren auch in Zukunft am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Während jüngere Generationen mit dem Internet aufgewachsen sind, müssen Senioren oft bei den Basics anfangen. Wie starte ich einen Computer? Was ist ein Browser? Wie funktioniert der Doppelklick? Beim Moosacher Computerclub aus München haben die meisten Teilnehmer aber in der Regel schon ein paar Vorkenntnisse, berichtet Ursula Roseeu. Die 77-Jährige leitet den Club und ist selbst Tutorin.

Die Angst, etwas falsch zu machen

Viele Senioren haben jedoch Angst, etwas falsch zu machen und sich dadurch zum Beispiel im Internet einen Virus einzufangen. Eine „ganz große Hürde“ sei das, erklärt Roseeu. Dementsprechend legt der Kurs an diesem Morgen auch besonderen Wert auf Spam und Phishing. Verdächtige Mailadressen, angsteinflößende Betreffs. „Ganz wichtig: überhaupt keine Buttons anklicken, wenn die Mail verdächtig erscheint“, so der Tutor. Für die „Generation Internet“ scheint das offensichtlich, doch für Senioren ist das nicht selbstverständlich.

Darum seien ältere Tutoren besser als jüngere, meint Ruth Schmidt. Die könnten sich besser in die Senioren hineinversetzen. „Es wird auf die alten Köpfe eingegangen“, sagt die 78-Jährige und muss lachen. Einige der heutigen Tutoren waren einst selbst Teilnehmer am Kurs und wollen ihr Wissen nun weitergeben.

Trotzdem bleiben viele Senioren von solchen Angeboten abgeschnitten. Schließlich sind Tablets oder Kurse an Volkshochschulen nicht gerade günstig. „Das kann sich ein normaler Rentner nicht leisten“, meint Ruth Schmidt. Selbst geringe Gebühren belasten Menschen, die Grundsicherung beziehen.

Gebühren sind das geringere Problem

Jedoch sieht Clubleiterin Ursula Roseeu ein noch viel größeres Problem. Die Kursgebühren könne man zur Not erlassen, sagt die 77-Jährige. „Die finanziell Schwachen finden nicht zu uns“, beklagt Roseeu. Ärmere Senioren müssen erstmal erfahren, dass es solche Kurse überhaupt gebe. Für Marketing habe der Moosacher Club aber nicht genügend Geld. Dabei könnten solche Kurse gerade für ärmere Senioren nicht nur eine Hilfe im Umgang mit dem Internet sein. Sie könnten von anderen Senioren lernen.

Genau wie Ruth Schmidt hat auch Gerda Dillmeier ihr Leben lang nichts mit Computern zu tun gehabt. Seit einiger Zeit besitzt sie ein Smartphone. Bis heute bezeichnet Gerda Dillmeier das Gerät nur als „Höllenmaschine“. Doch sie habe sich viel selbst beigebracht und den Computerkurs in Moosach besucht. Vor Kurzem entschied sie sich dann zusätzlich für einen Computer- und Internetkurs, bei dem sie noch mehr lernen wollte. „Wenn ich noch ein paar Jahre älter werde, kapiere ich gar nichts mehr.“ Viele der teilnehmenden Senioren seien überfordert von der Technik, meint Wolfgang Ebert, einer der Tutoren im Computerclub. Um damit anzufangen, sagt Ebert, sei niemand zu alt. Auch für Gerda Dillmeier scheint es sich gelohnt zu haben. Ihre „Höllenmaschine“ hat sie heute jedenfalls ganz gut im Griff.

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Robert Meyer

ist Schüler an der Deutschen Journalistenschule in München, zuvor studierte er Politikwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität. Neben seiner Leidenschaft für Medien aller Art interessiert er sich vor allem für die großen politischen Zusammenhänge und ihre Auswirkungen im Kleinen.


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