Boulevardjournalismus zweiter Ordnung

Die Aufklärung ist der heilige Gral vieler professioneller Informationisten. Vor allem Journalisten und Publizisten tragen ihre Insignien im eigenen Wappen, wenn es zu Felde geht. Wenn man aktuell die sozialen Netzwerke und Zeitungen durchforstet, findet man viele, die vorschnelle Ursachenzuschreibungen geißeln. Einige sind besonders weit voraus und erkennen den Unabomber im Manifest des norwegischen Attentäters.

Sie werden bald arbeitslos. Denn exakt diese Tätigkeit übernimmt schon der Computer. Das Erkennen von Mustern anhand von Texten. Dann werden bestehende und dokumentierte Fälle rausgesucht und wie im amerikanischen Case Law wird einfach subsummiert. Und ganz im Sinne der positiven Sozialwissenschaften wird die Erklärung gewählt, die die geringsten Annahmen und Parameter voraussetzt. Neuerdings (seit den 80ern) werden prägende historische Überlieferungen, die nicht reflektiert sondern perpetuiert werden ab einem bestimmten Stadium als Pfade bezeichnet. Solche Pfade tun sich hier auch wieder auf. Die Aufklärung, die angetreten war, die Leute anzuleiten, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen ist verkommen zu einem Pfade entlang der Laternen, die schon jemand hingehängt hat. Das ist aus Sicht des Journalismus fatal, weil ständig Bekanntes auf neue Einzelfälle angewandt wird. Der Wert dieser Texte geht gegen null. Das Gehirn des Lesers erhält keine neue Perspektive auf Altbekanntes sondern alte Perspektiven auf Neues…

Will man den Adepten des Internet und der Wissensgesellschaft Glauben schenken, müssten wir aktuell wieder eine Querelle des Anciens et des Modernes vorfinden, um alte Traditionen über Bord zu werfen. Doch viele Journalisten und Millionen von Kommentatoren im Netz tun nichts anders als der Google-Algorithmus: Sie verknüpfen Zufälliges mit bereits abgespeicherten Mustern. Sie mißachten dabei freie Assoziation, sie untergraben das, was eine humane Kultur wirklich entwickelt: Die Integration fremder Ideen, das Zulassen wesenfremder Morphologien in den Denkmustern – Individualität der alten Schule.

Nietzsche hat die Ewige Wiederkehr des Gleichen als Spirale gedacht, wir haben in diesem Bild die dritte Dimension vergessen. Wir leben in Kreisen. Sie klingt dennoch in dem lustigen Begriff der Komplexität an. Aber auch dort heben viele Denker nichts Anderes als zukünftige Erklärungen auf. Und so werden auch die Psychologen nicht müde entwicklungspsychologisch und tiefenpsychologisch auf Störungen in der Kindheit, auf Ich-Schwäche und Ähnliches abzuheben. Bald kommen Serotonin- und Dopamin-Spiegel dazu.

Wenn man die Wurzeln des Fundamentalismus untersucht oder die Sozialisation wird man nicht die Ursachen der Gewalt finden. Man wird hinter der Simulation eines mündigen Verstandes das finden, was sich bei jedem anderen Menschen auch befindet. Es ginge daher eher darum, den Attentäter in uns zu finden und nicht mittels einfacher Welterklräungen wie Fundamentalismus und Rechtsextremisums das ganze Thema als defiziente Persönlichkeitsentwicklung abzuspalten von der Gesellschaft und der postmodernen Kultur.

Die Räder der aufgeklärten Denkmaschinen sind einfach zu schnell mit dem Zeigen auf dumme, unverbesserliche Boulevardjournalisten. Diese Ebene der Reflexion ist zu flach, um Information oder gar Wissen zu transportieren. Sie ist höchstens Boulevardjournalismus zweiter Ordnung. Es ist aus unserer distanzierten Sicht auch nicht maßgeblich, die geistigen Brandstifter aufzuzählen oder sich mit Wissen über die alte Unabomber-Geschichte oder Timothy McVeigh zu brüsten. Denn wir haben jetzt alle Wikipedia. Und Google könnte uns eigentlich direkt beim Eingeben des Begriffs Norwegen oder Oslo in diesen Tagen aktuell mit Hunderttausenden assoziierten Inhalten zum Thema automatisiert versorgen. Das reflexhafte Verhalten der Journalisten zeigt eigentlich nur, wie nahe die automatisierte Presse den lebenden Vorbildern ist. Es geht nicht um den Algorithmus als Gefahr sondern den zu schnell zu Ende gedachten Text mit den hübschen rhetorischen Ranken, die kleine Notionen so geschmeidig ins Gehirn pumpen.

Trotzdem oder gerade deswegen halte ich an einem anderen Mantra fest, bis mir das Gegenteil evident ist. Es gibt kein System, das Universum ist indifferent.

Crosspost von multiasking.net

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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