Was Chefs in Zeiten von Corona kapieren sollten

Wir schreiben das Jahr 2020, es wütet eine weltweite Pandemie und im Zuge derer stellen in Deutschland viele Arbeitgeber und Arbeitnehmer sowie Politiker fest, dass die Digitalisierung unserer Arbeit und der Unternehmen einen Sinn ergeben könnte. Die Arbeit in Zeiten von Corona zeigt viele neue Chancen und Möglichkeiten. Viele Menschen erkennen, dass „Arbeit“ gar nicht an einen festen Ort gebunden ist, dass es oftmals einfach sinnlose Vergeudung von Zeit, Nerven sowie finanziellen und natürlichen Ressourcen ist, sich jeden Tag in ein Auto zu zwängen, um sich von A nach B zu quälen und sich dort vor einen PC-Monitor zu setzen, den man ja eigentlich auch zu Hause genauso stehen hat. Arbeitgeber entdecken in Zeiten von Corona gleichzeitig den autonom handelnden Arbeitnehmer, der es doch tatsächlich schafft, ohne stetige Kontrolle und Anweisungen durch Vorgesetzte seinen Arbeitsauftrag zu erfüllen.

Was könnten uns die Erfahrungen der letzten 2 Monate für die Zukunft der Arbeit speziell aus Sicht der Arbeitgeber*innen lehren? Wir haben sechs Learnings dieser Zeit zusammengetragen.

Kommuniziert mit euren Mitarbeitern auf Augenhöhe!

In der Krise zeigt sich, wie Geschäftsführungen tatsächlich mit ihrer Belegschaft umgehen. Reagieren Arbeitgeber mit verstärkter Kontrolle der im Home Office tätigen Menschen, stellen diese den Arbeitnehmern nicht die entsprechende IT zur Verfügung, kommunizieren sie in paternalistisch klingenden Mitteilungen an die Belegschaft, denken sie nur in Risiken und nicht in Chancen mobiler Arbeit, so ist davon auszugehen, dass sie gegenüber Firmen, in denen das Gegenteil der Fall ist, nach der Krise klare Wettbewerbsnachteile erleiden werden.

Gebt der Diversität der Arbeitsweisen eine Chance

Es muss endlich anerkannt werden, dass die Arbeitnehmer nicht nur als Menschen divers sind sondern natürlich auch in ihren Arbeitsweisen. Sie sind divers in der Art, die eigene Arbeit zu strukturieren, in der Wahl der Arbeitsmittel und in der Gestaltung der für sie passenden Arbeitsabläufe. Natürlich ist diese Wahlfreiheit nicht für die Mehrzahl aller Arbeitnehmer in Deutschland gelebte Realität. Sei es, weil sie es in ihrem Beruf nicht können oder die Arbeitgeber es nicht zulassen. Dennoch sind es Millionen von Menschen, die von einer solch verstärkten Tolerierung von Diversität profitieren könnten und damit auch im Interesse der Arbeitgeber produktiver sein könnten.

Verschafft Zugang zu digitaler Weiterbildung und belohnt  Eigeninitiative

Digitale Kompetenzvorsprünge zeigen sich immer stärker in einem ausgeprägten Zuwachs der Produktivität. Von den Problemen der Messung von „Produktivität“ in Zeiten digitalen Arbeitens sei hier abgesehen. Die Nutzung einer Übersetzungssoftware beispielsweise schafft zeitliche Vorteile gegenüber dem Kollegen, der diese nicht nutzt. Das Wissen um die Nutzung von Videocall-Apps bringt zeitliche Vorteile gegenüber denen, die nur die übliche Bürosoftware anzuwenden wissen. Die Kompetenz zum individuellen Wissensmanagement auf verschiedenen Plattformen bringt Informationsvorsprünge gegenüber Menschen, die jedes Mal mit der Suche von vorn beginnen müssen.

Hinterfragt eure Offline-Geschäftsmodelle

Das Ausmaß dessen, was durch digitale Technik im Rahmen der Geschäftsmodelle möglich ist, scheint sehr vielen Unternehmensleitungen nicht bekannt zu sein (so ein derzeitiger rein subjektiver Eindruck). Daher glauben sie, sie könnten ihr Produkt oder ihre Dienstleistung nicht erbringen. In der Folge machen viele einfach zu oder stellen auf Kurzarbeit um. Es scheint, als denken sehr viele in analogen Kategorien. Arbeitgeber, nehmt euch an Beispiel an vielen regionalen Bio-Höfen, die dazu übergegangen sind, ihre Gemüse- und Essenskörbe nach Internetbestellung zu den Kunden zu bringen.

Habt Mut und schaut nach vorn!

Deutschland hat sich in den letzten Jahren bekanntermaßen nicht mit der betrieblichen digitalen Transformation hervorgetan. Allzu häufig sitzen in den Unternehmensleitungen Mitglieder der Baby-Boomer-Generation bzw. die von dieser sozialisierten Generation an Nachwuchsführungskräften. Diese Führungskärfte haben die Fehlentwicklungen mit verschuldet. Gerade deren Firmen haben für das Home Office denkbar schlechte Voraussetzungen geschaffen und scheinen gegenwärtig besonders in Nöten zu sein. Da wundert man sich plötzlich, dass Software, die bisher nur im Büro angewendet wurde, außerhalb desselben nicht funktioniert. So wird die Auftragsbestätigung via Fax in der Weise im Home Office nicht zu bewerkstelligen sein. Die größte Gefahr besteht nun darin, dass diese Verteidiger des analogen Status Quo nach der Krise darauf verweisen, dass dieses digitale Arbeiten ja gar nicht funktioniert habe. Es droht im Grunde genommen ein konservativer Backlash durch diejenigen, die sich in der Vergangenheit schon inflexibel gezeigt hatten.

Die derzeitige Krise der Arbeit schafft digitale Gelegenheiten

Diese Krise bringt uns dazu, grundsätzliche Verhaltensweisen zu überdenken. Deutschland verliert die Angst vor der digitalen Kommunikation (nichts kann Face2Face ersetzen). So scheint es, schaut man sich die Kommunikation auf den sozialen Medien an. Großeltern skypen mit ihren Enkeln und nervige sowie umweltschädliche Dienstreisen werden durch entspannte Videocalls ersetzt. Auch die CO2-emittierenden Pendelfahrten mit dem Auto werden durch die Nutzung des Rads zum Einkaufen ersetzt. Zudem lassen die vielen Blicke, die Videocalls in die persönlichen Arbeitsumgebungen bieten, Arbeitskontakte plötzlich menschlicher erscheinen. Auf Twitter kümmern sich Menschen auch um die Probleme anderer Menschen. Es scheint, als ob die analoge Distanz zu größerer digitaler Nähe führen kann. Lasst uns diese optimistische Erkenntnisse, die wir aus dem Arbeiten in Zeiten von Corona gewonnen haben, mit in die Zukunft der (mobilen) Arbeit nehmen.


Bild von iana_kolesnikova via stock.adobe.com

Ole Wintermann

arbeitet seit 2002 bei der Bertelsmann Stiftung. Zuvor war er an den Universitäten Kiel und Göteborg und bei der Gewerkschaft ver.di tätig. Er baute in den letzten Jahren die internationale Bloggerplattform Futurechallenges.org auf, bloggt privat auf Globaler-Wandel.eu, ist Co-Founder der Menschenrechtsplattform Irrepressiblevoices.org (http://irrepressiblevoices.org/) und engagiert sich im virtuellen Think Tank Collaboratory. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.


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