Zu viel Abstand zwischen Serien-Staffeln – Der Hype bröckelt

Die neuen Folgen der Fallout-Serie sind für mich wieder ein Genuss und am Horizont sehe ich schon die 2. Staffel der One Piece-Serie von Netflix heransegeln. Im Hinterkopf weiß ich aber auch: Nach 8 Folgen ist der Spaß schon wieder vorbei. Danach darf ich dann wieder eine lange Zeit warten. Eine SEHR lange Zeit. Mittlerweile liegt der Abstand zwischen Serien-Staffeln nicht selten bei über 2 Jahren. Und da beschweren sich manche echt noch darüber, wenn Streaming-Dienste eine Staffel nicht gleich komplett veröffentlichen?

Widmen wir uns heute also den immer größeren Staffel-Abständen bei Serien, den Gründen dafür und warum das langsam zum Problem wird. Und warum könnte ausgerechnet die umstrittene Harry Potter-Serie von HBO ein Hoffnungsschimmer sein?

Die Gründe für großen Abstand zwischen Serien-Staffeln

Produktionsaufwand

Der größte Faktor, der den Abstand zwischen Serien-Staffeln beeinflusst ist der gestiegene Produktionsaufwand. Der Vorreiter dessen war HBO. Die Staffeln ihrer aufwendigeren Serien hatten bereits weniger Folgen als der Standard. Das betraf etwa die grandiose Western-Serie Deadwood (2004-2006) oder meine geliebte Historien-Serie Rom (2005-2007). Beides waren zwar Serien, die mehr auf handgebaute Kulissen statt CGI setzten, wurden aber sehr hochwertig produziert. Die Serie Rom war damals sogar die teuerste je produzierte Serie und fand ungeplant nach zwei Staffeln schon ihr Ende, nachdem die historisch aufwendig nachgebauten Sets einem Feuer zum Opfer fielen.

Wenige Jahre später setzte HBO in Sachen Produktionsaufwand noch einen drauf. Game of Thrones (2011-2019) definierte ganz neue Standards für Serien. Der Mainstream-Erfolg machte dabei im späteren Verlauf sogar Massenschlachten möglich, wie sie eigentlich nur Kinofilmen vorbehalten waren. Die jährliche Taktung verdankte die Serien den parallel laufenden Geschichten. Mehrere Teams waren so zeitgleich an verschiedenen Orten am Drehen der unterschiedlichen Storyzweige. Mit zwei gehetzten Abschluss-Staffeln, als das Ende der Serie feststand, endete Game of Thrones jedoch etwas unrühmlich. Die Serie ebnete trotzdem den Weg für die ähnlich aufwendig produzierten Serien der Streaming-Dienste. Diese wollte schließlich das nächste Game of Thrones für sich beanspruchen.

Mit Star Wars: The Mandalorian trat zudem die neue Filmtechnologie StageCraft den Plan, die grobe CGI-Entwürfe bereits beim Dreh an Stelle grüner Flächen ausspielt. Schauspieler haben so bereits beim Dreh eine Idee, wie die Szene am Ende ausschaut. Auch wenn nicht jede damit gedrehte Disney-Serie hochwertig wirkt, sind damit schon sehr geniale Produktionen entstanden. Mein persönliches Highlight bleibt die Serie Andor. Auf dessen 2. Staffel mussten Fans zwar 2 1/2 Jahre warten, aber nicht nur vom Look, sondern auch von Storytelling und der Unterteilung in Blöcke von je 3 Folgen ergaben sich eher die 4 hochwertigsten Star Wars-Filme der letzten Jahre.

Stellenwert von Seriendarstellern

Auch in Sachen Darstellern macht die Entwicklung nicht Halt. Hochwertige Serienproduktionen setzen vereinzelt auf bereits bekannte Kino-Gesichter oder die Schauspieler werden umgekehrt zu gefragten Kino-Darstellern.

Eines der prominentesten Beispiele ist der Schauspieler Pedro Pascal. Den großen Durchbruch hatte Pascal in seinem eher kurzen Auftritt in der Serie Game of Thrones. Seitdem besetzt er nicht nur Rollen in erfolgreichen Serien wie Narcos, The Mandalorian und The Last of Us, sondern ist auch ein gefragter Filmdarsteller.

Das bedeutet sehr volle Terminkalender für einige Darsteller. Gerade in ehemals nerdigen Nischen sind die Zeiten vorbei, in denen die Schauspieler über Jahre vor allem für eine Serie lebten und zwischen den Staffeln vergleichsweise überschaubare Projekte hatten.

Die Darsteller sind aber auch ein Teil der gesteigerten Produktionsqualität. Die Science Fiction-Serie Babylon 5 etwa, ist für mich noch immer ein Worldbuilding-Meisterwerk, dessen komplexe politische Situation sich über viele Staffeln aufbaut. Die schauspielerische Qualität des Casts ist aber ähnlich durchwachsen wie manche Sets. In heutigen Produktionen schwer vorstellbar.

Zu viele Produktionen?

Der oft größere Abstand zwischen Serien-Staffeln ist ein Stück weit auch der generellen Serien-Taktung der großen Streaming-Dienste verschuldet. Der Wettkampf zwischen den Streaming-Diensten ist vor allem ein Wettkampf ihrer exklusiven Produktionen. Das bedeutet, dass auch immer wieder neue große Serien kommen müssen, um das Interesse an der Plattform zu halten.

Mittlerweile ist die Zahl der Serien aber auch einfach so groß, dass man allein dafür die Abstände zwischen den Staffeln benötigt. Ein zwei- bis dreifaches dieser Serien würde sich gegenseitig vermutlich Zuschauerschaft kosten, wenn Abonnenten nicht mehr mit den Serien hinterherkommen. Hinzu kommt erneut der Produktionsaufwand: Das Budget lässt ebenfalls keine jährliche Taktung aller Flaggschiff-Serien zu.

Netflix allein gibt jährlich mehr als 15 Milliarden für neue Inhalte aus. Die Ringe der Macht von Amazon ist derzeit übrigens die teuerste Serie mit 58 Millionen US-Dollar pro Folge – was aber vor allem auch an den Lizenzkosten von 250 Millionen lag. Die erste Staffel der Serie war somit teurer als die ganze Herr der Ringe-Trilogie zusammen.

Kurzfristige Verlängerung von Serien

Nicht nur die Masse an neuen Produktionen ist ein Problem der modernen Serien-Landschaft. Zugleich denken die Streaming-Dienste ihre Serien oft nur kurzfristig. Verlängerungen erfolgen oftmals nur staffelweise und kommen oft erst nach dem Release einer Staffel. Davor kann zwar schon geplant werden, Darsteller, Teams und Locations müssen dann aber auch tatsächlich verfügbar sein. Würde man dagegen 2-3 Staffeln im Vorfeld verlängern, könnte schon während der Postproduction der kommenden Staffel die Arbeit an der nächsten beginnen.

Überhaupt gibt es mittlerweile viele Serien, die nach wenigen Staffeln bereits fallen gelassen werden. Unverständlich ist etwa, wie Netflix die von Presse und Fans gefeierte Serie Warrior Nun einstellen konnte. Dem folgte sogar eine Petition mit über 125.000 Unterschriften um die Serie zu retten. Das soll nun als Film-Trilogie erfolgen. Der Showrunner distanziert sich allerdings davon und statt einer Fortsetzung wird es nun wohl mehr ein Reboot – während die eigentlichen Fans einfach nur eine Serienfortsetzung wollten. 

Dass Netflix trotz enttäuschter Fans, starken Einbrüchen und Umbesetzung einer Hauptfiguren der The Witcher-Serie festhält ist dagegen eine richtiggehende Verhöhnung der Abonnenten. Die größte Beleidigung der Witcher-Fans dürfte aber das Prequel Blood Origins darstellen, das alles mit Füßen trat, wofür Bücher und Spiele geliebt werden.

Corona und Hollywood-Streiks

Nicht alles lässt sich direkt den Plattformen ankreiden. Die Dreharbeiten liefen in den letzten Jahren auch in mehrere ungeahnte Probleme. Zuerst war da die Corona-Pandemie. Diese schränkte nicht nur das gesellschaftliche Leben ein, sondern stellte auch Film- und Seriendrehs vor neue Herausforderungen. Trotz hoher Schutzvorkehrungen schlich sich der Virus auch in die Filmteams und die Inszenierung pulsierender Metropolen wurde im Lockdown auch zur Mammutaufgabe.

Kaum war Corona weitgehend überstanden kam es zu Arbeitskämpfen in und um Hollywood. Erst streikten die Autoren, dann kamen auch Schauspieler hinzu. Neben fairer Bezahlung ging es dabei auch um Regeln für den KI-Einsatz. Im Mai 2023 begonnen, kam man erst im November 2023 zu einer Einigung. Das sorgte nicht nur für Unterbrechungen in der Produktion, sondern auch für einen großen Rückstau in den Studios.

Film und Serien-Drehs kommen somit aus zwei großen Krisen, die über Jahre hinweg für große Verzögerungen sorgten. Sie haben die neue Staffel-Taktung vermutlich maßgeblich mit beeinflusst. Diese Taktung zu durchbrechen wird mit den anderen genannten Faktoren aber immer schwerer.

Es geht auch anders

Auch wenn ich die Gründe für die langen Produktionszeiten verstehe, bekomme ich zunehmend Probleme mit der Entwicklung. Die mittlerweile oft gängige Staffellänge von „nur“ 10 oder sogar 8 Folgen geht dabei noch halbwegs in Ordnung. Dem roten Faden tut es gut und meist nehmen sich diese Folgen dann auch die Zeit, die sie brauchen. Da kann eine Folge mal 30 Minuten dauern, die nächste dann 50 Minuten. Finde ich deutlich besser, als sich komplett an ein 42 Minuten-Korsett von TV-Sendern zu halten.

Aber verdammt, vermisse ich Science Fiction-Serien wie Stargate, die jedes Jahr eine Staffel mit mehr als 20 Folgen veröffentlicht haben. Jede Woche eine Folge und die Wartezeit auf den Nachschub betrug dann nur rund 7 Monate. Dass es selbst mit etwas üppigeren Schauwerten in der Science Fiction geht, zeigte Battlestar Galactica. 20 Folgen pro Staffel und die Serie sieht auch heute noch grandios aus.

Selbst im Superhelden-Kosmos ist vieles möglich. Gut, The Flash mag einen gewissen Trashfaktor haben, benötigte aber wegen der Superkräfte einiges an CGI. Die Serie Gotham hatte dagegen weniger Superkräfte, war aber insgesamt ein optischer Leckerbissen. Sie fing den Look von Gotham City perfekt ein und ist hervorragend geschrieben und besetzt.

Auf alle Serien lässt sich das sicherlich nicht anwenden. Ich kann mir nicht vorstellen wie ein House of the Dragon oder ein Andor 20 Folgen im Jahr bewerkstelligen sollte. Dafür ist die Qualität und der Aufwand in der Post-Production eindeutig zu hoch.

Der Serien-Hype geht verloren

Die Frage ist, ob jede Serie auf Film-Niveau produziert werden muss. Ich ertappe mich auch öfters, dass mich Serien verlieren, wenn ich zu lange auf die Fortsetzung warten muss. Das beginnt schon damit, dass ich vor einer neuen Staffel die vorigen Folgen oder eine Zusammenfassung anschauen muss, um überhaupt die Namen wieder präsent zu haben. Das gilt auch für House of the Dragon, das für mich eine der wenigen Serien ist, die nicht nur vom Namen Game of Thrones würdig beerben konnten. Gerade wegen der politischen Ebene fühlt sich die nötige Vorbereitung auf eine neue Staffel aber anstrengender an, als sie sein sollte.

Problem ist natürlich, dass wir uns an die optischen Werte aktueller Serien gewöhnt haben. Dass in Xena 1997 nur einen kleinen generischen Mauerabschnitt als Kulisse für die Schlacht um Troja hatte, war damals kein Problem. Selbst die HBO Serie Rome und die erste Game of Thrones-Staffel erzählten lieber passiv von großen Schlachten. Neue Serien-Fans erwarten jetzt aber fast schon, dass man Schlachten sieht, in denen riesige Heere aufeinander knallen inklusive Schlachtpanoramen aus der Luft und intensive Choreografien mitten im Getümmel.

Wie Serien dadurch an Hype verlieren, fühlt man ein wenig in der Star Wars-Bubble. Sowohl für den Mandalorian-Film als auch für die 2. Staffel Ahsoka spüre ich kaum noch einen Hype. Okay, die Star Wars-Bubble tendiert oft zur Negativität gegenüber neuen Produktionen und die Idee aus einer guten Serie unbedingt einen Film zu machen war ebenso umstritten. Der Mandalorian-Film kommt allerdings nach über 3 Jahren seit der letzten Staffel ins Kino. Einen ähnlichen Abstand gibt es auch bei Ahsoka, dessen geplanter 2026-Release noch kein genaues Datum hat. 

Bei Star Wars spielt aber auch rein, dass die Marke mit unzähligen Serien gemolken wird. Als Star Wars-Fan hat mich da zwar noch nicht die Superhelden-Fatique des MCU ereilt, aber ich hätte schon lieber weniger Serien, deren Staffeln dafür jährlich erscheinen. Der natürliche Flow einer Serie geht sonst doch irgendwie verloren.

Jährliche Staffeln brauchen neue Zugpferde

Für Serien die den neuen Takt etabliert haben, sehe ich nur begrenztes Potential auf eine Besserung. Zumindest hat Disney+ bei Percy Jackson nach der 1. Staffel direkt um zwei weitere verlängert. Auf die zweite Staffel musste man somit zwar zwei Jahre warten, doch begannen die Dreharbeiten an der dritten bereits Monate vor dessen Veröffentlichung. Für die Serie ist das sehr wichtig, hat man doch bewusst junge Darsteller gecastet, um der Buchvorlage besser gerecht zu werden.

Ein fast noch wichtigeres Zugpferd für die Rückkehr zu schnelleren Release-Zyklen dürfte die Harry Potter-Serie von HBO werden. Unabhängig davon, ob die Filme nicht eigentlich noch zeitgemäß genug sind, hat HBO von vorn herein viel Geld in die Hand genommen. HBO und Warner planen – je nach Quelle – 1,2 bis 8 Milliarden US-Dollar in die Serie zu investieren. Das würde es nicht nur zu teuersten Serie machen, sondern auch die Kosten der Filme deutlich überflügeln.

Eigentlich geht es aber weniger um die Kosten, als den Vertrauensvorschuss. Das erklärte Ziel ist die komplette Buchreihe über einen Zeitraum von 10 Jahren als Serie zu produzieren. Rechnen wir in Büchern bzw. Schuljahren kommen wir auf immerhin 7 Staffeln. Das wäre mit diesen Produktionsaufwänden kaum möglich, wenn man staffelweise über eine Verlängerung entscheidet. Trotzdem muss die Serie sich erst einmal beweisen und dann auch zeigen, dass ein so ambitioniertes Projekt in der Zeit machbar ist. Durch einen weitgehend konsistenten Schauplatz zahlt die Vorproduktion aber auch stark in kommende Staffeln ein.

Ich hoffe dass die Harry Potter-Serie aller Unkenrufe zum Trotz ein durchschlagender Erfolg wird und am Ende dem Trend des großen Abstand zwischen Serien-Staffeln etwas entgegen wirkt. Trotzdem braucht es auch einige weniger kolossale Produktionen, die das Modell auch für kleinere Budgets wieder attraktiv machen. Dafür müssen Plattformen allerdings auch lernen, langfristiger zu planen, anstatt kurze Erfolge im Wettkampf um den Streaming-Markt aufzuweisen.


Image by Lucasfilm Ltd. / Disney

Das Internet ist sein Zuhause, die Gaming-Welt sein Wohnzimmer. Der Multifunktions-Nerd machte eine Ausbildung zum Programmierer, schreibt nun aber lieber Artikel als Code.


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