4 Thesen zur Überlebenskunst des Fernsehens!

Gastbeitrag von Thomas Praus

 

Totgesagte leben länger, und was kratzt es überhaupt die Eiche. Nur weil ein paar Internetheinis nur noch sporadisch zappen, aber natürlich trotzdem die EM-Spiele schauen und natürlich trotzdem wissen, was GNTM bedeutet, ist das TV noch lange nicht tot. Wir reden hier über eine Industrie, die Milliarden umsetzt, die wird sich nicht einfach wegmarginalisieren lassen. Fragen wir lieber, was aus dem Fernsehen wird. Oder fragen wir noch lieber, was das Wort „Fernsehen“ in ein paar Jahren bedeuten wird.

Erstens: Der Fernseher steht im Wohnzimmer und der Computer auf dem Schreibtisch. Und das wird auch noch eine Weile so bleiben. Damit ist nicht gesagt, dass Filme von der Festplatte nicht auch auf der Flimmerkiste laufen oder der Festplatten-Recorder vom Schreibtisch programmiert wird, aber dies sind eben genau die Grenzen der Medienkonvergenz. Das Nutzungsverhalten: Zurücklehnen vs. Konzentrieren, Entscheidungen treffen vs. sich Entscheidungen abnehmen lassen.

Zweitens: Fernsehen wird nonlinear. Koch- und Quizsendungen wird es weiter geben, Serien werden produziert und lizensiert und dann ausgeliefert, aber das Zeitkorsett wird von den Sendern selbst aufgebrochen, so wie es Premiere jetzt schon macht und es mündige Zuschauer mit dem Festplatten-Recorder tun. Und da setzt auch schon die Frage an, ob das dann noch Fernsehen ist?

Drittens: Fernsehen wird zum Spiel und zum Shop. Wie es in England bereits viele Spielekanäle per Digital-Satellit gibt, werden auch in Deutschland mit der Fernbedienung Quiz und Adventure gesteuert werden. Und über den herbei gesehnten „Buy-Button“ mit dem sich Gegenstände vom Bildschirm wegkaufen lassen, will ich an dieser Stelle nicht einmal nachdenken.

Viertens: Die Fernsehmacher werden ihre Macht verteidigen. Denn sie verfügen nach wie vor über mächtige Auslieferungskanäle und werden es sich nicht nehmen lassen, diese weiterhin kommerziell auszuschlachten: Mit Pay per View, Gewinnspielen (Zuschauer vs. Zuschauer, der Gewinner kriegt 80 Prozent, die restlichen 20 Prozent gehen an den Sender usw.). Abrechnung über die Telefonrechnung, In-Game-Items und, ähm, ja auch Werbung. Die allerdings wird zum einen tief im Programm verankert sein (es gibt Firmen, die Software für das automatische Austauschen von z.B. Logos in Filmen erarbeiten) und höchst kontextuell, also auf das Programm und den Zuschauer ausgerichtet sein. Das mit der Macht gilt übrigens auch für öffentlich-rechtliche Sender. Auch diese werden ihre Macht verteidigen, ihre Vision von Glaubwürdigkeit und Seriösität über massenmediale Kanäle vermitteln zu können.

Das Fernsehen ist nicht tot und es wird auch auf absehbare Zeit nicht sterben! Das Fernsehen wird sich verändern, auch und vor allen Dingen mit Hilfe von Technologien und Medienpraktiken des Internets. Und „fern sehen“ wird man zumindest noch so lange, wie ein Fernseher im Wohnzimmer steht.

Steffen Büffel

ist freiberuflich als Medien- & Verlagsberater, Trainer und Medienwissenschaftler tätig. Schwerpunkte: Crossmedia, Social Media und E-Learning. Seine Blogheimat ist der media-ocean. Außerdem ist er einer der Gründer der hardbloggingscientists. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.


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