Kann man per App die Welt retten? Was Spenden-Apps alles können

Helfen ist super, Apps sind einfach. Helfen per App ist super einfach. Nach diesem Motto haben auch in Deutschland in den letzten Jahren viele Startups sogenannte Spendenapps ins Leben gerufen.

Mit einem Klick den Welthunger stoppen helfen

Das Prinzip dahinter ist simpel und basiert auf derselben Idee wie die Spendenmarathons im Fernsehen um die Weihnachtszeit: Wenn viele Menschen auch nur wenig Geld spenden, kommen am Ende bedeutende Summen zusammen. Doch anders als die jährlichen TV-Shows kann eine App viel geschmeidiger in den Alltag integriert und häufiger abgerufen werden. Potentiell können so viel mehr Menschen erreicht werden.

Eine der bekanntesten Spendenapps aus Deutschland heißt ShareTheMeal. ShareTheMeal bezeichnet sich selbst als die erste App der Welt gegen globalen Hunger. Dahinter stecken die Berliner Gründer Sebastian Stricker und Bernhard Kowatsch. In Zusammenarbeit mit dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen soll die App dabei helfen, hungernden Kindern auf der ganzen Welt eine Mahlzeit zukommen zu lassen. „Was kostet es, Welthunger zu stoppen?“ heißt es im Promo-Video des Startups. Die Antwort: 50 US-Cent. Damit kann demnach ein Kind einen ganzen Tag lang ernährt werden.

Über 12 Millionen Mahlzeiten wurden so laut ShareTheMeal seit der Gründung im Jahr 2014 schon finanziert. Ein Klick, eine kleine Spende und damit ohne viel Aufwand sehr viel Gutes tun. Auch für Nutzer ist das eine attraktive Art, um Menschen in Not zu helfen. Spendenapps sind unkomplizierter, ansprechender und direkter als die gängigen Offline-Spendenaktionen. Wer von uns wird schon gerne beim Einkaufen in der Fußgängerzone unterbrochen oder füllt freudig Spendenformulare für Fremde vor der Haustür aus? Spendenapps dagegen können viel geschickter in unsere täglichen Aktivitäten integriert werden.

Joggen gehen, Haus entrümpeln – und dabei etwas Gutes tun

Zum Beispiel beim Entrümpeln. Bei dem Münchner Startup SWOP haben die Gründer entsprechend das Nötige mit dem Hilfreichen verbunden. Nutzer machen Fotos von Gegenständen, die sie nicht mehr brauchen und verkaufen möchten. Diese Artikel werden dann über die SWOP-Plattform online gestellt und für andere Nutzer sichtbar. Diese können die Gegenstände dann direkt erwerben, die Bezahlung läuft per App. Ein Teil der Einnahmen geht an soziale Projekte wie Kick ins Leben oder an die Paria Stiftung.

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Screenshot by Marinela Potor

Andere Apps wiederum verbinden das Spenden mit Sport. „Stell dir vor, du gehst joggen und rettest dabei die Welt“ , heißt es etwa bei movingtwice, einem Startup aus St. Gallen in der Schweiz. Das Spenden hier funktioniert etwas anders als bei ShareTheMeal oder SWOP. Nutzer laden sich die kostenlose App auf ihr Smartphone und wählen dann ein Hilfsprojekt, das sie unterstützen möchten. Das kann eine Grundschule in Zimbabwe oder die Stiftung Rechnen in Quickborn sein. Jedes dieser Projekt wird von einem Unternehmen unterstützt. Zu den Investoren bei movingtwice gehören aktuell unter anderem die comdirect Bank oder Bahlsen. Sobald Nutzer die App in ihr Laufprogramm integrieren und ein Hilfsprojekt wählen, gibt es für jede gelaufene Strecke einen kleinen Geldbetrag von den Investoren.

Spendenapps als Werbeplattform

Apps wie movingtwice, SWOP oder ShareTheMeal haben dabei klar die Smartphone-affinen Millenials als Zielgruppe vor Augen. Denn auch wenn die Spendenbereitschaft von Menschen unter 40 Jahren in den letzten Jahren gestiegen ist, sind es nach wie vor ältere Spender, die das meiste Geld geben. Wie die Volkswirtin Angela Ullrich von betterplace-lab herausgefunden hat, kamen im Spendenjahr 2015 in Deutschland rund 54 Prozent der Geldspenden von Personen, die über 60 Jahre alt waren. Gerade bei den Millenials besteht also noch großes Potential.

Das ist auch für Investoren solcher Startups ist das interessant, denn die Spendenapps liefern ihnen einen direkten Kanal zu den jungen Nutzern. Prinzipiell sei das lobenswert, sagt etwa Björn Lampe, Vorstand der Spendenplattform Betterplace.org gegenüber dem Bayrischen Rundfunk: „Wenn eine App richtig viele Nutzer erreicht, dann kann das sehr gut funktionieren und ein spannender Kanal sein.

So entsteht ein interessantes Zusammenspiel zwischen Startups, Investoren und der Hilfsbereitschaft von Nutzern. Denn nicht alle Charity-Apps haben wie etwa ShareTheMeal große Hilfsorganisationen wie die UN hinter sich stehen und finanzieren sich deshalb stattdessen über Investoren. Diese wiederum nutzen die Apps, um Werbung zu schalten. Diese kann entweder organisch integriert sein wie bei movingtwice oder der eigentliche Kern der Spendenaktion sein. Bei der Spendenapp smoost etwa sammeln Nutzer Geld, nicht indem sie joggen, sondern indem sie auf ein Werbebanner klicken. Für jeden Klick, spenden Investoren Geld an gemeinnützige Projekte.

Für Unternehmen sind solche Werbeplattformen über Apps auf Smartphones mittlerweile mindestens genauso interessant wie klassische Werbebanner oder Fernsehwerbung. So wurde beispielsweise 2015 in Deutschland ein Umsatz von 204 Millionen Euro netto allein über mobile Display-Werbung erzielt. Im Vergleich zu den beiden Vorjahren ist das ein Zuwachs von 116 Millionen Euro, heißt es im OVK-Report des Bundesverband Digitale Wirtschaft. Kein Wunder also, dass Investoren Spendenapps als Imagekampagne und Werbekanäle zugleich nutzen möchten.

Spenden ohne Geld?

Nutzer wiederum können über diese Art von werbefinanzierten Spendenapps helfen, ohne tatsächlich jemals Geld in die Hand nehmen zu müssen. Ob das jedoch so hilfreich sei, bezweifelt etwa Jürgen Schupp. Als Direktor des sozioökonomischen Panels im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin hat er unter anderem auch das Spendenverhalten von Menschen untersucht. Er sieht die Spendenapps eher skeptisch. Seine Befürchtung: Das geldlose Spenden durch die Apps könnte dazu führen, dass Nutzer gar kein Geld mehr für den guten Zweck in die Hand nehmen und in Zukunft direkte Geldspenden für karitative Projekte gänzlich einstellen.


Image (adapted) „Waise“ by WenPhotos (CC0 Public Domain)


 

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Marinela Potor

Marinela Potor

begann ihren journalistischen Werdegang bei kleinen Lokalzeitungen und arbeitete dann während ihres Studiums als Reporterin für den Universitätsradiosender. Ihr Volontariat machte sie bei Radio Jade in Wilhelmshaven. Seit 2010 hat sie ihren Rucksack gepackt und bereist seitdem rastlos die Welt – und berichtet als freie Journalistin darüber. Über alle „inoffiziellen“ Geschichten schreibt sie in ihrem eigenen Blog fest. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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