Warum wir auch im 21. Jahrhundert Bargeld brauchen

Datenschützer engagieren sich derzeit unter dem Motto “Rettet das Bargeld!”. Das ist richtig so, denn auch im 21. Jahrhundert brauchen wir dieses Zahlungsmittel. In der deutschen und EU-Politik werden derzeit deutliche Einschränkungen beim Zahlungsverkehr mit Bargeld diskutiert. Viele Datenschützer befürchten sogar, dass das Bargeld schrittweise komplett abgeschafft werden soll. Dagegen protestieren sie und schrieben unter anderem einen offenen Brief an Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), der die “Rettung des Bargelds” fordert. Zu recht, denn dieses Zahlungsmittel hat auch in Zeiten der Digitalisierung noch viele Vorteile, von Tradition über Rechtssicherheit bis hin zum Schutz der Privatsphäre.

Bargeld-feindliche Politik

In der Politik Deutschlands und Europas werden derzeit politische Maßnahmen diskutiert, die andeuten, dass man Bargeld als Zahlungsmittel zumindest skeptisch gegenüber steht. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble plant, Barzahlungen künftig auf maximal 5000 Euro zu begrenzen. Parallel denkt die Europäische Zentralbank (EZB) laut über eine Abschaffung des 500-Euro-Scheins nach.

Diese Maßnahmen sollen unter anderem bei der Kriminalitätsbekämpfung helfen, werden aber von Daten- und Verbraucherschützern massiv kritisiert.

Effekt auf die Kriminalität ist zweifelhaft

Experten bezweifeln, dass die Bargeldobergrenze und die Abschaffung von 500-Euro-Scheinen einen großen Effekt auf Kriminalität und Schwarzarbeit haben werden. “Das bringt fast gar nichts”, sagte der Schattenwirtschafts-Experte Friedrich Schneider von der Universität Linz der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung”. Er schätzt, dass die geplante Begrenzung von Barzahlungen die Schwarzarbeit um lediglich 1% senken würde. Selbst bei einem kompletten Bargeldverbot würde die Schwarzarbeit seiner Ansicht nach um maximal 3% zurückgehen.

Ebenso vermutet Schneider einen nur geringen Effekt der geplanten Maßnahmen auf das organisierte Verbrechen. “Das organisierte Verbrechen ist doch nicht blöd, sondern die Geldwäsche läuft doch längst weit überwiegend bargeldlos über Scheinfirmen; nur in Filmen ist es noch so, dass die mit einem Geldkoffer über die Grenze reisen”, so der Finanzexperte.

Ähnlich skeptisch wie Schneider äußerten sich auch andere Experten, unter anderem vom Deutschen Richterbund. Angesichts dieser Prognosen stellt sich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit: Die Einschränkung des Bargelds bringt wenig, ist aber mit massiven Einbußen bei der persönlichen Freiheit der Bürger verbunden. Diese können nicht mehr uneingeschränkt selbst entscheiden, welchem Zahlungsmittel sie den Vorzug geben. Dabei hat die Barzahlung einige wichtige Vorteile.

Bargeld als rechtssicheres Zahlungsmittel

Der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung betont in seinem offenen Brief – den auch eine Reihe von anderen NGOs und Verbraucherschutz-Organisationen unterzeichnet haben – unter anderem die Bedeutung von Bargeld als rechtssicheres Zahlungsmittel. “Euro-Bargeld ist das einzige Zahlungsmittel, das niemand zur Erfüllung einer Geldforderung ablehnen kann, ohne rechtliche Nachteile zu erleiden. Im Euroraum ist Euro-Bargeld das gesetzliche Zahlungsmittel. In Deutschland sind auf Euro lautende Banknoten das einzige unbeschränkte gesetzliche Zahlungsmittel (neben den auf 50 Stück oder im Wert auf 200 Euro beschränkten Münzen),” erklären die Datenschützer.

Bargeld, Tradition und Praktikabilität

Daneben steht das Bargeld auch für eine Reihe von lieb gewonnenen Traditionen. Damit ist nicht nur Omas Sparstrumpf gemeint. Man denke neben der älteren nur einmal an die ganz junge Generation. Die meisten von uns erinnern sich wohl gern an das wöchentliche Taschengeld, kleine finanzielle Belohnungen für erledigte Aufgaben und die in den Ferien extra zugesteckten Münzen für ein Eis am Strand. Durch solche kleinen Transaktionen lernen Kinder die Funktionsweise von Geld. Wäre dieses Geld nicht “greifbar”, wäre der Moment für die Kleinen, die sich die Welt noch sehr direkt vorstellen und sie mit allen Sinnen erfahren, wohl lange nicht dasselbe.

Eng damit verbunden sind Situationen, in denen die Barzahlung Tradition ist, weil die Nutzung anderer Zahlungsmittel schlichtweg nicht praktikabel ist. Man denke nur einmal an Wochen-, Handwerker- oder Mittelaltermärkte. Womöglich könnte jeder Händler theoretisch auch ein Gerät für elektronische Zahlungen mitnehmen. Das würde sich aber für Viele aufgrund der Gebühren kaum lohnen. Zudem gibt es bei solchen mobilen Veranstaltungen, gerade in ländlichen Gegenden, häufig Probleme mit dem für eine Kartenzahlung nötigen Mobilfunk-Empfang, ein Problem, das verstärkt wird, je mehr Leute das Netz gleichzeitig nutzen.

Noch stärker gilt die mangelnde Praktikabilität elektronischer Zahlungsmittel für den Verkauf von Gebrauchtwaren, etwa auf Flohmärkten. Es kann sich wohl kaum jeder Gelegenheits-Händler die nötige Ausrüstung für elektronische Zahlungen zulegen. Einzig Dienste wie PayPal wären hier eine Option, haben aber ihre ganz eigenen Risiken.

Und auch Musikgruppen werden in der Regel bar aus der Abendkasse bezahlt. Ganz zu schweigen von Straßenmusikern, denen begeisterte Shopper auf die Schnelle einige Euro zukommen lassen wollen.

Neben eher kleinen sind auch sehr große Transaktionen derzeit nicht unbedingt bargeldlos machbar. Je nach Karten- und Überweisungslimit kommen für Anschaffungen wie das neue Auto oder die teure Kamera samt Zubehör Barzahlungen weitaus eher in Frage, da die Sicherheitsvorkehrungen eine Nutzung elektronischer Zahlungsmittel unterbinden. Daneben gibt es natürlich immer das Risiko, dass elektronische Zahlungsdienste aufgrund von technischen Problemen (oder kriminellen Aktivitäten) ausfallen. Eine zu große Abhängigkeit von einer solchen Infrastruktur ist daher immer problematisch.

Eine private Nische im Alltag

Der elektronische Zahlungsverkehr ist lückenlos dokumentiert und überwacht. Das kann auch völlig unbescholtenen Bürgern leicht zu viel werden. Die Nutzung von Bargeld ist eine Möglichkeit, im Alltag seine Privatsphäre zu wahren, und damit ein kleiner Beitrag zum Schutz der Menschenrechte.

Natürlich sollen elektronische Zahlungsmittel nicht verteufelt werden – auch sie haben ihre Daseinsberechtigung. Daneben müssen wir uns aber gleichberechtigt auch die Möglichkeit bewahren, unsere Zahlungen mit Bargeld zu tätigen – sicher, traditionell und anonym. Das hat auch im 21. Jahrhundert noch seinen Platz.


Teaser & Image „bargeld“ by blickpixel (CC0 Public Domain)


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Annika Kremer

Annika Kremer

schreibt regelmäßig über Netzpolitik und Netzaktivismus. Sie interessiert sich nicht nur für die Technik als solche, sondern vor allem dafür, wie diese genutzt wird und wie sie sich auf die Gesellschaft auswirkt.

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