Verschlüsselung ist kein Terroristen-Werkzeug

Die Attentäter von Paris nutzten keine Verschlüsselung für ihre Planung. Terror braucht keine Kryptographie – eine freie Gesellschaft aber schon.  // von Annika Kremer

Paris im November 2015 (Image by Marc Barkowski [CC BY 2.0] vie Flickr)

Neue Erkenntnisse der Pariser Ermittlungsbehörden belegen: die Attentäter von Paris nutzten keine Verschlüsselung, um ihre Anschläge zu planen und zu koordinieren. Stattdessen setzten sie auf Mobilität und ständig wechselnde Billig-Mobiltelefone. Diese Ermittlungsergebnisse zeigen: diejenigen, die die Anschläge zum Feldzug gegen Kryptographie ins Feld führen, sind unehrlich oder zumindest im Irrtum. Terrorismus lässt sich, wie nun noch einmal bewiesen wurde, auch ohne Verschlüsselung planen. Dagegen brauchen wir Verschlüsselung zum Schutz der Privatsphäre und der Meinungs- und Pressefreiheit.

Terroristen nutzten Wegwerf-Telefone

Durch die Arbeit der französischen Ermittlungsbehörden lässt sich mittlerweile ein genaues Bild der Aktivitäten der Attentäter von Paris vor und während den Anschlägen zeichnen. Die netzpolitisch interessanteste Erkenntnis: Die Terroristen sicherten ihre Kommunikation nicht durch Verschlüsselung ab. Sie verzichteten sogar ganz auf die Nutzung von Internet-Kommunikation wie E-Mail und Instant Messengern (lediglich auf einem der später gefundenen Mobiltelefone war ein GMail-Konto eingerichtet, das aber nicht zum Versenden oder Empfangen von Nachrichten benutzt worden war).

Um sich einer Entdeckung durch die Behörden zu entziehen, setzten die Attentäter vielmehr auf ständige Mobilität sowie auf eine Vielzahl billiger Mobiltelefone- mit denen sie jeweils einige Minuten telefonierten. Anschließend wurden die Geräte direkt an Ort und Stelle entsorgt. Polizisten fanden im Umfeld der Anschläge mehrere benutzte sowie in einer der von den Terroristen genutzten Räumlichkeiten einige noch originalverpackte Mobiltelefone.

Verschlüsselung spielte keine Rolle bei der Anschlagsplanung

Die neuesten, sehr detaillierten Ermittlungsergebnisse zeigen, dass Verschlüsselung keinerlei Rolle bei der Planung der Anschläge von Paris spielte. Das deckt sich mit Aussagen der Pariser Behörden direkt nach den Anschlägen. Dennoch wurden die Attentate von vielen politischen Hardlinern dazu genutzt, schärfere Sicherheitsmaßnahmen und insbesondere ein strengeres Vorgehen gegen Kryptographie zu fordern.

NSA-Direktor Michael Roger erklärte noch letzten Monat, ohne Verschlüsselung hätten die Anschläge von Paris nicht stattfinden können. Hätten die Attentäter nämlich unverschlüsselt kommuniziert, so die Argumentation Rogers, hätten die US-Behörden ihre verdächtige Kommunikation rechtzeitig bemerkt und ihre französischen Kollegen vor der drohenden Gefahr warnen können.

Rogers schon zuvor fragwürdige Aussagen sind nun vollständig widerlegt. Wahrscheinlich sind sie politisch motiviert: diejenigen, die Verschlüsselung ohnehin skeptisch gegenüber stehen und eher als Werkzeug für Verbrecher als eines für mündige Bürger ansehen, nehmen aktuelle Anlässe wie die Anschläge von Paris zum Anlass, um ihre Position zu untermauern und Forderungen (beispielsweise nach einem Krypto-Verbot oder dem verpflichtenden Einbau von Hintertüren für staatliche Zugriffe) zu stellen. Dabei machen sie Politik mit der Angst der Bevölkerung und deren Abscheu gegen Terrorismus. Ein sachlicher Diskurs bleibt dabei leider allzu oft auf der Strecke.

Verschlüsselung: Ein Werkzeug für die Freiheit, nicht für den Terror

Terroristen brauchen keine Verschlüsselung, um Anschläge zu planen. Sie haben, wie das Beispiel Paris zeigt, andere Möglichkeiten, sich einer behördlichen Kontrolle zu entziehen. Genug Geld, Entschlossenheit und kriminelle Energie vorausgesetzt, werden sie diese Möglichkeiten auch weiterhin finden. Dagegen hilft allenfalls solide Polizeiarbeit (und eine Gesellschaft, die den Terrorismus politisch in seinen Wurzeln bekämpft) und keine Krypto-Verbote oder Hintertüren in Verschlüsselungs-Software. Es ist nicht auszuschließen, dass auch Terroristen zu irgendeinem Zeitpunkt einmal Verschlüsselung genutzt haben oder noch nutzen werden. Aber darauf angewiesen sind sie nicht und wenn Verschlüsselung verboten oder durch Hintertüren ineffektiv gemacht würde, würden die Kriminellen andere Möglichkeiten finden, weiterhin kriminell zu sein.

Dagegen wird eine starke Verschlüsselung für eine Reihe von legitimen Zwecken gebraucht. Sei es die Absicherung privater oder geschäftlicher Daten gegen Kriminelle, der Schutz vor der ausufernden Überwachung von NSA und Co oder die Sicherung der Meinungsfreiheit gegen einige ihre Kompetenzen überschreitenden Behörden.

Verschlüsselung ist ein Werkzeug und kann zum Guten wie zum Bösen eingesetzt werden. Ihre legitimen und für die digitalisierte Gesellschaft positiven Einsatzzwecke sind aber weitaus schwerwiegender und verbreiteter. Deswegen sollten wir den Versuchen, mit fadenscheinigen Argumenten und Panikmache gegen Verschlüsselung vorzugehen, entschieden entgegen treten.


Image “Paris im November 2015” by Marc Barkowski (CC BY 2.0)


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Annika Kremer

Annika Kremer

schreibt regelmäßig über Netzpolitik und Netzaktivismus. Sie interessiert sich nicht nur für die Technik als solche, sondern vor allem dafür, wie diese genutzt wird und wie sie sich auf die Gesellschaft auswirkt.

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