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FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

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  • SAFETY CHECK sueddeutsche: Facebooks Safety Check – manchmal hilfreich, manchmal Panikmache: Die Schicherheitsabfrage von Facebook wurde bis jetzt nicht nur gelobt. Mit ihr können sich Nutzer auf Facebook in Sicherheit markieren sollte es in einer Region zu einem Anschlag oder einer anderweitigen Katastrophe kommen. Der Safety Check aktiviert sich, wenn ein Algorithmus in Posts oder Lokalmedien Keywords wie „Terror“ oder „Anschlag“ oder „Erdbeben“ erkennt. Nach den weitflächigen Bedrohungen in Barcelona war die Funktion sinnvoll, im Falschen Moment aktiviert, kann die Funktion aber auch eher für Panik als für Beruhigung sorgen.

  • BREITBAND golem: Breitbandausbau kommt nur schleppend voran: Milliardenförderungen wurden in den Breitbandausbau investiert, doch auf dem Land ist noch kaum ein Teil der Förderung angekommen. Bis 2018 sollten alle Deutschen Haushalte über mindestens einen Breitbandzugang verfügen. Momentan liegt die Quote bundesweit erst bei 75 Prozent, in manchen Regionen sogar noch weniger. Doch die Bundesregierung geht weiterhin von der Erfüllung des Ziels aus. Kritik erntet die Regierung mittlerweile nicht nur aus den Reihen der Lokalregierungen, sondern auch von Industrie und Handelskammern.

  • DROHNEN faz: Stören, abschießen und den Pilot verhaften: Drohnen warden immer beliebter, auch unter Privatpersonen. Durch ein GPS Signal erkennen manche Fluggeräte mittlerweile in welchen Zonen sie nicht fliegen darf und warnt die Nutzer, schwierig wird es bei Privatgelände von Firmen, bei denen es zu Industriespionage kommen kann. Aus diesem Grund hat sich ein großer Markt für Drohnen-Abwehr gebildet. Durch Funksignale und Erkennungssensoren soll die Drohne erkannt und dann durch ein so genanntes „Jamming“ das Signal zwischen Drohne und Fernbedienung verursacht werden. Dann könnten die Drohnen erfasst und abgeschossen werden. Die Sensortechnik soll sogar in der Lage sein den Standort des Piloten ausfindig zu machen.

  • BILDBEARBEITUNG google research blog: Making Visible Watermarks More Effective: Ein neuer Algorithmus von den Google Researchern ist nun in der Lage Wasserzeichen von Fotos zu entfernen. Viele Fotoanbieter im Internet nutzen Wasserzeichen um Internetnutzern den Zugang zu klaren Bildern zu verweigern, außer diese zahlen den genannten Preis. Die Forscher sagen, sie wollen mit der Vorstellung dieses Algorithmus keineswegs Fotoanbieter angreifen, sondern ihnen eine Sicherheitslücke aufzeigen.

  • GOOGLE wired: What Google’s Open Communication Culture Is Really Like: Die Arbeitswelt bei Google basiert auf einem bestimmten Modell – kommunikativ, offen, inspirierend Ideen zu verfolgen. Das zeichnet ein Bild ähnlich dem eines Universitätscampus. Regelmäßige Großmeetings, offene Mikrofone und Diskussionen. Das führt zu einer starken Einbeziehung der Mitarbeiter in das Unternehmen und schafft Loyalität. Doch mit zunehmender Größe des Unternehmens oder einer Angst vor immer gefährlicher werdenen Leaks wurden Veränderungen irgendwann unumgänglich, schreibt dieser Ex-Google Mitarbeiter.

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Wie man „digitale Lauffeuer“ in sozialen Medien überwacht

Smartphone (adapted) (Image by Christian Hornick [CC BY-SA 2.0] via flickr)

Am 29. Oktober 2012 wurde New York vom Hurrikan Sandy getroffen. Es war eine Zeit großer Sorge und viele Leute wandten sich an Social Media-Plattformen wie Twitter und Facebook, um Neuigkeiten über Überschwemmungen, Stromausfällen, Schäden und mehr zu teilen und zu sammeln. Während dieser Zeit postete ein Twitter-Nutzer namens @ComfortablySmug eine Reihe von Kurzmeldungen über die Auswirkungen des Hurrikans. Diese beinhalteten Berichte, dass die Börse überflutet war, Manhattan einen kompletten Stromausfall erleben würde, und dass das U-Bahn-System für eine Woche geschlossen sei. Diese Meldungen waren sicherlich erschreckend – aber sie waren schlichtweg falsch.

Trotz fehlender Beweise zu den Behauptungen von ComfortablySmug wurden die Posts bald als Retweets weiterverbreitet und manche wurden als Fakten im Fernsehen aufgezählt. Es dauerte einige Zeit, bis die Behauptungen von den Organisationen widerlegt wurden. Die Verbreitung dieses Inhalts führte zweifellos zu mehr Angst während des Hurrikans.

 

In einem Bericht aus dem Jahr 2013 beschrieb das World Economic Forum die Posts von ComfortablySmug während des Hurrikans als bedrohliches „digitales Lauffeuer“. Diese brechen aus, wenn sich Inhalt, der entweder beabsichtigt oder unbeabsichtigt irreführt oder provokativ ist, schnell ausbreitet und ernste Konsequenzen nach sich zieht. Laut dem WEF-Bericht entsteht das Potenzial digitaler Lauffeuer häufig durch die gegenwärtige Beliebtheit sozialer Medien und durch die Art, wie die Plattformen die Verbreitung und das Teilen von Inhalten ermöglichen. Sie breiten sich besonders in Zeiten von Spannungen rasch aus – zum Beispiel gab es zahlreiche Fälle von nicht verifizierten aufrührerischen Inhalten, die sich nach den jüngsten Terrorereignissen rasch verbreiteten. Ein manipuliertes Bild des Journalisten Veerender Jubbal, ein Kanadier indischer Abstammung, brachte ihn fälschlicherweise mit verschiedenen Terrorakten in Verbindung – sein Bild schwappte nach den Anschlägen in Paris im November 2015 und nach dem Amoklauf in Nizza im Juli 2016 durch das Netz. Die Verbreitung weiterer falscher Gerüchte in Folge des Anschlags in Nizza – zum Beispiel, dass der Eiffelturm brannte, und dass einige Stadtbewohner als Geiseln genommen wurden – veranlasste die französische Regierung dazu, an Nutzer sozialer Medien zu appellieren, dass diese nur Informationen von offiziellen Quellen teilen sollten.  

Es ist offensichtlich, dass digitale Lauffeuer verheerende Konsequenzen für den Ruf von Einzelpersonen, Gruppen, Gemeinschaften und sogar ganzen Bevölkerungen nach sich ziehen können. Inzwischen macht das Tempo, mit dem sich Inhalte verbreiten, es für offizielle Agenturen sehr schwierig, auf diese rechtzeitig zu reagieren: Zu dem Zeitpunkt, an dem die Verbreitung der Inhalte sich verlangsamt oder endet, ist möglicherweise bereits großer Schaden entstanden. Aber was kann getan werden, um die Verbreitung von Fehlinformationen zu begrenzen oder zu verhindern?

Wenn wir akzeptieren, dass digitale Lauffeuer durch die schnelle Verbreitung von irreführenden oder provokativen Inhalte in sozialen Medien massive Schäden anrichten können, können wir ebenso fragen, wie sie verwaltet und gesteuert werden können. Die Auswirkungen dieser „globalen Risikofaktoren“, wie das WEF sie beschreibt, können theoretisch begrenzt werden – die Frage ist nur, wie das geschehen soll.

Eine Antwort darauf ist für einige Gruppen von Belang: Politische Entscheidungsträger, Social Media-Plattformen, Strafvollzugssorganisationen, Erzieher, ganz normale Bürger, Organisationen, die sich gegen sexuelle Belästigung einsetzen und die Nutzer sozialer Medien selbst. Es ist auf alle Fälle ein enorm komplexes Thema.

Zunächst kann es schwierig sein, praktische Lösungen zu identifizieren. Zum Beispiel könnten wir legale Mechanismen in Betracht ziehen, um Individuen für unangemessene Posts zu bestrafen. Jedoch erschwert die weltweite Nutzung des Internets die Rechtsprechung und in jedem Fall würden die legalen Strafen rückwirkend angewandt, was nicht sonderlich dazu beiträgt, die digitalen Lauffeuer in Echtzeit zu bewältigen.

Zudem müssen wir uns mit ethischen Fragen zur Redefreiheit auseinandersetzen. Jeder Versuch, Einzelpersonen davon abzuhalten, Inhalte zu posten oder zu teilen oder ganz extreme Formen zu verbieten, würde wahrscheinlich von vielen Gruppen, auch von der Mehrheit der Social Media Plattformen, als eine nicht akzeptable Begrenzung der freien Meinungsäußerung angesehen werden.

In unserem Forschungsprojekt versuchen wir, Möglichkeiten für verantwortliche Regierungsmechanismen zu identifizieren, die die Schäden aufgrund irreführender oder provokativer Inhalte bewältigen können und zugleich die Redefreiheit schützen.

Seit Beginn der Untersuchungen im Jahr 2014 konzentrierten wir uns auf Selbststeuerung als ein potenziell verantwortliches und effektives Mittel zur Regulierung von Inhalten. Nutzer sozialer Medien würden ihr eigenes und das Onlineverhalten anderer verwalten – zum Beispiel durch Postings, um falsche Informationen zu korrigieren, die Verbreitung von Gerüchten zu verhindern, Hassreden entgegenzustehen und vieles mehr. All das könnte durch weitere technische Mechanismen unterstützt werden. Obwohl es unwahrscheinlich ist, dass Selbststeuerung jemals alleine vollständig effektiv sein wird, und auch ein Risiko des Anprangerns und digitaler Selbstjustiz in sich birgt, kann es in Echtzeit wirken und Massenverbreitung von Posts verhindern, die zu digitalen Lauffeuern führen könnten.

Im Laufe unseres Projektes unternehmen wir rechnerbasierte Modellierungsarbeit, um die Auswirkung selbstregulierender Praktiken auf die Verbreitung von Inhalten zu untersuchen. Wir beschäftigen uns auch mit relevanten Akteuren, um weitere Maßnahmen wie Bildungsprogramme zu beurteilen. Eine Gemeinschaftsbildung im Netz könnte die Selbststeuerung in sozialen Medien fördern, festigen und verbessern, um Bedrohungen durch digitale Lauffeuer zu begrenzen.

Dieser Artikel wurde von Marina Jirotka verfasst, die dabei von ihren Kollegen des Digital Wildfire Projekt Teams unterstützt wurde: Helena Webb, William Housley, Rob Procter, Adam Edwards, Bernd Stahl, Pete Burnap, Omer Rana und Matthew Williams. Obwohl Twitter eine öffentliche Plattform ist, gibt es unter Forscher die Debatte, ob es ethisch vertretbar sei, Tweets in Veröffentlichungen zu benutzen und für ein größeres Publikum bereitzustellen. Die Tweets dieses Artikels wurden nach folgenden Bedingungen ausgesucht: Sie kommen entweder von institutionellen Accouncts, oder sind von Usern, die schon länger als Personen des öffentlichen Lebens zu definieren sind.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Smartphone“ by Christian Hornick (CC BY-SA 2.0)


The Conversation

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Wie Technologie helfen kann, Terroranschläge vorherzusagen

Control is an Option to Command (adapted) (Image by Frederico Cintra [CC BY 2.0] via flickr)

Das Internet ist zu einer Waffe für Terroristen geworden, die sozialen Medien und andere Technologien zur Organisation, Rekrutierung und Verbreitung von Propaganda nutzen. Ist es also möglich, Technologie umzukehren, und sie nicht nur zur Verhaftung zu nutzen, sondern auch zur Vorhersage und möglicherweise Verhinderung von terroristischen Anschlägen, noch bevor sie geschehen? Wir können die Technologie zur Online-Untersuchung von Handlungs- und Sprachmustern von Terroristen und ihren Unterstützern einsetzen. Wenn wir Tendenzen, die im Vorfeld von Attacken geschehen, aufdecken können, müsste es in Zukunft automatisch möglich sein, geplante Gewalttaten zu identifizieren. In einer gerade erschienenen Studie versuchten Forscher der Harvard Universität eben dies zu tun. Sie nutzten Computersimulationen, um aufzuzeigen, wie sich inoffizielle Gruppen von Online-Unterstützern des Islamischen Staats durch Seiten in sozialen Netzwerken verbreiten und wachsen und wie dies in Zusammenhang mit den Zeitpunkten von Gewalttaten steht. Dies ergibt sich aus Untersuchungen, wie beispielsweise Twitter-Nachrichten eine Möglichkeit der Klassifizierung bieten, um Unterstützer oder Gegner des IS einzuordnen. Andere Forschungen nutzen die gezielte Auswertung großer Datenmengen in den sozialen Medien, um herauszufinden, wann Unterstützer beginnen, Verhaltensweisen anzunehmen, die darauf hinweisen, dass sie sich für den IS begeistern. Andere wiederum verwendeten Textanalyse-Software, um zu verdeutlichen, dass sich Sprachmuster bestimmter extremistischer Gruppen in den Monaten vor einem gewalttätigen Anschlag wandeln. Zum Beispiel kann die Sprache einen Mangel an kognitiver Komplexität aufweisen – also eine simplere Art und Weise, Sprache zu betrachten – wenn es weniger komplexe Satzstrukturen mit kürzeren Worten und Sätzen nutzt. Meine eigene Forschung mit Paul J. Taylor und Paul Rayson an der Universität von Lancaster nutzte Textanalyse-Software, um Sprachmuster verschiedener extremistischer Gruppen aufzudecken und mögliche Hinweise in Nachrichten einzugrenzen. Mittels der Methode der Kollokation, welche die Assoziationsstärke zwischen Wörtern oder zwischen einem Wort und einem Konzept misst, konnten wir aufzeigen, dass es möglich ist, automatisch festzustellen, ob Nachrichten von Extremisten, Menschen oder Orte positiv oder negativ beschreiben. So wurden beispielsweise einige persönliche Namen wesentlich mit dem negativen Begriff der „agentry” (bezogen auf Personen, die als feindliche Agenten handeln) in Verbindung gebracht, während andere Namen mit dem Begriff „heroisch” assoziiert wurden. Diese Methode könnte auf potentielle terroristische Ziele hinweisen, und zwar mittels Markierung von Personen oder Orten, die mit Gewalt oder Verachtung verknüpft werden. Wir könnten beispielsweise feststellen, dass Begriffe wie „Ziel”, „abzielen auf”, „Attacke” oder „töten” stark mit dem Namen eines bestimmten Ortes, einer Person oder Organisation in Zusammenhang gebracht wurden. Anschließend können wir den Zusammenhang, wo und wie diese Worte im Text verwendet wurden, betrachten, um herauszuarbeiten, ob es einen Hinweis gibt, dass die Person, der Ort oder die Organisation eine Gefahr darstellen könnten.

Andere Technologien

Die Grenze einer solchen Herangehensweise ist jedoch die Abgrenzung terroristischer Anschläge, die ohne eine solche vorangegangene Online-Verbreitung stattgefunden haben könnten. Jede dieser Untersuchungen konzentriert sich auf nur einen kleinen Aspekt des weiten Ökosystems des Terrorismus. Solange wir nicht aufzeigen können, dass solche Muster in allen Arten von terrorverwandten Situationen aufzufinden sind, dürfen wir ihre Bedeutung nicht überbewerten und uns darauf besinnen, dass andere Faktoren, einschließlich politischer und persönlicher Situationen, zu Gewalttaten führen können. Terroristische Onlinekommunikation ist nur ein Teil des Bildes. Wir haben ebenso Möglichkeiten, die Verhaltensweisen terroristischer Offline-Kommunikation zu untersuchen. Das geschieht durch die Messung des Stress- und Angstlevels oder das Aufdecken von Mustern, die mit Betrug assoziiert werden. Wir können beispielsweise Sensoren, Infrarot-Scanner und bildgebende Verfahren des Gehirns wie das fMRT-Verfahren nutzen, um Veränderungen im Körper zu überwachen oder Gesichter, Körper oder Augenbewegungen nachzuverfolgen. Einige argumentieren, dass ein Einsatz einer solchen Technologie in der Flughafensicherheit auf Personen mit der Absicht, Angriffe auszuüben, aufmerksam machen könnte. Die Forscher der Honeywell Laboratorien in den USA haben bereits im Jahr 2002 aufgezeigt, wie Thermographie-Technologien ein Hitzemuster um die Augen darstellen. Dieses tritt auf, wenn Personen versuchen, jemanden zu täuschen. Sie schlugen vor, diese Technologie zu nutzen, um Flugreisende während eines Interviews vor dem Flug relativ schnell überprüfen zu können, ohne auf geschultes Personal angewiesen zu sein.

Der menschliche Faktor

Aber ein solches System wäre nicht narrensicher. Es gibt eine Vielzahl von Gründen, aus denen eine Person am Flughafen nervös sein könnte. Dies muss nicht im Zusammenhang mit einem Versuch stehen, das Flughafenpersonal zu täuschen – möglicherweise hat derjenige einfach nur Flugangst. Diese Technologien sind nicht zu einhundert Prozent akkurat. Sie werden meist unter Laborbedingungen getestet und angelernt, also auf Basis von imitierten Täuschungsversuchen, statt in realen Situationen. Einige argumentieren, dass Technologie drei wesentliche Eigenschaften des Menschlichen nicht besitzt: Erfahrung, einen gewissen Wertekanon und Urteilsvermögen. Dies bedeutet, eine Maschine könnte durchaus etwas übersehen – eben etwas, das nur ein Mensch entdecken könnte. Während Technologie also aufregende Möglichkeiten bei der Verfolgung terroristischer Kommunikationen und der Vorhersage von Anschlägen bietet, ist sie dennoch kein Ersatz für menschliches Urteilsvermögen und sollte mit Bedacht eingesetzt werden. Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Control is an Option to Command“ by Frederico Cintra (CC BY 2.0)


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BKA-Urteil: Längst überfällige Bremse für Überwacher

Paragraph (Image by geralt (CC0) via Pixabay)

Das Bundesverfassungsgericht hat geurteilt, dass das BKA-Gesetz in seiner bisherigen Form verfassungswidrig ist. Vor allem müssen zukünftig mehr unabhängige Kontrollen der behördlichen Überwachungsmaßnahmen erfolgen. Der Kläger und FDP-Politiker Gerhart Baum sieht in dem Urteil einen Triumph der Menschenwürde – zu Recht, denn unsere elektronischen Geräte sind längst unser digitales Gedächtnis und Privatsphäre ist auch in der digitalen Welt ein Menschenrecht. Es ist überfällig, dass die Überwacher in ihre Schranken gewiesen und strenger kontrolliert werden.

Bundesverfassungsgericht kritisiert BKA-Gesetz

Das Bundesverfassungsgericht, Deutschlands höchste juristische Autorität, befasste sich mit dem BKA-Gesetz. Dieses erteilte dem BKA erstmals auch Befugnisse zur Terrorismus-Bekämpfung. Grundsätzlich zu Recht, so die Richter des in Karlsruhe ansässigen Gerichts. Einige der im Gesetz vorgesehenen heimlichen Überwachungsmaßnahmen (die das im Rahmen der „normalen“ Strafverfolgung zulässige Maß teilweise weit übersteigen) seien jedoch in ihrer Ausgestaltung zu weitreichend und zu wenig kontrollierbar und somit verfassungswidrig.

Das Bundesverfassungsgericht orientiert sich insbesondere am Grundsatz der Verhältnismäßigkeit, den es angesichts des massiven Eingriffs in die Privatsphäre, den derartige Maßnahmen darstellen, besonders streng befolgt sehen will.

Konkret kritisieren die Richter vor allem, dass ein vager Verdacht, eine Person könnte einen terroristischen Akt begehen, derzeit ausreicht, um diese Person massiv zu überwachen. Es muss keine konkrete Tatabsicht und noch nicht einmal eine große Wahrscheinlichkeit eines zukünftigen Terror-Anschlags nachgewiesen werden.

Zudem, so die Richter, fehlen im aktuellen Gesetz Schutzvorschriften für den sogenannten Kernbereich privater Lebensgestaltung. Diese sollen nun hinzugefügt werden, damit die Ermittler Verhaltensregeln für den Fall haben, dass sich belauschte Personen über Intimes unterhalten oder die Beamten beim Durchsuchen von IT-Geräten auf private Daten stoßen.

Auch die Datenübermittlung an andere Behörden wird von den Richtern an mehreren Stellen kritisiert. Hier offenbaren sich massive Verstöße gegen Datenschutz-Grundsätze.

Ein weiterer wichtiger Punkt: Die Richter fordern mehr Transparenz und mehr Rechtsschutz für die Betroffenen. Überwachungsmaßnahmen sollen von unabhängigen Dritten kontrolliert werden, es soll turnusmäßige Kontrollen sowie regelmäßige Berichte gegenüber Parlament und Öffentlichkeit geben. Zudem soll eine umfangreiche Dokumentation vorgeschrieben werden, um Ungereimtheiten und vorschriftswidriges Verhalten besser nachvollziehen zu können.

Kläger und FDP-Politiker Gerhart Baum betonte in einem Interview zu seinem erfolgreichen Gang vor das Bundesverfassungsgericht die Bedeutung von Privatsphäre für ein menschenwürdiges Leben und erklärte, man könne Freiheiten nicht (gegen Terroristen) verteidigen, indem man sie im Namen der Sicherheit aufgebe.

Terrorismus als General-Argument

Mit der terroristischen Bedrohung werden immer wieder massive Überwachungsmaßnahmen gerechtfertigt. Kaum geschieht irgendwo in Europa ein Terroranschlag, werden Rufe nach mehr Überwachung laut. Dabei wird selten inne gehalten, um das tatsächliche Ausmaß der Bedrohung kritisch zu hinterfragen oder die Eignung und Verhältnismäßigkeit der vorgeschlagenen Sicherheitsmaßnahmen zu überprüfen.

Einmal eingeführte Maßnahmen werden zudem kaum jemals kritisch evaluiert, zurückgenommen oder eingeschränkt. Ein mit der Begründung einer außergewöhnlichen Bedrohungssituation eingeführtes Gesetz bleibt somit meist jahrelang bestehen. Das führt zu einer gefährlichen Spirale der Eskalation, bei der Bürgerrechte schrittweise immer weiter eingeschränkt werden.

Dabei machen Sicherheitspolitiker häufig Politik mit der Angst der Bevölkerung. Sie suggerieren den Menschen, dass sie sich überwachen lassen müssen, um vor dem Terror geschützt zu sein. Gleichzeitig wird versucht, diejenigen, die Kritik an der massiven Überwachung üben, mundtot zu machen, indem ihnen mehr oder weniger subtil vorgeworfen wird, dem Terrorismus Vorschub zu leisten – selbst da, wo das nachweislich nicht stimmt, etwa im Falle der angeblich durch Verschlüsselung ermöglichten Terror-Anschläge von Paris.

Das nun erfolgte Urteil des Bundesverfassungsgerichts unterbricht diese Spirale zumindest ein Stück weit, indem es eine kritische Überprüfung der zur Terrorismus-Bekämpfung eingeführten Maßnahmen vornimmt und die Diskussion damit hoffentlich versachlicht.

Privatsphäre: (Auch) im Netz ein Menschenrecht

Unsere Computer und Smartphones sind längst zu einer digitalen Erweiterung unseres Gedächtnisses geworden, einer Art Denkarium wie in den Harry-Potter-Romanen, in die wir einen Teil unserer Erinnerungen, Gedanken und Ideen auslagern. Mit dementsprechend viel Respekt sollten sie behandelt werden. Im 21. Jahrhundert sind derartige Geräte mindestens ebenso sehr Teil des erwähnten „Kernbereichs privater Lebensgestaltung“, wie unsere Wohnung. Es wird Zeit, dass dem von Seiten des Gesetzgebers endlich Rechnung getragen wird.

Wir nutzen die vielfältigen Vorzüge der Digitalisierung, und das sollten wir auch. Aber damit wir dies sicher, unbeschadet und mit der nötigen Experimentierfreude tun können, muss auch diese digitale Welt eine sein, in der uns wenigstens ein Mindestmaß an Privatsphäre gewährt wird. Überwachung greift in unsere Menschenrechte ein – auch und gerade im Internet – und sollte dementsprechend sparsam und verantwortungsbewusst eingesetzt werden.

Zeit, die Wächter zu überwachen!

Ein lobenswerter Schritt ist die Forderung des Bundesverfassungsgerichts, die Ermittlungs- beziehungsweise Überwachungsmaßnahmen des BKA künftig stärker zu überprüfen und dabei auch unbeteiligte Dritte mit einzubeziehen. Ein allzu großer Teil der Überwachung der letzten Jahre fand im Geheimen statt – und brachte dementsprechend viele Überschreitungen von Kompetenzen mit sich. Es wird Zeit, dass die Überwacher Rechenschaft ablegen müssen für ihr Tun. Sie haben durch ihren Umgang mit den privaten Informationen ihrer Mitmenschen schon genug Macht. Da wird es Zeit, dass sie diese nicht mehr in bester Feudalherren-Manier ohne unabhängige Kontrolle ausüben dürfen. Schon alleine deswegen ist das Urteil der Verfassungsrichter zu begrüßen.


Image „Paragraph“ by geralt (CC0)


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Verschlüsselung ist kein Terroristen-Werkzeug

Paris im November 2015 (adapted) (Image by Marc Barkowski [CC BY 2.0] via Flickr)

Die Attentäter von Paris nutzten keine Verschlüsselung für ihre Planung. Terror braucht keine Kryptographie – eine freie Gesellschaft aber schon. Neue Erkenntnisse der Pariser Ermittlungsbehörden belegen: die Attentäter von Paris nutzten keine Verschlüsselung, um ihre Anschläge zu planen und zu koordinieren. Stattdessen setzten sie auf Mobilität und ständig wechselnde Billig-Mobiltelefone. Diese Ermittlungsergebnisse zeigen: diejenigen, die die Anschläge zum Feldzug gegen Kryptographie ins Feld führen, sind unehrlich oder zumindest im Irrtum. Terrorismus lässt sich, wie nun noch einmal bewiesen wurde, auch ohne Verschlüsselung planen. Dagegen brauchen wir Verschlüsselung zum Schutz der Privatsphäre und der Meinungs- und Pressefreiheit.

Terroristen nutzten Wegwerf-Telefone

Durch die Arbeit der französischen Ermittlungsbehörden lässt sich mittlerweile ein genaues Bild der Aktivitäten der Attentäter von Paris vor und während den Anschlägen zeichnen. Die netzpolitisch interessanteste Erkenntnis: Die Terroristen sicherten ihre Kommunikation nicht durch Verschlüsselung ab. Sie verzichteten sogar ganz auf die Nutzung von Internet-Kommunikation wie E-Mail und Instant Messengern (lediglich auf einem der später gefundenen Mobiltelefone war ein GMail-Konto eingerichtet, das aber nicht zum Versenden oder Empfangen von Nachrichten benutzt worden war).

Um sich einer Entdeckung durch die Behörden zu entziehen, setzten die Attentäter vielmehr auf ständige Mobilität sowie auf eine Vielzahl billiger Mobiltelefone- mit denen sie jeweils einige Minuten telefonierten. Anschließend wurden die Geräte direkt an Ort und Stelle entsorgt. Polizisten fanden im Umfeld der Anschläge mehrere benutzte sowie in einer der von den Terroristen genutzten Räumlichkeiten einige noch originalverpackte Mobiltelefone.

Verschlüsselung spielte keine Rolle bei der Anschlagsplanung

Die neuesten, sehr detaillierten Ermittlungsergebnisse zeigen, dass Verschlüsselung keinerlei Rolle bei der Planung der Anschläge von Paris spielte. Das deckt sich mit Aussagen der Pariser Behörden direkt nach den Anschlägen. Dennoch wurden die Attentate von vielen politischen Hardlinern dazu genutzt, schärfere Sicherheitsmaßnahmen und insbesondere ein strengeres Vorgehen gegen Kryptographie zu fordern.

NSA-Direktor Michael Roger erklärte noch letzten Monat, ohne Verschlüsselung hätten die Anschläge von Paris nicht stattfinden können. Hätten die Attentäter nämlich unverschlüsselt kommuniziert, so die Argumentation Rogers, hätten die US-Behörden ihre verdächtige Kommunikation rechtzeitig bemerkt und ihre französischen Kollegen vor der drohenden Gefahr warnen können.

Rogers schon zuvor fragwürdige Aussagen sind nun vollständig widerlegt. Wahrscheinlich sind sie politisch motiviert: diejenigen, die Verschlüsselung ohnehin skeptisch gegenüber stehen und eher als Werkzeug für Verbrecher als eines für mündige Bürger ansehen, nehmen aktuelle Anlässe wie die Anschläge von Paris zum Anlass, um ihre Position zu untermauern und Forderungen (beispielsweise nach einem Krypto-Verbot oder dem verpflichtenden Einbau von Hintertüren für staatliche Zugriffe) zu stellen. Dabei machen sie Politik mit der Angst der Bevölkerung und deren Abscheu gegen Terrorismus. Ein sachlicher Diskurs bleibt dabei leider allzu oft auf der Strecke.

Verschlüsselung: Ein Werkzeug für die Freiheit, nicht für den Terror

Terroristen brauchen keine Verschlüsselung, um Anschläge zu planen. Sie haben, wie das Beispiel Paris zeigt, andere Möglichkeiten, sich einer behördlichen Kontrolle zu entziehen. Genug Geld, Entschlossenheit und kriminelle Energie vorausgesetzt, werden sie diese Möglichkeiten auch weiterhin finden. Dagegen hilft allenfalls solide Polizeiarbeit (und eine Gesellschaft, die den Terrorismus politisch in seinen Wurzeln bekämpft) und keine Krypto-Verbote oder Hintertüren in Verschlüsselungs-Software. Es ist nicht auszuschließen, dass auch Terroristen zu irgendeinem Zeitpunkt einmal Verschlüsselung genutzt haben oder noch nutzen werden. Aber darauf angewiesen sind sie nicht und wenn Verschlüsselung verboten oder durch Hintertüren ineffektiv gemacht würde, würden die Kriminellen andere Möglichkeiten finden, weiterhin kriminell zu sein.

Dagegen wird eine starke Verschlüsselung für eine Reihe von legitimen Zwecken gebraucht. Sei es die Absicherung privater oder geschäftlicher Daten gegen Kriminelle, der Schutz vor der ausufernden Überwachung von NSA und Co oder die Sicherung der Meinungsfreiheit gegen einige ihre Kompetenzen überschreitenden Behörden.

Verschlüsselung ist ein Werkzeug und kann zum Guten wie zum Bösen eingesetzt werden. Ihre legitimen und für die digitalisierte Gesellschaft positiven Einsatzzwecke sind aber weitaus schwerwiegender und verbreiteter. Deswegen sollten wir den Versuchen, mit fadenscheinigen Argumenten und Panikmache gegen Verschlüsselung vorzugehen, entschieden entgegen treten.


Image (adapted) “Paris im November 2015” by Marc Barkowski (CC BY 2.0)


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Ein Jahr nach Charlie Hebdo: Frankreich sucht Antworten

Hommage et soutien de la Demeure du Chaos à Charlie Hebdo #jesuischarlie _DDC1879 (adapted) (Image by thierry ehrmann [CC BY 2.0] via flickr)

Ein Jahr sind die Anschläge auf das Satiremagazin Charlie Hebdo nun her und noch immer sucht Frankreich nach aufklärenden Antworten. Frankreich hat im vergangenen Jahr eine stürmische Zeit durchgemacht, seit die beiden Brüder das Feuer in den Büroräumen des Satiremagazins Charlie Hebdo eröffneten und elf Menschen töteten, bevor sie weitere fünf Menschen in Paris ermordeten. Nur zehn Monate später zeigten die Anschläge vom 13. November, dass die Terrorismusgefahr nicht zurückgegangen war.

Nur Wochen nach dem zweiten großen Anschlag erweckte der Vormarsch der extremen Rechten in den Regionalwahlen den Anschein, dass ein erheblicher Teil der Wählerschaft nach all dem, was sie im Jahre 2015 gesehen hatte, Flucht in der Sprache, der Angst und der Rache suchte. Diese wachsenden Ängste spiegelten sich auch auf der höchsten Ebene des politischen Systems wieder.

Die französische Führung agierte vorsichtig in ihrer Antwort auf den Anschlag auf Charlie Hebdo. Damals war in der Folge der Blick auf die Meinungsfreiheit und das lang bestehende Problem der sozialen Exklusion gerichtet. Die gleiche Vorsicht wurde bei den Novemberanschlägen nicht berücksichtigt. Präsident François Hollande setzte sofort den Notstand in Kraft, der zu willkürlichen Festnahmen und heftigen Antiterroraktivitäten führte. Er billigte sogar eine militärische Reaktion im Nahen Osten, die mehr an Amerikas Krieg gegen den Terror als an den Geist des 11. Januars erinnerte.

Im Januar 2015 rief der Premier Manuel Valls zu einem Ende von Frankreichs “sozialer Apartheid” auf. Im November fielen Bomben auf Syrien. Der Kontrast hätte nicht größer sein können.

Verblüfft

Und dennoch, trotz der heftigen Antwort auf die Novemberanschläge, war es die Unfähigkeit Lösungen zu finden, die die letzten zwölf Monate in Frankreich charakterisierten.

Seit dem Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo im Januar ist Nicolas Sarkozy, dem Vorsitzenden der Mitte-Rechts Partei, nichts besseres eingefallen als für eine Umbenennung seiner Partei in “Les Républicains” zu plädieren. Nichts davon hatte einen Einfluss auf die Zusammensetzung der Partei oder deren Ideen.

Währenddessen wurde die sozialistische Partei immer mehr zwischen denjenigen, die die toleranten, “republikanischen” Werte der französischen Linken vertraten und denjenigen, die eine deutlichere Antwort auf die Bedrohung durch den Terror haben wollten, hin- und hergerissen.

Nur die extreme Rechte blieb ihrer Forderung treu: Dass ein dekadentes Frankreich Ausländer ausweisen, aus dem Euro austreten und seine Grenzen selbst sichern muss.

Die verzweifelte Unfähigkeit der Parteien der Mitte, eine positive Plattform für Veränderungen zu formulieren, wurde nicht zum ersten Mal in den letzten Jahren damit offengelegt. Dabei ist es bedrückend, dass heute noch die gleichen Fragen wie vor zehn Jahren gestellt werden.

Wie kann Frankreich seine mächtige Verankerung in der Sprache der Einheit der Republik behalten und gleichzeitig die Realität des Multikulturalismus anerkennen? Wie sieht die heutige Rolle Frankreichs in der Welt aus, jetzt, wo sie ohne Kolonialreich sind und nichts weiter als eine nur noch zweitrangige Regionalmacht? Wie kann sich das politische System Frankreichs selbst reformieren, um repräsentativer und weniger korrupt zu sein?

Es wäre falsch zu sagen, dass es keinen Fortschritt bei diesen Problemen gab. Detaillierte statistische Untersuchungen haben gezeigt, dass Frankreich in den letzten zehn Jahren immer offener für Multikulturalismus wurde. Zudem ist Frankreich ein wichtiger Akteur in Europa und hat die alte Gewohnheit, stets unilateral zu agieren, aufgegeben.

Jedoch ist der Symbolismus wichtig und hierbei sind die Ergebnisse weniger erbaulich. Die soziale Exklusion und die Arbeitslosigkeit sind noch immer Teil der heimischen Probleme. Die Ideen, die zentral in der republikanischen Tradition verankert sind, wie beispielsweise “laïcité” (Säkularismus), sind von der extremen Rechten bis zur Unkenntlichkeit pervertiert worden, um Muslime zu stigmatisieren. Dabei helfen auch neokoloniale Eskapaden in Libyen, Mali oder nun Syrien nicht weiter.

Eine Tendenz nach rechts

Der Mangel an Fortschritt bei diesen Problemen befeuert eine Tendenz nach rechts, da die französische Politik nun von den Problemfeldern der Sicherheit und Migration dominiert wird. Nicht überraschend hatte dies die extreme Rechte genutzt. Die Parteivorsitzende Marine Le Pen konnte sich vielleicht bei ihrer Bewerbung um das Präsidentenamt einer französischen Region in den Regionalwahlen nicht durchsetzen, ihre Partei konnte sich aber 27,73 Prozent der Stimmen der gesamten Wählerschaft sichern und sie sich durch dieses gute Ergebnis eine entsprechende Medienberichterstattung versprechen.

Aber die Veränderung ist sichtbar, auch in anderen Bereichen. Vor kurzem floss diese Veränderung in die etwas heikle Debatte um die “déchéance de nationalité” ein – ein Vorschlag, um Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft die französische Staatsbürgerschaft zu entziehen, falls sie terroristische Akte begehen.

Dies war seit langem ein charakteristischer Grundsatz der extremen Rechten, welcher jedoch von Mitte-Links Sozialisten immer zurückgewiesen wurde, da es in deren Augen das fundamentale Recht auf Bürgerschaft durch Geburt verletzt.

Die Tatsache, dass nun ein sozialistischer Präsident “déchéance de nationalité” unterstützt, ist sowohl bittere Ironie als auch ein Zeichen wie weit sich der politische Diskurs bei Problemen, die zu den Grundthemen der extremen Rechten gehören, angenähert hat.

Wie schon im Jahr 2002, als Jean-Marie Le Pen die zweite Runde der Präsidentschaftswahlen erreichte und auch wie im Jahr 2005, als Frankreich durch Krawalle aufgewühlt wurde, so erschütterte das Jahr 2015 die französische Politik in ihren Grundfesten. Wir werden wahrscheinlich eine Neuordnung der politischen Landschaft im kommenden Jahr sehen – und potentiell einen neuen Präsidenten im Jahr 2017 – aber nur wenige fundamentale Probleme der früheren Jahre werden angesprochen werden.

Die Vermittlung von echter Sorge nach den Novemberanschlägen und der riesigen Zunahme bei der Wahlbeteiligung in der zweiten Runde der Regionalwahlen, waren beide Erinnerungen, dass die Franzosen eine Krise erkennen, wenn sie vor ihnen steht. Ihnen muss nicht gesagt werden, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Aber sie brauchen dringend Führung und neue Ideen – und es gibt leider nur unglaublich wenige Hinweise, dass sie eines der beiden Dinge bekommen werden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) “Je suis Charlie” by thierry ehrmann (CC BY 2.0)


 

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Die Gesellschaft zwischen Religion, Technologie und Extremismus

Hacker sollen die Sicherheit von Tor erhöhen (Image by Ivan David Gomez Arce [CC BY 2.0] via Flickr)

Unsere Gesellschaft wird inzwischen eher von Technologie als von Religion geprägt – der Graben verläuft zwischen antimodernen Fundamentalismus und der postmodernen Mentalität der Jugend. Trotz aller Konflikte darf man sich keiner der beiden Welten entziehen. Kürzlich haben Extremisten sowohl bei dem Anschlag auf die Planned Parenthood Federation of America als auch bei der Schießerei in San Bernardino die hässliche Fratze der Religion enthüllt. Der Einfluss dieser Taten und die Demagogie der Wahlkampfperiode erzeugen in den USA Angst und Empörung. Inmitten dieser nationalen Kämpfe bereiteten sich viele Familien auf einen viel persönlicheren religiösen Kampf vor: die Frage, ob sie an Weihnachten in die Kirche gehen sollten oder nicht. Amerikaner identifizieren sich zunehmend nicht mehr mit Religion, wobei es signifikante Generationsunterschiede gibt.

Das Pew Research Center berichtete dieses Jahr, dass 35 Prozent der Milleniums-Generation, auch Generation Y genannt, also diejenigen, die zwischen 1981 und 1996 geboren sind, religionsfrei sind. Viele junge Leute durchschreiten eine Kirchentür wahrscheinlich nur noch, um ihre Eltern an Weihnachten und Ostern zu besänftigen. Diese disparaten Trends beziehen sich alle auf das gleiche Phänomen: den kulturellen Wandel.

Das Alte und das Neue

Religiöse Extremisten wollen die Uhren der Moderne zurückdrehen, um eine Zeit wieder herzustellen, in der moralische Entscheidungen einfach waren und die Werte der Alten Welt vorherrschten. Die alten institutionellen Formen lassen sich hingegen nicht mit der postmodernen Mentalität der Generation Y vereinbaren.

Die Reaktion der Fundamentalisten auf die Moderne ist vorhersehbar. Sie fühlen sich bedroht von Individualismus, dem Umkippen der traditionellen Werte und der schrittweisen Dezimierung von Institutionen, die geschichtlich gesehen die moralische Ordnung aufrechterhalten haben. Neuartig bei der Reaktion der Fundamentalisten ist, dass sie moderne Technologien nutzen, um für ihre rückschrittliche Moral zu werben.

Die gleiche Technologie erweitert den Horizont der Generation Y mehr, als ihn einzuengen. Wie ich in meinem Buch „Finding Faith” dargelegt habe, bedeutet Tradition ihnen wenig. Sie wählen aus verschiedensten Optionen, darunter auch eine große Anzahl an Religionen und verschiedene andere Formen von Spiritualität.

Der gemeinsame Nenner der Fundamentalisten und des Individualismus der Generation Y ist die Über-Auswahl. Für die Ersteren ist Auswahl eine Bedrohung. Für die Letzteren ist sie eine Möglichkeit zur Selbstdarstellung.

Eine Bedrohung aus zwei Richtungen

Bei vielen Amerikanern erzeugen beide kulturellen Trends Angst. Einheimischer Terrorismus erscheint als eine größere Bedrohung, wenn jeder mit jeglicher religiösen Tradition über das Internet radikalisiert werden kann. Und viele Großeltern machen sich Sorgen darüber, wie jüngere Generationen Sinn, Moral und selbst ewige Erlösung ohne Religion finden sollen.

In der Position des Großvaters verstehe diese Sorge durchaus, aber als Religionswissenschaftler bin ich sehr optimistisch bezüglich unserer Zukunft. Mit einer geliehenen Formulierung aus dem Feld der Ökonomie ausgedrückt, befindet sich die Durchschnittsreligion in einer Periode der kreativen Zerstörung. Vielleicht bricht sie auseinander, aber die heutige Kultur bietet der Religion auch die Möglichkeit, sich selbst zu erneuern.

Man muss nur die grauen Köpfe in den meisten Kirchen und Synagogen betrachten, um zu erkennen, dass diese Institutionen innerhalb dieser einen Generation so gut wie erschöpft sein werden. Ja, Mega-Kirchen mit hippen Pfarrern und zeitgemäßer Musik werden weiterhin Publikum anziehen, aber solche Gruppenversammlungen und kollektive Rituale können sich oberflächlich und leer anfühlen. Auch Mega-Kirchen sehen das Interesse und die reguläre Anwesenheit von jungen Erwachsenen schwinden.

Die alte christliche Kosmologie – Gott sendet einen Sohn, um die Welt zu erlösen; ein Gott, der allmächtig ist und doch, im Angesicht von Massengewalt, ohnmächtig zu sein scheint – funktioniert grundlegend für viele gebildete junge Erwachsene einfach nicht. Das Prinzip „spirituell, aber nicht religiös” zu sein, pauschalisiert das Verständnis der Menschen von Spiritualität, aber es signalisiert auch die Möglichkeit, dass der menschliche Geist nach etwas Tieferem als dem neuesten technologischen Schnickschnack strebt.

Ich bin der Ansicht, dass religiöse Institutionen die Vermittler der vier fundamentalen menschliche Bedürfnisse sind: dem Bedürfnis nach Gemeinschaft, den Ritualen der Erneuerung und Hoffnung, der Erfahrung, über sich selbst hinauszugehen, und des tieferen Sinn und Zwecks unseres Lebens.

Wenn religiöse Institutionen diese Erfahrungen nicht mehr länger übermitteln, brechen sie zusammen und neue Formen treten hervor. Zu Beginn fühlen sich diese neuen Formen vielleicht nicht so an und sehen auch nicht so aus wie die alten Religionen. Wahrscheinlich bestehen sie aus Kombinationen verschiedener Glaubensrichtungen und Glaubenspraktiken, die die älteren Menschen, welche die Verwahrer der institutionellen Erinnerungen sind, verunsichern. Aber unsere derzeitige Periode der kreativen Zerstörung wird womöglich das Saatbeet sein, auf dem die neuen Formen des religiösen Lebens keimen werden.

Das Prinzip der Achtsamkeit, bezogen aus Quellen der östlichen Religionen, findet beispielsweise bei vielen Amerikanern Resonanz. Eine wachsende Anzahl an Christen nimmt an kontemplativen Praktiken teil, eher auf der Suche nach einer Gotteserfahrung als nach einem abstrakten Glauben.

Leider sind auch die Fundamentalisten erfolgreich darin, die Bedürfnisse nach Gemeinschaft, Erneuerung, Selbstfindung und Sinn zu erfüllen. Antimoderner Fundamentalismus mit Computererfahrung – ein faszinierendes und Angst einflößendes Paradoxon – wird nicht in absehbarer Zukunft aussterben. Weniger bedrohlich ist, dass sowohl Mega-Kirchen als auch Achtsamkeits-Meditationen therapeutische Versammlungen für gleichgesinnte Menschen anbieten können, was in diesen Zeiten der Angst und des kulturellen Flusses beruhigend ist.

Neue Formen treten hervor

Zur selben Zeit experimentieren sowohl die Religionsfreien als auch die Mitglieder der existierenden religiösen Institutionen mit neuen Formen von spirituellen Praktiken und bewussten Gemeinschaften. Sie verteilen Nahrungsmittel an Obdachlose, versammeln sich in Waschsalons, um mittellosen Arbeitern einen kostenlosen Waschservice anzubieten, und überschreiten allgemein eher die Möglichkeiten, die die Glaubensgemeinschaften traditionell definieren. Mit Bewegungen wie #blacklivesmatter erschaffen sie Rituale, die Ungerechtigkeiten kritisieren und die Gemeinschaft und sie selbst heilen.

Die Bereitschaft, mit religiösen Glaubensformen zu experimentieren, hat vorherig die Katholische Arbeiterbewegung hervorgebracht, bei der zeitgemäße klösterliche Ordnungen nach den Modellen des früh-modernen Europas, und Erneuerungsbewegungen aus jeglichen Glaubenstraditionen gestaltet wurden. Religiöse Institutionen können innerhalb eines menschlichen Lebens unveränderlich wirken, aber innerhalb eines Jahrhunderts oder Jahrtausends entwickeln sie sich kontinuierlich.

Es braucht Zeit, bis sich unsere kollektiven religiösen Impulse mit den neuen Formen zurechtfinden. In der Zwischenzeit wird es wahrscheinlich einige besorgte Großeltern geben, die um die Erlösung ihrer Nachkommen fürchten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Teaser & Image „Kreuz“ by HannahJoe7 (CC0 Public Domain).


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