Die Semiotik-Epoche des Umberto Eco

Inmitten der Trauer nach dem Tod von Umberto Eco ist es etwas ernüchternd, zu sehen, wie viele Nachrufverfasser sich nicht im Klaren darüber sind, was er tatsächlich getan hat. Sicherlich ist Umberto Eco als bedeutender Romanschriftsteller bekannt, auch wenn seine späteren Romane nie den Erfolg seines Erstlingswerkes “Der Name der Rose” erreichen konnten. Er wurde auch als Philosoph, Historiker und als einer der letzten öffentlichen Intellektuellen gefeiert. Dennoch scheint es seine Rolle als Professor für Semiotik zu sein, mit der die Boulevardpresse die meisten Schwierigkeiten hat.

Das Problem ist, dass viele schlicht nicht wissen, was Semiotik überhaupt ist. Der Nachruf der New York Times  bezeichnet es als “obskures Feld”. The Scotsman verweist auf “die esoterische Theorie der Semiotik”, während The Washington Post von Semiotik als einer Art “Studium der Zeichen, Symbole und der versteckten Botschaften” spricht. Bringt man dies mit der Berichterstattung über Ecos Spezialisierung auf die Geschichte des Mittelalters zusammen, könnte man den Eindruck gewinnen, man hätte es mit einer Figur aus einem Roman von Dan Brown zu tun.

The Guardian macht es nicht sehr viel besser: eher geringschätzig wird hier behauptet, dass Semiotik “ein abstruser Zweig der Literaturtheorie” ist, genau derselbe Satz, der auch im Nachruf des Telegraph verwendet wird. Der Independent macht es ein wenig besser, indem hier Semiotik als “das Studium der Zeichen und Bedeutung in der Kommunikation” bezeichnet wurden. Die BBC erwähnt die Semiotik nicht einmal, die Gründe hierfür liegen im Dunklen, und verweist nur darauf, dass Eco emeritierter Professor an der Universität von Bologna war.

Erbsen essen

Vielleicht mögen einige von ihnen nicht wissen was Semiotik ist, aber sind schnell dabei, sie zu verurteilen. The Telegraph ist voraussehbar rasch dabei, Eco mit Verachtung darüber zu überschütten, da dieser eine einflussreiche Stimme links der Mitte darstellte. Weiterhin verweisen sie auf Semiotik als “welthistorische Bedeutung der Belanglosigkeit” und betiteln Eco als “eine Art auch Portmanteau-Intellektuellen, der seine Ansichten über alles mitteilt: darüber, wie man am Besten Erbsen mit einer Plastikgabel isst bis hin zu den sich verändernden Schönheitsidealen.”

Doch ohne der Belanglosigkeit welthistorischen Bedeutung zuschreiben zu wollen, war die Semiotik dennoch konsequent dafür verantwortlich, den Weg anzuzeigen, wie subjektive Werturteile kultureller Artefakte zerstören würden – einschließlich derer, mit denen man geboren und aufgewachsen ist, die man selbst erarbeitet oder zu denen man eine große Schubkraft nachsagt. Bei Semiotik handelt es sich um, wie Eco es formuliert hatte, das Verstehen von Zeichensystemen.

Einer der Schlüsselbegriffe der Semiotik, der gleichzeitig von Roland Barthes und Juri Lotman in den frühen 1960er Jahren geprägt wurde, ist “der Text”. Eher als “Arbeit”, die auf ein höheres Ziel eines schriftstellerischen Genies hinweist, verweist “der Text” auf eine Struktur von Bausteinen, gestaltet durch den gewohnten Gebrauch von Zeichen, um ein bestimmtes Publikum zu erreichen. Jede Ansammlung von Zeichen stellt einen Text dar. Das Konzept war der Vorreiter für den Abbau der imaginären Trennlinie zwischen der so genannten “Hoch-” und der  Popkultur.

Denjenigen, die ein ureigenes Interesse an der Hochkultur hatten, tut die Aufhebung der großen Kluft immer noch weh. The Telegraph verspottet Ecos Romane als zu schwierig, während sie die “Infektion” beklagen, die aus seiner Demokratisierung des Prozesses der Interpretation resultiert. Es ist die klassische, spießige Forderung, dass Kultur nur für die Elite reserviert sein dürfe. Zusätzlich darf es keine zu hohe Anstrengung erfordern, die Kultur zu genießen. Als Alternative zu solch einem Spießbürgertum und angesichts der abgeschlossenen kulturellen Trennung scheint die Mittelklasse die Popkultur zu besiedeln, beispielweise in der post-Hornby Romanze mit Fußball oder die Allgegenwärtigkeit Coldplays auf den iPhones der BBC-Führungskräfte.

Was ist Semiotik?

Aber um noch einmal auf das Zeichensystem zurückzukommen: hier repräsentiert die Semiotik nicht einfach nur eine Mission, kulturelle Hierarchien abzuschaffen. Es hat weitaus wichtigere Aufgaben. Deshalb ist es auch so schwer, Semiotik näher zu bestimmen und zusammen zu fassen. Nun also, um es endgütlig deutlich zu machen: was genau ist Semiotik?

Unter anderem ist es “die Theorie der Semiose (die Wirkung von Zeichen)”. Aber in der vergangenen Zeit hat es sich in die Studie der “objektiven Welt” entwickelt, die sich aus allen Arten ihrer eigenen Symbole konstruiert. Dies umfasst die Bedeutung aller Lebewesen.

Eco verfolgte die Definition der Semiotik unter der Bezugnahme auf die Einordnung der Semiotikbücher, die in einer Buchhandlung in Harvard aufgereiht waren. Zuerst gehörten sie zur Linguistik, dann zu den Kulturwissenschaften, von 1999 an, als er bei der Internationalen Gesellschaft für Semiotik in Dresden eine Rede hielt, wurden die Bücher unter dem Stichwort der Kognitionswissenschaft abgelegt – und er sorgte sich, dass sie beim nächsten Mal vielleicht unter “Neues Zeitalter” eingeordnet sein könnten.

Während diese Sorge nur im Rahmen einiger unglücklicher Nachrufverfasser relevant sein könnte, gab es eine größere Sorge, die Eco in seinen letzten Jahren noch mehr beschäftigte. Die Sorge, welche in seinem Brief an meinen Enkel zum Ausdruck gebracht wurde, war, dass die Menschen ihre Erinnerungsfähigkeit verlieren. Die Verfügbarkeit des Internets könnte zur Folge haben, dass die Menschen aufhören, sich mit Memotechniken zu beschäftigen, um ihr Wissen und ihre Erinnerungen in ihren Köpfen zu speichern. So ermahnt er seinen Enkel, zu versuchen, sich an Fußballmannschaften aus verschiedenen Epochen zu erinnern, an die Besatzung der La Hispaniola, als sie auf der Suche nach der Schatzinsel war, an die Namen der Diener der drei Musketiere und d’Artagnan, daran, wer die Hethiter und die Kamisarden waren, an die Namen der drei Schiffe von Columbus, an den Zeitpunkt, an dem die Dinosaurier ausstarben, ob es ein Steuerrad auf der Arche Noah gab, und so weiter.

Sein Rat deutet die interdisziplinäre Breite an Weitblick an, die die Semiotik einfordert. Es bietet auch einen ausgeprägten Sinn für die zeitgenössische Bedeutung der Semiotik – nicht nur als ein Dorn im Auge der Elite, sondern als Schlüssel zum Verständnis des Verhältnisses von Kultur und Kognition.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „Umberto Eco“ by Alessio Jacona (CC BY-SA 2.0)


The Conversation

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Paul Cobley

Paul Cobley

ist seit 2013 Professor im Bereich Linguistik und Media an der Universität Middlesex. Seine Forschungsschwerpunkte setzt er auf Semiotik, die Arbeiten von Thomas A. Sebeok und Kommunikationstheorie.

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