Trollerei und Unterwanderung in Foren und Wikis

Foren und Wikis zeichnen sich durch Offenheit und niedrige Partizipationsschwellen aus. Dies liegt auch im Interesse der Betreiber, da man sich meist rege Beteiligung wünscht und auf konstruktive Beiträge hofft. Um auf derartigen Plattformen agieren zu können, ist, wenn überhaupt, eine gültige E-Mailadresse nötig. Auf kosten- und zeitintensive Verfahren zur Teilnahme, wie Aktivierung per SMS oder Post-Ident, wird daher in der Regel verzichtet. Somit können Nutzer in relativer Anonymität an einem Diskurs teilnehmen. Durch die vermeintliche Anonymität wiegen sich manche in Sicherheit und vergessen ihre gute Erziehung, provozieren und beleidigen andere.

Wie kann man als Plattformbetreiber damit umgehen?

Zunächst einmal sollte sich der Betreiber über die eigene Bekanntheit und die Meinung anderer über ihn selbst im Klaren sein. Über wen eine eher negative Meinung vorherrscht, der wird es schwerer haben, einen sehr offenen Kommunikationskanal ohne enormen personellen Aufwand betreiben zu können. Wo zuvor negative Beiträge im Netz verteilt liegen, wird sich durch ein Forum oder ein Wiki die Kritik und die Anfeindungen konzentrieren. Es entsteht ein zentraler Anlaufpunkt für die Vernetzung Gleichgesinnter und potenziert durch gegenseitiges Anheizen mögliche Probleme des Betreibers. Mediale Aufmerksamkeit kann dies noch verstärken, da es ebenso mehr Aufmerksamkeit für den potentiellen Troll bedeutet. Anerkennung motiviert vieles und viele.
Für Moderatoren liegt eine Schwierigkeit in der Beurteilung der Beiträge. Die Differenzierung zwischen Trollerei, also den provozierenden Beiträgen zum Zwecke der Aufmerksamkeit, und derb formulierter aber berechtigter Kritik ist fließend. Moderatoren müssen möglichst schnell entscheiden, ob kritische Beiträge, nur von der Formulierung entschärft bzw. verschoben werden müssen oder ob sie tatsächlich komplett gelöscht werden sollten. Den Betreibern einer Kommunikationsplattform haben sich schon von Gesetzes wegen mit spezielle Risiken auseinanderzusetzen. Anzuführen sind hierbei die sogenannte Störerhaftung und Linkhaftung, durch die sich justiziable Sachverhalte, wie Urheberrechts-, Markenrechts- und Namensrechtsverletzung bzw. Schmähkritiken und Beleidigungen durch Kommentatoren, auf die Plattformbetreiber übertragen können. Analog dazu müsste z. B. der Gastwirt für das Geschwätz seines Stammtisches verantwortlich sein.

Wo sind diese Phänomene zu beobachten?

Vor kurzem hat die GEZ ein Forum eröffnet, um von der Bevölkerung ihre Meinung zur GEZ zu erfahren. Nun steht es mit dem Image der GEZ nicht zum Besten. Kritiker mahnen zurecht das unzulässige Ersuchen um Amtshilfe durch freie GEZ-Mitarbeiter, Forderungen seitens der GEZ gegenüber Tieren und Toten bis hin zur Korruption in der Chefetage an. Bisher verteilte sich die Kritik an der GEZ auf einer Vielzahl von Webseiten mit teilweise harschen Worten. Mit der Bereitstellung des Forums konzentrierten sich die negativen Beiträge auf der Webseite der GEZ. So war es nicht weiter verwunderlich, dass innerhalb weniger Tage das Forum mit tausenden wenig konstruktiven bzw. wenig wohlwollenden Beiträgen geflutet wurde. Es bleibt abzuwarten, ob die Zahl der GEZ-Mitarbeiter, die für die Betreuung des Forums vorgesehen sind, ausreicht, um die anfallende Arbeit zu bewältigen.
Die Piratenpartei sah sich mit einem etwas anders gelagerten Phänomen konfrontiert, das durch Kommunikationskanäle wie Wikis schlicht begünstigt wird. Die Mitgliederzahlen des parteipolitischen Neulings wurden durch die Diskussion um das Zugangserschwerungsgesetz in die Höhe getrieben – sie verzehnfachten sich innerhalb weniger Monate. Dadurch änderten sich Selbstverständnis und Selbstbewusstsein der Partei. Die Euphorie war groß die politische Erfahrung eher klein und Parteistrukturen noch nicht ausgebildet oder gar gefestigt. Anders kann man kaum erklären, wie ein Aufruf, doch „rechte Piraten“ innerhalb der Piratenpartei zu engagieren, die Partei so ins Schleudern bringen konnte. Konkret manifestierte sich das Problem beim Begriff Immigration, bei dem es sich um kein piratentypisches Thema handelt. Allerdings lud das offene Parteiwiki die rechten Unterwanderer gerade dazu ein, über diesen Kanal ihr Thema in die Piratenpartei einzupflanzen und eine Diskussion darum auszulösen. Durch die Unterwanderung wird scheinbar konstruktives Verhalten suggeriert, aber meist eigene Ziele implementiert.
Aber das allgemeine Wohlwollen der Netzgemeinde ist nicht allein der ausschlaggebende Punkt für nicht zielführende Trollerei. So wurde das Wiki des Internet-Manifests mehrfach verunstaltet bzw. mit Memen verziert, obwohl die Unterzeichner des Internetmanifests mehr Fans als Kritiker vorweisen können. Ein Wiki oder ein Forum wird meist als Gesprächstaufforderung verstanden. Da aber das Manifest bereits bei der Veröffentlichung unterzeichnet war, stellt sich unweigerlich die Frage: Woran soll man jetzt noch partizipieren? Hätte man es bei der Publikation im Wiki als unfertig oder als Diskussionsgrundlage gekennzeichnet, hätte es einen Anlass für konstruktive Beiträge gegeben. Doch so entlud sich das Gefühl, übergangen worden zu sein, in Trollerei.

Fazit:

Moderatoren und Communitymanagern kommt eine wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe zu, die ihnen Erfahrung und Kompetenz im Bereich Kommunikation und Recht, aber auch im Bezug auf fachliches Wissen, abverlangt. Sie müssen in der Lage sein die Kultur der Community zu erspüren, um maßvoll und nachvollziehbar handeln zu können. Um Klarheit bei Nutzern und Moderatoren über die gewünschte Form der Beteiligung zu schaffen, können Kommentarrichtlinien sehr hilfreich sein. Ferner sollten die Betreiber auf ihr Hausrecht hinweisen und wenn nötig davon Gebrauch machen. Sich ausfallend und unangebracht verhaltende Gäste kann man ja schließlich auch auf physischen Veranstaltungen hinauskomplimentieren.
Im Zweifel können sich Plattformbetreiber nicht leisten an dieser Stelle zu sparen, da es Teil ihrer Außenwirkung ist und je nach Bekanntheit dort auftretende Probleme mitunter in den Medien diskutiert werden.

Doreen Butze

Doreen Butze

studierte Soziologie, Psychologie und Betriebswirtschaft an der TU-Chemnitz. Sie ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Social Media. Privat bloggt Doreen unter http://www.finsblog.de über alles Mögliche und Unmögliche.

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