Telegram: Sollen 100 Millionen Nutzer der Messaging-App trauen?

Zu Beginn des Jahres 2014, nach der WhatsApp-Übernahme von Facebook, war vielen Nutzern klar: Wir brauchen einen anderen, unabhängigen Messaging-Dienst. Telegram erschien da als geeignete Alternative – 100 Nutzer pro Sekunde meldeten sich damals mit der App an. Seither ist Telegram, 2013 von den russischen Brüdern Nikolai und Pawel Durow ins Leben gerufen (die beiden gründeten auch das russische Social Network Vk.com, das 2014 nach politischen Querelen komplett an Mail.ru verkauft wurde), ordentlich gewachsen und zählt jetzt mehr als 100 Millionen aktive Nutzer monatlich.

Das Wachstum von Telegram war immer schon an WhatsApp geknüpft. Als die Facebook-Tochter Ende 2015 von der Regierung in Brasilien gesperrt wurde, verzeichnete Telegram in nur drei Stunden 1,5 Millionen neue Nutzer. Den WhatsApp-Eigentümer Facebook ist offenbar die russische App mittlerweile ein großer Dorn im Auge. Um den Wechsel seiner Dienste zu Telegram zu unterbinden, wurden im November 2015 Links zu Telegram in der Android-Version von WhatsApp blockiert. Seit vergangener Woche unterbindet auch die Facebook-Tochter Instagram Links zu Telegram-Profilen.

Ob das den weiteren Aufstieg der Messaging-App bremsen kann, ist fraglich. Laut Telegram-Chef Pawel Durow kommen pro Tag 350.000 neue Nutzer dazu – in einem Jahr kann so die 200-Millionen-Grenze geknackt werden. Technologisch wird bei Telegram weiterhin Gas gegeben: Mit dem Ausbau der Channels sollen Unternehmen und Medien geködert werden, die über die App gleichzeitig mit einer Nachricht mehrere Nutzer erreichen möchten. Auch für die Bedürfnisse der Privatnutzer haben sie ein Gespür: Während WhatsApp noch keine GIF-Integration hat, ist es bei Telegram bereits sehr einfach, die lustigen Sekunden-Clips zu suchen, zu finden und zu versenden. Die App wird intensiv genutzt, insgesamt werden bei Telegram 15 Milliarden Nachrichten pro Tag versendet, bei WhatsApp, mit mehr als einer Milliarde (monatlich) aktiver Nutzer, sind es über 30 Milliarden.

Die Crux an der Geschichte: Telegram wird gerne und oft als eine sichere App dargestellt; die Daten der Nutzer werden geschützt und nicht monetarisiert. Das Verschlüsselungsprotokol “MTProto Mobile Protocol” sorgt für digitale Privatsphäre – laut Durow hätten sie seit dem Start noch nie Daten an Dritte (wie Unternehmen oder Staaten) herausrücken müssen. Profis sehen das anders: “Telegram benutzt ausgerechnet die von der NSA entwickelte und inzwischen als gebrochen angesehene Hashfunktion SHA-1”, sagte der Verschlüsselungsexperte Rüdiger Weis kürzlich zur “Welt am Sonntag”. Zudem sind verschlüsselte Chats bei Telegram nicht Standard, sondern optional – die Nutzer müssen sie selbst anlegen (wie das geht, steht hier), nur dann werden die Nachrichten nicht auf den Servern der zwielichtigen Firma zwischengespeichert.

Ja, zwielichtig. Denn bis dato haben sich Journalisten, die herausfinden wollten, wo Telegram sitzt und wer für die Firma arbeitet, die Zähne daran ausgebissen. Die Spuren verlieren sich zwischen den über die ganze Welt verteilten Postkastenfirmen bis zum Geldgeber (Durows Investmentfirma Digital Fortress), über den keine Informationen existiert. Außerdem ist und bleibt der angebliche Hauptsitz in Berlin ein Rätsel. Diese Hintergründe werden mit dem Aufstieg der Messaging-App aber immer wichtiger: Je mehr Nutzer mit der App angemeldet sind und je mehr private Daten auf die Server wandern, desto mehr Menschen werden wissen wollen, was da genau vor sich geht. Übrigens nicht nur in der westlichen Welt: 20 Prozent der monatlich aktiven Nutzer sollen aus dem Iran stammen, das sind 20 Millionen Menschen. Telegram ist dort größer als WhatsApp, Facebook und Twitter, die dort gänzlich oder zeitweise vom Staat gesperrt werden. Die große Popularität der App ist bereits ins Visier der Hardliner gerückt, die sich mehr Kontrolle über die dort verbreiteten Inhalte wünschen. Auf Wunsch der Regierung hat Telegram bereits Schritte unternommen, um innerhalb des Staates pornografischen Inhalte zu unterbinden.


Image: „Apps“ by Microsiervos (CC BY 2.0)


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Jakob Steinschaden

Jakob Steinschaden

ist seit 2006 publizistisch auf Papier und Pixel tätig. Er arbeitet in Österreich als Journalist und hat die beiden Sachbücher "Phänomen Facebook - Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt" (2010) und "Digitaler Frühling - Wer das Netz hat, hat die Macht?" (2012) veröffentlicht. In seinem Blog “Jakkse.com” und in Vorträgen schreibt und spricht er gerne über die Menschen und ihr Internet – von Social Media über Mobile Business und Netzpolitik bis zu Start-ups.

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