Steht eine Revolution der sozialen Netzwerke bevor?

Der Techblog TheVitalEdge verkündet eine regelrechte Revolution der sozialen Netzwerke, die kurz bevorstehen soll. Künftig können die Nutzer bei verschiedenen Anbietern sowohl Teilhaber als auch Nutznießer sein. Von synereo, Tsu oder Reveal hat sicher noch kein Leser etwas gehört, angeblich soll sich dies bald ändern. Ello und vor allem der Social News Aggregator Reddit sind weitaus bekannter. Sie alle wollen uns Nutzern ein neues Erlebnis bieten. Wir sollen künftig nicht mehr nur die Ausgenutzten sein, deren Daten verkauft werden.

Der Comic von geek & poke ging um die ganze Welt. Zwei Hausschweine unterhalten sich völlig begeistert über ihren Aufenthaltsort. Den Stall könne man umsonst benutzen. Und sogar das Essen wird einem kostenlos frei Haus geliefert. Der freundliche Schweinehirte des 21. Jahrhunderts wäre folglich Mark Zuckerberg. Im digitalen Schweinestall bespaßt er uns nicht einmal, das müssen wir gegenseitig tun. Für den Aufenthalt im „sozialen“ Netzwerk werden wir mit Anzeigen, Spieleanfragen und gesponserten Pinnwandeinträgen bombardiert. Zudem wird unser Nutzungsverhalten analysiert und an Firmen verkauft. Auch Twitter zeigt nun auf der Suche nach Erlösmodellen mehr Werbung an. Dort soll jetzt auch ein Algorithmus zum Einsatz kommen. Wir dürfen nicht mehr selbst entscheiden was für uns wichtig ist, das erledigt eine mathematische Formel für uns. Bislang wurden bei Twitter wahllos alle Tweets unserer Kontakte angezeigt, das soll bereits vorbei sein. Auch sollen Mitteilungen von Personen angezeigt werden, denen wir gar nicht folgen. Immerhin haben wir im Gegensatz zu den Hausschweinen die Möglichkeit, frei über unseren Aufenthaltsort zu entscheiden. Oder etwa nicht?

Auch Gideon Rosenblatt von The Vital Edge findet, es muss nicht immer Facebook sein. Ello bietet beispielsweise ein Freemium-Modell an. Alle grundlegenden Optionen gibt es umsonst. Für ein spezielles Aussehen der eigenen Seite oder ausgefuchste Analyse-Daten muss man bezahlen. Ähnlich funktioniert auch WordPress, wo der Blog umsonst ist aber besonders leistungsfähige Plugins oder Themes zum Verkauf angeboten werden. Ob es mit Ello klappt, wird die Zeit zeigen. Immerhin wurde den Surfern versprochen, dass sie dort nicht zum Produkt gemacht werden. Die Nutzung der Daten oder die Anzeige von Online-Anzeigen ist bei Ello schlichtweg untersagt. Auf Dauer soll Ello in eine Stiftung oder einen gemeinnützigen Verein umgewandelt werden, um die Sicherheit der Daten zu gewährleisten. Bisher basiert dieses Projekt auf Geldern von Venture-Kapitalgebern.

Tsu zwischen Schneeball- und Pyramiden-System

Bei Tsu (Sue ausgesprochen) sollen die Erträge an die Benutzer gezahlt werden. Das Unternehmen hat sich nach eigenen Angaben auf die Durchführung von Geldtransfers spezialisiert. Wer bei Tsu Postings verfasst, die Likes, Shares oder Kommentare generiert oder neue Nutzer anlockt, erhält einen gewissen Anteil. 10% behalten die Betreiber, 45% gehen an die Nutzer. Tsu funktioniert dabei nach dem berüchtigten Schneeballsystem. In der Folge erhalten die Nutzer den höchsten Anteil, die die meisten neuen Anwender angelockt haben. Diese Hierarchie wird dort als „Familienbaum“ (family tree bezeichnet. Das Pyramiden-System wird zwar durch gegensätzliche Regelungen teilweise ausgehebelt. Trotzdem ist zu befürchten, dass einige Anwender dabei auf dumme Ideen kommen könnten. Es geht schließlich um Geld. Wer bei Tsu mit legalen Mitteln arbeitet, wird dabei nicht rein. Die Nutzer an den Werbeeinnahmen zu beteiligen soll vor allem für ein schnelles Wachstum dieses Netzwerks sorgen. Es bleibt abzuwarten, ob dieses monetäre System den Betreibern nicht über kurz oder lang auf die Füße fallen wird. Nicht jeder lebt den amerikanischen Traum und will so viel Geld wie möglich verdienen. Viele Menschen haben ganz andere Prioritäten. Oder aber sie bemerken schnell, dass sie bei Tsu trotz ihrer intensiven Bemühungen aufgrund der Beteiligung ihrer Anwerber und deren Anwerber keine hohen Umsätze generieren können.

Synereo vereint Diaspora mit Bitcoin-Technologie

Ganz anders funktioniert das dezentrale Netzwerk synereo. Vom Aufbau her erinnert dieser neue Ansatz an die unzähligen Zugangspunkte (Pods) von Diaspora. Technikaffine User können eigene Server aufziehen und ihre Nutzer mit denen der anderen Zugangspunkte verknüpfen. Das System ist absolut zensurresistent und verhindert zuverlässig, dass die eigenen Daten in fremde Hände geraten. Obwohl Diaspora vom Aussehen stark an frühere Versionen von Facebook erinnert und die Benutzung selbsterklärend ist, konnte sich diese Struktur bisher nicht durchsetzen. Im Gegensatz zu Diaspora gibt es bei synereo für jeden Account einen Gradmesser. Wer besonders viel Aufmerksamkeit generieren kann, dessen Wert gemessen in „Reo“ steigt an. Geplant ist auch eine virtuelle Währung, die auf Bitcoin-Technologie aufsetzen soll. Auch hier sollen die Nutzer in Heller und Pfennig an ihrer Aktivität verdienen. Wer sich vor der offiziellen Eröffnung schon jetzt registrieren will, kann dies hier tun.

Reddit will Community belohnen

50 Millionen US-Dollar erhielt kürzlich der Betreiber von Reddit. Zehn Prozent der 50 Millionen Dollar sollen demnächst an die Community ausgezahlt werden. Wie das im Detail ablaufen soll, ist aber noch unklar. Laut Reddit-CEO Yishan Wong ist eine Cryptowährung denkbar, die die Community-Mitglieder in direkte Anteile umwandeln können. Die bisherigen Investoren haben den Plänen bereits zugestimmt. Die frühe Planungsphase ist aber noch nicht abgeschlossen. Auf jeden Fall würde diese Aktion bewirken, dass die aktivsten Reddit-Nutzer künftig direkt am Erfolg ihrer Plattform beteiligt werden.

Reveal mit eigener Cryptowährung

Auch das neue soziale Netzwerk Reveal kommt mit einer eigenen Cryptowährung daher. Wer Dritte zu einer Anmeldung, zum Lesen der eigenen Beiträge oder sogar zu einer Aktivität motivieren kann, wird mit so genannten Reveal Coins belohnt. Die Betreiber werben damit, dass ihre App vor allem für mehr Fairness im Web sorgen soll. Man wird sehen, ob sich die neuen Ideen durchsetzen können. Vielleicht werden sie auch von einem der führenden Schweinezüchter übernommen.

Nicht vergessen: Die machen uns tagtäglich aufs Neue vor, dass sie jetzt und für immer kostenlos bleiben werden.

 


Image „Social Media apps“ by Jason Howie (CC BY 2.0)


Schlagwörter: , , , ,
Lars Sobiraj

Lars Sobiraj

schrieb von 2000 bis zum Jahr 2002 für mehrere Computerzeitschriften rund 100 Artikel. Von April 2008 bis Oktober 2012 leitete er beim IT-Portal gulli.com die Redaktion als Chefredakteur. Thematische Schwerpunkte der über 1.000 Beiträge sind Datenschutz, Urheberrecht, Netzpolitik, Internet und Technik. Seit Frühjahr 2012 läuft die Video-Interviewreihe DigitalKultur.TV, die er mit dem Kölner Buchautor und Journalisten Moritz Sauer betreut. Seit mehreren Monaten arbeitet Lars Sobiraj auf freiberuflicher Basis bei heute.de, ZDF Hyperland, iRights.info, torial, Dr. Web und vielen weiteren Internet-Portalen und Blogs. Zudem gibt er Datenschutzunterricht für Eltern, Lehrer und Schüler.

More Posts - Website - Twitter - Google Plus