Sorry (Bild: Ed Schipul [CC BY 2.0], via Flickr)

SIMSme: Deutsche Post scheitert an überflüssiger „E-WhatsApp“

Die Deutsche Post startet mit SIMSme einen angeblich sicheren Messenger – und lässt jegliches Verständnis für die mobile Welt vermissen. // von Tobias Gillen

Sorry (Bild: Ed Schipul [CC BY 2.0], via Flickr)

Die Deutsche Post will jetzt so richtig durchstarten. Nach dem E-Postbrief gibt es nun – na? na? – einen sicheren Messenger für Android und iOS – Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und Selbstzerstörungsfunktion inklusive. Aber: Was taugt SIMSme wirklich?


Warum ist das wichtig? WhatsApp-Konkurrenten sind in der Vergangenheit aus dem Boden geschossen wie Unkraut. Und doch ist längst nicht jede Alternative brauchbar.

  • SIMSme soll irgendeinen Markt bedienen, aber welchen weiß man bei der Deutschen Post wohl auch nicht so genau.
  • Ein WhatsApp-, Threema- oder Snapchat-Konkurrent ist SIMSme im jetzigen Zustand nicht.
  • Von der angeblichen TÜV-Prüfung merkt man bei der Benutzung des Messengers rein gar nichts.

Angeblicher „WhatsApp-Konkurrent“?

„Deutsche Post greift jetzt WhatsApp an“ (RP Online), „Deutsche Post greift Whatsapp an“ (FAZ), „Deutsche Post macht Whatsapp und Snapchat Konkurrenz“ (GOLEM), „Whatsapp-Konkurrenz: Deutsche Post startet Messenger“ (BILD). Nur eine kleine Auswahl an Überschriften vom Mittwoch zur neuen Messenger-App SIMSme.

Ich nehme mein Fazit einfach mal vorweg: Konkurrenz wird diese App in ihrem jetzigen Zustand niemandem machen. Nicht dem klaren Marktführer WhatsApp, nicht dem eleganten Threema, nicht dem flippigen Snapchat und auch nicht SMS, E-Mail, De-Mail oder sonst was.


Die neue Messenger-App „SIMSme“ der Deutsche Post:


Wenn überhaupt Beta-Niveau

Aber von vorne: Die Deutsche Post versprichtkostenlosen Versand von Nachrichten mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung„, den „Serverstandort Deutschland„, der die „Einhaltung deutscher Datenschutzgesetze“ garantiere sowie „keine Nutzung von Werbezwecken„. Das alles sei TÜV-geprüft: „SIMSme wurde umfassend von mediaTest digital in Kooperation mit TÜViT (TÜV Nord Group) geprüft und als ‚Trusted App‘ ausgezeichnet„.

Gut, was auch immer mediaTest digital und der TÜV da getestet haben – mit der Performance und dem User-Interface kann es nichts zutun gehabt haben. Denn SIMSme ist wohl so ziemlich das Gegenteil von WhatsApp, Threema oder Snapchat: Es ist kompliziert, ruckelig, nicht intuitiv und befindet sich noch lange nicht in einer veröffentlichungsreifen Version. Vielleicht ist es auf dem Niveau einer Beta, vielleicht nichtmal das.

Kein intuitives User-Interface

Deutsche Post SIMSme

Es beginnt mit dem Anmeldungsprozess, der bei mir zwar im ersten Anlauf funktioniert hat. Von vielen Kollegen und Twitterern aber weiß ich, dass dem nicht so war. Jürgen Vielmeier etwa hat 10 Minuten gebraucht, seine Mobilfunknummer sei zunächst als bereits registriert abgelehnt worden. Vielmeier: „Wirkt superseriös!“ – auch WSJ-Autor Stephan Dörner brauchte mehrere Anläufe, bei manchen hat es bis zum Abend gar nicht funktioniert.

Ist man dann nach Bestätigungscode- und Passworteingabe endlich drin, erlebt man ein ruckeliges Interface, das sich überhaupt nicht intuitiv erschließt. iPhone-Nutzer etwa würden instinktiv oben rechts in der Bildschirmecke ein „+“ erwarten, um einen Chat zu beginnen. Stattdessen findet man dort die Kontakte – abgebildet sind alle im Adressbuch gefundenen Nummern. Das Problem: Fast alle sind grau unterlegt und können nicht ausgewählt werden, weil sie keine SIMSme-Nutzer sind.

Einzel- und Gruppenchats möglich

Anstatt also nur die verfügbaren Nummern anzuzeigen, muss ich durch meine dreihundertachtzig Kontakte scollen, um dazwischen dann die vier Namen zu finden, die SIMSme auch nutzen. Und selbst das, also das Erkennen, dass ein Kontakt SIMSme nun nutzt, dauerte bei meinem Test mehrere Stunden.

Wie öffne ich also einen neuen Chat? Bei SIMSme funktioniert das über einen Tap auf einen grauen Kopf, dadurch öffnet sich ein Einzelchat. Immerhin hier werden mir nun nur die verfügbaren Kontakte angezeigt. Nebendran ist ein Icon mit drei grauen Köpfen – die Gruppenchatfunktion.

Pixeliges Ausrufezeichen verhindert Chats

Links befinden sich dann noch die Einstellungen. Einen Status, ein Profilbild oder einen Namen kann ich hier angeben, außerdem ein Passwort, das sich beim Start anfordern lässt. Um die Profilbilder der Kontakte herum befindet sich ein Viertelkreis, der wahlweise rot, gelb oder grün ist. Hier hat die Deutsche Post fleißig bei Threema abgeschaut, die eine ähnliche Kennzeichnung der „Sicherheit“ nutzen. Den grünen Viertelkreis bekommt nur, wer mich seinen QR-Code scannen lässt.

Nachdem es mir nach Stunden dann mal möglich war, wenigstens eine Nachricht an Kollege Jürgen Vielmeier zu senden, scheiterten alle weiteren Versuche angeblich an meiner Verbindung (!). Zu sehen bekomme ich also statt Ende-zu-Ende-verschlüsselten Chats nur ein pixeliges Ausrufezeichen mit rotem Kringel. Auch die Selbstzerstörungsfunktion der Nachrichten – das Snapchat bei SIMSme – konnte ich leider nicht testen.


Im Neuland-Podcast besprechen Caschy und Sascha Pallenberg den SIMSme-Messenger (ab 1:40:40):


Fazit: Überflüssiges „E-WhatsApp“

Mal abgesehen davon, dass die Deutsche Post bei SIMSme von „SSL“-Verschlüsselung spricht, obwohl TLS das veraltete SSL längst abgelöst hat und mein Telefonbuch trotz aller Sicherheit mit den Servern abgleichen muss, dürfte ausreichend begründet sein, warum SIMSme für mich ein großer Witz ist.

Die Post schreibt: „Die Deutsche Post steht seit über 500 Jahren für einen sicheren und vertraulichen Transport von Informationen. Das gilt nun auch für beliebte Instant-Messages von Smartphone zu Smartphone. Wir sorgen für höchstmöglichen Datenschutz nach den strengen deutschen Gesetzen, und zwar ohne dass der Nutzer dabei einen Mehraufwand hat.

Etwas Ähnliches habe ich auch beim E-Postbrief schon gelesen. Hat da leider genauso wenig funktioniert wie jetzt beim „E-WhatsApp“. Übrigens, der ultrahippe Werbespruch „SIMSme. Schreib’ sorgenfrei.“ reiht sich nahtlos in den Eindruck des ersten Tests ein. Schade.


Teaser & Image by Ed Schipul (CC BY 2.0)


Schlagwörter: , , , , , ,
Tobias Gillen

Tobias Gillen

ist freiberuflicher Medien- und Technikjournalist und Blogger. Nebenher schreibt er Bücher und E-Books und ist bei Twitter, Facebook und Google+ zu finden.

More Posts - Website - Twitter - Facebook - Google Plus