PROF. SILBERZUNGE: Peter Kruse – die deutsche Stimme des Web?

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(Bild von Mario Sixtus)

Church of Kruse

„Die Lawine ist nicht mehr aufzuhalten und donnert bereits zu Tal. Überzeugungsarbeit, und da bin ich sehr relaxt, ist da eigentlich nicht notwendig: Und bist du nicht willig, so brauch ich … Geduld.“ Standing Ovations im riesigen Friedrichsstadtpalast. Die zum deutschen Blogger-Kongress re:publica versammelten Praktikanten, Studenten, NGO-Jobber, Software-Entwickler und Digitalen Bohemiens bejubeln den Vortrag eines Bremer Unternehmensberaters: „What’s Next – Wie die Netzwerke Wirtschaft und Gesellschaft revolutionieren“. Danach überall begeisterte Kommentare im Social Web: grandios, rockt das Haus. Netzwerk-Gospel in der Church of Kruse. Mein Lieblings-Tweet ist von Anna Log: „Wenn ich das richtig verstehe, erklärt Peter Kruse hier Buddhismus anhand des Web 2.0.“

In den letzten paar Monaten hat Peter Kruse eine Leerstelle besetzt: Er ist die Stimme des Deutschen Web in den bürgerlichen Medien geworden: Frankfurter Rundschau, SZ, ZDF. Vorher gab es da eigentlich nur den Journalisten Mario Sixtus und den Werber Sascha Lobo. Das sind zwar hochintelligente Leute mit viel Web-Erfahrung, aber sie positionieren sich schon rein optisch als schräge Nischen-Kunstfiguren: Sixtus bis vor kurzem als „Der Elektrische Reporter“ mit einem selbstironischen NeueDeutscheWelle-Retro-Styling, und Lobo dauerhaft maskiert als Berliner Asi-Bierpunk.

Nun gibt es also für das aufgeschlossene Bildungsbürgertum einen dritten farbigen Charakter: „Professor Peter Kruse“, mit weißem Vollbart statt rotem Irokesen. Prompt war er mit den beiden anderen beim ZDF-Nachtstudio eingeladen und redete den erstaunlich gehemmt wirkenden Lobo locker an die Wand. Wie die beiden Jüngeren hat er Humor, redet und denkt sehr schnell und nutzt den Rückenwind der Web-Kulturrevolution, die schon deshalb alle so nervös macht, weil es eigentlich eben keine Großen Männer gibt, an denen man diese Geschichte festmachen kann. Da möchte man wenigstens einen Welterklärer. Und Kruse macht das ja sehr charmant. Ein brillanter Performer im Stil der angenehmeren Megachurch-Evangelisten.

Den Aufstieg zum Professor Internet vollzog der 55jährige Kruse erstaunlich schnell: Seit 2008 steht eine gut gemachte YouTube-Interview-Serie zu Themen rund um Change Management ins Netz, mit Abrufzahlen zwischen 8000 und 18000. In Folge 6 äußerte sich Kruse erstmals zum Web 2.0 – übrigens eher skeptisch und wenig informiert, er rief nach dem Semantic Web als Gegenmittel gegen die Trivialität der Massen. Erst seit 2009 positioniert er sich sehr gezielt als Internet-Autorität und Web 2.0-Versteher: Er gab Interviews für das Politik 2.0-Buch Reboot D, in der FR und in der SZ. Es folgten der Auftritt im ZDF, der Triumph auf der re:publica und am letzten Wochenende ein ausgesprochen unfairer Verriss in der FAZ, der die Kruse-Gemeinde empörte und weiter zusammenschweißte. Kein Zweifel: Den Mann werden wir noch öfter sehen.

Godzilla vs. King Kong



Vor ein paar Monaten kritisierte Kruse die Internet-Kritik des großen Frank Schirrmacher in der SZ recht vollmundig: „erstaunlicher Denkfehler“, „Einseitigkeit der Perspektive“, „outet sich als fremdelnder Netzwerk-Besucher“ … „Da kann man schon mal ein wenig überfordert sein, nicht wahr, Herr Schirrmacher?“ (Daneben bietet dieses Interview auch die bisher klarste Zusammenfassung der Kruse’schen Kernsätze.)

Das war ein geschickter Schachzug. Godzilla Schirri, der von King Kruse noch nie etwas gehört hatte, nahm unwillig zur Kenntnis, dass da jetzt noch ein zweiter Monsterbürger aufgestanden war, der den Deutschen das Netz erklären will. Die Rache des FAZ-Imperiums ließ nicht auf sich warten. Man schickte den Kulturkritiker Edo Reents, um diesem aufgeblasenen Gegen-Guru mit einer Polemik die warme Luft herauszulassen. Völlig legitim eigentlich, aber der Artikel arbeitete dann auf fast schon bösartige Weise mit schlecht recherchierten Unterstellungen: Da wurde suggeriert, Kruse stelle sich als erfolgreichen Unternehmensberater dar, aber viele der angeblichen Kunden hätte noch gar nichts von ihm gehört, und sein vollmundig angepriesenes Sozialforschungs-Tool „nextexpertizer“ sei sowieso unseriöser Unsinn. Das ist alles sehr oberflächlich ausgebreitet und zitiert werden durchwegs recht zweifelhafte „Experten“. (Ein weiteres Argument, sich über den bestehenden Untergang des papiergebundenen „Qualitätsjournalismus“ nicht weiter zu grämen.)

Beide Vorwürfe stimmen jedenfalls nicht. (Hier eine ausführliche Widerlegung.) Kruses Firma nextpractice inszeniert seit 2002 durchaus erfolgreich Vernetzungs-Erlebnisse mit 500 Laptops für Kunden wie z.B. Metro, Obi, Otto, Daimler und die Bertelsmann Stiftung. Es geht da um Change Management-Beratung und Mitarbeiter-Motivation. Wenn das gelegentlich ein wenig oberflächlich daherkommt, liegt das an der Branche selbst: Managementberatung dieser Art ist halt so. Nextpractice macht da vergleichsweise einen eher soliden und ernsthaften Eindruck. Das Personalmagazin wählte Kruse 2009 zum dritten Mal in Folge in die Liste der „40 führenden Köpfe im deutschen Personalwesen“. Das macht ihn nicht zu einer richtig großen Nummer, aber ganz sicher zu einem gut etablierten Profi.

Und das computergestützte, qualitative Interview-Verfahren „nextexpertizer“, das Kruse jetzt auch als Werkzeug für große gesellschaftliche Trend-Studien einsetzen will, beruht auf einem erprobten, wissenschaftlich anerkannten Verfahren: dem „Repertory Grid“ des US-Psychologen George A. Kelly.Der Link dorthin findet sich zwar nicht auf der Webseite von nextpractice, aber auf der Wikipedia-Seite zu Kruse, die offenbar vom Kruse-Team geschrieben wurde.

Journalistisch ist das Vorgehen der FAZ also unter aller Kritik. Trotzdem: Der erste große Kruse-Verriss war unausweichlich. Wenn es nicht Reents gewesen wäre, hätte es eben ein anderer gemacht. Wenn sich jemand so selbstgewiss und durchdrungen von der eigenen Welterklärungs-Botschaft als öffentliche Figur ins Rampenlicht stellt, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis jemand die Gegenrechnung aufmacht. Und Kruse gibt sich schon ein paar Blößen.

What’s Next – A Matter Of Fact in A World Of Values



„Was hat Reents da nur geritten?“, fragte Kruse auf Twitter, ohne dabei besonders irritiert zu wirken. So schwer zu beantworten ist das eigentlich nicht, auch wenn man mal die Schirrmacher-Fehde ausklammert. Tatsächlich gerät jeder in ziemlich nebliges Terrain, der harte Fakten und Hintergründe zu Kruse und seinen Ideen sucht.

Die nextpractice.de-Website atmet visuell und sprachlich noch ganz den Ungeist der unseligenen Bubble-Jahre: Hochglanz-Flash-Animationen eingebettet in technoides Dunkelgrau, eine Art Slideshow aus Fotos von Horst Köhler, gemischtrassigen jungen Menschen und perfekt designter Loft-Architektur, animierte Werbeslogans, Testimonials begeisterter Kunden, die Präsentation der Referenzprojekte immer ein wenig zu überschwenglich und zu verschwommen. Und die Sprache ist entsetzliches PR-Chinesisch: „nextpractice verbindet modernste Forschungserkenntnisse mit umfangreicher Beratungserfahrung zu innovativen Lösungsansätzen. Ein Team aus 40 Psychologen und Informatikern um Prof. Dr. Peter Kruse entwickelt maßgeschneiderte Interventionsansätze zur Entscheidungsunterstützung sowie zur Förderung und Nutzung kollektiver Intelligenz.“

Das klingt alles nicht nach Web 2.0, sondern nach Management-Theorie 1.0, Stand 1999. Jedenfalls ist es das genaue Gegenteil der „menschlichen Stimme“, die das berühmte Cluetrain-Manifest, das Kruse gern zitiert, auch und gerade von Unternehmen einfordert (hier ist die beste deutsche Übersetzung). Dass ist seltsam: Gerade dass er bei öffentlichen Auftritten diese authentische Stimme findet, macht ja gerade seinen Erfolg aus. Wer ihn als Redner bei der Econ-Agentur bucht, bekommt auf jeden Fall etwas fürs Geld.

Die Methode

Wenn man sich fragt, wo hinter Kruses geschliffener Rhetorik der substanzielle Kern steckt, dann ist die Antwort: Am ehesten in der „qualitativen“ Methode seiner Repertory Grid-Interviews, über die die FAZ sich zu Unrecht lustig machte. Die peinlichste Stelle des Artikels ist da, wo Reents den Begriff „qualitativ“ mißversteht und nur als weiteren Beleg für Kruses Größenwahn interpretiert. Tatsächlich wird „qualitativ“ in der Sozialforschung im Gegensatz zu „quantitativ“ verstanden: also Forschung, die nicht auf der statistischen Auswertung möglichst großer standardisierter Messreihen beruht, sondern auf komplexeren sprachlichen Informationen, die man erst interpretieren muss, um ihre Bedeutung freizulegen.

Das Interessante an Kruses Grid-Interviews ist, dass sie „halbstandardisiert“ sind: Sie sollen das je individuelle Begriffsfeld erschließen, mit dem die Leute einen Ausschnitt ihrer Welt ordnen. Zum Beispiel ihr Verhältnis zum Internet, oder zu Autos, oder zur eigenen Firma. Eine Untersuchung besteht dann aus 100 oder 200 von solchen relativ aufwändigen Interviews, in denen Begriffspaare und Bewertungen systematisch abgefragt werden, ohne den Leuten schon vorher etwas in den Mund zu legen. Resultat sind semantische Räume, die man mit Hilfe der nextexpertizer-Software nach allen möglichen Gesichtspunkten betrachten und auch zu kollektiven Räumen zusammenblenden kann.

Diese Computerumsetzung des Kelly’schen Grid-Verfahrens wurde, wie es scheint, von dem verstorbenen Psychologen Arne Raeithel entwickelt, mit dem Kruse Mitte der 1990er Jahre wissenschaftlich zusammenarbeitete. Irgendwann um 2000 herum scheint er dann mit seinen Geschäftspartnern daraus das nextexpertizer-Tool mit dem attraktiven Infografik-Design entwickelt zu haben. (Es gibt in Oldenburg noch eine andere Version.)

Inhaltlich ist das ernstzunehmen. Mit mir selbst wurde mal ein solches Interview gemacht. Vermutlich ging es sogar in die Studie über „Digital Visitors“ und „Digital Residents“ ein, die Kruse bei der re:publica präsentierte. Das dauerte fast eine Dreiviertelstunde. Das Prinzip ist eigentlich simpel, aber es erzeugt jedenfalls sehr viel komplexere und authentischere Ergebnisse als die üblichen Fragebogen-Aktionen.

Die relativ kleine Zahl von Interviews, die man so machen kann, ist bei der Arbeit in Unternehmen kein Problem. Schwieriger ist es, daraus wissenschaftliche Aussagen über tiefgründige Umbrüche in der ganzen Gesellschaft abzulesen, wie es Kruses gerade gegründetes Institut tun soll. Das trägt den volltönenden Namen „What’s Next? – International Institute for Cultural Understanding and Participation (II-CUP)“ und soll künftig „unter CC-Lizenz“ die ganze Gesellschaft mit den Resultaten eines „Gesellschafts-Monitoring“ versorgen, „zu relevanten Schwerpunktthemen wie Arbeit, Bildung, Gesundheit, Ernährung, Mobilität, Umweltschutz etc.“

De facto ist das derzeit eine Website, die Kruses Studien-Resultate zu großen gesellschaftlichen Themen in Form von Video-Statements verbreitet – mündlich ist er bei weitem am besten. Ich frage mich allerdings, was da künftig dann unter CC veröffentlicht werden wird: Das müssten ja die kompletten Daten und Auswertungsgrafiken der Grids sein. Hochinteressant, aber bisher habe ich solches Material noch nirgends gesehen. Bisher ist man für die Auswertung immer auf den Meister angewiesen, der einmal beiläufig sagte, dass es außer ihm selbst höchstens noch eine andere Person bei nextpractice gebe, die diese Muster erkennen und interpretieren könne.

Limbisches System

Ich mag Kruse, aber ein leichtes Unbehagen bleibt. Nicht wegen seiner Beraterfirma und auch nicht, weil er sich selbst recht bewusst inszeniert. Der insgesamt eher amateurhafte deutsche Web 2.0-Diskurs kann ein paar Profis als Frontleute gut gebrauchen, sofern sie den Cluetrain-Kriterien genügen. Seine Werte teile ich. Mein Problem ist das, was er da mit Professoren-Nimbus als wissenschaftlich-theoretisches Fundament präsentiert.

Wenn Kruse über das Netz redet, tut er es nicht aus dem Blickwinkel des sauertöpfischen Zaungasts der 2.0-Party, wie er es Schirrmacher vorwirft. Eher aus der freischwebenden Perspektive eines entspannten Überfliegers, der das bunte Gewirr da unten aus 1000 Meter Höhe betrachtet. Was uns da unten groß und wichtig erscheint, wird von da oben plötzlich nichtig und klein. Was die Web 2.0-Aktivisten und Entwickler jeden Tag in unzähligen Blogs diskutieren, alle die vielfältigen und widersprüchlichen Praktiken, alle die komplizierten Technologien und Applikationen, alle die verwirrenden politischen und ideologischen Fragen. Alles ist Netzwerk, alles ist Emergenz, alles fließt.

Da verfließt aber auch sehr leicht die Abgrenzung zur wirklich windigen „Zukunftsforschung“. Kruse muss aufpassen, dass er nicht zum Horx 2.0 wird. Auch der exakt gleichaltrige Matthias Horx hat ja 1997 ein erfolgreiches „Zukunftsinstitut“ gegründet, auch er redet natürlich vom Schmetterlingsflügeleffekt, von emergenten Systemen und der Netzwerkgesellschaft. (Das Web 2.0 hat er bislang gottseidank ausgelassen, wahrscheinlich wird dort zuwenig Geld verdient.)

Nun ist Kruse anders als Horx ja kein Ex-Feuilletonist. Er hat ja tatsächlich „sehr viele Jahre auf der Schnittfläche zwischen Experimentalpsychologie und Neurophysiologie gearbeitet„, wie er gleich zu Beginn des re:publica-Vortrags sagte. Da zeigte er Folien zum „limbischen System“ im Gehirn und verwies ständig auf irgendwie hochkomplexe Zusammenhänge der System- und Netzwerktheorie. Aber wie hart ist das wirklich, was er da vorträgt? Ein paar ausgeliehene Metaphern sind ok, pseudo-wissenschaftlicher Quark nicht.

Kruse ist 2001 Honorarprofessor für Organisationspsychologie im heimatlichen Bremen geworden, weil er zu dem Zeitpunkt schon erfolgreicher Unternehmer und Consultant war.Da lag seine ‚harte‘ Wissenschaftler-Zeit als experimenteller Psychologe schon ungefähr 5 Jahre zurück. Die intellektuellen Grundlagen seiner Managementtheorie liegen nicht in der harten Psychologie und in der Hirnforschung, wie er suggeriert, sondern eher in Ansätzen der „systemischen Therapie“ die seit Anfang der 1990er im Umfeld des „Radikalen Konstruktivismus“ recht bunt blühen (etwa hier).

Geistesgeschichtlich ist das sehr interessant: Um 1990 gab es eine ganze Reihe von hochabstrakten naturwissenschaftlichen Theorien, die man zuerst interdiziplnär verallgemeinerte und dann zu einer wolkigen Mixtur aus Philosophie und Therapie mit New Age-Einschlag verwurstete: Chaosforschung, Synergetik, „kollektive Intelligenz“ … All das findet sich auch bei Kruse wieder, und es bleibt so vage, dass man schlicht nicht sagen kann, was genau dahinter steckt.

Es scheint, dass Anfang der 90er Jahre sich im Raum Bremen/Oldenburg/Hamburg rund um die Forschergruppe „Interdisziplinäre Kognitionsforschung“ ein Wissenschaftler-Biotop gebildet hat, in dem alle Versatzstücke der Kruse’schen Metatheorie bereits im Umlauf waren, einschließlich Psychotherapie und Computerlinguistik. Auch der Psychologie-Privatdozent Raeithel, der erste Entwickler der Grid-Software, gehörte dazu. Das waren offenbar Leute, die in den 1970er Jahren eigentlich eher von weichen, linkshumanistischen Positionen herkamen und sich dann den harten Naturgegebenheiten zuwandten: dem Hirn und dem Markt.

Die Rede vom „limbischen System“ übernimmt Kruse von Gerhard Roth, dem Oberhaupt der Bremer Schule der Hirnforschung, der auch ständig mit Hirn/Kognition kurzschlüssig kulturelle Phänomene erklärt. Hier lässt sich gut zeigen, was mich stört: Erstens ist das „limbische System“ als harte wissenschaftliche Theorie offenbar seit etwa 2000 obsolet. Und zweitens: Wozu braucht Kruse das limbische System überhaupt für seine sprachlich-semantischen Analysen von Werten (was ist das eigentlich?) Da bieten sich viel eher die strukturalistischen Textanalysemethoden an, die auf Jakobson und Greimas zurückgehen. Mit einem psycho-physiologischen „Unbewussten“ (was immer das ist) hat das, anders als Kruse sagt, erst einmal gar nichts zu tun.

Kruse hat sich ein selbstbezügliches, recht abstraktes Begriffsnetz geschaffen, bei dem nirgends klar ist, auf was es sich wissenschaftlich-theoretisch genau bezieht. Es gibt ja interessante Theorien von „Netzwerk“, „Emergenz“, sogar von „kollektiver Intelligenz“, es gibt gute Bücher darüber, aber wenn Kruse hier selbst ein fundiertes Konzept hat, hat er es jedenfalls bis jetzt nirgends beschrieben. Er schreibt überhaupt wenig, jedenfalls nichts, was über seine mündliche Change-Rhetorik hinausgeht.

Ist das ein Problem? Ja. Der Diskurs über das Web hat intellektuelle Härte nötig. Das Web ist ein sehr komplexes, schwer greifbares Gebilde aus Strom, Schaltungen, Menschen, Sprache und Code. Es bietet sich an als Objekt für wirre Diskurse und Pseudotheorien aller Art. Wenn jemand ausdrücklich als Professor auftritt und über die intellektuellen Mittel verfügt, das aufzuklären, muss er es tun. Hier ist Kruse ein ausgiebiger Griff zu Ockhams Rasiermesser dringend zu empfehlen.

Die Stimme

Kruse selbst hat gar nicht sehr viel mit dem Web zu tun, in dessen Namen er spricht. Seine Software ist ja keine Web-Software, seine Netzwerke schaltet er seit 2002 vor Ort aus 500 Laptops zusammen. Seine Netzwerk-Resonanz-Ideen projiziert er lediglich auf das Web, um sie dort dann unverändert wiederzufinden. Er ist kein „Resident“: Er lässt Videos veröffentlichen und seit einem Jahr hat er einen Twitter-Account, den er nur für Aphorismen und Link-Empfehlungen nutzt. Er folgt den wichtigsten Enterprise 2.0-Twitterern, aber ich habe noch nie eine Spur der ganzen ausgedehnten Enterprise 2.0-Diskussion bei ihm gefunden.

Es ist also nicht so sehr das Was, es ist das Wie. Vor allem anderen ist Kruse ein brillanter Redner. Er ist The Voice. Was macht ihn so charismatisch?

– Er bedient das Klischee des „unkonventionellen weißhaarigen Genies“, das zurückgeht auf den Zunge zeigenden Einstein der 1950er Jahre.
– Er zweifelt so wenig am eigenen Weltbild wie jeder Megachurch-Evangelist. Er spricht jederzeit druckreif und zugleich im Konversationston. Er ist sich völlig sicher, aber nie klingt es papieren oder professoral.
– Er wirkt nie auf penetrante Weise eitel. Er posiert nicht, er ist einfach so: eine geborene Rampensau. Diese perfekte Mischung von Ego und Understatement ist ausgesprochen selten und beeindruckend.
– Er hat ein ausgezeichnetes Gefühl für aphoristische Bonmots – das waren die Stellen, an denen das re:publica-Plenum regelmäßig jubelte.
– Er ist enthusiastisch. Er meint zweifellos alles ernst, was er sagt.
– Und er sagt nie unbequeme Dinge. In einer Umbruchszeit verbreitet er eine Atmosphäre von Souveränität und Fortschrittsoptimismus, an der wir unsicheren Erdenbürger gern teilhaben. Sein Aufstieg begann nicht von ungefähr nach dem Platzen der Bubble, seitdem alle wissen, dass es mit den alten Sicherheiten vorbei ist.

Das alles sind Merkmale, die auch die ideale Stimme des Web ausmachen. Kruse klingt wie das Web, wie die kollektive Stimme des anspruchsvollen Teils der Blogosphäre. Aber wenn er diese Sprecherrolle gegenüber dem Mainstream wirklich aufüllen will, muss er noch sein ganzes Auftreten radikal cluetrainisieren. Das braucht vor allem Offenheit, den Verzicht auf konventionelles Marketing, die echte Verlagerung des eigenen Denkens und Kommunizierens ins Web. Wenn er das tut, bin ich gern mal zu Gast in der Church of Kruse. Solange er das nicht macht, bleibt er ein Bauchredner.

Bildnachweise; Sixtus, Lotman

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Martin Lindner

Martin Lindner

befasst sich als selbständiger Forscher und Berater mit Wissensarbeit, Informationsflüssen und Lernprozessen in der Google-Galaxis. Er erforscht und entwirft konkrete Lösungen für digitale WissensarbeiterInnen (Enterprise 2.0, e-Learning) und publiziert dazu in englischer und deutscher Sprache.

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