Peter Liedtke (Foto: Harald Hoffmann)

Pixelprojekt_Ruhrgebiet: Interview mit Peter Liedtke

Das Fotografen-Projekt „Pixelprojekt_Ruhrgebiet“ versteht sich als digitale Sammlung von fotografischen Positionen als regionales Gedächtnis. // von Merle Miller

Peter Liedtke (Foto: Harald Hoffmann)

Pixelprojekt_Ruhrgebiet“ wurde im Jahr 2003 von zunächst 27 Fotografinnen und Fotografen der Agentur “Magnum” gegründet. Als unabhängiges Projekt nimmt es dabei die regionalen Entwicklungen jenseits des Mainstreams und der Großveranstaltungen wahr. Jedes Jahr können interessierte Fotografen ihre Werke einreichen und nach einem Auswahlverfahren an diesem großen Projekt teilnehmen. Zudem finden immer wieder Ausstellungen der Neuaufnahmen stat. Aktuell können diese im Wissenschaftspark Gelsenkirchen noch bis zum 8. November 2014 angeschaut werden. Mit Peter Liedtke sprachen wir ausführlich über das „Pixelprojekt_Ruhrgebiet“.

Merle Miller: Sie sind Koordinator von „Pixelprojekt_Ruhrgebiet“. Worum geht es bei diesem Projekt?

Peter Liedtke: Pixelprojekt_Ruhrgebiet sammelt Fotografien, die im Laufe von Jahrzehnten als Produkt der seriellen Auseinandersetzung einzelner Fotografinnen und Fotografen mit Themen der Region entstanden sind, ordnet diese Bildserien, bringt sie in eine thematische und chronologische Struktur und macht sie auf einer Internetseite überhaupt erst sichtbar. Einmal pro Jahr werden die Neubewerbungen durch eine Jury von anerkannten Kunst-, Fotografie- und Regionalfachleuten in das Projekt aufgenommen. Im Laufe der Jahre entsteht so ein fotografisches Gedächtnis der Region. Neben Ökologie sind Soziales, Kultur, Stadt, Wohnen, Sport, wirtschaftlicher Wandel und vor allem die Menschen der Region die Hauptthemen.

Wie ist die Idee dazu entstanden?

Ich selbst habe seit Mitte der 1980er Jahren den Wandel der Region Ruhrgebiet als eigenes freies Fotoprojekt verfolgt. In dieser Zeit habe ich auch die Arbeiten von Kolleginnen und Kollegen wahrgenommen und wünschte mir für all diese Arbeiten mehr und andere Kommunikation. Wenn eine Arbeit ausgestellt wurde, verschwand sie anschließend wieder in den Schubladen. Wenn eine Veröffentlichung im Print erfolgt war, war sie morgen schon im Altpapier. Wenn Sie als Katalog gedruckt war, war dieser nur in einem Museum erhältlich oder irgendwann vergriffen. Als ich mich 2001 mit der Gestaltung meiner eigenen Internetseite beschäftigte, erkannte ich sehr schnell die Möglichkeiten auch für unabhängige Projekte Informationen in die Öffentlichkeit zu bringen und somit freie Meinungsbildung (die ja nicht zuletzt auch durch Bilder und deren Auswahl bestimmt wird) zu fördern. Veröffentlichungen waren fast ohne Geld möglich und das Internet versprach weltweite Kommunikation.

Welches Ziel verfolgen Sie mit „Pixelprojekt_Ruhrgebiet“?

Es geht darum, eine ganze Region und deren Realität, ihre Milieus, ihre Qualitäten und ihre Defizite mit den Mitteln der Kunst/Fotografie sichtbar zu machen. Entscheidungsträger nutzen für ihre Information und Meinungsbildung in der Regel Kennzahlen und Statistiken, hinzu kommen persönliche Erfahrungen – in der Regel aus dem eigenen Umfeld. Wie aber sieht Armut wirklich aus? Wie fühlen sich Flüchtlinge als „geduldet Geborene“? Wie sieht eine Stricherszene von innen aus? Und wie feiern die Tamilen in Hamm ihr Tempelfest? Wie sah der Hauskampf rund um das Heusner Viertel in Bochum aus! Und wie der Kampf um den Erhalt der vom Abriss bedrohten Bergarbeitersiedlungen. Was geschieht im Friedensdorf Oberhausen und was in einer Schule für Schwerhörige? Pixelprojekt_Ruhrgebiet will unabhängig informieren. Durch das Nebeneinander unterschiedlicher Positionen (inzwischen gibt es im Projekt 417 Fotoserien von 258 Fotografinnen und Fotografen) haben wir die Möglichkeit, die tatsächliche Realität einer gesamten Region, die zunehmend von den Bürgern als Einheit verstanden wird, zu vermitteln. Letztlich geht es darum, politische Entscheidungen richtiger zu machen!

Wieso nutzen die Bildautoren dafür eine unabhängige Plattform?

Ursprünglich war es für Fotografen sehr schwer, insbesondere für ihre größeren Projekte, diese in vollem Umfang sichtbar zu machen. In den Magazinen bestimmen in der Regel die Redakteure die Bildauswahl und es geschieht nicht selten, dass Bilder beschnitten werden oder mit falschem Untertitel entgegen der Absicht der Bildautoren eingesetzt werden. Viele Arbeiten bleiben -weil sie nicht massentauglich sind- unveröffentlicht. Inzwischen haben alle Fotografen die Möglichkeit, ihre Arbeiten auf eigenen Homepages sichtbar zu machen, und über den Digitaldruck ist es inzwischen möglich, Bücher mit kleinem Geld zu produzieren. Aber wie erreicht man Wahrnehmung? Da hat es eine gemeinsame Plattform mit einem Qualitätsmanagement und mit einem „Kümmerer“, dem man vertraut, einfacher. Alle Bilder sind mit den jeweiligen Bildautoren verlinkt, sodass durch das Projekt viele direkte Kontakte möglich sind.

Welche Vorteile entstehen daraus? Und welche Nachteile?

Unabhängigkeit macht frei. Wir können Positionen veröffentlichen, die es ansonsten schwer haben. Aber es geht nicht ganz ohne Geld. Der Förderverein selbst ist auch nicht in der Lage, das durchaus ambitionierte Projekt alleine zu finanzieren. Glücklicherweise hilft uns das Land NRW mit jährlicher Projektförderung und auch andere Stellen helfen mit Geld und Manpower. Bisher hat sich inhaltlich noch kein Geldgeber in das Projekt eingemischt. Und doch ist das Projekt alles andere als gesichert. Jedes Jahr muss ich erneut um Förderung kämpfen und bangen. Eigentlich absurd für ein Projekt, das ein regionales fotografisches Gedächtnis schafft.

Wie funktioniert die Teilnahme am Projekt und wer kann daran teilhaben?

Vom internationalen Star bis zum Fotoamateur und vom Hochschulprofessor bis zum Studenten kann sich jeder mit bis zu 4 Fotoserien pro Jahr um die Aufnahme dieser Serien online bewerben. Bewerbungsschluss ist jeweils der 31. Oktober. Im Anschluss tritt eine unabhängige Jury zusammen und entscheidet anonymisiert, welche Bildserien neu in das Projekt aufgenommen werden. Entscheidend sind die Relevanz und die fotografisch überzeugende Umsetzung des jeweiligen Themas. Obwohl die meisten Arbeiten eher dokumentarischen Charakter haben, sind alle Stilrichtungen der Fotografie zulässig. Bisher konnten wir danach auch immer in einer großen analogen Ausstellung Teile aus allen aufgenommenen Serien zeigen. Dies dient einerseits der Begegnung, andererseits aber auch der Sichtbarmachung der Originale. Im Netz sind ja leider alle Bilder gleich groß (600 Pixel an der langen Seite) und haben auch eine gleiche Oberfläche. Die Ausstellungen machen wir seit 2003 im Wissenschaftspark Gelsenkirchen, einem öffentlichen Ort an dem jährlich 60.000 Menschen aus unterschiedlichsten Gründen ein- und ausgehen. Dieser moderne und mehrfach preisgekrönte Glas-Stahlbau ist auf dem Gelände eines ehemaligen Gussstahlwerks entstanden und somit selbst Symbol des Strukturwandels. Zusätzlich konnten wir Ausschnitte aus dem Gesamtprojekt auch bereits im Europäischen Parlament in Brüssel und im Brüsseler Goetheinstitut, in der deutschen Botschaft in London, in der Arsenal Galerie in Posen, im Mältinranta Artcenter in Tampere, in der Coal Face Gallery in Genk, im Kunstbunker Tumulka in München, in der Kunsthalle Darmstadt sowie an einigen anderen Orten zeigen. Aber wenn die Ausstellungen vorbei sind, bleibt nur noch das Netz, in welchem die Gesamtserien und das Gesamtprojekt weiterhin sichtbar bleiben.

Gibt es die digitalen Fotografien auch in Printform zu sehen? Wenn ja, wo kann man diese betrachten? Wenn nicht, warum?

In der Zeit von 2005 bis 2008 konnten wir mit Unterstützung des Forums Industriedenkmalpflege und Industriekultur 6 Katalog-Hefte zu einzelnen Fotoarbeiten herausgeben. Aber der Druck bleibt teuer und der Vertrieb ist kompliziert. Seit 2012 sind wir dank der positiven Entwicklungen im Digitaldruck in der Lage, Kataloge der Neuaufnahmen zu machen. Dies hilft vielen der neu aufgenommenen Fotografen mehr als eine reine Internetpräsenz im Projekt. Das, was analog nicht möglich ist, ist ein Katalog in der Größe des Projektes mit ca. 8.000 Einzelbildern und einer ständigen Erweiterung auf verschiedenen Ebenen. Das geht nur im Internet und bleibt vor allem auch für freie Initiativen bezahlbar.


Teaser & Image by Harald Hoffmann


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Merle Miller

Merle Miller

studiert Medieninformatik an der Fachhochschule Flensburg und schnupperte als Praktikantin bei den Netzpiloten erste Redaktionsluft. Nicht nur das Web 2.0 und Online-Medien begeistern sie, auch das Erlernen von Programmiersprachen findet sie faszinierend. Schon bevor das Internet in jedem Haushalt Einzug gefunden hatte, durchforstete sie das World Wide Web auf einem ruckeligen 56k-Modem und lernte früh die spannende Welt der Online-Medien kennen – von Beepworld bis Wordpress.

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