Nationalstaatliche Macher-Attitüden ohne Politik-Kompetenz

Nicht der ideenlose Populismus eines Peter Sloterdijk, sondern die Sozialtechnik der kleinen Schritte hilft, gesellschaftliche Herausforderungen zu bewältigen. Es gibt sehr viele optimistische Menschen, die von der Zukunft mehr erwarten, als eine Energiesparvariante der Gegenwart. Sie können mit neurotischen Weltuntergangs-Szenarien nichts anfangen und finden es spannend, einen evolutionären Prozess mitzugestalten, der die Welt sozial, kulturell und technisch verändert. Sie halten die Zukunft für nicht eingrenzbar und kaum planbar, sondern für durch und durch offen und voller Überraschungen. Um die Probleme der Welt zu meistern, setzen sie auf den Erfindungsreichtum der Menschen, auf Selbstverantwortung und Freiheit. Die Welt von morgen stellen sie sich als ein Ergebnis von Versuch und Irrtum vor, entwickelt von Milliarden Individuen, die ihre Lebenssituation verbessern wollen.

Wer so denkt, ist häufig begeistert von der Vielfalt und dem Einfallsreichtum der Menschen in jeder Ecke des Planeten. Er achtet das Experiment, die schrittweise Lösung komplexer Probleme und die Regeln der Demokratie beim beschwerlichen Aushandeln von unterschiedlichen Positionen. Instinktiv misstraut er geschlossenen Weltbildern, Verboten, hemdsärmeligen Parolen und schnellen Patentrezepten, die ohne Substanz und Lösungskompetenz hinausposaunt werden, um den schnellen Applaus zu ernten.

Fahren Sie in ein Flüchtlingslager, Herr Sloterdijk

Dazu zählt leider auch der Großphilosoph Peter Sloterdijk, der in der Flüchtlingsdebatte vom Lob der Grenze und der Durchsetzung des „territorialen Imperativs“ und dem Nationalstaat ein langes Leben prophezeit. Was die Lösungskompetenz für internationale Konflikte anbelangt, scheint der Intellektuelle vom Dienst einen höchst begrenzten Horizont zu besitzen. Auch wenn er der Bundesregierung eine Politik des Souveränitätsverzichts vorwirft, mit der die „Überrollung“ Deutschlands nicht mehr aufzuhalten sei.

Hat Sloterdijk mal durchgezählt, wie viele Flüchtlinge die Nachbarstaaten von Syrien bislang aufgenommen haben? Es sind mittlerweile über 3,2 Millionen Menschen, die in Notunterkünften, einfachen Hütten-Ansammlungen und leerstehenden Gebäuden hausen. Seine Thesen könnte der philosophische Salonlöwe den dortigen Hilfskräften schildern, die gegen die Knappheit von Wasser und Lebensmitteln ankämpfen, die Ausbreitung von Epidemien eindämmen und die Menschen vor Kälte bewahren.

Grenzdebatten lösen gar nichts

Krieg, Hunger, Elend und der barbarische Terror des Islamischen Staates sind eine Herausforderung für die Weltgemeinschaft, die man nicht mit überflüssigen Grenzdebatten und nationalstaatlicher Logik bewältigen kann. Was Sloterdijk absondert, erinnert ein wenig an die reaktionäre Denkweise von nationalkonservativen Kreisen in den 1920er Jahren. Für diese Ernstfall-Lemuren zählte nur der Mythos einer neuen Nation. Sie gackern auf der Metaebene, versagen aber bei der Präsentation von Konzepten, die man inhaltlich bewerten und in Parlamenten diskutieren kann. Es sind Wichtigtuer, die sich niemals in die beschwerliche Praxis der Politik gewagt haben. Die sich niemals beim Management eines Ministeriums bewährt haben und die überhaupt nicht wissen, wie komplexe Fragen über Gesetzesinitiativen beantwortet werden können.

Wer eine Renaissance der Nationalstaaten als Bollwerk gegen fremde Waren, ausländische Unternehmen und Einwanderer ins Spiel bringt, wird international in gleicher Weise behandelt. Das lehrt die Geschichte des Merkantilismus. Nationalistischer Protektionismus wird von anderen Staaten mit Protektionismus beantwortet.

Billiger Alarmismus

Statt herrische Plattitüden auf Kundgebungen, in Presseverlautbarungen, Interviews und Talkshows abzusondern, sollten wir uns in der Sozialtechnik der kleinen Schritte üben, um Probleme zu bewältigen und die Offenheit unserer Gesellschaft nicht zu gefährden.

Das Notiz-Amt sieht genügend Aktionsraum, um zu beweisen, wie gut die eigenen politischen Konzepte sind. Etwa beim Syrien-Plan der UNO, bei der Stabilisierung von Tunesien und der Schaffung einer Friedensordnung im Nahen Osten. In Deutschland sind die politischen Institutionen robust genug, die Hysterien in der Flüchtlingsfrage zu ertragen, die nationalistischen Ressentiments von Pegida & Co. zu kontern, ein weltoffenes Meinungsklima zu fördern und humanitär zu wirken.

Besserwisser-Attitüden eines Philosophen, Macher-Sprüche und geistige Brandstifter werden die Statik unseres Grundgesetzes nicht aus den Angeln heben. Am Ende gewinnen pragmatische, nüchterne und umsichtige Politikkonzepte und nicht billiger Alarmismus auf dem Niveau von Treppenflur-Gerüchten.


Teaser & Image „Peter Sloterdijk“ by Hans Dunkelberg (CC BY-SA 3.0)


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Gunnar Sohn

Gunnar Sohn

ist Diplom-Volkswirt, lebt in Bonn und ist Wirtschaftsjournalist, Kolumnist, Moderator und Blogger.

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