Outing bei Facebook: „Hat die Angst überwunden, Transgender zu sein“

Das Ende der Privatsphäre auf Facebook kann auch positive Seiten haben. Zum Beispiel, wenn man sich seinen Freunden als Transgender öffnen möchte.

Outing bei Facebook: „Hat die Angst überwunden, Transgender zu sein“

Nicht selten wird am Nutzungsverhalten Facebooks kritisiert, dass zu viel aus dem Privatleben auf den Servern des Netzwerkes landet. Doch Facebook kann auch ein praktisches Werkzeug sein, beispielsweise für ein Outing. Das hat sich auch Kai Bailey gedacht. Die 25-jährige Grafik- und Webdesignerin aus Chicago habe sich schon länger als Transgender gefühlt, wie sie am 3. Juni 2012 in einem Meilenstein-Ereignis unter dem Namen „Hat die Angst überwunden, Transgender zu sein“ auf ihrer Pinnwand ihren Freunden mitteilte:

„Hallo Leute. Ihr sollt wissen: Ich oute mich als Transgender. Das scheint jetzt komisch, aber ich fühle das schon seit langer Zeit. Im Januar dieses Jahres habe ich eine Hormontherapie begonnen und mit der Unterstützung meiner lieben Freundin finde ich langsam heraus, wie ich das Leben wieder genießen kann. Obwohl ich mich über eure Unterstützung freuen würde, bitte ich euch nur um Respekt. Wenn ihr mehr wissen wollt oder Fragen habt, kontaktiert mich einfach. Ich habe euch vermisst. Ich bin immer noch einfach nur Kai, vielleicht sogar ein bisschen mehr als vorher. Lass uns einfach das Pronomen ändern und weitermachen. [Sie/ihr/ihre – das geht alles.]“ Zudem änderte die 25-Jährige anschließend noch ihre Geschlechtsauswahl und ihr Profil- und Titelbild.

In ihrem Essay „Coming-out mit einem einzigen Klick“, das vor wenigen Tagen auf Facebook-Geschichten veröffentlicht wurde, beschreibt Bailey den Weg bis zu ihrem Entschluss. Im Vordergrund stand dabei nicht nur die Angst der Demütigung, sondern auch das Ziel, Öffentlichkeit herzustellen: „Für mich bestand das Coming-out nicht nur darin, die Leute darüber zu informieren, dass ich beim nächsten Treffen wahrscheinlich anders aussehen würde. Als Kind habe ich nie gesehen, dass Transgender-Menschen als normal dargestellt wurden. Deshalb wollte ich den Menschen zeigen, dass ich mehr als eine Karikatur oder ein verzerrtes Bild bin, wie die Stereotypen, die ich im Fernsehen gesehen hatte.“

Als Kai Bailey ihren Meilenstein veröffentlicht hat, habe sie wie gebannt auf eine Reaktion ihrer Freunde gewartet. Und die kam, wie sie in ihrem Essay freudig mitteilt: „Mit einem Lächeln sagte ich laut: „Steve gefällt, dass ich Transgender bin. Das ist so nett.“ Und dann kam eine weitere „Gefällt mir“-Angabe und noch eine und etwa dreißig weitere. Jungen, Mädchen, beste Freunde, Arbeitskollegen, selbst Ex-Freundinnen (meine rückblickend bisexuellen Freundinnen) klickten als Zeichen ihrer Unterstützung auf „Gefällt mir“.“ Die zahlreiche Unterstützung habe sie dann auch dazu veranlasst, das Ereignis öffentlich zugänglich zu machen.

Bereits 2010 hat der US-amerikanische Sender NBC über Outings über Facebook berichtet. Auch dort wird Facebook als praktische Lösung für Outings beschrieben. Ein einfacher Klick auf die richtige Angabe bei „Interessiert an“ und schon wissen die Freunde über die sexuelle Orientierung bescheid. Ruben Romo vom „Los Angeles Gay & Lesbian Center“ sieht aber auch Gefahren bei dieser Methode. So könnten innerhalb von Familien beispielsweise tiefe Wunden entstehen, die erst wieder heilen müssen, wenn die Verwandten die Nachricht über Facebook erhalten. Zudem werde die soziale Kompetenz dadurch nicht gestärkt: „Viele Menschen, die einfach auf diese Weise ihren Facebook-Status aktualisieren, vermissen die menschliche Verbundenheit, wenn man einen ins Gesicht guckt und sagt: „Das ist was ich bin!““

Ein von NBC vorgestellter Gesundheitsexperte, Michael Leonard, hält aber auch – wie Kai Bailey – die Öffentlichkeit für wichtig, um nicht in die Klasse der Stereotypen zu fallen, die man während Paraden oder Protesten sieht. Dadurch, dass die Freunde seinen Partner sehen, würden sie auch sehen, dass er ein normales menschliches Wesen ist.

Auf dem Portal des Vereins „du bist nicht allein“, dbna.de, wird die Thematik „Outing bei Facebook“ ebenfalls aktuell diskutiert. Ein Nutzer berichtet von der Idee, sich bei Facebook zu outen: „Beispiel: Beginn der Osterferien. Man setzt einfach den „Interessiert an“-Button auf „Männer“ und wartet. Erfahren tun das nur die Leute, die sich tatsächlich für dich interessieren (weil sie bemerken, dass sich was „geändert“ hat) und sie haben genügend Zeit, darüber nachzudenken!“. Die Reaktionen sind fast alle negativer Natur, weil die Mitdiskutanten sowohl Ängste haben, dass es die falschen Leute erfahren und dass ein Outing über das Internet zu unpersönlich sein könnte. Ein Nutzer hingegen berichtet von postivien Erfahrungen: „Es hat mich bisher erst einer darauf angesprochen…“

Eine endgültige Lösung zum Outing auf Facebook gibt es nicht. Auf der einen Seite ist es vorteilhaft, dass viele Leute in kurzer Zeit von der sexuellen Orientierung erfahren, auf der anderen Seite kann dies aber auch Nachteile haben. Im Fall von Kai Bailey hatte es bisher nur Vorteile. Sie habe über die Öffentlichkeit, die ihr Outing erzeugt hat, viele neue Freunde kennengelernt – darunter auch Jen Richards, die das Projekt „We Happy Trans“ ins Leben gerufen hat: „Ich habe angefangen, mit dem Team von „The Happy Trans“ zusammenzuarbeiten, um eine Community zu entwickeln, die zeigt, wer wir wirklich sind: Nicht die Transgender-Karikaturen, die im Fernsehen und in Filmen zu sehen sind, sondern erfolgreiche, kreative, engagierte Menschen, die lachen und lieben und wunderbare Dinge teilen können.“

Inzwischen hat das Projekt fast 1.000 Anhänger auf Facebook und viele positive Beiträge auf der Website, Tendenz steigend.

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Tobias Gillen

Tobias Gillen

ist freiberuflicher Medien- und Technikjournalist und Blogger. Nebenher schreibt er Bücher und E-Books und ist bei Twitter, Facebook und Google+ zu finden.

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