Online-Dating: Die Transformation zur Generation Unverbindlich

Auf zahlreichen Spaßartikeln liest man den Spruch „Wann kommt denn endlich der blöde Prinz auf seinem dämlichen Gaul!“ Dabei stellt sich die Frage, ob die unabhängige Frau und der moderne Mann von heute im Zeitalter von Tinder sich wie früher überhaupt noch auf einen einzigen Partner festlegen können. Schließlich vermitteln uns Online-Dating-Plattformen wie Tinder und OkCupid auf gewisse Art und Weise, dass ein noch besserer Partner sich bereits hinter der nächsten Ecke verstecken könnte. Passend auch Tinders Slogan: „Any swipe can change your life!“

Weitere ‚Modeerscheinungen‘ der gerne als ‚Generation Unverbindlich‘ oder ‚Generation Beziehungsunfähig‘ genannten Teil unserer Gesellschaft sind Ghosting und Benching. Beides stellt Verhalten dar, welches wir beim persönlichen Kontakt mit unseren Mitmenschen wohl eher nicht an den Tag legen würden. Während beim Ghosting der potenzielle Partner, mit dem man sich kurz zuvor noch blendend verstanden hat, ohne Vorwarnung von der Bildfläche verschwindet, schiebt man beim Benching seinen Flirt wortwörtlich auf die lange Bank. Es tritt wiederum das Phänomen des „sich-nicht-festlegen-wollens“ auf. In Wirklichkeit will aber wohl niemand von uns nur eine Option statt erste Wahl sein.

Zwischenmenschliche Beziehungen auf dem Prüfstand

Online-Dating Plattformen tragen einerseits dazu bei, dass wir mehr zwischenmenschliche Beziehungen eingehen. Andererseits scheint es jedoch, als würde uns die Fähigkeit, tiefgründige und sinnreiche Gespräche zu führen, durch die zunehmende Online-Vernetzung verloren gehen. Im Mittelpunkt steht oft nicht der intellektuelle Geist, sondern lediglich das oft geschönte optische Profil des Gegenübers. In der oberflächlichen Aufreißerkultur von Tinder schuf der Hype um die Dating-App sogar neue Geschäftsideen. So gibt es inzwischen Fotografen, die sich auf das Schaffen der perfekten Fassade bzw. Tinder-Profilbilder spezialisiert haben. Dabei ist es gar nicht zwingend gutes Aussehen, das jemanden für uns interessant macht. „Der Nutzer fragt sich, was er mit dem Menschen auf dem Bild gemein haben könnte“, erklärt die Tinder-Beziehungsexpertin Jessica Carbino in einem Interview mit der New York Times. Bereits der deutsche Philologe Friedrich Wilhelm Nietzsche merkte an, dass eine intellektuelle Anziehung eine tiefere und länger andauernde Basis für Beziehungen darstellen würde als die reine sexuelle Anziehungskraft.

Dating-Plattformen wollen uns nach immer abstruseren Gemeinsamkeiten mit potenziellen Partnern zusammenführen. Verkuppelt wird bereits nach Berufsgruppen, Essensgewohnheiten, Musikgeschmack oder nach dem Kriterium, ob jemand auf Bärte steht oder nicht. Das Prestige jemand habe guten Geschmack bekommt in Angesicht von ideenreichen Dating-Apps wie Sizzle ebenfalls eine ganz neue Bedeutung. Sizzle, was übersetzt brutzeln bedeutet, verspricht, Speckliebhaber zusammenzubringen, um ihre Liebe zu Speck miteinander zu teilen. Während Liebe bekanntlich durch den Magen geht, hat auch der Musikgeschmack des zukünftigen Partners eine hohe Relevanz, denn Musik verbindet Menschen. Auf Wunsch analysiert das Portal Tastebuds die eigene Musikmediathek und sucht anhand der gemeinsamen Hörgewohnheiten den passenden Partner aus. Im Endeffekt steckt jedoch wiederum ein Mensch mit einer individuellen Prägung hinter der Programmierung der kreativen Algorithmen auf Dating-Plattformen, die mutmaßliche Gemeinsamkeiten abgleichen.

Der ständig mitschwingende Gedanke, dass einem bereits der nächste ‚Swipe‘ oder das Hinzufügen eines neuen Interpreten in die Musikbibliothek den zukünftigen Traumpartner bringen kann, führt dabei zu einem gewissen Grad an Beziehungsunfähigkeit. Interessant ist auch das Ergebnis einer Studie, die ergab, dass unsere positive oder negative Bewertung eines Profil-Fotos von dem Vorgängerbild beeinflusst wird. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Studien, die auswerteten, was wir an dem anderen Geschlecht anziehend finden. Waren es früher bei Männern ihr Status und damit verbunden materielle Ressourcen und bei Frauen ihre Schönheit, so sind es in der immer stärker emanzipierten Welt von heute Eigenschaften wie Humor und Intelligenz, auf die Frauen Wert legen.

Gleich und Gleich gesellt sich gern! Oder?

Eine Flut an verschiedensten Faktoren beeinflusst also unsere Wahl des nächsten schnellen Flirts, Sexualpartners oder Lebensgefährten. Bei dem immer größer werdenden Zustrom, den Online-Dating-Plattformen erfahren, stellt sich die Frage, ob wir tatsächlich nach einem uns möglichst ähnlichen Partner suchen. Ist es nicht viel mehr so, dass sich Gegensätze anziehen oder bewährt sich doch das altbekannte Sprichwort ‚Gleich und Gleich gesellt sich gern‘? Bezieht man sich auf Letzteres, könnte man sagen, dass Menschen mit ähnlichen Gewohnheiten und Freizeitaktivitäten sich tendenziell öfter über den Weg laufen. Außerdem ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Personen unsere Ansichten teilen größer, wodurch wir uns in unserem Selbstbild bestätigt fühlen. Studien belegen, dass wir uns zu Gleichgesinnten mit ähnlichen Einstellungen, Werten und Gewohnheiten stärker hingezogen fühlen.

Unser Interesse wecken auch Menschen, die unserem idealen Selbst entsprechen. Sie verkörpern das, was wir anstreben zu sein. Betrachtet man das Ganze jedoch aus evolutionärer Sicht, ist es so, dass wir unsere eigenen Gene mit möglichst unterschiedlichen anderen Genen vermischen wollen, um die Vielfalt zu bewahren. Bereits durch das alleinige Gefallen oder Missfallen des Körpergeruchs einer Person sagt uns unser Instinkt, ob unser Gegenüber uns genetisch anzieht und damit konträr zu uns ist oder nicht. Dieses evolutionäre Überbleibsel sorgt somit für einen gesunden Fortbestand unserer Spezies.

Die Psychologie kennt das Geheimnis

Es zeigt sich, dass beide im Volksmund bestehenden Sprichwörter seine Existenzberechtigung haben. In der Psychologie nahm man sich der, auf den ersten Blick ambivalent wirkenden Thematik an und erkannte, dass es nicht die reale Ähnlichkeit ist, weshalb wir jemanden mögen. Vielmehr liegt es an Gemeinsamkeiten, von denen wir glauben, sie mit einer Person zu teilen. Treffend bringt es Dieter Frey, Professor für Sozialpsychologie an der Ludwig-Maximilians Universität München auf den Punkt: „Wir verlieben uns nicht, weil wir uns ähnlich sind, sondern glauben, dass wir uns ähnlich sind, weil wir uns verliebt haben.“

Verblüffend ist, mit welch großen Einfluss wir auf unsere eigenen Entscheidungen einwirken und uns quasi selbst manipulieren. Eine weitere Illusion, die durch Studien widerlegt wurde, ist die Annahme darüber, Menschen in einer Beziehung verbiegen oder – zumindest aus eigener Sicht – zum Besseren bekehren zu können. „Die Menschen ändern sich in Beziehungen nur in erstaunlich geringem Maße“, sagt Angela Bahns vom Wellesley College in Massachusetts. Außerdem sinkt unsere Toleranzschwelle für kleine Macken unseres Partners, die wir am Anfang der Beziehung eventuell sogar anziehend fanden.

Grundlegend ist es also gar nicht so verkehrt, dass Online-Dating-Plattformen mit ihren Algorithmen versuchen, uns anhand von Gemeinsamkeiten zu verkuppeln. Der Hype um Dating-Apps wie Tinder vermittelt den Anschein, dass wir nicht nur im Beruf nach immer größerer Flexibilität streben, sondern wohl auch in Sachen Liebe. Ob der Partner nun ein Seelenverwandter ist, uns ähnelt oder vielmehr das Salz in der Suppe darstellt, spielt schlussendlich wohl eher eine untergeordnete Rolle. Denn feststeht, dass niemand gerne alleine ist. Oder wie es der Autor und Blogger Michael Nast ausdrückt: „Wer sich ausschließlich auf sich selbst beschränkt, verpasst eben auch alles andere.“


Image „Hände“ by Takmeomeo (CC0 Public Domain)


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Melanie Kroepfl

Melanie Kroepfl

absolvierte ihr Wirtschaftsstudium an der Fachhochschule Kärnten im schönen Österreich und verbrachte ihr Auslandssemester in Trondheim/Norwegen. Eine offene und kommunikative Persönlichkeit, die sich Social Media Themen und ihrem Hobby Tanzen hingibt. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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