Können Dating-Apps Langzeitbeziehungen zerstören?

Dating-Apps und Dating-Websites verändern Beziehungen. Mehr als zehn Prozent der amerikanischen Erwachsenen – und mehr als 40 Prozent der Personen, die über sich sagen, dass sie “Single und auf der Suche” sind – nutzen Dating-Websites und Apps. Was würde jemand aus dem 19. Jahrhundert über den Zusammenschluss von Technik und Romantik denken, den wir heute pflegen? Im späten 19. Jahrhundert hatte der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche viel zum Thema Liebe zu sagen. Er erörterte, dass sich die Gesellschaft in Richtung des Nihilismus – d.h. einer Gesellschaft ohne Bedeutung, Moral und Werten – bewegen würde. Nietzsche war der Ansicht, dass die romantische Liebe frivol wäre und dass Freundschaft eine wesentlich stärkere Grundlage für Beziehungen darstelle.

Aus Nietzsches Perspektive gesehen, könnte der Aufstieg von Dating-Apps wie Tinder, Hinge und Grindr, die uns dazu ermutigen, zu “wischen” und potentielle Liebhaber in einer Nanosekunde zu beurteilen, als Beispiele für eine Gesellschaft aufgeführt werden, die besessen geworden ist von Lust und sofortiger Befriedigung.

Nietzsche sagte außerdem, dass instinktive Beurteilungen irreführend seien, da “ein Ja oder Nein verkündet werden kann, bevor der Verstand zu Wort kommt”. Desweiteren sei eine impulsartige Handlung als dekadent und hedonistisch anzusehen und diese Eigenschaften sind “Wegweiser zum Nihilismus”.

Zeigt der Erfolg des Online-Dating in unserer Kultur damit also eine gewisse Maßlosigkeit auf? Und geschieht dies gar auf Kosten von Langzeitbeziehungen? Die Forschung zeigt unterschiedliche Ergebnisse, wobei einige Themen hervorstechen, wie Ergebnisse, die zeigen, dass “nach rechts wischen” möglicherweise nicht der beste Weg zu sein scheint, ein wirkliches Match zu erzielen.

Kurz gecheckt

Tinder zerstört mit Sicherheit nicht die Romantik – zumindest nicht die der eher flüchtigen Art. Mehr Auswahl, mehr Beziehungen und vermehrte Sozialisierung eröffnen neue Arten von Möglichkeiten, die ohne Dating-Apps und entsprechende Websites nicht existiert hätten. Eine Studie aus dem Jahr 2012 stellte heraus, dass das Internet Nutzern ermöglicht hat einfacher Partner zu finden. Im Besonderen trifft dies auf Homosexuelle und Menschen mittleren Alters zu, die sich auf einem “dünnen Markt” umschauen.

Die große Frage ist, ob Ehen, die ihren Ursprung im Netz haben, langfristig halten. An dieser Stelle sind die Forschungsergebnisse unterschiedlich. Einige Studien stellen fest, das amerikanische Ehen, die online beginnen, etwas weniger dazu neigen in die Brüche zu gehen als Beziehungen, die offline entstanden sind. Andere Studien kommen zu einem gegenteiligen Schluss. Dennoch gibt es ein inhärentes Problem mit der Tatsache, wie Online-Beziehungen beginnen – zumindest aus der Perspektive Nietzsches.

Da Nutzer instinktiv auf Fotos reagieren, wählen sie Dates oder Matches basierend auf der sexuellen Anziehung und geschönter Schönheit aus. (Studien zeigen auch, dass Anwender sich selbst in ihren Online-Profilen falsch darstellen.) Es kann also selbstverständlich ein initialer physischer Funke überspringen. Was ist aber mit den Dingen, die eine langfristige Beziehung ausmachen, wie Vertrauen, konstruktive Kommunikationund das Genießenvon gemeinsamen Aktivitäten?

Ermüdete Romantik

Das grundlegende Problem in modernen Beziehungen im Westen ist die Vorstellung davon, dass eine romantische Liebe zur Heirat führt – und diese für immer halten wird.

Sie ignoriert die Tatsache, dass romantische Leidenschaft über die Zeit vergeht. Nietzsche verglich dies mit einer Gravur, die vergeht, wenn bloße Finger sie fortlaufend berühren. Liebende ermüden voneinander. Gewohnheiten ziehen sie herunter. Die Leidenschaft der Liebe und die Schönheit schwinden.

Forschungen zur Dauer der Romantik variieren. Die meisten kommen jedoch zum gleichen Ergebnis: Sie hält nicht für immer an.

Eine Gruppe italienischer Wissenschaftler fand heraus, dass Neuropeptide – Moleküle, die mit dem Hochgefühl der Liebe in Verbindung stehen – 12-24 Monate nach Beginn einer romantischen Beziehung zurück auf ihr Normallevel fielen. Eine weitere Gruppe von Neurologen stellte fest, dass das Level von Hormonen wie Cortisol sich verändert, wenn Menschen sich verlieben, und sich nach 12-18 Monaten normalisiert. Andere Forscher entdeckten, dass Menschen, die sich seit 28,8 Monaten in einer Beziehung befanden, durchschnittlich weniger intensiv verliebt waren als solche, die seit 7,4 Monaten verliebt waren.

Auf der anderen Seite führten Wissenschaftler der Stony Brook Universität im Jahr 2009 eine Meta-Analyse von 25 Studien zu Paaren durch, die sich in den frühen Zwanzigern befanden, oder etwas älter waren. Sie ermittelten, dass, solange wir nicht die Besessenheit der frühen Phasen romantischer Liebe in unsere Definition mit einbeziehen würden, eine langfristige Romanze möglich wäre.

Was auch immer die magische Zahl sein mag, die Realität sieht so aus, dass mehr als ein Drittel der Ehen nicht bis zur Silberhochzeit nach 25 Jahren überdauern. Auch ohne die Arbeit von Sozialwissenschaftlern zur Hand zu haben, wusste Nietzsche, dass die romantische Leidenschaft oft einfach verschwindet. Als Lösung dieses Problems empfahl er die Ehe für Paare, die sich in den ersten Wehen romantischer Leidenschaft befanden, zu verbieten.

Er dachte darüber nach, was geschehen würde, wenn man zwei Liebenden eine besondere Brille geben könnte, so dass diese sehen könnten, wie der andere in 20 Jahren aussehen würde. Vermutlich würde diese dazu führen, dass ihre Anziehung erlischen würde – oder sie wären besser auf das gemeinsame Älterwerden vorbereitet.

Sexuelle Anziehung ist unzweifelhaft ein wichtiger Teil der Romantik. Aus der Perspektive Nietzsches gesehen genießen Menschen mit einem starken Willen zwar den Rausch der Liebe, jedoch haben sie ein größeres Bild vor Augen: Sie sind sich dessen bewusst, dass das Hauptkriterium für die Auswahl eines langfristigen Partners sein sollte, zu einer ordentlichen Unterhaltung fähig zu sein. Nietzsche merkte an, dass eine intellektuelle Anziehung eine tiefere und länger andauernde Basis für Beziehungen darstellen würde als die reine sexuelle Anziehungskraft.

Untersuchungen zeigen, dass die Fähigkeit zur Kommunikation von zentraler Wichtigkeit hinsichtlich der Dauer einer Beziehung ist. Eine im Jahr 2012 im Journal of Familiy Psychology veröffentlichte Studie führt an, dass negative oder nicht existierende Kommunikation eine der Hauptursachen für Scheidungen darstellt. Eine weitere Studie aus dem Jahr 2010 fand – wenig überraschend – heraus, dass Paare, die sich bereits früh in der Ehe kritisierten und anschrien, höhere Scheidungsraten aufwiesen.

Eine Über-Beziehung erschaffen

Apps behindern Freundschaften mehr als jede andere Form der Liebesbalz, da sie in ihrem Gegenüber nur knappe Entscheidungen von “Ja” und “Nein” hervorrufen. Zudem besteht die Basis dieser Entscheidungen aus Informationen, die enorm geschönt sind.

Nietzsche warnte davor, dass, wenn wir selbst uns zu sehr verstellen, wir riskieren, die Opfer unserer eigenen Schauspielkunst zu werden, da wir zu unseren Masken werden müssen, um die Illusionen, die wir erschaffen haben, aufrecht zu erhalten. Im Verlauf dessen opfern wir Authenzität. (Eine Studie aus dem Jahr 2002 fand heraus, dass die wenigen Personen, die ihr “wahres” Selbst online offenbarten, länger andauernde Freundschaften erschufen.)

Wenn Liebende besser Freunde wären, könnten Beziehungen gesünder sein. Gute Freunde ermutigen sich gegenseitig dazu, sich selbst zu hinterfragen, ihre Ziele zu erreichen und bessere Menschen zu werden. Nietzsche bezeichnete dies als das Streben nach dem Ideal des Übermenschen.

Die Ehe ist weiterhin nützlich, sofern sie ernst genommen wird. Sie stellt jedoch nicht die einzige Struktur von Wert dar. Verheiratet oder zusammenlebend, offen oder geschlossen, homo- oder heterosexuell, sexuell oder platonisch, kurz oder lebenslang – all diese Beziehungen können gleichermaßen gut funktionieren, so lange sie auf einer Basis von Vertrauen, Respekt und Freundschaft fußen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image “Holding Hands” by Unsplash (CC0 Public Domain)


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Skye C. Cleary

Skye C. Cleary

ist Lehrbeauftragte an der Columbia Universität (School of Professional Studies), am Barnard College (Athena-Center for Leadership Studies) und zuvor an der City Universität von New York und der New York Public Library.

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