Newsonomics: Sind Lokalzeitungen die Taxis der Uber-Ära?

Lokalzeitungen verhalten sich noch immer so, als ob sie das Monopol hätten, ungeachtet der neuen Akteure auf dem Markt, die ihnen die Aufmerksamkeit der Leser stehlen. Kann man sich hier noch anpassen? Als ich neulich reisen musste, brauchte ich eine Transportmöglichkeit von einer entlegenen Autovermietung in der Nähe des Flughafen von Portland. Ich rief ein mir empfohlenes Taxiunternehmen an und fragte, ob man mich dort abholen und in die Innenstadt bringen könne. „Ja„, lautete die Antwort. „Wie lange dauert das?“ – „So schnell wir können„, war die nicht gerade hilfreiche Antwort.

Ich hätte auch Uber nutzen können, aber Portland schlägt sich gerade mit den üblichen Problemen zwischen Taxis und Uber-Nutzern herum. Manche sind ernstzunehmen, manche eher lächerlich, und alle gelten mittlerweile als ziemlich überholt durch die kreative Zerstörung der digitalen Effizienz. Bald will sich der neue Uber-Chef David Plouffe mano a mano mit Bürgermeister Charlie Hales bei einer Veranstaltung namens TechFestNW zeigen („Eine offene Unterhaltung über Innovation und Wachstum rund um die Sharing Economy„), denn die größte Stadt Oregons wird Uber bald auf die Straße schicken.

Als ich Uber im vergangenen Monat bei der hyperkinetischen und mit Taxis vestopften SXSW-Konferenz in Austin genutzt habe, wurde ich ziemlich verwöhnt. Das Hotel und die Konferenz trennten nur zwanzig Minuten. Taxis? Wenn man überhaupt zu einer Taxizentrale durchgekommen war, gab es die Möglichkeit, innerhalb von drei bis fünf Stunden abgeholt zu werden. Mit Uber konnte ich, wenn ich mich wie Pac-Man geschickt um die angsteigenden Preise herummanövrierte, selbst eine potentielle Mitfahrgelegenheit auf meinem iPhone auswählen.

Alle Infos, die ich brauchte, waren schnell und einfach auf dem Telefon einzusehen, und auch die Bezahlung ging leicht vonstatten. Die Wagen waren auch besser in Schuss, sogar die Sicherheitsgurte funktionierten. Die Fahrer, von denen zwei erst ein paar Tage zuvor bei Uber eingestiegen sind, um rechtzeitig für SXSW bereitzustehen, boten mir einen freundlichere Konversation als ein normaler Taxifahrer.

Wenn man einmal diesen Service genutzt hat, hat man sicherlich einen kleinen Aha-Moment erlebt, wenn man sich klargemacht hat, dass der Transport von einem Ort zum anderen viel einfacher geworden ist. Dann fragt man sich vielleicht: Wie kommt es, dass das Uber so leicht fällt, wenn Taxis genau das nicht hinbekommen?

Darüber musste ich nachdenken. Man setze hier mein pathologisches Interesse für die Zukunft des Nachrichtenbusiness voraus. Waren nicht vielleicht zu viele Lokalnachrichtenunternehmen sozusagen die Taxivermittler der Nachrichten? Sie reden noch immer (jedenfalls habe ich dies neulich in ein paar Diskussionen mitbekommen, bei denen es um den Kauf und Verkauf von Nachrichtenbesitz ging) darüber, ein Territorium zu „besitzen“ – ungeachtet des Wettbewerbs, der sich neben ihnen aufgebaut hat. Sie benehmen sich immernoch wie Monopolisten. Ihre Vorstellung vom Zugang zum Verbraucher hält nicht mehr mit dem mit, was andere Unternehmen heutzutage erreicht haben. Es gibt immer noch zu viele Hürden, um an Nachrichten und neue Informationen heranzukommen. Sie machen es schwieriger als es sein sollte, bei ihnen Werbung einzukaufen.

Um fair zu bleiben, muss gesagt werden, dass die Vorstellung, Zeitungen seien die Taxis der Uber-Ära, vielleicht etwas zu einfach gedacht ist. Sicherlich ist auch der Zweck von Uber ziemlich simpel: Bring mich von A nach B. Uber mindert viele Aspekte der Spannungen, die hier involviert sind – die der Sorge, des Wartens, der Bezahlung und der Sicherheit. Wir als digitale Menschen lieben die Vermeidung von Spannungen in allen Bereichen. Angefangen bei der Voicemail-Abfrage, über Rechnungen bezahlen, bis hin zur Buchung von Eintrittskarten.

Sobald wir gesehen haben, dass Uber (und Lyft) jede Menge Ärger vermeiden kann und unser Leben vereinfachen würde, haben wir es übernommen. Natürlich haben auch die Mitfahrgelegenheitsunternhemen einige komplexe und schwierig zu managende Gewichte zu stemmen, um den Konsumenten diese Einfachheit anbieten zu können, inklusive gerechten Verhandlungen als Antrieb für die Fahrer. Außerdem ist es ein beeindruckendes Stück Technik, aber viel wichtiger noch, ein knallharter Fokus darauf, was der Konsument verlangt.

Es ist diese Obsession des Nutzers – oder eben das Fehlen derselben – die zu viele Lokalnachrichtenunternehmen zu den Taxiunternehmen in dieser Metapher macht. Genau wie die Taxis ihre Plaketten überbewertet haben (und jetzt nach einem Bailout fragen, denn die digitale Unterbrechung hätte angeblich einen Wert zerstört, den es aber so nie gegeben hat), hat die größtenteils monopolistische Tagespresse angenommen, dass man ihrer Marke auch in den neuen Bereichen Respekt zollen müsste, genau wie das in den alten geschehen war. Brauchen Sie eine Mitfahrgelegenheit? Rufen Sie sich ein Taxi. Wollen Sie wissen, was es Neues gibt? Lesen Sie Zeitung.

Haben wir vor sechs Jahren Uber aus dem Nichts auftauchen sehen? Nein, aber sobald wir es entdeckt hatten, wussten wir, was wir damit anstellen sollen. Gibt es heute Uber-ähnliche Nachrichten, die irgednwo auftauchen? Eher nicht. Man könnte sich nun streiten, ob Seiten wie von Billy Penn („What are They Thinking: Jim Brady’s Mobile Millenial Philadelphia Local News Adventure“ sich hier ein wenig Boden erobert hat, aber es gibt eigentlich kaum Startups, die sich um Lokalnachrichten kümmern und versuchen, hier frischen Wind hereinzubringen.

Meistens ist es doch so, dass diese Experimente auf nationaler oder weltweiter Ebene ausprobiert werden, von Vox über Circa bis hin zu Daily Beast, AJ+, BuzzFeed und so weiter. Hier wird mit neuen Ideen um die Reibungsreduzierung von Nachrichten herumgespielt. Das ganze Erklären des Wie und Wo bringt sie voran, beantwortet die Fragen der Leser und geht auf sie ein, und das kann ein Puzzleteil im Bild der Reibungsreduzierung in den Nachrichten sein.

In der Lokalnachrichtenwelt können wir bei den „Informationen“ die tiefgreifenden Übergriffe auf früheres Zeitungsterritorium sehen, dass jetzt die Mitbewerber in Uber-Manier übernehmen. Seit 20 Jahren hat Angie’s List Service angeboten. Seit zehn Jahren hilft uns Yelp dabei, Chiropraktiker, Klempner, Ärzte und neue tolle Orte zu finden. Seit 17 Jahren nimmt uns Open Table das Warten auf einen Restauranttisch ab. Seit 15 Jahren hat sich StubHub immer weiter verbessert, obwohl man hier ebenfalls mit der Reibungsreduzierung arbeitet. Kontrollieren Sie den ersten Desktopscreen auf Ihrem Smartphone und schauen sich mal all die lebensvereinfachenden Services an, die die Nachrichtenapps verdrängen.

Neulich erst bemerkten wir eine neue Art der Reibungsreduzierung rund um lokale Neuigkeiten, denn Amazon und Google investieren großflächig in die Industrie der Heimdienstleistungen.

Ironischerweise dienten einst die lokalen Nachrichtenunternehmen als Marktplatz für eben diese Nachrichten, Informationen und Services. Brauchen Sie ein lokales Unternehmen? Wollen Sie wissen, wohin Sie am Samstag zum Essen gehen können? Wollen Sie herausbekommen, wo man seine Eintrittskarten kauft? Die Zeitung, obwohl sie einstuft, eine Richtung angibt, Werbung schaltet und redaktionell auflistet, bot eine analoge Möglichkeit, Dinge in unseren Gemeinden zu erledigen.

Und dennoch, inmitten dieser ungelenken digitalen Umstellung haben die Nachrichtenunternehmen ihre Vorteile verspielt und sehen sich eher als Wettbewerb für Naschereien, zuerst für das Publikum und dann für die Einnahmen, die unmittelbar folgten. Natürlich haben manche Unternehmen auch versucht, sich mit diesen Angeboten zusammenzuschließen, aber es gibt kaum je sinnvolle Ergebnisse. Die meistverbreitete Wahrheit lautet, dass die meisten Transaktionen auf den Domains von Anderen stattfinden. Die Wahrheit ist: Zeitungen waren nie nur für die harten Fakten da, die die Homepages der Nachrichtenseiten einnehmen. Sie haben so viel für die Leser getan, dass man ihnen ruhig ihre 20 Minuten täglichen Engagement zugestehen kann.

Was ist nun also zu tun? Ist es zu spät? Lasst uns unser Denken in zwei Bereiche aufteilen: Neuigkeiten und Informationen.

Informationen – zusammenhängende, verfügbare Informationen ist das, was StubHub, OpenTable, Angie’s List und Yelp (neben vielen Anderen) bisher sehr gut hinbekommen haben. Sie neu zu erfinden, ergibt nur wenig Sinn. Vielleicht liegt die Antwort in einer Kuratierung – nicht der Nachrichten, sondern innerhalb der Gemeinde. Kann sich die nächste Generation der Lokalnachrichtenunternehmen, wer auch immer diese dann besitzen wird, als den Mittelpunkt dieser Informationen wiederherstellen? Wie würde das aussehen? Unsere wichtigste Frage lautet: Was brauchendie Nutzer von Lokalnachrichten, was sie noch nicht bekommen, oder was könnte man besser machen? (Schibsted führt hier die Diskussion an.)

Die Nachrichten sind endlos. Wir kennen bereits die Einstellung, dass man kaum Geld verdienen kann mit örtlichen Digitalnachrichten. Beinahe die kompletten 500 Millionen US-Dollar der Investitionen in digitale Nachrichten sind wenigstens national oder weltweit orientiert. Für diejenigen, die eine Art Uber in den Lokalnachrichten etablieren wollen, ist das super – es ist ein weites Feld mit wenig Konkurrenz. Wenn ich ein örtlicher Verleger, Redakteur, Journalist oder Händler wäre, würde ich mit der unten stehenden Tabelle beginnen und anerkennen, dass tatsächlich manche Unternehmen zu sehr wie Taxifirmen arbeiten.

Wieso Lokalnachrichten sich zu Uber-Zeiten wie Taxis aufführen:

Taxi

Nachrichten-Medien

Erreichbarkeit

niedrig

niedrig

Zeit

Bezahlung, Quittungen, zeitaufwändig, Kreditkartenzahlung möglich, auf gut Glück

Übersicht in einer Liste, zu wenig Möglichkeiten, eine Informaton schnell aufzufinden, mangelhafte Verbindung zwischen Lesen und Einkaufen

Arbeit

Nummer finden, Warteschleife

Navigation wie bei einer Zeitung, nicht leserorientiert, wenig Verbindung zu Lokalservice und „Aktionen“

Erinnerung

Wenig/keine Information

Kein Storyverlauf, „meine Artikel“, wenig bis gar nicht verbunden mit Artikeln, die bereits gelesen wurden

Marke

Kein überregionales Unternehmen, wen ruft man an, wenn man in einer einen Stadt unterwegs ist?

Kein Zugang zu Lokalnachrichten

Kosten

Meist nicht vorher bestimmbar, meist zu hoch

Wenn es eine Sperre gibt, sind Kosten/Nutzen eher enttäuschend

Sprechen Sie es alles durch, finden Sie die Fehler, fügen Sie ruhig etwas hinzu. Danach stellen sie eine dritte Spalte für Uber auf und füllen Sie diese aus. Fragen Sie sich:

  • Welche Art der Reibungsvermeidung könnten Leser von Lokalnachrichten wollen?

  • Wie kann es vereinfacht werden und dennoch Spaß machen, wie kann das in einer Redaktion umgesetzt werden?

  • Was kann man sich von den großen nationalen Innovatoren abgucken?

In den Wirren der neuen Lokalmedien ist alles vorhanden, von Risikokapital bis hin zu sicheren Investitionen in Boston oder Washington D.C. bis hin zu den neuen, vor Ideen für neue lokale Konzepte sprühenden Konferenzen in NAB TV in Las Vegas – es gibt auf jeden Fall ein Verlangen nach Innovation. In dieser Art der Sharing Economy ist es vielleicht Zeit für die Lokalzeitungesunternehmen, den Weg mitzugehen und sich auch Konzepte aus anderen Bereichen auszuleihen.

Zuerst erschienen auf niemanlab.org. Übersetzung von Anne Jerratsch.


Teaser & Image „Taxi cabs at Penn Station“ (adapted) by Marcin Wichary (CC BY 2.0)


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Ken Doctor

Ken Doctor

ist Analyst der Nachrichtenindustrie und Autor des Buches Newsonomics: Twelve New Trends That Will Shape the News You Get (St. Martin’s Press).

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