Justin EllisMedien: Ein AdBlocker für Tragödien

Für Geschichten wie diejenige des Flugzeugunglücks der Germanwings-Maschine haben die New York Times und andere Medien einen Schalter eingebaut, der unerwünschte Verbindungen zu bestimmten Werbungen deaktiviert. // von Justin Ellis

Clarity (Image: Ariel Dovas [CC BY-NC 2.0], via Flickr)

Liest man die Titelstory in der New York Times über den Flug der Germanwings-Maschine, die in den Bergen von Südfrankreich abgestürzt ist, erkennt man den Unterschied auf der Seite vielleicht nicht sofort. Klickt man sich dann zum Artikel von Jeremy Clarkson durch, den die BBC gerade rausgeworfen hat, wird klar: Der Artikel über den frisch entlassenen Briten beinhaltet Werbeanzeigen, der Artikel über das Flugzeugunglück jedoch nicht.

Das ist kein Zufall. Medienunternehmen wie die Times haben Werkzeuge und Strategien entwickelt, um Werbeanzeigen bei Artikeln, die von Tragödien berichten, zu verbergen, um unpassende oder unsensible Werbungen neben den Nachrichtenmeldungen zu verhindern.

Parker Higgins ist Aktivist bei der Electronic Frontier Foundation und hat als erster den Code herausgefunden, der dafür verantwortlich ist, die Werbeanzeigen zu verbergen:

Ich schaute in den HTML-Code eines Artikels aus der Times – es ging um einen tragischen Flugzeugunfall mit 150 Toten – und bemerkte ein Meta-Tag in der Kopfzeile:

„<meta property=“ad_sensitivity“ content=“noads“ />“

Man findet darüber nichts heraus, wenn man bei Google sucht, also wurde es wohl noch nirgendwo dokumentiert, aber es sieht so aus, als wäre dies ein ziemlich einfach gestrickter Weg, um eventuell unsensible Werbeanzeigen von einem sehr sensiblen Thema fernzuhalten. Das ist ein bewundernswerter Einsatz. Besonders interessant ist dies, weil das beinahe eine Bestätigung dafür ist, dass Werbung übergriffig und unsensibel sind.“

Die Entdeckung von Higgins wurde von früheren und aktuellen Mitarbeitern der Times bestätigt, aber Entwickler und Techniker von anderen Zeitungen bestätigten, dass die Zeitung nicht die einzige ist, die so vorgeht. Ein bestimmter Thread bei Hacker News weist eine ganze Anzahl Beispiele auf, bei denen mit ähnlichen Tools zum Verstecken von Werbung auf anderen Nachrichtenseiten gearbeitet wird.

In einer Email sagte Eileen Murphy, Pressesprecherin der Times, es wäre ein recht einfacher Vorgang für die Redakteure, einen Bereich im CMS-Protokoll auszusuchen und die Werbung in bestimmten Artikeln auszublenden. Murphy fügt hinzu, dass die Entscheidung, bei welchen Artikeln man sensibel reagieren und Werbung ausblenden sollte, in der Redaktion getroffen wird.

Dass es in Medienunternehmen ab und an eine unglückliche Nähe zu Werbeanzeigen geben kann, ist Teil des Geschäfts. Wenn Unternehmen ihr Geld dafür ausgeben, um ihre Botschaften entgegen den Inhalt der Artikel ausgestellt zu wissen, gehen sie zudem das Risiko ein, dass ihr Produkt zur falschen Zeit am falschen Ort erscheint.

Im Printbereich können hierbei die Konsequenzen sogar noch nachhaltiger sein, denn ein Fehler bleibt hier für mehr als 24 Stunden erhalten. Online erhöht sich das Potential für solche Probleme mit den übrigen Werbeanzeigen. Diese können alles sein, von ärgerlich bis hin zu beleidigend, je nach Inhalt der Artikel.

Beachtet man, dass Werbung noch immer die Haupteinnahmequelle für die meisten Unternehmen ist, kann die Entscheidung, diese Marken erst einmal auf Eis zu legen, durchaus Konsequenzen nach sich ziehen. Aber dies ist eine Entwicklung nicht nur in Richtung Sensibilität, sondern auch in Richtung verbesserter Lesbarkeit. Wenn tragische Geschichten passieren, kann es sehr leicht zu einer Art Unstimmigkeit mit der Nähe innerhalb der Leserschaft geben, die allein schon durch das Design der Artikelseite hervorgerufen werden kann. Mit diesem Problem müssen viele Nachrichtenseiten umgehen, denn die Leser werden regelmäßig mit Überschriften konfrontiert, die sich zwischen dem Schrecken und dem Altäglichen abwechseln.

Megan Garber, eine frühere Mitarbeiterin des Nieman Lab, schrieb im Jahr 2012 in The Atlantic über die Berichterstattung von BuzzFeed über die Schießerei in der Sandy Hook Elementary School:

„Es ist schwierig, die Begriffe „Tod/Schießerei/Schule“ gegenüber von „LOL/OMG/WTF“ zu lesen, ohne zu schaudern. Trotz allen Prinzipien und Logik und allem. Die Meldungen können abweichen, und die menschlichen Erfahrungen ebenso, aber es gibt Momente, in denen es gut ist, wenn diese beiden nicht zusammenfinden. Eine Geschichte wird präsentiert, die sich unter dem Gewicht ihrer eigenen Tragödie biegt, da ist es durchaus befremdlich, wenn diese von nackten Typen und Katzenbildern umrahmt wird, und dem Button, der einen darauf hinweist, dass die Berichterstattung der Tragödie über BuzzFeed gerade „buzzing“, also die beliebteste ist.“

Diesen Umstand hat BuzzFeed zu thematisieren versucht, besonders in Abgrenzung zu BuzzFeed News und dem, was sich BuzzFeed Team oder BuzzFeed Life nennt. Die LOLs sieht man nicht mehr, aber der unverkennbare Stil der Seite lebt durch seine Überschriften, Anreißer und die Navigationszeilen weiter.

Lisa Tozzi, Leiterin von BuzzFeed News, schrieb mir per Email, dass sie einen ähnlichen Schalter in ihrem CMS-Protokoll eingebaut haben, dass die Zeile mit ähnlichen Beiträgen bei sensiblen Berichterstattungen verbirgt. „Dies ist eine Ermessensentscheidung der Redakteure und Reporter, die je nach Story getroffen wird. Normalerweise werden Berichte über Tod und Gewalt als sensibel markiert„, schrieb sie.

Man muss den Artikel über die Germanwings-Katastrophe (keine Sidebar, kein Werbung mit Titeln wie „Leute, die zum ersten Mal Lunchables probieren“) mit dem Bericht von Ruby Cramer vergleichen, in dem sie die neue Spendenaktion von Hillary Clinton genauer beleuchtet (da kommt alles oben genannte vor).

Zu entscheiden, welche Artikel die Kriterien für besonders sensiblen Umgang erfüllen, ist nicht immer einfach. Besonders schwierig ist es, wenn sich die Nachrichten in mehreren Kreisläufen weiterentwickeln, sagt Mike Toppo, Vizepräsident und Senior Editorial Director bei CNN Digital. Bei CNN hat sich ein ähnliches System durchgesetzt, um die vorgeschalteten Werbungen vor Videos mit sensiblen Inhalten oder grauenvollem Bildmaterial zu entfernen. Bei Ereignissen wie dem Flugzeugunglück schauen die Mitarbeiter im CMS-Protokoll nach und kontrollieren, ob alle Videos, die zum Thema gehören, auch werbefrei sind.

Das kann sich allerdings verändern, genau wie die Berichte selbst, meint Toppo. Denn der Inhalt, den man um ein Ereignis herum schafft, verändert sich ebenso. Ist beispielsweise eine Diskussion über Flugsicherheit zwischen Reportern und Analysten gleichzusetzen wie wenn man Aufnahmen der Trümmerteile veröffentlicht? „Der Kreislauf der Nachrichten kann sich noch tagelang hinziehen, es kommt auf den Inhalt der Story an„, sagt er.

Zuerst erschienen auf niemanlab.org. Übersetzung von Anne Jerratsch.


Teaser & Image „Clarity“ (adapted) by Ariel Dovas (CC BY-NC 2.0)




Über den Autor / die Autorin
ist Redaktionsassistent im "Nieman Journalism Lab". Davor arbeitete er als Autor beim Portland Press Herald/Maine Sunday Telegram, wo er über die Themen Wirtschaft, Politik, Kultur und Technologie berichtete. Ellis war Fellow des "Knight Digital Media Center" und für "Investigative Reporters and Editors" tätig.

 

1 Kommentar zu “Medien: Ein AdBlocker für Tragödien”
| Jonet Das Journalistennetz. Seit 1994. » Medienlog 8. April 2015 schreibt:

[…] #4U9525: Die Schau der Presseschau  (The European, Bildblog, Netzpiloten, Meedia, SpOn, jonet vom 3. April  und 7. […]

 
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