Leserfeedbacks bestimmen die Struktur der Nachrichtendienste

Die Times of London und die Sunday Times on Wednesday haben neue Apps für Smartphone und Tablet sowie eine neue Internetseite herausgebracht. All diese Kanäle sind darauf spezialisiert, Online-Ausgaben zu veröffentlichen, die  vier Mal am Tag aktualisiert werden.

Es wird eine neue Ausgabe am frühen Morgen geben, und dann gibt es Updates um 9 Uhr, zur Mittagszeit und um 17 Uhr – zu all den Zeiten, an denen die Besucherzahlen der Times tendenziell am höchsten sind. Das sind Zeiten wie während die Leser aufwachen, bei der Arbeit ankommen, zu Mittag essen und wieder nach Hause pendeln.

Unser Ziel ist es, Ausgaben für alles zu machen”, erzählte mir Alan Hunter, Leiter der Abteilung Digital bei The Times. “Wir werden Ausgaben für den Druck, für das Tablet, für Smartphones sowie das Internet machen.

Der Großteil der Inhalte wird in der ersten frühmorgendlichen Ausgabe veröffentlicht werden, wobei Nachrichten bei Bedarf über den Tag hinweg hinzugefügt und aktualisiert werden.

Mit der Konzentration auf die richtigen Zeitpunkte erhalten wir die Gelegenheit, tiefgehende Berichte zu veröffentlichen, Dinge richtig darzustellen, Analysen zu den neuesten Nachrichten zu liefern, die über den Tag verteilt geschehen. Wir bedienen die Leser zu den Zeiten, an denen sie es gern wollen, meint Hunter. Damit sie das Gefühl haben, auf dem neusten Stand zu sein, wollen sie alle Neuigkeiten in einem Paket haben. Uns ist bewusst, dass die Menschen zwar hundert Mal am Tag auf ihr Smartphone schauen, aber das heißt nicht gleich, dass sie auch genauso oft nach Nachrichten suchen.

Obwohl The Times und die Sunday Times unterschiedliche Zeitungen mit getrennten Redaktionen sind, werden sie ab jetzt auf derselben Internetseite veröffentlichen. Die Zeitungen, die Rupert Murdochs News Corperation gehören, teilten sich bereits Tablet- und Smartphone-Apps.

The Times und die Sunday Times werden beide hinter einer unumgänglichen Paywall veröffentlicht – somit wird es ohne Bezahlung schwierig, den Inhalt zu lesen.

The Times hat eine Druckauflage von ungefähr 400.000 Exemplaren, während die Sunday Times eine Druckauflage von ungefähr 770.000 Exemplaren hat. Im Juni 2015 hatte The Times 158.000 digitale Abonnenten mit einer Steigerung von einem Prozent. Die Zeitungen verschrieben im Geschäftsjahr 2015, das im Juni 2015 endete, einen Gewinn von 10,9 Millionen britischer Pfund (15,55 Millionen US-Dollar) Brutto.

Die Paywall hat verständlicherweise die Onlinereichweite der Times eingeschränkt. The Times war im vergangenen Jahr laut dem Londoner Analyseunternehmen SimilarWeb mit 64 Millionen Seitenaufrufen auf Platz 110 der meistbesuchten Medienhäuser.

Die beliebteste Seite war die der BBC mit fast 19 Milliarden Seitenaufrufen in Großbritannien im Jahr 2015, berichtet  SimilarWeb. Laut eines Berichtes der britischen Kommunikationsbehörde besuchten 56 Prozent der Briten, die online Nachrichten lesen, die Homepage oder die App der BBC.

“Wie können wir mit dieser marktdominierenden Instanz konkurrieren? Wir haben uns angeschaut, was wir gut machen, und uns mit unseren Lesern unterhalten”, sagte Hunter.

The Times verbrachte anderthalb Jahre damit, ihre neuen Produkte zu entwickeln. Bevor sie überhaupt mit der Programmierung der Produkte begannen, führten sie in Zusammenarbeit mit einem Berater über einen Zeitraum von 12 Wochen hinweg Interviews und Diskussionen mit Mitarbeitern, derzeitigen Lesern und potenziellen zukünftigen Lesern durch, berichtete der stellvertretender Leiter des Bereichs Digital Nick Petrie.

“Eine der ersten Fragen, die wir uns gestellt haben, war: Okay, das Tablet hat also eine eigene Ausgabe und das Tablet ist sehr erfolgreich”, sagte Petrie. “Was genau gefällt den Lesern besonders an der Ausgabe?”

Ungefähr 76.000 Abonnenten lesen die Tablet-App der Times montags bis samstags und ungefähr 95.000 Menschen nutzen die App am Sonntag, sagte Hunter. Im Durchschnitt verbringen Leser an einem Wochentag ungefähr 45 Minuten mit der Times-App, sonntags sind es mehr als 65 Minuten. Die Internetseite der Times kommt auf durchschnittlich 1,2 Besuche pro Leser am Tag.

Es ist begrenzt, es ist schaffbar und es ist ein klares Paket, das eine gewisse thematische Bbandbreite enthält, aber auch Tiefe, wo es angemessen ist. Es ist leicht zu navigieren und klar umrissen. Diese Punkte klebten während der anfänglichen Designphase überall an den Wänden. Sie können sich die Menge an Post-Its nicht vorstellen, die das Projekt verbraucht hatte, sagte Petrie.

Andere Nachrichtenorganisationen wie Quartz und The Economist haben eingegrenzte Produkte entwickelt, da die Leser von dem unendlichen Fluss an Inhalten, die online verfügbar sind, überfordert seien.

In ähnlicher Weise hat sich der Fokus der Times auf Auflagen über ihre Kernprodukte hinaus ausgebreitet. Im Januar stellte sie eine kostenpflichtige App vor, die das Beste aus Times und Sunday Times zusammenstellt und sich an ein internationales Publikum richtet.

Wir sind ein bezahltes Angebot in einem Markt, in dem praktisch alles andere umsonst ist, meint Hunter. Wir glauben, Nachrichten sind zu einem Standardprodukt geworden. Es ist sehr schwierig, die Leute davon zu überzeugen für Eilmeldungen zu zahlen. Aber wir glauben fest daran, dass Qualitätsjournalismus bezahlt werden muss.

Durch Feedbacks von Lesern änderte The Times den Aufbau ihrer Startseite. Statt einer Startseite mit mehreren getrennten Unterseiten gibt es jetzt eine lange Startseite zum herunterscrollen. “Die Leser berichteten uns, dass der wichtigste Punkt darin liege, Inhalte leicht und schnell zu finden.”, meint Hunter.

Auch bei der Entscheidung, ob sie mehr Wert auf umsichtige und ausgabenbasierte Vorgehensweisen setzten sollten oder nicht, halfen die Nachforschungen der Times dabei, sich dafür zu entscheiden. Funktionen wie Live Blogs sollen künftig abschafft werden, da die Analysen und Interviews ergaben, dass ihre Leser nicht sehr angetan davon waren.

Das soll nicht heißen, dass die Times nicht mehr über Eilmeldungen berichten wird, aber solange es sich nicht um eine Top-Story handelt (“In Großbritannien versteht man darunter: Was passiert, wenn die Queen stirbt?”, so Hunter) wird sie sich vermutlich an ihren digitalen Veröffentlichungszeitplan halten.

Unsere eigentlichen Stärken liegen darin, zu sagen – egal ob das jetzt eine oder zwei Stunden später ist – dass man bei uns alles abschließend nachlesen kann, was bisher passiert ist, statt lediglich  zusammengetragene Beileids-Tweets von Präsidenten und Premierministern aus der ganzen Welt zu lesen, sagte Petrie. Wir machen uns viel mehr Gedanken darüber, was für einen Service wir unseren Lesern schuldig sind als das, was wir als Herausgeber tun wollen.

Die Journalisten der Times werden trotzdem noch genug zu tun haben. Über den Tag verteilt, wird es festgelegte Deadlines geben, die einzuhalten sind. Zwar wird nicht von Reportern erwartet, dass sie ständig für jede Deadline Material einreichen, aber einige Mitarbeiter  haben bereits begonnen, ihre Arbeitszeiten dem neuen Zeitplan anzupassen.

Des Weiteren wird ihre Arbeit nun auf mehreren Plattformen erscheinen. Bisher veröffentlichte die Times nicht jeden Artikel auf allen Seiten und Apps, aber Nachforschungen haben ergeben, dass Leser diese Möglichkeit gerne hätten. Sie wollen alle Inhalte lesen, wo immer sie gerade sind und Lust zu haben.

[Die alte App- Einstellung] war überwiegend dafür gedacht, um das häppchenartige Lesen auf dem Smartphone zu ermöglichen, sagte Hunter. Wir denken, dass das der Vergangenheit angehört. Zudem sagten Leser zu uns: ‘Ich will diesen 3000 Worte langen Artikel über Naomi Campbell lesen, den ihr dieses Wochenende im Magazin hattet. Wo finde ich ihn?

The Times hat auch eine neue Schriftart – Times Digital – für Apps und deren Internetseite in Auftrag gegeben, die für das Lesen auf den Bildschirmen gedacht ist (Fun Fact: Die Times gab tatsächlich auch die bekannte Schriftart Times New Roman im Jahr 1931 in Auftrag, als sie nach einem Font suchte, der auf Zeitungspapier leichter zu lesen war).

Selbst nachdem die Apps und die Internetseite auf dem Markt sind, will The Times sie weiterhin ausbessern. Die umstrittene Geschäftsführerin Rebekah Brooks von News UK möchte, dass sie in einer “ständigen Weiterentwicklung” bleiben, so Hunter.

“Wir nehmen jetzt und auch in Zukunft die Leserfeedbacks ernst.”, sagte er.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “Nieman Journalism Lab” unter CC BY-NC-SA 3.0 US. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image: Screenshot by The Times



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Joseph Lichterman

Joseph Lichterman

schreibt für das an der Harvard Universität angesiedelte Nieman Journalism Lab über Innovation in der Medienbranche. Davor arbeitet er für die Nachrichtenagentur Reuters und berichtete über den wirtschaftlichen Niedergang von Detroit.

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