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Deutschland braucht weiterhin ein starkes Datenschutz-Gesetz

Hammer (Image by succo [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Das deutsche Datenschutz-Gesetz muss aufgrund von EU-Vorschriften neu formuliert werden. Der aktuelle Entwurf lässt jedoch massiv zu wünschen übrig. Unter anderem versäumt er es, die Ermittlungsbehörden und insbesondere die Geheimdienste beim Umgang mit sensiblen Daten angemessen zu reglementieren. Datenschutz-Verstöße durch die Geheimdienste könnten so zukünftig folgenlos bleiben. Dabei haben die letzten Jahre gezeigt, dass diese Behörden eine strenge demokratische Kontrolle brauchen. Auch sonst ist ein tragfähiges Datenschutz-Gesetz von Nöten – nicht zuletzt auch als Wettbewerbs-Vorteil.

Neuregelung des Datenschutz-Gesetzes geplant

Aufgrund neuer Datenschutz-Regelungen auf EU-Ebene müssen alle Mitgliedsstaaten ihre entsprechende Gesetzgebung bis zum Mai 2018 modifizieren und an die neuen, von Europa vorgegebenen Normen anpassen. So soll das Datenschutz-Recht in Europa harmonisiert werden. Allerdings gibt es nach wie vor einigen Spielraum für nationale Sonderregelungen.

Angesichts dieser Situation wird auch in Deutschland gerade fleißig an einem neuen Datenschutz-Gesetz gearbeitet. Das Bundesinnenministerium hat bereits einen entsprechenden Referenten-Entwurf erstellt. Dieser wurde vom Blog Netzpolitik veröffentlicht und analysiert. Auch die Stellungnahmen des Bundesjustizministeriums und der Bundesdatenschutzbeauftragten zum Entwurf wurden von den Bloggern ins Internet gestellt.

Kein wirksamer Schutz

Der von Netzpolitik veröffentlichte Entwurf allerdings ist von einem Gesetz, das den Datenschutz in Deutschland aufrecht erhält und gegen die versuchten Einschränkungen der Hardliner verteidigt, weit entfernt. Nicht umsonst äußert sich auch die Bundesdatenschutzbeauftragte Andrea Voßhoff in ihrer Stellungnahme besorgt über den Entwurf.

So sieht der Entwurf vor, sämtlichen Behörden die Verarbeitung personenbezogener Daten für eine Vielzahl von Verwendungszwecken zu erlauben. Sämtliche Verwendungen, die der „Wahrnehmung einer im öffentlichen Interesse liegenden Aufgabe“ dienen, sollen grundsätzlich erlaubt sein. Zu diesen Aufgaben zählen beispielsweise die Durchsetzung von Berufsstandsregeln bei reglementierten Berufen (von denen es in der EU 149 gibt), die „Gewährleistung der Netz-, Daten-, und Informationssicherheit“ sowie der Schutz des Hausrechts. Eingeschränkt werden diese sehr allgemeinen Zielsetzungen im Entwurf kaum. „Die Vorschrift ist […] insgesamt problematisch, zu undifferenziert und sie wahrt nicht das Prinzip der Verhältnismäßigkeit,“ kommentiert dementsprechend die Bundesdatenschutzbeauftragte.

Geheimdienste außer Kontrolle

Noch problematischer ist, dass die Geheimdienste mit dem neuen Datenschutz-Gesetz der Kontrolle der Bundesdatenschutzbeauftragten noch stärker entzogen werden sollen. Die letzten Jahre haben gezeigt, wie die Geheimdienste ihre Kompetenzen überschreiten, massive Rechtsverstöße begehen und für dieses Fehlverhalten keinerlei Verantwortung übernehmen. Spätestens im Zuge der NSA-Affäre wurde der Beweis angetreten, wie oft die deutschen Geheimdienste sogar gegen das Wohl der eigenen Bevölkerung agieren – von der Missachtung internationaler Standards ganz abgesehen. Hier wäre eine strengere Kontrolle dringend von Nöten. Nach dem erwiesenen Fehlverhalten der letzten Jahre gehören die Geheimdienste an die kurze Leine, benötigen dringend mehr demokratische Kontrolle.

Das Gegenteil ist jedoch im Entwurf vorgesehen. In ihm wird vorgeschlagen, dass die Bundesdatenschutzbeauftragte (beziehungsweise ihre Nachfolger) keinerlei Bußgelder oder Sanktionen mehr gegen die Nachrichtendienste verhängen können, wenn diese gegen Datenschutz-Richtlinien verstoßen. Zudem soll den Geheimdiensten die Analyse öffentlich zugänglicher Daten – aus denen sich durch jahrelange Speicherung, Zusammenführung und Auswertung oftmals detaillierte Bewegungsprofile und Analysen des sozialen Netzes erstellen lassen – beinahe uneingeschränkt möglich sein.

Eine Vielzahl von Mängeln und Problemen

Auch die Möglichkeiten der Bundesdatenschutzbeauftragten, sich mit Kritik und festgestelltem Fehlverhalten ans Parlament zu wenden, wird durch den neuen Entwurf massiv eingeschränkt.

Zu diesen Problemen mit dem neuen Entwurf kommen weitere, auf die einzeln detailliert einzugehen den Rahmen dieses Textes sprengen würde. In der Summe machen sie den neuen Referenten-Entwurf zu einem mangelhaften und zutiefst problematischen Schriftstück. Es wäre besser im Giftschrank aufgehoben als im Parlament als Grundlage einer ernsthaften Diskussion.

Datenschutz: Wichtig für die digitale Zukunft

Der Entwurf muss dringend nachgebessert werden, denn Deutschland braucht auch in Zukunft ein starkes Datenschutz-Gesetz. Vor allem natürlich, um in der digitalen Informationsgesellschaft individuelle Rechte zu schützen, aber auch ein demokratisches, kreatives Miteinander zu ermöglichen. Datenschutz ist ein Menschenrecht und seine Umsetzung ist durch die neuen Technologien, ebenso wie die derzeit aktuelle Rhetorik einer Sicherheit um jeden Preis, schwieriger geworden. Somit ist der Staat in der Pflicht, die Privatsphäre der Bürger durch tragfähige Gesetze (und wirksame Maßnahmen zu deren Durchsetzung) zu schützen. Anderenfalls drohen nicht nur eine Vielzahl falscher Verdächtigungen durch eine Flut an nur scheinbar eindeutigen Daten sowie der Missbrauch der gesammelten Daten durch Kriminelle ebenso wie durch skrupellose Insider, sondern auch Angst, Konformismus und Selbstzensur. Unsere freie, demokratische Gesellschaft ist bedroht.

Neben seiner gesellschaftlichen Bedeutung ist Datenschutz aber auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Die Snowden-Leaks haben viele Menschen für die Probleme einer ausufernden Überwachung sensibilisiert. Dementsprechend begegnen diese Menschen denjenigen, die die extreme Überwachung mit tragen, mit Misstrauen. So führte die NSA-Affäre in der Folge neben großer Gewinneinbrüche auch – zumindest für viele US-amerikanische Technologie-Unternehmen – zu einem massiven Vertrauensverlust.

In dieser Situation wäre ein starkes, Rechtssicherheit versprechendes Datenschutz-Gesetz ein gutes Argument für den Kauf deutscher Technologien und IT-Dienstleistungen. Kunden könnten sicher sein, dass ihre sensiblen Daten bei deutschen Anbietern in guten Händen sind. So könnte Deutschland, das in Sachen IT in vieler Hinsicht hinterher hinkt, wieder zu einem starken Standort in der modernen Wirtschaft werden.

Aus all diesen Gründen muss der aktuelle, in keiner Hinsicht zufrieden stellende Entwurf dringend auf den Müllhaufen dummer politischer Ideen geworfen und eine neue Version, die den Namen Datenschutz-Gesetz auch verdient, erarbeitet werden. Deutschland braucht ein starkes Datenschutz-Gesetz – im Namen unserer Freiheit, aber auch, damit sich um Datenschutz bemühte Unternehmen als ernsthafte Alternative zu unfreien US-Firmen anbieten können. Unsere digitale Zukunft wird es unseren Politikern danken, wenn sie diese Chance (ausnahmsweise) nicht wieder verspielen.


Image „Hammer“ by succo (CC0 Public Domain)


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Weltweit vertreten: Business Insider schafft Zweigstellen für Redaktionen

Globes (adapted) (Image by Jayel Aheram [CC BY 2.0] via flickr)

Mit der aktuellen Markteinführung von Standorten in Polen und Skandinavien hat die Firma nun zehn internationale Ausgaben. Eine französische Version wird später in diesem Jahr lanciert. Außerdem war Business Insider mit knapp einem Dutzend anderer Märkte im Gespräch, einschließlich der Niederlande, wie mir Roddy Salazar, stellvertretender Leiter des Magazins, mitteilte. „Die Axel Springer-Übernahme hat neue Wege eröffnet. Wir führen viele weitere Gespräche”, sagt Salazar, der vorher für die nordamerikanische Lizensierung und Synchronisierung der New York Times verantwortlich war. Im Februar ist er zum Business Insider dazugestoßen, um die Expansionen in Übersee zu beaufsichtigen. Seite Aufgaben reichten von der Verhandlung der Lizenzverträge bis hin zur Überwachung des Fortschrittes dieser lokalen Ausgaben.

Seit wir neue Märkte bespielen und besonders seit der Übernahme erkennen wir, dass viel mehr potenzielle Partner an uns herantreten. Dies ermöglicht uns, mehr zu verhandeln und ein besseres Gespür für Informationen vor Ort und Daten darüber zu bekommen, wie eine Ausgabe von Business Insider innerhalb dieser Märkte abschneiden könnte.

Axel Springer hat die Firma im vergangenen Herbst für 343 Millionen US-Dollar übernommen. Die neue Beteiligung hat sich als Segen für die Personalbesetzung der neuen internationalen Ausgaben erwiesen. Obwohl gerade erst veröffentlicht, wurde beispielsweise die polnische Ausgabe des Business Insider mit seinen etwa 15 Arbeitnehmern – bestehend aus Angestellten, die für Business Insider und für Grupa Onet.pl, einem Online-Portal im Besitz von Axel Springer, zuständig sind – augenblicklich zu einem seiner größten Auslandsauftritte. Es ist ein Modell, das ebenfalls vor kurzem in Deutschland angewandt wurde. Die deutschsprachige Seite wird in Zusammenarbeit mit der Finanz-Seite „Finanzen”, die zu Axel Springer gehört, von der ehemaligen Bild-Herausgeberin Christin Martens gemeinsam mit einigen engagierten Business Insider-Miatarbeitern und Mitarbeitern von Axel Springer betrieben. (Lediglich die Ausgaben aus den USA und Großbritannien werden eigens betrieben, andere internationale Ausgaben werden lizensiert.) Auf redaktioneller Ebene haben neue internationale Ausgaben, die lanciert werden, Zugang zum ursprünglichen Inhalt von Business Insider und werden in der Lizensierung unterstützt. Es findet ein Training bezüglich Analysen und SEO statt, außerdem gibt es Hilfen im Bereich der Sozialen Medien, sei es Facebook, Twitter oder eine andere Plattform, die in dem jeweiligen Land dominiert. „Das Übersetzungsproblem ist immer noch etwas, an dem wir arbeiten“, sagt Salazar. Viele der internationalen Ausgaben veröffentlichen immer noch lediglich in englischer Sprache (wie auch neue skandinavische Ausgabe), daher ist der Austausch von Inhalten recht einfach durchzuführen. Um die wirtschaftliche Seite der internationalen Expansion bewältigen zu können, hat Business Insider einen Partner-Manager eingestellt, welcher sich komplett der Unterstützung der internationalen Ausgaben bezüglich Themen außerhalb der Redaktion widmet. Im Vorfeld jeder Markteinführung wird ein Redakteur in das jeweilige Land geschickt, um dabei beratend zur Seite zu stehen und den „richtigen Stil und die passende Tonalität” zu treffen. „Wir haben Redakteure zu der lokalen Nachrichtenzentrale geschickt, sie stehen in Kontakt mit dieser Ausgabe. Sie liegt ihnen wirklich am Herzen“, sagt Salazar. „Als wir eine Redakteurin vor der Markteinführung in Polen von New York nach Polen schickten, berichtete sie von angenehmen Erfahrungen. Als sie zurückkam, fühlte sie sich in den Erfolg der Ausgabe eingebunden.” Für die polnische Ausgabe von Business Insider bestand ursprünglich eine Zusammenarbeit mit Agora, die Gazeta Wyborcza und Gazeta.pl veröffentlichen. Nachdem jedoch Axel Springer den Onlinedienst übernommen hatte, verschob sich die Partnerschaft zu Onet, der populärsten Online-Nachrichtenquelle in Polen, die Axel Springer besitzt. Agora für seinen Teil hat sich mit seinem eigenen Online-Business-Portal, Next.gazeta.pl, weiterentwickelt. Dieses zielt auf ein jüngeres Online-Publikum ab, da es bereits einiges an vorausgehender Recherche betrieben und mit der Bildung einer Gruppe begonnen hat. „Axel Springer hält die Mehrheit an den Besitzen von Onet, also ist es für uns sinnvoll, Material von Axel Springer auf diese Weise zu betrachten – besonders wenn sie bereits eine große Präsenz in diesem Markt innehaben“, sagt Salazar. „Sie haben weitreichende Möglichkeiten im polnischen Markt – hier gab es nichts Vergleichbares mit Business Insider. Sie wollen sich dieser Beziehung wirklich annähern und die Markteinführung auf aggressive Weise einführen. Sie glauben, dass es eine große Nachfrage für die Inhalte von Business Insider gibt. Und das ist einer der Hauptgründe für ihr Investment in das Wachstum eines Standortes und einer Marke in Polen.“ „Auf internationaler Ebene schauen wir bei einer Partnerschaft mit allen lokalen Medien genau hin“, meint Salazar. „Aber welche sind die richtigen Märkte für Business Insider, um in diesen aktiv zu werden, jenseits von den Ländern in denen Axel Springer einen großen Fußabdruck hat? Selbstverständlich berücksichtigen wir die Online-Durchdringung und auch die Durchdringung der Sozialen Medien in jedem dieser Märkte. Hier finden sich sind weiteren Aspekte dessen, was wir berücksichtigt haben“, fügt er hinzu.

„Wir würden gerne ein Minimum des Traffics sehen, der bereits bei einer amerikanischen Seite existiert. Das ist eine maßgebliche Angabe. Wir haben tatsächlich ein recht erhebliches und wachsendes globales Publikum und wir haben ein starkes internationales Wachstum für die Inhalte, die Business Insider produziert, festgestellt.

Über ein Drittel des Traffics der amerikanischen Business Insider-Seite kommt von außerhalb den USA und ist weltweit ziemlich bunt verteilt. Nach einer neuen internationalen Markteinführung einer Ausgabe vervierfacht sich der Traffic dieses Landes auf Businessinsider.com annähernd, „verglichen mit dem, was wir beim organischen Wachstum gesehen haben“, so Salazar. Für die amerikanische Seite hat der Dienst comScore plattformübergreifend einen Traffic von 44 Millionen Besuchern im Monat Mai verzeichnet. Damit efindet sich der Dienst zwar hinter Forbes und Yahoo Finance, kann aber einen 12prozentigen Anstieg seit Mai vorweisen. Im Januar schickte Mitgründer Henry Blodget ein Memo an die Arbeiter, das laut CNN Money das ehrgeizige Ziel von einer Milliarde Besuchern im Monatsdurchschnitt auf allen Business Insider-Seiten und Verteilerdiensten angab. Dies zitierten anonyme ehemalige Angestellte, die ebenfalls den Druck auf Autoren beschrieben, mehr mit Blick auf den Traffic zu veröffentlichen: „Wenn sie am Tag fünf Beitrage geschrieben haben, erinnerte sich ein ehemaliger Angestellter, hat Blodget sie dazu gedrängt, noch einen sechsten zu schreiben.“ Diese internationalen Ausgaben zusammen mit Tech Insider und einer neuen Lifestyle-Seite werden maßgeblich zum Wachstum des Traffics beitragen. Das Wachstum des Traffics in den USA ist für viele digitale Verleger wesentlich zurückgegangen. Wie genau jede neue Seite basierend auf ihrem Fortschritt beurteilt wird, soll laut Salazar noch verfeinert werden. Aber, so heißt es, „wir arbeiten an den Zahlen, die weltweit geteilt werden und die den Erfolg der einzelnen Ausgaben bestimmen werden. Eine davon ist der Traffic. Dieser wird aufgegliedert nach Einzelbesuchern, Seitenaufrufen und Eindrücken. Eine weitere ist die Monetarisierung: Man muss den Umsatz verfolgen, um zu sehen, in welchem Bereich die jeweilige Ausgabe erfolgreich sein könnte. Das wird dann auf unseren Seiten geteilt. Idealerweise würden wir gerne ein Szenario miterleben, bei dem die weltweiten Ausgaben Inhalte produzieren, die auf allen Seiten geteilt werden und dadurch auf effektive Weise eine 24-Stunden-Nachrichtenzentrale aufzubauen.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Nieman Journalism Lab” unter CC BY-NC-SA 3.0 US. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Globes” by Jayel Aheram (CC BY 2.0)


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Leserfeedbacks bestimmen die Struktur der Nachrichtendienste

Screenshot The Times

Die Times of London und die Sunday Times on Wednesday haben neue Apps für Smartphone und Tablet sowie eine neue Internetseite herausgebracht. All diese Kanäle sind darauf spezialisiert, Online-Ausgaben zu veröffentlichen, die  vier Mal am Tag aktualisiert werden.

Es wird eine neue Ausgabe am frühen Morgen geben, und dann gibt es Updates um 9 Uhr, zur Mittagszeit und um 17 Uhr – zu all den Zeiten, an denen die Besucherzahlen der Times tendenziell am höchsten sind. Das sind Zeiten wie während die Leser aufwachen, bei der Arbeit ankommen, zu Mittag essen und wieder nach Hause pendeln.

Unser Ziel ist es, Ausgaben für alles zu machen”, erzählte mir Alan Hunter, Leiter der Abteilung Digital bei The Times. “Wir werden Ausgaben für den Druck, für das Tablet, für Smartphones sowie das Internet machen.

Der Großteil der Inhalte wird in der ersten frühmorgendlichen Ausgabe veröffentlicht werden, wobei Nachrichten bei Bedarf über den Tag hinweg hinzugefügt und aktualisiert werden.

Mit der Konzentration auf die richtigen Zeitpunkte erhalten wir die Gelegenheit, tiefgehende Berichte zu veröffentlichen, Dinge richtig darzustellen, Analysen zu den neuesten Nachrichten zu liefern, die über den Tag verteilt geschehen. Wir bedienen die Leser zu den Zeiten, an denen sie es gern wollen, meint Hunter. Damit sie das Gefühl haben, auf dem neusten Stand zu sein, wollen sie alle Neuigkeiten in einem Paket haben. Uns ist bewusst, dass die Menschen zwar hundert Mal am Tag auf ihr Smartphone schauen, aber das heißt nicht gleich, dass sie auch genauso oft nach Nachrichten suchen.

Obwohl The Times und die Sunday Times unterschiedliche Zeitungen mit getrennten Redaktionen sind, werden sie ab jetzt auf derselben Internetseite veröffentlichen. Die Zeitungen, die Rupert Murdochs News Corperation gehören, teilten sich bereits Tablet- und Smartphone-Apps.

The Times und die Sunday Times werden beide hinter einer unumgänglichen Paywall veröffentlicht – somit wird es ohne Bezahlung schwierig, den Inhalt zu lesen.

The Times hat eine Druckauflage von ungefähr 400.000 Exemplaren, während die Sunday Times eine Druckauflage von ungefähr 770.000 Exemplaren hat. Im Juni 2015 hatte The Times 158.000 digitale Abonnenten mit einer Steigerung von einem Prozent. Die Zeitungen verschrieben im Geschäftsjahr 2015, das im Juni 2015 endete, einen Gewinn von 10,9 Millionen britischer Pfund (15,55 Millionen US-Dollar) Brutto.

Die Paywall hat verständlicherweise die Onlinereichweite der Times eingeschränkt. The Times war im vergangenen Jahr laut dem Londoner Analyseunternehmen SimilarWeb mit 64 Millionen Seitenaufrufen auf Platz 110 der meistbesuchten Medienhäuser.

Die beliebteste Seite war die der BBC mit fast 19 Milliarden Seitenaufrufen in Großbritannien im Jahr 2015, berichtet  SimilarWeb. Laut eines Berichtes der britischen Kommunikationsbehörde besuchten 56 Prozent der Briten, die online Nachrichten lesen, die Homepage oder die App der BBC.

“Wie können wir mit dieser marktdominierenden Instanz konkurrieren? Wir haben uns angeschaut, was wir gut machen, und uns mit unseren Lesern unterhalten”, sagte Hunter.

The Times verbrachte anderthalb Jahre damit, ihre neuen Produkte zu entwickeln. Bevor sie überhaupt mit der Programmierung der Produkte begannen, führten sie in Zusammenarbeit mit einem Berater über einen Zeitraum von 12 Wochen hinweg Interviews und Diskussionen mit Mitarbeitern, derzeitigen Lesern und potenziellen zukünftigen Lesern durch, berichtete der stellvertretender Leiter des Bereichs Digital Nick Petrie.

“Eine der ersten Fragen, die wir uns gestellt haben, war: Okay, das Tablet hat also eine eigene Ausgabe und das Tablet ist sehr erfolgreich”, sagte Petrie. “Was genau gefällt den Lesern besonders an der Ausgabe?”

Ungefähr 76.000 Abonnenten lesen die Tablet-App der Times montags bis samstags und ungefähr 95.000 Menschen nutzen die App am Sonntag, sagte Hunter. Im Durchschnitt verbringen Leser an einem Wochentag ungefähr 45 Minuten mit der Times-App, sonntags sind es mehr als 65 Minuten. Die Internetseite der Times kommt auf durchschnittlich 1,2 Besuche pro Leser am Tag.

Es ist begrenzt, es ist schaffbar und es ist ein klares Paket, das eine gewisse thematische Bbandbreite enthält, aber auch Tiefe, wo es angemessen ist. Es ist leicht zu navigieren und klar umrissen. Diese Punkte klebten während der anfänglichen Designphase überall an den Wänden. Sie können sich die Menge an Post-Its nicht vorstellen, die das Projekt verbraucht hatte, sagte Petrie.

Andere Nachrichtenorganisationen wie Quartz und The Economist haben eingegrenzte Produkte entwickelt, da die Leser von dem unendlichen Fluss an Inhalten, die online verfügbar sind, überfordert seien.

In ähnlicher Weise hat sich der Fokus der Times auf Auflagen über ihre Kernprodukte hinaus ausgebreitet. Im Januar stellte sie eine kostenpflichtige App vor, die das Beste aus Times und Sunday Times zusammenstellt und sich an ein internationales Publikum richtet.

Wir sind ein bezahltes Angebot in einem Markt, in dem praktisch alles andere umsonst ist, meint Hunter. Wir glauben, Nachrichten sind zu einem Standardprodukt geworden. Es ist sehr schwierig, die Leute davon zu überzeugen für Eilmeldungen zu zahlen. Aber wir glauben fest daran, dass Qualitätsjournalismus bezahlt werden muss.

Durch Feedbacks von Lesern änderte The Times den Aufbau ihrer Startseite. Statt einer Startseite mit mehreren getrennten Unterseiten gibt es jetzt eine lange Startseite zum herunterscrollen. “Die Leser berichteten uns, dass der wichtigste Punkt darin liege, Inhalte leicht und schnell zu finden.”, meint Hunter.

Auch bei der Entscheidung, ob sie mehr Wert auf umsichtige und ausgabenbasierte Vorgehensweisen setzten sollten oder nicht, halfen die Nachforschungen der Times dabei, sich dafür zu entscheiden. Funktionen wie Live Blogs sollen künftig abschafft werden, da die Analysen und Interviews ergaben, dass ihre Leser nicht sehr angetan davon waren.

Das soll nicht heißen, dass die Times nicht mehr über Eilmeldungen berichten wird, aber solange es sich nicht um eine Top-Story handelt (“In Großbritannien versteht man darunter: Was passiert, wenn die Queen stirbt?”, so Hunter) wird sie sich vermutlich an ihren digitalen Veröffentlichungszeitplan halten.

Unsere eigentlichen Stärken liegen darin, zu sagen – egal ob das jetzt eine oder zwei Stunden später ist – dass man bei uns alles abschließend nachlesen kann, was bisher passiert ist, statt lediglich  zusammengetragene Beileids-Tweets von Präsidenten und Premierministern aus der ganzen Welt zu lesen, sagte Petrie. Wir machen uns viel mehr Gedanken darüber, was für einen Service wir unseren Lesern schuldig sind als das, was wir als Herausgeber tun wollen.

Die Journalisten der Times werden trotzdem noch genug zu tun haben. Über den Tag verteilt, wird es festgelegte Deadlines geben, die einzuhalten sind. Zwar wird nicht von Reportern erwartet, dass sie ständig für jede Deadline Material einreichen, aber einige Mitarbeiter  haben bereits begonnen, ihre Arbeitszeiten dem neuen Zeitplan anzupassen.

Des Weiteren wird ihre Arbeit nun auf mehreren Plattformen erscheinen. Bisher veröffentlichte die Times nicht jeden Artikel auf allen Seiten und Apps, aber Nachforschungen haben ergeben, dass Leser diese Möglichkeit gerne hätten. Sie wollen alle Inhalte lesen, wo immer sie gerade sind und Lust zu haben.

[Die alte App- Einstellung] war überwiegend dafür gedacht, um das häppchenartige Lesen auf dem Smartphone zu ermöglichen, sagte Hunter. Wir denken, dass das der Vergangenheit angehört. Zudem sagten Leser zu uns: ‘Ich will diesen 3000 Worte langen Artikel über Naomi Campbell lesen, den ihr dieses Wochenende im Magazin hattet. Wo finde ich ihn?

The Times hat auch eine neue Schriftart – Times Digital – für Apps und deren Internetseite in Auftrag gegeben, die für das Lesen auf den Bildschirmen gedacht ist (Fun Fact: Die Times gab tatsächlich auch die bekannte Schriftart Times New Roman im Jahr 1931 in Auftrag, als sie nach einem Font suchte, der auf Zeitungspapier leichter zu lesen war).

Selbst nachdem die Apps und die Internetseite auf dem Markt sind, will The Times sie weiterhin ausbessern. Die umstrittene Geschäftsführerin Rebekah Brooks von News UK möchte, dass sie in einer “ständigen Weiterentwicklung” bleiben, so Hunter.

“Wir nehmen jetzt und auch in Zukunft die Leserfeedbacks ernst.”, sagte er.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “Nieman Journalism Lab” unter CC BY-NC-SA 3.0 US. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image: Screenshot by The Times


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Die Trumpifizierung der US-Medien

Trump (adapted) (Image by MIH83 [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Gibt es in den USA auch Nachrichtenthemen aus der Politik, die nicht von Trump und seiner Person dominiert werden?Außerhalb der USA wird die Aussicht, dass Donald Trump zum Präsidenten gewählt werden könnte, typischerweise mit eine Mischung aus Belustigung und Beunruhigung aufgenommen. Wie kann letzten Endes ein Milliardär und Reality-TV-Star der mächtigste Mann der Welt werden? Vor allem bei Vorschlägen wie dem Bau einer riesigen Mauer, um mexikanische Immigranten daran zu hindern, in die USA zu kommen oder allen Muslimen zu verbieten das Land zu betreten?

Aber in den vergangene zwei Wochen, als ich als Gastgelehrter an der Universität von Texas in Austin arbeitete, hatte ich viel zu viel Zeit damit vergeudet, die Fernsehberichterstattung über die Wahlkampagne zu verfolgen. Sobald man den Fernseher einschaltete, war es schwierig, Trump zu vermeiden oder persönlich von ihm zu hören. Andere Kandidaten tun ihre Meinung über Trump kund oder es werden Politikthemen angesprochen, die durch den Spiegel von Trumps Politik betrachtet werden. In der Tat gibt es neben der Wahlberichterstattung – mit Trump als Hauptfigur – beim Umschalten zwischen den Nachrichtensendern nur wenig Angebot.

Es stimmt, wir sind im Dickicht der ersten Wahlperiode, wo das Hauptaugenmerk auf einer Berichterstattung liegt, die einem Pferderennen gleicht und genau das wohl einfach erwartet wird. Aber meine eindrücklichen Beobachtungen von Trumps Dominanz gelten für weit länger als zwei Wochen.

Wie The Economist berichtet, hat Trump zwischen Anfang 2015 und dem 26. Februar 2016 mehr als 400 Minuten Sendezeit in den Abendnachrichten von ABC, NBC und CBS erhalten, im Vergleich zu weniger als 100 Minuten für seine beiden republikanischen Hauptkontrahenten Ted Cruz und Marco Rubio. Über Hillary Clinton und Bernie Sanders zusammen wurde weniger als halb so viel Berichterstattung geführt wie Trump.

Da Trump der klare Spitzenreiter im republikanischen Rennen ist, so sei es nur richtig – so mögen manche Journalisten argumentieren – dass er die Berichterstattung dominiert und die Richtung vorgibt. Aber es sind wohl die verlässlichen Nachrichtenwerte, die bei der Planung der Wahlkampagnenagenda die Trumpifizierung der Wahlberichterstattung bestimmten.

Außer Kontrolle

Im Gegensatz dazu müssen Fernsehsender in Großbritannien strenge Vorgaben für Unparteilichkeit bei der politischen Berichterstattung befolgen. Wenn auch oftmals falsch interpretiert, hat dies nicht zur Folge, dass die Hauptparteien und –kandidaten eine gleiche Sendezeit erhalten. Auf Grund der strengen unparteilichen Richtlinien des Journalismus. Aber wenigstens fördert es eine höhere redaktionelle Sensibilität bei der Ausübung von journalistischen Urteilen, bezüglich der Erreichung von einem “Gleichgewicht” und der Bewahrung von öffentlichem Vertrauen in die Unparteilichkeit von Fernsehsendern.

Da US-Fernsehsender keinen solchen regulatorischen Verpflichtungen genügen müssen, können kommerzielle Nachrichtenwerte jedes Gebot der Unparteilichkeit beim Berichten über Spitzenkandidaten und Parteien ersetzen (oder übertrump(f)en!). Dies verzerrt die Berichterstattung zugunsten von Politikern, die die Kunst beherrschen, die Frank Essner als “Selbstmediatisierung” bezeichnet: die Fähigkeit die Medienrichtung vorzugeben, indem sie die Nachrichtenwerte von Mainstream-Journalisten beeinflussen.

Dies ist wohl Trumps erfolgreichste Kampagnenstrategie. Von provokanten Reden in Wahlkampfveranstaltungen bis hin zu billigen persönlichen Angriffen auf seine Gegner in TV-Debatten: die Trumpifizierung der Politik passt perfekt zu den kommerziellen Zielen der US-Fernsehsender. Bei der jüngsten TV-Debatte der republikanischen Spitzenkandidaten auf Fox News schalteten 17 Mio. Zuschauer ein – die höchste Zuschauerquote, die für eine der Spitzendebatten erzielt wurde. Aber anstatt die politischen Positionen der übrigen vier Kandidaten zu untersuchen, gingen die meisten Fragen an Trump oder betrafen seine Person.

Viele republikanische Wähler scheinen einen Geschäftsmann, anstatt eines Washington Insiders, als bevorzugten Kandidaten auszuwählen. Hier liegt eine wirklich große Geschichte: der demokratische Rebell Bernie Sanders verlässt sich auf die Spenden von Privatleuten, statt auf die Gelder von großen Firmen. Trumps Fähigkeit hingegen, sich selbst zu finanzieren und so dem Parteien-Establishment die Stirn zu bieten, ist eine wesentliche Anfechtung dessen, wie sich Kampagnen typischerweise finanzieren und wie sie geführt werden. Aber während dies eine erfrischende Veränderung im Vergleich zu früheren Wahlzyklen darstellen könnte, geht die Medienaufmerksamkeit auf Kosten einer Diskussion dessen, was wirklich auf dem Spiel steht.

Post-Wahrheit

Natürlich ist das Spektakel von Kandidaten, die Politikthemen ausweichen oder Wähler täuschen, nichts Neues in der modernen Politik. Der US-Wahlkampf von 2012 zeichnete sich als Vorbote einer Ära von Post-Wahrheit-Politik aus. Aber wenn ein Kandidat wie Trump aufsteigt, verwandelt sich diese sogenannte Ära der Post-Wahrheit-Politik in einen alles in allem gefährlicheren Vorschlag als das, was wir in den letzten Jahren gesehen haben.

Offensichtlich ist Trumps wütende Rhetorik mit der Angst vieler Leute vor Immigration und nationaler Sicherheit verbunden. Aber die impraktikablen Lösungen, die er vorschlägt, müssen von Journalisten gründlicher hinterfragt, geprüft und öffentlich angezweifelt werden, anstatt implizit akzeptiert und legitimiert zu werden.

Die Politik der reaktionären populistischen Angst ist kaum einzigartig für die USA. Viele europäische Demokratien sind im Zuge der sich verschärfenden Flüchtlingskrise drastisch nach rechts gerückt – zuletzt die Slowakei, wo eine offen neonazistische Partei in das Parlament eingezogen ist.

Aber worin sich die USA von den meisten anderen fortschrittlichen westlichen Demokratien unterscheidet, sind die formalen Regeln, die die Fernsehberichterstattung kontrollieren, die für viele amerikanische Wähler die Hauptinformationsquelle über die Wahl ist. Der amerikanische Ansatz der Wahlberichterstattung ist fast ausschließlich durch Verfolgung von kommerziellen Nachrichtenwerten geprägt, anstatt durch einen journalistischen Versuch, die Blickwinkel der Parteien und die Ansichten der konkurrierenden Kandidaten auszubalancieren.

Das heißt nicht, dass die Medien ganz alleine für das Phänomen Trump verantwortlich sind, das in einer angespannten Zeit und in einer stets komplizierten politischen Kultur aufgetaucht ist. Jedoch hatte das vorherrschende US-Mediensystem auch nur wenig Einfluss auf die Verringerung der Möglichkeiten, die einem Politiker wie Trump geboten werden. Wenig Einfluss darauf, dass ein Politiker mit einer solchen Missachtung für Politik die Chance hat, sich als glaubhafter Präsidentschaftskandidat zu etablieren.

Sich allein auf Nachrichtenwerte zu verlassen, scheint eine vernünftige und professionelle Strategie zu sein, um Wahlberichte in einer Branche mit starker Konkurrenz auszuwählen, aber sie ist alles andere als politisch neutral. Redaktionelle Prioritäten können die Gestaltung der Wahlkampfagenda direkt beeinflussen und die Auswahl an Themen, die diskutiert und erörtert werden, einschränken. Niemand möchte überregulierte oder unterdrückte Rundfunkmedien, aber unabhängig von der politischen Gesinnung, kann die Ausübung eines gewissen Grades an Gleichgewicht in der Wahlberichterstattung sicherlich nur gut für die Bewahrung eines demokratischen Diskurses sein – ob in den USA oder andernorts.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


 Image (adapted) „Trump“ by MIH83 (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Wahlupdates und politische Nachrichten via Kurznachricht mit Purple

Map of Super Tuesday States 2016 (adapted) (Image by DonkeyHotey [CC BY-SA 2.0] via flickr)

Mit Purple kommen Kurznachrichten kommen wieder in den Trend. Es handelt sich allerdings nicht um Spam-SMS, sondern gezielte Liveberichterstattung über aktuelle politische Themen. Das Startup nutzt Kurznachrichten, um seine Nutzer über den Vorwahlkampf der US-Präsidentschaftskandidaten auf dem Laufenden zu halten.

Stunden vor dem Ende der ersten Abstimmungen am Super Tuesday vibrierte mein Handy. Ich hatte eine neue Kurznachricht.

Ahhh Joseph, ich bin so aufgeregt! Heute ist Super Tuesday, der wichtigste Tag des bisherigen Wahlkampfs. Heute finden in 12 Staaten die Vorwahlen statt und ich werde das Geschehen mitverfolgen. Sende eine SMS mit LIVE, um mit mir dabei zu sein oder eine SMS mit DANACH, wenn du einfach nur erfahren möchtest, was passiert ist sobald alles vorbei ist.

 PurpleText1A (Image by Joseph Lichtermann Screenshot)

Die Nachricht kam von Purple, einem SMS-basierten Service, der die Nutzer während der Präsidentschaftswahl via Kurznachrichten auf dem Laufenden hält. Purple bietet ihren Nutzern die Option der Liveberichterstattung an, bei dem diese sowohl mit ersten Ergebnissen und Diskussionen versorgt werden, als auch Hintergrundinformationen und Analysen des Wahlkampfrennen erhalten.

Ich entschied mich für die Liveberichterstattung, und so schickte mir Purple im Laufe der Nacht Updates über die bedeutenden Erfolge, die Donald Trump oder Hillary Clinton feierten. Die Kurznachrichten enthielten Zitate von den Kandidaten gegenüber ihren jeweiligen Unterstützern, Hochrechnungen der Delegierten sowie Links zu weiteren berichtenden Portalen, wie beispielsweise FiveThirtyEight und Politico.

“Trump wird gleich in Miami vorsprechen und Chris Christie stellt ihn vor. Er sagt: ‘Heute Abend beginnt Donald Trump damit, seine Partei für den großen Triumph im kommenden Herbst zusammenzutrommeln.’”, berichtet Purple im selben Moment als Trump die Bühne betritt, um den Sieg zu verkünden. 

PurpleText2A (Image by Joseph Lichtermann Screenshot)

Nachdem Hillary Clinton knapp die Vorwahlen in Massachusetts gewonnen hatte, schrieb Purple: “Uuuuuuund Massachusetts geht an Hillary, große Niederlage für Bernie.”

Das Ziel von Purple ist es, die Nutzer auf einer angenehmen Art und Weise zu informieren, ohne sie mit einem endlosen Reihe an Inhalten zu überfordern. Vergangenen Dienstag, während der Wahlkampfveranstaltung der Republikaner, war ich auf einem Abendessen, wo wir den Geburtstag eines Freundes feierten. Hierfür eigneten sich die Nachrichten von Purple als eine unauffällige Methode, immer auf dem Laufenden zu bleiben, ohne dauerhaft am Telefon kleben zu müssen. (Obwohl Purple den meistdiskutierten Teil der Veranstaltung nicht übertrug: nämlich als Trump, Marco Rubio und Ted Cruz begannen, sich gegenseitig immer wieder zu beleidigen.)

Rebecca Harris, Geschäftsführerin und Mitbegründerin von Purple, die im vergangenem Jahr an der Universität von New York ihren Abschluss in den Fächern Existenzgründung und Journalismus machte und die sich selbst als “großer Politiknerd” bezeichnet, sagte, dass sich das Unternehmen zunächst auf Kurznachrichten fokussiert. Dies sei einfacher als die Menschen dazu zu bewegen, sich eine weitere neue App herunterzuladen und zu benutzen.

“Es ist die bei Weitem gängigste Handlung, die wir mit unserem Handy vollziehen.”, erzählt mir Harris “Die Benachrichtigungsplattformen haben die sozialen Medien erobert. Hier findet sich die Verbindlichkeit der Nutzer.”

Purple plant, auf andere Benachrichtigungsplattformen zu expandieren, unter anderem WhatsApp, Facebook Messenger und Slack. Purple ist ebenfalls dabei auch Sportereignisse abzudecken, und fing im letzten Monat mit den NCAA Basketball-Wettkämpfen an. Purple habe zusätzlich ein Auge auf die Bereiche Business und Musik geworfen, sagt Harris. Nachdrücklich betont sie, dass das endgültige Ziel darin liege, dass sich die Nutzer, auf der Basis ihrer persönlichen Interessen, die Feeds, die sie erhalten wollen, selber aussuchen können.

Am Anfang lancierte Purple als eine politische Webseite und als ein E-Mail Newsletter-Dienst. Im letzten November jedoch entschieden sie und Co-Gründer David Heimann, die Seite als Kurznachrichtendienst mit einer Testgruppe von 50 Nutzern neu auf den Markt zu bringen. Mittlerweile haben sich mehr als 800 Leute für den Service registriert. Und der Erfolg kam von ganz alleine: “Wir haben keinen Cent für das Marketing ausgegeben”, sagt Harris.

Bis zu diesem Punkt haben Harris und Heimann Purple mit der Unterstützung ihrer Familien und Freunde finanziert. Laut ihnen sind bereits einige externe Investoren an Purple interessiert.

Harris sagt, dass Purple sich bereits nach Möglichkeiten umschaut, den Service zu monetarisieren, zum Beispiel mithilfe von Werbung oder kostenpflichtigen Abonnenten, aber “Geldeinnahmen sind für uns noch ein weiter Weg”.

Unser Fokus liegt derzeitig auf dem Produkt und auf dem Nutzerwachstum”, sagt sie. “Monetarisierung wird mit der Menge der Nutzer zusammenhängen.

Da die Anzahl der Leute, die Nachrichtendienste nutzen, angestiegen ist — laut einer Umfrage des Pew Research Center aus dem Jahr 2015, benutzt die Hälfte der Smartphone- Benutzer zwischen 18 und 29 eine Nachrichten-App wie WhatsApp oder iMessage — haben sich Nachrichtendienste darauf spezialisiert, um auch jüngere Zielgruppen zu erreichen.

Dazu einige Beispiele: The Guardian hat im Dezember eine GOP-Debatte auf WhatsApp übertragen, The Economist veröffentlichte Grafiken direkt bei Line, und die New York Times sendete Neuigkeiten über die Präsidentschaftswahlen via Slack. Der WNYC-Podcast “Note to Self” sendete kürzlich als Teil eines Experiments, bei dem Informationsüberschuss gemessen wurde, etwa 300.000 Nachrichten an 15.000 Leute. WNYC benutzte Twilio, eine Plattform, die Entwickler Nachrichten und Anrufe programmieren lässt, um das Experiment zu unterstützten.

Purple nutzt ebenfalls Twilio und Harris schreibt die Nachrichten, die Purple verschickt, selbst. Sie sagt, dass es ihr Ziel sei, die Nachrichten so kommunikativ und eingängig wie möglich zu formulieren, und dennoch präzise und unparteiisch zu bleiben.

“Das, was den Erfolg bringt, ist die Fähigkeit, mit den Lesern so zu reden, wie man es mit jedem anderen auch machen würde” sagt sie.

Etwa 85 Prozent der Nachrichten sind automatisiert. Viele der Nachrichten, die Purple sendet, enthalten Schlüsselwörter in Großbuchstaben. Wenn die Nutzer mit diesen Worten antworten, erhalten Sie eine Antwort mit weiteren Informationen.

Am Montagnachmittag zum Beispiel schickte mir Purple eine Nachricht, um mich zu erinnern, dass der Super Tuesday kurz bevorstand.

“Ich hoffe, du hattest ein tolles Wochenende, Joseph! Morgen ist SUPER TUESDAY, der wichtigste Tag des Wahlkampfs bisher. Und: diese Woche gab es große UNTERSTÜTZUNG für Trump.”

PurpleText4 (Image by Joseph Lichtermann Screenshot)

Indem ich mit “Unterstützung” antwortete, erfuhr ich Details über die Unterstützung, die Alabamas Senator Jeff Session Trump zusprach und wie dies ein „großer Schlag in das Gesicht von Ted Cruz, der mit Sessions befreundet ist”, war. Indem ich “Super Tuesday” sendete, erhielt ich Informationen darüber, wie viele Abgeordnete zugeteilt werden. Zusätzliche Nachrichten brachten mir detaillierte Vorschauen, Staat für Staat.

Die Nutzer können außerdem Schlüsselwörter auswählen, um zu bestimmen, wie sie die Benachrichtigungen erhalten wollen. So lässt Purple die Nutzer entscheiden, ob sie Livebenachrichtigungen im Laufe der Nacht bekommen möchten oder nur eine Zusammenfassung des Geschehens, wenn alles vorbei ist. Zusätzlich bietet Purple den Nutzern die Option an, die Nachrichten erst am nächsten Morgen zu erhalten, da beispielsweise die Ergebnisse der Wahlen in Nevada erst nach Mitternacht zu erwarten waren.

PurpleText3(Image by Joseph Lichtermann Screenshot)

Über die automatisierten Antworten hinaus reagiert Harris auch selbst auf spezifische Fragen der Nutzer, die nach ihrer Schätzung etwa 15 Prozent ausmachen.

Ungeachtet dessen, wie die Nutzer mit Purple interagieren, hat sich Purple das Ziel gesetzt, die Nachrichten für die Nutzer persönlicher erscheinen zu lassen als der typische Nachrichtendienst.

“In ihren Augen sind wir ihre politikbegeisterten Nerd-Freunde”, so Harris.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “Nieman Journalism Lab” unter CC BY-NC-SA 3.0 US. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) “Map of Super Tuesday States 2016” by DonkeyHotey (CC BY-SA 2.0)


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Zurückgeklickt- Die NiemanLab Predictions für 2015, Teil 2

Siri, welcome to local.ch (adapted) (Image by Vasile Cotovanu [CC BY 2.0] via flickr)

Was sagte das NiemanLab vor einem Jahr über die Entwicklungen des Journalismus im Jahr 2015? Der Bestandsaufnahme zweiter Teil. Seit Dezember 2010 wirft das Nieman Journalism Lab einen Blick auf das jeweils anstehende Jahr und befragt die nach eigener Aussage schlauesten Menschen aus Journalismus und digitalen Medien, wie sich ihre Branche in den kommenden zwölf Monaten entwickeln wird. Was hatten die klugen Köpfe für 2015 vorhergesagt und haben sie Recht behalten? Im zweiten Teil geht es um das Erwachsenwerden von Pushmitteilungen.

The year news notifications need to grow up” nannte Philip Bump seine am 17. Dezember 2014 erschiene Vorhersage für das Jahr 2015. Anhand der Stau-Informations-App Waze legt der Autor der Washington Post dar, wie News-Apps mit ihren Pushmitteilungen umgehen sollten. Von Waze war Bump begeistert, weil die App ihm, Sekunden nachdem er in einen Stau geraten war, ohne Aufforderung verraten hatte, dass ein Unfall der Stauauslöser gewesen war, wo dieser Unfall stattgefunden hatte und seit wann der Verkehr sich aufstaute. Waze versetzte Bump also in die Lage, seine persönlichen Schlüsse aus den Informationen zu ziehen oder eventuell Gesprächspartner, die er nicht rechtzeitig erreichen würde, vorzuwarnen. Ähnlich zu Waze für den Verkehr funktioniert Bumps Meinung nach Dark Sky für Wettervorhersagen und die ESPN App für seine Lieblingssportmannschaften.

Von diesen Apps bekommt der Nutzer genau die Informationen auf seinen Bildschirm gepusht, die er auch in exakt dem Moment benötigt und für wichtig erachtet. Warum das nicht bei Nachrichten-Apps genauso funktioniert, fragt sich Bump zu Recht. Auch ich habe mich schon zuvor mit Eilmeldungen großer Medienhäuser beschäftigt und wie unwichtig doch die meisten für die breite Masse sind. Eine Unterscheidung nach Dringlichkeitsaspekten wird nicht unternommen, jeder bekommt die gleiche Nachricht auf das Smartphone-Display. Flugzeugabstürze, Todesfälle, Gewinner von Sportwettbewerben, Naturkatastrophen – all das und noch viel mehr wird gedankenlos an die Nutzer weitergeleitet. Hauptsache, man war Erster. Öde.

Über die Wichtigkeit von Nachrichteninhalten lässt sich streiten, jeder setzt einen anderen Schwerpunkt in seinem persönlichen Medienkonsum. In der Zeit vor dem Internet gab es nicht die große Auswahl, ich konnte mir nicht mein eigenes Nachrichtenbukett erstellen. Die Gatekeeper waren nicht Facebook, Twitter und Aggregatoren, sondern Zeitungen, Fernseh- und Radiosender. Bei den meisten Medienschaffenden ist wohl noch nicht angekommen, dass sich die Empfänger nicht aus einer Masse an “Eil”-Meldungen die für sie interessanten Aspekte herauspicken möchten. So sah es im Dezember 2014 aus.

Philip Bump sagte damals für das nun hinter uns liegende Jahr 2015 voraus, dass eine von drei Optionen verwirklicht werden würde.

Option 1: Mehr Medien werden die News-App Circa kopieren und damit den Nutzern detaillierte Kontrolle über die Push-Mitteilungen geben, die sie empfangen.

Option 2: Die Medien werden klüger mit den Push-Mitteilungen umgehen und herausfinden, wie sie auch Nachrichten, die nicht “breaking” sind, den Nutzern nahelegen können.

Option 3: Sie lagern die Verbreitung von Eilmeldungen aus und übertragen die Aufgabe an Apps, die auf User abgestimmte, detaillierte Informationen liefern können.

Machen wir es kurz: Keine der drei Optionen ist eingetreten. Circa ist zwischenzeitlich eingegangen und wird demnächst wiederbelebt. Das Geschäftsmodell war aufgrund der Pleite wohl doch kein Vorbild für andere. Mit Push-Mitteilungen sind die Nachrichtenlieferanten definitiv nicht klüger umgegangen, noch immer bekommt jeder, der die Push-Mitteilungen aktiviert hat, alles, was in den Redaktionen für wichtig erachtet wird. Und spezielle Breaking News-Apps, die wirklich smart arbeiten? Sind mir bislang nicht untergekommen.

Ernüchternd. Aber Philip Bump hatte ja betont: “The year news notifications need to grow up.” Er hatte nicht verkündet: “The year news notifications will grow up.” Insofern hat er nach wie vor Recht. Schon vor 13 Monaten bestand Bedarf an verbesserten Mitteilungen, geändert hat sich daran bis heute nichts. 2015 war in dieser Hinsicht ein ganz und gar vergeudetes Jahr.

Breaking News sind nicht erwachsen geworden, sondern verhalten sich in den meisten Fällen ganz und gar wie Kleinkinder, die jeden Informations-Input in Output verwandeln. Sie sehen einen Hund: “Schau mal, Mama, ein Hund!” Eine Straßenbahn fährt vorbei: “Papi, ein Zug!” Und jedes Mal, wenn man an der Supermarkt-Kasse steht, locken die Süßigkeiten: “Ich will ein Bonbon!” Dass man Kinder hat, sucht man sich meist bewusst aus. Wer welche hat, wird sich jedes Mal freuen, wie aufmerksam sie die Welt beobachten. Jede Entwicklung wird mit Vergnügen wahrgenommen. Und auch News-Apps kann man sich bewusst aussuchen. Es gibt nur kaum Auswahl, geht es um die Art, wie “Eilmeldungen” gehandhabt werden. Wer jeden Fetzen Information sofort unter die Nase gerieben bekommen will, ist schon jetzt bestens bedient und kann sich fast wahllos an den vorhandenen Apps laben.

Was muss und wird 2016 also endlich kommen? Eine intelligente Breaking News App, die einen hohen Grad an Personalisierung zulässt. Die mich entscheiden lässt, bei welchen Themen ich gestört werde, die mir die Wahl bietet, ob ich wirklich bei jedem Todesfall eines berühmten Menschen unterrichtet werde. Eine News-App, die mir in smarter Weise Push-Mitteilungen auf mein Smartphone-Display sendet, dürfte doch im Jahr 2016 Wirklichkeit werden. Wir wollen keine angeblichen Eilmeldungen mehr, die uns unter die Nase gerieben werden. Wir wollen keine quengelnden Push-Mitteilungen. Wir wollen smarte News und smarte, erwachsene News-Apps!


Image (adapted) “Siri, welcome to local.ch” by Vasile Cotovanu (CC BY 2.0)


 

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