Traue niemanden im Journalismus, der Marken nicht misstraut

Journalismus hat ein gewaltiges Problem und das heißt Markenliebe. Wer frühen Zugang zu neuen Produkten haben will, muss nett sein – für Kritik ist da oft leider kein Platz. Damit eine Marke möglichst beliebt wird, muss sie viel Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit bekommen. Wer wäre dafür besser geeignet als Journalisten, die diese Produkte erhalten, sie zu lieben beginnen und entsprechend positive Texte über sie verfassen? Dass die Industrie oftmals die Journalisten bauchpinselt, um positive Meinungen zu erhalten, führt zu einem gewaltigen Problem. Leser können den Meinungen der Autoren nur noch schwer vertrauen, solange diese sich nur an den Anpreisungen der Unternehmen orientieren. Kritische Meinungen sind unbequem für die Marken, doch essenziell für die Leser.

Die Kumpelmaschinen

Es ist immer das Gleiche. Ich nutze seit 2009 begeistert Android-Smartphones. Auch viele andere Google-Dienste sind bei mir im Dauereinsatz. Ja, ich finde das Meiste, was Google macht, ziemlich toll – oder zumindest spannend. Das bedeutet aber nicht, dass ich blind alles bejuble, was aus Mountain View kommt. Für viele Freunde und Bekannte bin ich aber trotzdem ein Google-Fanboy.

Auf der anderen Seite gibt es immer wieder Momente, in denen ich Apple für bestimmte Dinge, wie etwa den kommenden Dienst “Apple News”, kritisiere. Bei vielen Freunden und Bekannten hat dies zur Folge, dass ich Apple und all seine Produkte angeblich hasse – was nicht stimmt. Ich hasse keine Marken, ich liebe sie aber auch nicht.

Ich versuche als journalistisch arbeitender Blogger so gut wie möglich dem Treiben der Industrie kritisch gegenüber zu stehen und da bieten einige Unternehmen einfach etwas mehr Angriffsfläche als andere. Aber das Problem ist dabei generell, dass es als Journalist gar nicht so leicht ist, den Unternehmen, über die man schreibt und mit denen man in Kontakt steht, stets kritisch gegenüber zu stehen.

Dafür gibt es verschiedene Gründe, einer davon ist Markenliebe. Marken versuchen auf Facebook, Twitter und allen nur erdenklichen anderen Kanälen, unsere Freunde zu sein. Also nicht nur von Journalisten, sondern möglichst von allen Nutzern. Sie wollen natürlich, dass wir das Gefühl haben, eine persönliche Beziehung zu einer Marke zu haben, dass wir sie lieben und ihr treu sind und sie gegenüber Kritikern verteidigen. Das ist natürlich gut für das Geschäft und stärkt die Marke, wenn viele Menschen sie allerorts empfehlen und verteidigen.

Und diese Strategie geht auf. Wir verknüpfen oftmals den Erfolg und die Produkte einer Marke mit unserer Persönlichkeit und unserem Selbstwertgefühl und lassen den Unternehmen so vieles durchgehen, denn schließlich sind sie ja unsere Freunde. Das ist ein generelles Problem, doch es ist um ein größeres Problem im Journalismus, besonders im Tech-Journalismus. Denn hier hat dieses Verhalten einen gewaltigen Vorteil: Gunst.

Sei nett oder du bist raus

Es gibt eine direkte Korrelation zwischen den Exklusivzugängen zu Produkten für Journalisten und dem Singen des richtigen Liedes für Unternehmen und PR-Firmen. Diese Korrelation ist allerdings nicht so direkt wie viele Kommentatoren vermuten – die Unternehmen bezahlen die Presse nicht direkt, um positive Berichte zu verfassen. Die Bezahlung funktioniert deutlich subtiler.

Für werbefinanzierte Websites ist Traffic Geld und der erste Blick auf ein neues Smartphone und die Erwähnung der tollen neuen Features bedeutet genau das, Traffic. Der exklusive Zugang zu neuen Produkten ist also finanziell wertvoll und um diesen Zugang zu erhalten, muss man eben auf der Seite von Apple, Google, Microsoft oder Samsung sein. Als Leser sollte man also sehr skeptisch gegenüber langen Artikeln sein, die wenige Minuten nach einer Produktvorstellung bereits das neue Smartphone, Notebook oder Tablet in aller Genauigkeit beleuchten, denn diese Artikel sind ein Produkt dieser Zugangskultur.

Natürlich sind die Autoren auch immer wieder kritisch gegenüber den neuen Produkten oder zumindest gegenüber einigen Details, doch auch wenn die Autoren es vielleicht anders sehen, sind die Ergebnisse immer Kompromisse. Harte Kritik wird keinem Journalisten jemals frühen Zugang zu einem neuen Produkt gewähren.

Wo Schatten ist, gibt es auch Licht

Es gibt zum Glück auch löbliche Ausnahmen. Etwa Sascha Pallenberg, der in seinen routinemäßigen Rants vor nichts und niemandem haltmacht. Oder Richard Gutjahr, der sich nach langer Zeit aus der Apple-Mühle ausgeklinkt hat, und sich dem Zirkus, den das Unternehmen regelmäßig veranstaltet, versagt. Oder der ehemaliger Netzpiloten-Autor und jetzige Leiter von Basic Thinking, Tobias Gillen, der ebenfalls versucht, sich dem PR-Wahnsinn zu entziehen, um dem Leser eine unabhängigere und kritischere Berichterstattung zu bieten und nicht nur auf den schnellen Traffic zu schielen.

Das alles bedeutet auch gar nicht, dass Tech-Journalisten, bzw. Journalisten per se Marken hassen sollen, doch lassen viele zumindest eine kritische Grundhaltung vermissen. Zu oft werden mittelprächtige Produkte hochgejubelt, nur weil der Hersteller zur Produktpräsentation ein teures Buffet aufgefahren hat und obendrein noch jeder Anwesende eines dieser Produkte gratis erhält. Ich will mich selber gar nicht als Ausnahme darstellen – es ist auch schon vorgekommen, dass ich mich in der Vergangenheit auf tollen Events habe bezirzen lassen. Es ist wirklich schwierig, in solchen Situationen einen kritischen Blick zu bewahren und nicht bloß all die tollen Dinge zu glauben, die einem die super netten PR-Cheerleader herunterbeten.

Doch genau das sollte die Grundhaltung sein – eine kritische Sichtweise ist ein Dienst an den Lesern. Selbstverständlich kann man bestimmte Vorlieben haben, aber diese sollten eben auch als solche wahrgenommen werden. Zudem sollte man sich öfter mal fragen, warum man ein bestimmtes Produkt oder bestimmte Marken liebt und andere nicht, beziehungsweise warum bestimmte Journalisten dies tun.


Teaser & Image „[2005] Crossroads of the World“ (adapted) by Diego Torres Silvestre (CC BY 2.0)


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Daniel Kuhn

Daniel Kuhn

ist Wahl-Berliner mit Leib und Seele und arbeitet von dort aus seit 2010 als Tech-Redakteur. Anfangs noch vollkommen Googles Android OS verfallen, geht der Quereinsteiger und notorische Autodidakt immer stärker den Fragen nach, was wir mit den schicken Mobile-Geräten warum anstellen und wie sicher unsere Daten eigentlich sind.

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