Jahresrückblick 2007, Teil 1: Von Fremdüberwachung und Selbstentblößung

Vorratsdatenspeicherung

Innenminister Schäuble will sie, die kritische und freiheitsliebende Netzgemeinde nicht: Es geht um den Gesetzentwurf zur Vorratsdatenspeicherung. Das Wort selbst würde wohl bei der Wahl zum Unwort des Jahres einen Spitzenplatz erreichen.

Worum geht es: „Nach einem Gesetz, das CDU, CSU und SPD am 9. November 2007 gegen die Stimmen von FDP, Grüne und Linke beschlossen haben, soll ab 2008 nachvollziehbar werden, wer mit wem in den letzten sechs Monaten per Telefon, Handy oder E-Mail in Verbindung gestanden oder das Internet genutzt hat. Bei Handy-Telefonaten und SMS soll auch der jeweilige Standort des Benutzers festgehalten werden. Anonymisierungsdienste sollen verboten werden.“

Das Problem: Unter dem Deckmantel der Terrorismusbekämpfung werden wir alle zu gläsernen Bürgern. Privatsphäre, ade!

Auch dagegen? Dann bei der Sammel-Verfassungsbeschwerde noch bis zum 24.12. mitmachen!

Microblogging

Kaum einer hat es bisher bemerkt, aber fast jeder aktive Digital Native tut es inzwischen: Microblogging hat 2007 rasant an Fahrt gewonnen. Erst waren es Dienste wie Tumblr, die das Bloggen noch leichter, noch schneller, noch aktueller gemacht haben. Dann kam über die Facebook-Apps weiterer Microcontent hinzu und schließlich startete Twitter als neues Spielzeug der Online-Avantgarde durch. Die simple Idee: 140 Zeichen Platz für Belangloses, Gedankenfetzen, emotionale Zustandsbeschreibungen und Breaking-News.

Während sich in manchen Teilen der Blogosphäre 2007 eine gewisse Blogmüdigkeit breit zu machen schien, wird über Twitter und seine inzwischen rund 100 Klone ge-micro-bloggt was das Zeug hält. Für mich die Entdeckung und der Trend des Jahres. Geschäftsmodell: unbekannt. Spaß- und Suchtfaktor: unermesslich. Wie erkläre ich das bloß meinen Eltern?

StudiVZ

StudiVZ hatte schon im vergangenen Jahr nicht immer die beste Presse und in der Blogosphäre war vor allem einer der Gründer nicht gut gelitten. StudiVZ-Schlagzeilen schlugen aber auch in diesem Jahr immer wieder Wellen. Die Aufsehen erregendste Meldung kam Anfang des Jahres, als bekannt wurde, dass Holtzbrinck Ventures, ein Tochterunternehmen der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, StudiVZ für 85 Millionen Euro gekauft hat.

Jüngst kündigten die StudiVZ-Macher an, die AGB des Studierendennetzwerks zu ändern. Ziel: Individualisierte Werbung auf allen Kanälen inklusive Handy und zu diesem Zweck die Weitergabe personenbezogener Daten an Dritte. Zwar ruderte man inzwischen schon wieder etwas zurück, aber wohin die Reise gehen soll dürfte spätestens jetzt nochmal klar geworden sein.

Facebook

Facebook hat im Jahr 2007 eine Bilderbuchkarriere hingelegt, allerdings mit einem Schönheitsfehler namens Beacon. Aber eins nach dem anderen. Zunächst konnte Facebook erheblich Boden gegenüber MySpace in Sachen Nutzerzahlen und Reichweite gut machen. Der Coup: Die Öffnung der Facebook-Plattform für Facebook-Applikationen von Drittanbietern. Seither sprießen Facebook-Apps massenhaft aus dem virtuellen Boden. Doch nachdem Beacon in die „Gesichtsbücher“ der User Einzug nahm, war der Aufschrei groß. Machte Beacon doch Informationen über Useraktivitäten öffentlich verfügbar, was nicht gerade auf Gegenliebe bei den Nutzern traf. Spät – aber immerhin – kam die Entschuldigung von Facebook-Gründer Zuckerberg, der sich zum Jahresausklang den ganzen Ärger durch den 240 Millionen US-Dollar schweren Einstieg von Microsoft bei Facebook versüßen ließ.

Tageszeitung 2.0

 

Der wohl am längsten und mit großer Spannung erwartete Relaunch einer Zeitungs-Website im Jahr 2007 war der der WAZ-Gruppe. Nachdem Katharina „Lyssa“ Borchert im vergangenen Jahr das Onlineruder bei der WAZ übernommen hatte, wurde außen viel spekuliert und von der WAZ selbst viel getrommelt, wie toll und richtungweisend alles sein werde. Und in der Tat: Die WAZ ist nach zuvor indiskutablen Webauftritten mit dem neuen Regionalportal DerWesten endlich im Web angekommen.

Bereits im Frühjahr 2007 startete das unter der Federführung von Peter Schink entwickelte neue Portal der Welt.de, das nun den bisher klickintensivsten Nachrichtenportalen den Rang abläuft.

Last but not least, zeigt der Tagesspiegel nach seinem Relaunch unter Online-Chefredakteurin Mercedes Bunz, wie Onlinejournalismus heutzutage auszusehen hat. Einen Überblick über weitere Relaunchs im jahr 2007 gibt es bei Matthias Kretschmer.

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Steffen Büffel

Steffen Büffel

ist freiberuflich als Medien- & Verlagsberater, Trainer und Medienwissenschaftler tätig. Schwerpunkte: Crossmedia, Social Media und E-Learning. Seine Blogheimat ist der media-ocean. Außerdem ist er einer der Gründer der hardbloggingscientists.

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