iPhone X im Test: Wenig Neues – aber das in Perfektion

Das gefragteste Smartphone 2017 trägt nach langer Zeit wieder den Namen iPhone. Apple hätte es sich nicht besser vorstellen können: Weltweit kaufen die Menschen die Apple Stores leer. Trotz des für Smartphone-Verhältnisse utopischen Preises scheint das iPhone X DAS It-Piece der Technikszene im Winter zu sein. Ich habe das iPhone X nun einige Tage ausführlich getestet, begutachtet und runterfallen lassen und verrate euch, warum es trotz wenig Innovation das beste Smartphone auf dem Markt ist.

Seltener Anblick: Menschen stehen Schlange vor dem Apple Store

Am 3. November stand mit dem passenden Kleingeld und voller Motivation um sieben Uhr morgens mit 300 anderen Menschen am Apple Store in Köln und schämte mich ein wenig. Es wäre mir deutlich lieber gewesen, wäre meine iPhone-X-Bestellung im Online-Store am 27.10. planmäßig verlaufen. Ich trug an diesem milden Herbst-Tag eine übertriebene Wollmütze und einen Schal, um mich vor Kamera-Teams und dem Gelächter meiner Freunde und Bekannten zu schützen. Vier Stunden und drei Kaffees später hielt ich das Objekt der Begierde dann in den Händen. Das erste, was mir in den Sinn kam: Zeit und Geld haben sich mehr als gelohnt. Aber genug gequatscht! Testen wir das Ding.

Unboxing: Der Duft von neuer Technik

In meinem iPhone-X-Hands-On habe ich euch schon erzählt, wie sehr ich auf das Auspacken neuer Geräte stehe. Irgendwann gewöhnt man sich ein bisschen an den Geruch frisch gefertigter Technik. Das iPhone X auszupacken, ist dennoch ein kleines Spektakel. Der Karton des iPhone X kommt beinahe übertrieben hochwertig daher. Apple hat das Abbild des markanten iPhone-X-Displays auf den Karton drucken lassen. Das Besondere ist der hervorgehobene Rahmen, der bei meinem silbernen Modell glitzert und funkelt und sich auch fühlbar vom Karton abhebt. Da der Karton aber ohnehin für mindestens ein Jahr im Schrank verschwindet, ist das Erlebnis nur von ganz kurzer Dauer. Wie so oft gilt: die inneren Werte zählen. Das iPhone X befindet sich mit seinem Zubehör gleich unter dem Einschubkarton für den Quick-Guide, dem SIM-Removal-Tool und kultigen weißen Apfel-Aufklebern. Apple liefert seine steinharten EarPods mit Lightning-Anschluss sowie einen Lightning-Klinke-Adapter, ein Netzteil und das Lightning-Aufladekabel mit. Das iPhone X ist sorgfältig mit einem Kunststoff-Schutz versehen. Beim Abziehen der Folie treten noch mal ganz kurz Zweifel auf, ob sich das Geld wirklich gelohnt hat.

iPhone X im Test
Das iPhone X kommt im edlen Glas-Look. Image by Julia Froolyks

Diese Zweifel lösen sich spätestens beim Einschalten des iPhone X in Luft auf. Das Gehäuse fühlt sich sehr hochwertig an. Zwar erscheint mir das iPhone X in den ersten Sekunden furchtbar schwer und klobig, was daran liegt, dass ich vorher einige Wochen ein kleines und leichtes iPhone 5 genutzt habe. Aber beim ersten Hands-On wird klar, wie makellos das iPhone X verarbeitet ist.

Design des iPhone X: Apples größte Stärke

Die Hauptmaterialien des iPhone X sind Glas, Edelstahl und Aluminium. Apple hat zwar den Alumium-Look beim iPhone X sowie iPhone 8 und 8 Plus gänzlich über Bord geworfen. Die hintere Glasplatte liegt allerdings auf einer Aluminium-Platte auf. Im Fokus steht der Edelstahlrahmen des iPhones, der beim silbernen Modell hochglänzend poliert ist und beide Glasplatten fasst. Eine kleine schwarze Kunststofflippe verbindet Rahmen und Display-Glas miteinander. Beim Drüberstreichen ist der Übergang zwischen Kunststofflippe und Display spürbar. Ein minimaler Spalt sorgt dafür, dass ganz feine Fasern darin hängen bleiben. Menschliche Haare oder dickere Barthaare sind glücklicherweise zu groß, um sich in dem kleinen Spalt zu verfangen. Dennoch bin ich mir sicher, dass man in Cupertino mit dieser Lippen-Lösung mehr als unglücklich ist.

iPhone X im Test
Im Edelstahlrahmen befinden sich Lightning-Anschluss und Lautsprecher. Image by Julia Froolyks

Das 5,8 Zoll große iPhone X ist ansonsten einwandfrei verarbeitet. Die Glasrückseite wartet mit einem ansehnlichen 3D-Effekt auf. Der glänzende Apfel liegt leicht unter dem Glas und nicht darauf. Die Rückseite ist leicht abgerundet und geht ohne Kunststoff-Übergang direkt in den hochwertig wirkenden Edelstahlrahmen über. Dieser beherbergt außerdem auf der linken Seite die Lautstärkewippe sowie den kultigen Mute-Taster. Auf der rechten Seite ist ein großer Power-Button angebracht, der aufgrund des fehlenden Homebuttons beim iPhone X neue Aufgaben bekommen hat. Am unteren Rand befinden sich der Lightning-Anschluss sowie Lautsprecher und Mikrofon.

Sofort abgestürzt: Apple Care lohnt sich beim iPhone X

Es ist kein Wunder, dass neben mir viele andere Besitzer das iPhone X wie ein rohes Ei behandeln. Vor allem, wenn es völlig nackt aus dem Karton das Licht der Welt erblickt. Es kommt zwar robust rüber. Gleichzeitig ist es aufgrund der verbauten Materialien sehr zerbrechlich, wie die ersten Tests nach dem Erscheinen des Smartphones belegen. An dieser Stelle wünschte ich, ich hätte Apple Care abgeschlossen. Denn zu der Zerbrechlichkeit des iPhone X gesellen sich enorme und übertriebene Reparaturkosten, wenn das Display oder die Glasrückseite Schaden nehmen. Immerhin habe ich ab Kaufdatum 60 Tage Zeit, mich nachträglich für die Apple-Versicherung zu entscheiden, vorausgesetzt es wird nicht schon vorher beschädigt. Nach einem Tag hat mein iPhone X leider einen Sturz aus niedriger Höhe hinter sich gebracht. Die glatte Glas-Oberfläche hat das Smartphone von meiner Jeans rutschen lassen. Man sieht die Spuren an der linken Kante nur mit viel Mühe – oder einer hochauflösenden Kamera:

iPhone X Im Test
Image by Julia Froolyks

Design-Fazit

Das iPhone X ist eine Augenweide und fühlt sich richtig gut an. Die gewählten Materialien sind hochwertig und schmiegen sich der Hand perfekt an. Ich bin froh, dass das iPhone X wieder kleiner ist als die Plus-Modelle und gleichzeitig ein größeres Display bietet. Das Smartphone passt endlich wieder einigermaßen in die Hosentasche. Hingegen die Zerbrechlichkeit des iPhone X lässt sich nicht leugnen. Das ist bei anderen hochklassigen Glas-Flaggschiffen allerdings nicht anders. Wer sein Smartphone gerne mal auf den Boden fallen lässt oder Tiere und Kinder im Haus hat, sollte die Anschaffung jedenfalls überdenken oder alternativ Apple Care für zusätzliche 230 Euro dazu kaufen.

Herzstück Display: So seht stört der schwarze Balken wirklich

Brücke, Steg, Sensorleiste – mittlerweile scheint sich international der Begriff „Notch“ (also Kerbe oder Einkerbung) für den schwarzen Balken auf dem Display durchgesetzt zu haben. Die Notch ist nicht das erste, was beim iPhone X ins Auge fällt. Vielmehr stellt sich beim ersten Einschalten ein Wow-Effekt ein. OLED-Displays sorgen bei mir oft für diesen Effekt. Apple hat es erstmals gewagt, ebenfalls ein OLED-Display zu verbauen und tauft den iPhone-X-Bildschirm Super Retina Display. Das Display nimmt beinahe die gesamte Front des Smartphones ein und bietet eine satte Auflösung von 1.125 x 2.436 Pixeln. Die Pixeldichte ist mit 463 ppi nicht die höchste auf dem Markt. Das Samsung Galaxy Note 8 bietet hier 521 ppi, und visualisiert damit noch einen Ticken schärfer als das neue iPhone X. Die OLED-Technologie (Organic Light Emitting Diode) kommt mit einigen Problemen daher, die Apple in den vergangenen Jahren komplett gemieden hat. Das neue OLED-Display im iPhone X genügt allem Anschein nach erstmals Apples Ansprüchen. Das schauen wir uns deshalb mal genauer an.

OLED-Display: Vor- und Nachteile

Ein OLED-Display kommt mit einer ganzen Reihe von Vor- und Nachteilen daher. Der erste Vorteil wird beim direkten Blick auf das Display des iPhone X deutlich: OLED-Displays sind gegenüber herkömmlichen LCD-Bildschirmen (Flüssigkristallbildschirmen) deutlich kontrastreicher, da sie ohne Hintergrundbeleuchtung auskommen. Deshalb wird Schwarz auf dem Super Retina Display des iPhone X auch wirklich schwarz und nicht grau oder bläulich dargestellt. Die schwarzen Pixel emittieren bei einem OLED-Display kein Licht. Dieser Umstand führt gleich zum zweiten Vorteil von OLED-Displays: Sie sind stromsparender, da vor allem bei der Darstellung dunkler Farben weniger Energie verbraucht wird. OLEDs sind aufgrund der nicht benötigten Hintergrundbeleuchtung außerdem sehr dünn, und hier kommt der Wow-Effekt ins Spiel: Die Displayinhalte des iPhone X erscheinen räumlich gesehen sehr dicht unter dem Glas. Videos, Games oder Fotos sind zum Greifen nah.

iPhone X im Test
Links und rechts neben der Notch befinden sich Angaben zur Uhrzeit, Akkustand und Netzempfang. Image by Julia Froolyks

Die Liste der Vorteile geht noch weiter: Die Reaktionszeit von OLED-Bildschirmen liegt aktuell bei einigen Geräten unter 0,001 Millisekunden und ist damit um das Tausendfache schneller als das aktuell schnellste LCD-Display mit einer Reaktionszeit von einer Millisekunde. Hier bewegen wir uns aber bereits in kaum greifbaren Gefilden. Niemandem wird im täglichen Gebrauch auffallen, wie „lahm“ ein LCD mit einer Millisekunde im Vergleich zum OLED-Display reagiert. Gravierender sind da allerdings die sichtbaren Nachteile von OLED-Displays.

Blaustich des iPhone X lässt sich verkraften

Bei vielen Smartphones mit verbautem OLED-Bildschirm ist nämlich eine leichte Blaufärbung erkennbar, wenn das Gerät aus schrägem Blickwinkel betrachtet wird. Ich habe das beim Samsung Galaxy S8 bereits gut beobachten können. Auch das iPhone X schimmert leicht bläulich bei schräger Betrachtung. Apple hat es aber geschafft, die Blickwinkelstabilität des Bildschirms bis aufs Äußerste zu treiben, sodass der Effekt nur ganz leicht wahrnehmbar ist. Auch einen ordentlichen Weißabgleich schafft das Super Retina Display dank neuer True-Tone-Technologie, die auch schon beim iPad Pro 10.5 zum Einsatz kommt. Je nach Umgebungslicht nimmt das iPhone X einen Weißabgleich vor und sorgt so für eine natürliche und augenfreundlichere Darstellung der Farben. Das Funktioniert beim Bildschirm des iPhone X hervorragend und ganz im Stillen. Ein weiterer Nachteil des OLED-Displays ist jedoch eine vergleichsweise kurze Lebensdauer. Lebensdauer bedeutet die mittlere Betriebszeit, nach der die Leuchtdichte des Displays auf die Hälfte abgesunken ist. Mit jedem Einschalten und Nutzen des iPhone X nimmt das Display an Leuchtkraft ab. Erfahrungsgemäß muss man sich aber keine Sorgen machen: Das Display sollte auch nach zwei Jahren noch ordentlich visualisieren.

Super Retina Display in der Praxis: Kein X-beliebiges OLED-Display

Apple hat hier nicht das Rad neu erfunden. Das hat das Unternehmen mit dem iPhone X ohnehin nicht. Das Besondere am iPhone-X-Display ist jedoch die Perfektion, die Apple geleistet hat: Eine vorhandene Technologie so ausreifen zu lassen, dass sie deutlich verbessert wird. Denn obwohl Samsung bekanntermaßen die iPhone-X-Displays gefertigt hat – Apple hat sie entwickelt und in Auftrag gegeben. Das Display des iPhone X ist groß, scharf und reagiert unfassbar schnell. Farben werden mit einer enormen Leuchtkraft und Intensität wiedergegeben. Durch das neue iOS 11 zu scrollen macht genauso viel Spaß, wie YouTube-Videos auf dem Display anzusehen. Wäre da nicht die Notch.

Aufregerthema Notch: Alles halb so wild

Die Notch hat für viel Gelächter gesorgt. Vor allem bei Apple-Verweigerern oder sonstigen Nörglern. Wer das iPhone X allerdings mal in Gebrauch hatte, wird schnell feststellen, dass sie in das iPhone-X-Design passt. Auch hier muss ich Apple wieder loben. iOS 11 wurde so an das iPhone X angepasst, dass die Sensorleiste im Alltag überhaupt nicht stört. Befremdlich ist dennoch das Ansehen von Filmen oder Videos auf dem iPhone X. Wer hier nämlich das volle 18:9-Display ausnutzen möchte, muss per Zoom-Geste den Video-Inhalt näher heranholen. Die Notch befindet sich dann links oder rechts (je nachdem, wie ihr das iPhone X haltet) im Bild. Schön ist das nicht, aber wie bei so vielem gewöhnt man sich daran. Um ehrlich zu sein, konsumiere ich Serien oder Filme eher selten auf dem iPhone, deshalb stört mich die Notch an dieser Stelle minimal.

Nervig wird es allerdings innerhalb von Game-Apps. Noch nicht alle Entwickler haben ihre Apps auf das iPhone-X-Display samt Notch angepasst. Obwohl Apple einige Wochen vor dem Release noch mal darauf aufmerksam gemacht hat, lassen viele relevante Apps mit der Anpassung auf sich warten. So zum Beispiel mein Lieblings-Spiel Asphalt 8. Hier liegt die Notch oft ungünstig am Bildschirmrand. Ich freue mich deshalb auf die Lösung des Notch-Problems seitens der App-Entwickler.

Display-Fazit

Zum iPhone-X-Display gibt es so viel zu sagen. Letztendlich ist es Apple gelungen, eine Technologie zu verwenden, die viele Vorzüge mitbringt und ein ganz neues Nutzungsgefühl auf dem iPhone auslöst. Das Super Retina Display ist das beste Display in einem Smartphone, das ich je gesehen habe. True Tone, Leuchtkraft und Auflösung bieten hier richtig viel.

Ausstattung und Leistung: Als wäre der Home Button nie dagewesen

Apple ist für seinen Zwang zum Minimalismus bekannt. Viele Ausstattungsmerkmale der iPhones sind in den vergangenen Jahren nur notgedrungen entstanden, weil die Technik dem Ideenreichtum von Jony Ive und Co. einfach nicht nachgekommen ist. Zu diesen Ausstattungsmerkmalen gehört auch der Home Button. Apples Home Button hat einige Evolutionsschritte hinter sich gebracht, bis er nun beim iPhone X endgültig abgeschafft wurde. Aus einem mechanischen Home Button wurde beim iPhone 6 erstmals ein Touch-sensitiver Knopf, der deutlich weniger anfällig für Schäden war. Der Home Button hatte immer seine Daseinsberechtigung und hat das iPhone ausgeklügelt bedient. Ich konnte mir zunächst nicht vorstellen, wie es ohne Home Button werden sollte. Nach wenigen Stunden Nutzung hat sich jedoch herausgestellt, dass ein Home Button völlig unnötig ist. Sogar On-Screen-Taster, wie sie die Android-Konkurrenz verwendet, sind gänzlich überflüssig, wenn man sich die Leichtigkeit der iPhone-X-Bedienung ansieht.

iPhone X im Test
Der Homebutton fehlt beim iPhone X überhaupt nicht. Image by Julia Froolyks

Beim Einschalten des iPhone X werden euch ein paar Gesten als Starthilfe mit auf den Weg gegeben: Innerhalb einer App müsst ihr einfach die weiß- oder schwarz-leuchtende horizontale Linie am unteren Bildschirmrand nach oben wischen. In den App-Switcher kommt ihr auf identische Art, ihr müsst dann allerdings gedrückt halten, wenn ihr nach oben wischt. Das sind die beiden Grundgesten, mit denen ihr das iPhone schon vollständig bedienen könnt.

Der Einhandmodus ist geblieben

Eine für mich sehr wichtige Funktion ist noch der Einhandmodus, der es euch erlaubt den Bildschirm des iPhone X auf halbe Höhe zu bringen, damit ihr ohne Umgreifen auch den oberen Bereich bedienen könnt. Auch hier hat Apple ohne Home Button eine passable Lösung gefunden, indem ihr einfach den weißen unteren Balken nicht nach oben, sondern leicht nach unten wischt. Das funktioniert sogar noch besser als mit dem alten Home Button. Die Bedienung einiger anderer Funktionen hat Apple ebenfalls neu gedacht. Eine Übersicht, welche Gesten und Tastenkombinationen beim iPhone X neu sind, werde ich euch in den kommenden Tagen separat erstellen.

Kein Home Button – Kein Fingerabdrucksensor

Kommen wir zu einem weiteren Umstand, der dem Wegfall des Home Buttons zu verdanken ist: Face ID ist Apples Gesichtserkennung. Wie bei der Verwendung des OLED-Displays hat Apple das nicht selbst erfunden, aber erneut nahezu perfektioniert. Face ID scannt bei der Einrichtung eures Geräts euer Gesicht mithilfe von Infrarot und der Messung von 30.000 Punkten. Dadurch erstellt das iPhone X ein dreidimensionales Abbild eurer Gesichtszüge, die laut Apple mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:1 Million nicht von einer anderen Person imitiert werden kann. Im Laufe der ersten Tage nach Release hat sich gezeigt: Bei eineiigen Zwillingen lässt sich Face ID überlisten.

Das ist allerdings bei näherer Betrachtung und etwas logischem Denken nicht ungewöhnlich, da die Gesichtsmerkmale bei eineiigen Zwillingen nun mal identisch sind. Die Einrichtung von Face ID auf dem iPhone X funktioniert zügig. Ich habe mein iPhone X etwas zu lahm eingerichtet und den Kopf ganz behutsam gedreht und geneigt. Ich habe dann in diversen Videos gesehen, dass das ganze innerhalb von Sekunden über die Bühne gebracht werden kann. Einmal eingerichtet, könnt ihr Face ID für viele Funktionen nutzen. Nicht nur das Entsperren des Displays ist hier möglich. Face ID lässt sich auch im App Store, innerhalb der Amazon-App und mittlerweile auch beim Online-Banking (Ich habe die Sparkassen-App dafür getestet) nutzen. Im Prinzip greift Face ID überall dort, wo euer iPhone euch vorher um die Eingabe eurer Touch ID gebeten hat.

So gut funktioniert Face ID wirklich

Eingerichtet habe ich Face ID völlig ungeschminkt und müde, nachdem ich rund sechs Stunden für die Beschaffung des iPhone X unterwegs war. Im Alltag sehe ich oft unterschiedlich aus. Manchmal trage ich eine Brille, ein Handtuch auf dem Kopf und bin mal mehr, mal weniger intensiv geschminkt. Es gibt also viele Testfälle für Face ID. Am interessantesten sind unterschiedliche Lichtverhältnisse. Tatsächlich scheint es so, als gäbe sich das iPhone X gerade in der Dunkelheit sehr große Mühe, das Display via Face ID zu entsperren, da es bisher immer geklappt hat. Mit viel Licht und direkter Sonneneinstrahlung scheinen die in der Notch befindlichen Sensoren jedoch Probleme zu haben. Im Sonnenlicht gibt es kaum eine Chance, dass das iPhone mein Gesicht entsperrt. Brille, After-Duschen-Turban und Augenringe bereiten dem iPhone X hingegen keine Probleme. Die Hauptsache ist, dass genügend Messpunkte des Gesichts sichtbar sind. Ich habe mich auch gewissermaßen auf Face ID angepasst. Man spürt, wenn das iPhone Probleme hat, das Gesicht zu verifizieren und neigt das Smartphone entsprechend ein wenig. Das funktioniert in den meisten Fällen. Face ID greift nur, wenn ihr das iPhone vertikal haltet. Im Landscape-Modus funktioniert es nicht.

Face ID ist nicht bloß eine biometrische Entsperrmethode

Doch was macht Face ID im iPhone X nun so besonders? Gesichtserkennung gibt es schon seit mehreren Jahren. Android-Smartphones boten das Feature als erstes. Doch im Gegensatz zu Apple haben viele Hersteller die Technik unausgereift verbaut, damit sie einfach als Feature da ist. Das ist auch der Grund, warum Apple so lange gewartet hat, die Technologie zu verbauen. Auch hier scheint Apple nun zufrieden mit der Entwicklung zu sein und traut seinen Premium-Geräten solche Features zu, da es wirklich sinnvoll und voll nutzbar ist.

iPhone X im Test
Mit der Kamera sichtbar gemacht: Der Infrarot-Sensor für Face ID. Image by Julia Froolyks

So ist ein weiteres Schmankerl von Face ID die sogenannte Aufmerksamkeitsprüfung. Mein persönliches Lieblingsfeature des iPhone X. Sobald Nachrichten im Sperrbildschirm erscheinen, werden sie sehr anonym nur als „Neue Nachricht“ angezeigt. Blicke ich auf das Display und kann Face ID mich erkennen, klappen die Nachrichten auf und zeigen ihren Inhalt. So ist gesichert, dass niemand private Nachrichten auf dem Sperrbildschirm lesen kann, wenn der iPhone-Besitzer gerade nicht im Raum ist. Außerdem sorgt die Aufmerksamkeitsprüfung dafür, dass euer iPhone-Klingelton leiser geschaltet wird, sobald ihr bei einem Anruf auf das Display seht. Selbiges gilt für das Abdimmen der Display-Helligkeit bei längerer Unaufmerksamkeit. Eure Gesichtsdaten werden übrigens laut Apple ausschließlich auf dem iPhone X gesichert und nicht auf Apples Servern.

Prozessor, Akku und Speicher: Gutes Energiemanagement und rasender A11-Chip

Apple hat in seinen neuen iPhones den neuen A11 Bionic Chip mit 64-Bit-Architektur verbaut, der auch im iPhone 8 Plus steckt. Der Prozessor hat in den ersten Benchmark-Tests sämtliche Rekorde gebrochen. Einerseits liegt das daran, dass dem Hexa-Core-Prozessor zwei Performance-Kerne innewohnen, die je 25 Prozent schneller arbeiten als das Pendant im Vorgänger, A10. Außerdem hat Apple dem A11 Bionic erstmals eine selbst entwickelte Grafikeinheit spendiert, die im Vergleich zum Vorgänger 30 Prozent schneller arbeiten soll. Gleichzeitig verbraucht das ganze Setup laut Apple rund 50 Prozent weniger Energie. Es stellt sich natürlich die Frage, wofür ein Smartphone so viel Power braucht. WhatsApp, Games und Co. laufen auch auf dem A10 gut. Apple leistet mit dem neuen A11 Bionic wohl Vorarbeit. Besonders in den Bereichen Virtual Reality und Augmented Reality sind leistungsstarke Prozessoren ein Muss. Immerhin wirbt Apple auch im Rahmen der iPhone-X-Kampagnen mit der Möglichkeit AR- und VR-Inhalte ruckelfrei und beeindruckend wiedergeben zu können. Im Alltag konnte ich diese Sparte noch nicht ausführlich testen. Das liegt auch daran, dass noch nicht so viele ausgereifte AR-Apps im App Store verfügbar sind. Ansonsten lässt sich festhalten, dass der A11 Bionic im iPhone X sehr gute Arbeit leistet und für ein flüssiges und reaktionsschnelles iOS 11 sorgt.

Akku: Apple verbaut erstmals zwei Akkus

Das iPhone X hat bereits einige Teardowns hinter sich gebracht. Betrachtet man die Bilder des geöffneten Flaggschiffs, fällt die seltsame L-Form des Akkus direkt auf. Apple hat beim iPhone X erstmals zwei Akkus verbaut. Das braucht das Gerät auch, wie sich im alltäglichen Umgang schnell zeigt. Obwohl der Akku mit seinen 2.1716 mAh rund 200 mAh weniger Strom fasst als das iPhone 7 Plus, hält das iPhone X in etwa genauso lange durch. In der Regel habe ich meine Smartphones jeden Abend aufgeladen. Das iPhone X habe ich in den vergangenen Tagen Abends einfach mit 15 Prozent Restenergie liegen lassen und am nächsten Morgen aufgeladen. Das Aufladen ist übrigens ein echter Segen. Einmal am Stromkabel angeschlossen, kann man beinahe zusehen, wie sich der Akku mit Strom füllt. Das iPhone X fasst in 30 Minuten rund 45 Prozent seiner Akkukapazität. Das ist ein echter neuer Luxus für iPhone-Besitzer. Auch das kabellose Laden auf einer Qi-Ladestation ist mehr als komfortabel. Das iPhone wird einfach aufgelegt und lädt auf. Das schont den Lightning-Anschluss vor Verschleiß und den relativ empfindlichen Edelstahlrahmen vor Kratzern beim reinfummeln.

64 GB Speicher können ausreichend sein

Das Speichermanagement im iPhone X ist durch Apple verbessert worden. An vielen Stellen wird interner Speicher eingespart. So hat Apple beispielsweise das HEIF-Format mit .heic-Dateiendung für Fotos eingeführt, das die Größe der Aufnahmen bei besserer Qualität um bis zu 50 Prozent reduzieren soll. Da die kleinste Variante des iPhone X gerade einmal mit 64 GB daherkommt, und Apple in alter Manier keinen Micro-SD-Slot verbaut hat, war das ein wichtiger Schritt. Fotos und Apps fressen den meisten Speicher auf den iPhones dieser Welt. Die größere Speichervariante mit 256 GB ist für diejenigen interessant, die wirklich viele Apps nutzen, 4K-Videos drehen und keinen Zusatzspeicher innerhalb der iCloud gebucht haben. Ansonsten kommt man mit 64 GB auf dem iPhone X ganz gut aus.

Die Kameras – The Sky is the Limit

Über die Kameras des iPhone X könnte ich einen eigenen Testbericht schreiben, deshalb erkläre ich euch an dieser Stelle die technischen Details und meine ersten Eindrücke. Fangen wir mit der rückseitigen Dual-Kamera an. Die technischen Daten in der Übersicht:

  • 12-Megapixel-Kamera mit Weitwinkel- und Teleobjektiv
  • Weitwinkel: ƒ/1.8 Blende
  • Teleobjektiv: ƒ/2.4 Blende
  • Optischer Zoom, bis zu 10x digitaler Zoom
  • Hybrid IR Filter
  • Autofokus mit Focus Pixel

Nette Features, die ausbaufähig sind

Die Dual-Kamera ist anders als beim iPhone 7 Plus und iPhone 8 Plus nicht horizontal, sondern vertikal ausgerichtet. Insgesamt nimmt sie Fotos mit einer Auflösung von 12,2 Megapixeln auf. Die ersten Tests verliefen sehr beeindruckend. Die Aufnahmen sind glasklar und farbgetreu. Die Farben wirken dabei nicht zu übertrieben, wie ich es bei einigen Android-Smartphones des Öfteren gesehen habe. Generell schafft die Dual-Kamera realistische Aufnahmen, die sehr hochwertig aussehen. Schärfe, Farbe und Auflösung stimmen beim iPhone X. Eine Besonderheit ist das neue Porträtlicht. Eine Funktion, die sich noch in der Beta befindet. Das merkt man auch sehr.

Mein Kollege Berti-Kolbow-Lehradt hat die Porträtlicht-Funktion mit dem iPhone 8 Plus bereits ausführlich getestet und hat ähnliche Ergebnisse erzielt, wie ich mit dem iPhone X. Die Berechnung des Licht-Effekts ist noch nicht perfekt und sieht an manchen Stellen richtig unschön aus. Was beim iPhone X hingegen sehr gut funktioniert, ist der Bokeh-Effekt. Hier entstehen tolle Aufnahmen mit verschwommenen Hintergrund, die sehr nah an echte Spiegelreflex-Ergebnisse kommen.

TrueDepth-Kamera überzeugt auf ganzer Linie

An der Front des iPhone X wird es noch interessanter. Hier wurde die neue TrueDepth-Kamera in die Notch integriert. Sie löst mit 7 Megapixeln auf und bietet erstmals ebenfalls den Porträtmodus sowie den Porträtlicht-Modus. Die Bilder wirken ebenso scharf und farbgetreu. Die TrueDepth-Kamera ist auch für den größten Spaß am iPhone X verantwortlich: Animojis. Das ganze Internet ist voll mit singenden Kackhaufen. Die TrueDepth-Kamera scannt dabei euer Gesicht, um Emojis mit eurer Mimik zum Leben zu erwecken. Gleichzeitig könnt ihr singen oder einen blöden Spruch raushauen. Meine Animojis sind jedenfalls der Renner im WhatsApp-Familienchat. Ihr könnt die Animojis, nachdem ihr sie via iMessage erstellt habt, in der Galerie eures iPhone sichern und als Video über alle anderen Chat-Dienste verbreiten.

Fazit: Das iPhone ist im Jahr 2017 angekommen

So viel gab es in den vergangenen Jahren nicht über neue iPhones zu sagen. Auch die Neuheiten, die Apple im Jubiläums-iPhone verbaut hat, halten sich zahlenmäßig in Grenzen. Das liegt vor allem daran, dass Apple vorhandene Technologien weiter verbessert und auf seine Ansprüche angepasst hat. Obwohl also wenig Neues passiert, ist das iPhone X ein rundherum großartiges und auch wegweisendes Smartphone für Apples Produktpolitik. Es war allerhöchste Zeit, dass Apple ein grunderneuertes iPhone präsentiert. Dabei wäre kein Jahr passender gewesen als 2017, dem zehnjährigen Jubiläum des iPhones.

Das iPhone X kann mit der Android-Konkurrenz endlich auch in Sachen Features mithalten. Natürlich hat Apple längst nicht alle Technologien im iPhone X verbaut, dafür funktioniert das, was nun da ist, einwandfrei. An Face ID wird Apple noch arbeiten müssen. Dennoch funktioniert die Entsperrung so zuverlässig und schnell wie in keinem anderen Smartphone auf dem Markt. Das Kamera-Setup ist beeindruckend und macht richtig viel Spaß. Außerdem ist das iPhone X schnell aufgeladen und das dank Wireless Charging auch ohne Kabel. Die Investition von 1.149 Euro bzw. 1.319 Euro lohnt sich für Apple-Jünger, die ohnehin jedes Gerät kaufen, sowie für anspruchsvolle Smartphone-Nutzer, die nicht sehr viel personalisieren wollen, sondern einfach ein leistungsstarkes, hochwertiges und funktionstüchtiges Smartphone im Alltag brauchen.


Images by Julia Froolyks


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Julia Froolyks

Julia Froolyks

ist Technikjournalistin und leidenschaftlicher Fan von Marktneuheiten. Neben Mobilfunk und Smartphones hegt sie eine innige Beziehungen zu Datenschutz und Cyber Security. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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