Mark Zuckerberg auf dem Summit von Internet.org

Internet.org: Zwischen Entwicklungshilfe und digitalem Rassismus

Facebook-Chef Mark Zuckerberg will mit Internet.org immer mehr Entwicklungs- und Schwellenländer mit kostenlosen Web-Diensten versorgen – und stößt dabei auf immer mehr Widerstand.

Mark Zuckerberg auf dem Summit von Internet.org

600 Millionen Menschen in acht Ländern: Die Initiative Internet.org von Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat sich seit dem Start 2013 zu einem ernstzunehmenden Player entwickelt. Doch weil das Programm armen Menschen nur kostenlosen Zugriff auf ausgewählte Webseiten bietet und nicht auf das gesamte Netz, steht Zuckerberg in der Kritik. Er breche nicht nur die Regeln der Netzneutralität, sondern würde so auch ökonomischen Rassismus befördern und sich und seinen Partnern in die eigene Tasche arbeiten.

Wir haben gerade Internet.org in Indonesien gestartet! Das ist ein weiterer Schritt Richtung dem Ziel, die ganze Welt zu verbinden„, schrieb Facebook-Chef Mark Zuckerburg Ende letzter Woche auf seine öffentliche Facebook-Seite. Indonesien ist damit nach Indien, Ghana, Kolumbien, Kenia, Tansania, Sambia und Guatemala das achte Land, in dem die von Facebook angeführte Initiative kostenlose Internetdienste zur Verfügung stellt. In Indonesien etwa können Nutzer via App oder Webseite auf Facebook, den Online-Marktplatz Tokopedia oder die eLearning-Plattform Kelase zugreifen, ohne dafür Geld bezahlen zu müssen.

Facebook arbeitet dazu in den jeweiligen Ländern mit Mobilfunkern zusammen (in Ghana, Kenia und Sambia mit Airtel, in Indien mit Reliance), deren Kunden für die Nutzung von einem Bündel an Web-Diensten nichts zahlen müssen. Das erklärte Ziel: Zuckerberg und seine Partner Samsung, Ericsson, Nokia, Qualcomm, Opera und Mediatek wollen jene fünf Milliarden Menschen, die heute noch ohne Internetzugang leben und oft in Entwicklungs- oder Schwellenländern leben, möglichst schnell online bringen.

Zero Rating vs. Netzneutralität

Internet.org ist so genanntes „Zero Rating“: Die Datenkosten werden nicht vom Endnutzer getragen, sondern von einem Unternehmen übernommen bzw. durch Sponsoring finanziert. Auch Wikipedia (Wikipedia Zero), Google oder der Mobilfunker Airtel setzen in Entwicklungsländern auf Zero-Rating, um Menschen kostenlose Internetdienste zur Verfügung zu stellen. Via Internet.org sollen bereits 600 Millionen Menschen in acht Ländern in den Genuss von Gratis-Internet gekommen sein.

Anders als der Name der Initiative vermuten lassen würde, bekommen die Internet.org-Nutzer aber nicht Zugriff auf das komplette freie Internet, sondern nur auf ausgewählte Dienste. In Ghana etwa darf man Facebook, seinen Messenger, Wikipedia, BBC News oder die Job-Plattform Jobberman gratis benutzen, für Google, YouTube, Twitter und viele viele andere Web-Services hingegen fallen die üblichen Gebühren an. Das hat Internet.org herbe Kritik eingebracht, unter anderem in Indien, wo Gegner einen Bruch mit der Netzneutralität orten. Von den 37 Webseiten und Apps, die die Telekomfirma Reliance seinen Kunden gratis bietet, sind mittlerweile die Times Group (TimesJobs und Maharashtra Times), das Reiseportal Cleartrip und der TV-Kanal NDTV von der Partnerschaft zurückgetreten. Sie wollen stattdessen die Kampagne www.netneutrality.in für den Erhalt der Netzneutralität unterstützen.

Auch die indische Zentralregierung hat sich zu Wort gemeldet und sich gegen „diskriminierenden Internetzugang“ ausgesprochen. Der Seedfund-Mitgründer Mahesh Murthy aus Mumbai hat in einem Artikel auf Quartz besonders klare Worte gefunden: „Facebooks Internet.org führt zu ökonomischen Rassismus„, schreibt Murthy. Während arme Menschen ein armseliges Internet bekämen, würden die Reichen alle Inhalte sehen dürfen.

Auch in Chile gab es bereits Widerstand gegen Zero-Rating: Die Subsecretaria de Telecomunicaciones hat mit 1. Juni 2014 verboten, dass solche Services im Land angeboten werden dürfen und verlangt von Internetanbietern, sich weiter an die Netzneutralität zu halten. Für Mark Zuckerberg ist vor allem der Widerstand im Riesenmarkt Indien ein Problem, weswegen er sich in der Hindustan Times mit einem Kommentar zu Wort meldete: „Durch Internet.org werden weder andere Dienst geblockt oder gedrosselt, noch werden schnellere Leitungen geschaffen.“ Und auf Facebook argumentierte er: „Für Menschen, die noch nicht im Internet sind, ist es besser, ein wenig Konnektivität und die Möglichkeit zum Teilen zu haben, als gar keine Möglichkeit zum Vernetzen und Sharen zu haben.“ Oder in etwas anderen Worten: Zuckerberg meint, dass es besser wäre, kostenlosen Internetzugang zu bekommen, als Zugang zum freien Internet zu haben.

Tech News Today: Mike Elgan und Lance Ulanoff sprechen u.a. über den Schritt indischer Firmen gegen Internet.org:

Facebook sieht positive Effekte

Eine von Facebook in Auftrag gegebene Deloitte-Studie besagt, dass die Steigerung der Internetpenetration in Entwicklungsländern die Produktivitätsrate der lokalen Wirtschaft um 25 Prozent steigern, 140 Millionen neue Jobs schaffen und 160 Millionen Menschen aus der Armut holen könnte. Welche anderen Effekte Internet.org und Gratis-Facebook für die Armen noch haben könnte, zeigt wiederum eine Studie von Quartz auf: In Indonesien und Nigeria gibt es mehr Menschen, die von sich behaupten, Facebook zu nutzen, als Menschen, die sagen, dass sie im Internet sind. Facebook wird demnach gar nicht als Internet-Dienst wahrgenommen bzw. mit dem Internet gleichgesetzt.

Ist Zuckerberg nun ein Weltverbesserer, wenn er den Armen der Welt kostenlose Internet-Dienste aufs Handy bringt? Internet.org gibt sich zwar den Anstrich einer Non-Profit-Organisation, doch dass dahinter börsennotierte Hightech-Riesen stecken, macht die Initiative nicht wirklich glaubwürdig. Für Facebook ist Internet.org auch das geeignete Vehikel, noch mehr Menschen auf diesem Planeten zum Login zu bewegen, um ihnen anschließend personalisierte Werbung zeigen zu können. Und für die Partner Samsung oder Nokia ist es die Möglichkeit, neue Märkte für ihre Smartphones zu schaffen, immerhin haben beide Billig-Smartphones für die ärmere Regionen im Portfolio.

Wie lange Facebook noch auf die Partnerschaft mit Mobilfunkern wie Airtel oder Reliance angewiesen ist, ist derweil offen: Im Connectivity Lab arbeitet das Team von Ascenta (eine britische Firma, die Facebook für etwa 20 Mio. US-Dollar aufgekauft hat), an riesigen Drohnen, die eine größere Flügelspannweite als eine Boeing 737 haben. Diese sind bereits zu Testflügen abgehoben, eine Flotte von 1000 Drohnen soll in Zukunft schlecht versorgte Gebiete am Boden per Laser mit Internet bespielen. Facebook kommt mit diesen Plänen vor allem Google in die Quere: Der konkurrierende Internetkonzern will mit dem „Projekt Loon“ demnächst Heißluftballone aufsteigen lassen, die ebenfalls entlegene Gebiete mit Internet versorgen sollen. Außerdem wird Google nachgesagt, Android-Apps in „Zero-Rating“-Angebote überführen zu wollen. Außerdem arbeiten die Firmen SpaceX und One Web daran, bis 2020 einen Schwarm von Satelliten um die Erde kreisen zu lassen, die ebenfalls für Internet am Boden sorgen sollen.


Teaser & Image by Internet.org


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Jakob Steinschaden

Jakob Steinschaden

ist seit 2006 publizistisch auf Papier und Pixel tätig. Er arbeitet in Österreich als Journalist und hat die beiden Sachbücher "Phänomen Facebook - Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt" (2010) und "Digitaler Frühling - Wer das Netz hat, hat die Macht?" (2012) veröffentlicht. In seinem Blog “Jakkse.com” und in Vorträgen schreibt und spricht er gerne über die Menschen und ihr Internet – von Social Media über Mobile Business und Netzpolitik bis zu Start-ups.

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