Grundeinkommen per Crowdfunding: eine Utopie wird wahr

Was wäre, wenn wir nicht für unser Geld arbeiten müssten? Wenn wir alle einen monatlichen Festbetrag bekämen – einfach so? Würden alle Menschen dadurch glücklicher und gleichzeitig viel produktiver werden? Oder würden wir alle zu Couchpotatoes werden und unsere Gesellschaft komplett zerstören? Über diese Idee, das bedingungslose Grundeinkommen, diskutieren Philosophen, Wirtschaftsexperten, Politiker und Schriftsteller schon seit Jahrhunderten. Während die Experten sich aber immer noch mit der Theorie beschäftigen, hat Michael Bohmeyer sie mal eben in die Praxis umgesetzt. Auf seiner Webseite Mein Grundeinkommen verlost er seit Juli 2014 bedingungsloses Grundeinkommen. Gewinner erhalten damit ein Jahr lang jeden Monat 1000 Euro – finanziert über Crowdfunding.

Die Seite Mein Grundeinkommen versteht sich dabei nicht als politische Bewegung für das Grundeinkommen. Pressesprecher Christian Lichtenberg erklärt gegenüber den Netzpiloten, es ginge viel mehr darum, dass das Team mit der Seite einfach mal ausprobieren will, wie die Idee in die Praxis umgesetzt werden kann: “Wir verfolgen keine politischen Ziele mit dem Projekt, sondern wollen, dass die Menschen anfangen, über das bedingungslose Grundeinkommen nachzudenken. Wir wollen so die gesellschaftliche Debatte anstoßen.” Und das ist ihnen gelungen. Der Medienrummel um die Webseite ist groß, die nächste Auslosung soll Ende Februar stattfinden.

Ein Grund für diese Aufmerksamkeit ist sicherlich der Erfolg des Projekts. In knapp zwei Jahren wurden über die Webseite 28 Grundeinkommen im Wert von 336.000 Euro finanziert, möglich gemacht durch die Spenden von 33.000 Menschen. Die Idee kommt also nicht nur bei den Medien, sondern vor allem bei den Bürgern selbst gut an.

Utopie oder geniale Idee?

Dabei ist die Idee von einem bedingungslosen Grundeinkommen nichts Neues. Bereits 1518 schrieb der Schriftsteller Thomas Morus in seinem Roman Utopia darüber, Erich Fromm ebenfalls und auch Montesquieu, einer der Helden der französischen Revolution, war von der Idee sehr angetan. Doch auch viele Politiker und Wirtschaftsexperten, von Milton Friedman über Dieter Althaus bis hin zu Götz Werner haben sich mit dem Thema sehr intensiv beschäftigt. Was genau steckt also hinter dem bedingungslosen Grundeinkommen? Die Theorie ist einfach: Jeder Bürger bekommt regelmäßig einen festgesetzten Betrag, ohne eine Gegenleistung dafür erbringen zu müssen. Das unterscheidet sich beispielsweise von Sozialleistungen wie Hartz IV, da die Antragsteller hier tatsächlich beweisen müssen, dass sie dieses Geld bekommen sollen und dürfen. Das bedingungslose Grundeinkommen ist dagegen, wie der Name impliziert, an keine einzige Bedingung geknüpft.

Doch selbst wenn es sich finanzieren ließe, stellt sich dennoch die Frage: Würde es auch funktionieren? Eine Antwort darauf gibt es seit den ersten Ideen von Thomas Morus immer noch nicht. Denn alle mathematischen Berechnungen können eine unbekannte Variable in der Gleichung nicht auflösen: Die menschliche Psychologie.

Ob man diese Idee also befürwortet oder nicht, entscheidet sich meist am persönlichen Menschenbild. Einige glauben, dass die finanzielle Sicherheit die Bürger beflügeln würde genau die Ziele und Projekte zu verfolgen, die ihnen Spaß machen. Sie wären dadurch motivierter, weniger angespannt und einfach glücklicher – und damit auch wertvollere Mitglieder einer Gesellschaft. Auch Eltern, die sich entscheiden, zu Hause bei ihren Kindern zu bleiben anstatt zu arbeiten, würden damit entlohnt, genau so wie ehrenamtliche Helfer. Das ist das positive Menschenbild. Skeptiker befürchten dagegen, dass Menschen ohne Arbeitsanreiz einfach faul auf der Couch liegen und gar nicht mehr arbeiten würden. Auch unbeliebte Jobs würden so ihrer Meinung nach gar nicht mehr besetzt werden.

Rein rechnerisch könnte das Modell sogar umgesetzt werden. Da aber eben niemand so genau weiß, wie Menschen reagieren, wenn es plötzlich Geld regnet, hat sich bisher auch kein Staat so richtig getraut, das Modell gesamtgesellschaftlich umzusetzen. Es gibt verschiedene Versuchsprojekte, wie in Namibia, Indien, Finnland oder auch in Brasilien. Hier hat man sogar das Recht auf ein bedingungsloses Grundeinkommen in seiner Verfassung verankert, die Umsetzung aber auf unbestimmte Zeit erst einmal ausgesetzt. Genau hier setzt Mein Grundeinkommen an und zeigt allen Zweiflern und Grüblern, wie die Idee ganz praktisch funktionieren kann – auch ohne staatliche Initiative.

Bedingungsloses Grundeinkommen per Crowdfunding

Als Michael Bohmeyer 2013 auf einmal selbst über seine Internetfirma eine Art regelmäßiges Grundeinkommen ausgezahlt bekam, fragte sich der Programmierer, ob das nicht auch für andere Menschen funktionieren könnte und startete daraufhin seine Webseite. Hier sammelt er über Crowdfunding eben jenes Grundeinkommen für die Bewerber ein. Bemerkenswert ist, dass tatsächlich so viele Menschen das Projekt unterstützen und gerne Geld für andere spenden. Wie auch viele andere Ideen, die über öffentliches Geldsammeln im Netz finanziert wurden, zeigt sich auch hier: Wenn die Menschen eine gute Idee sehen, die sie begeistert, sind sie gerne bereit, dafür auch zu spenden. Eher vielleicht sogar, als wenn der Staat es ihnen vorschreibt. Somit haben Michael Bohmeyer und sein Team das Dilemma vieler Politiker zu diesem Thema geschickt umgangen – indem sie die Frage direkt an die Bürger weitergeleitet haben. Ob dies auch landesweit umsetzbar ist, könnte sich in der nächsten Volksabstimmung in der Schweiz über das bedingungslose Grundeinkommen zeigen.

Verglichen mit dem politischen Prozess ist der Weg zum bedingungslosen Grundeinkommen auf Mein Grundeinkommen denkbar simpel. Um ein Jahr lang das bedingungslose Grundeinkommen zu erhalten, muss man sich lediglich auf der Webseite anmelden und für das Einkommen bewerben. Jeder kann sich immer nur auf die aktuelle Verlosung hin bewerben. Nach jeder Verlosung startet wieder eine neue Runde. Wer sich bewirbt, muss weder selbst etwas spenden noch andere Bedingungen erfüllen.

Sobald ein oder auch mehrere jährliche Grundeinkommen angesammelt sind, wird per Verlosung darüber entschieden, wer das Grundeinkommen erhält. “Wir wählen nicht selbst aus, auch die Spender haben kein Sagen darüber, wer das Geld bekommt. Sonst wäre es ja auch nicht bedingungslos,” sagt Christian Lichtenberg. Die Gewinner werden also über einen Zufallsalgorithmus ermittelt. An sie werden auch keinerlei Bedingungen gestellt, sie können mit ihrem Grundeinkommen tun und lassen was sie wollen. “Ich erinnere mich an einen Fall, in dem ein Gewinner in der Anfangszeit wirklich erstmal ausgespannt hat und eine Leerlauf-Phase hatte. Aber das war nicht permanent und den meisten Gewinnern, gibt diese finanzielle Sicherheit sehr viel Ansporn,” erklärt Lichtenberg.

Macht Geld doch glücklich?

Wie sie diese Energie umsetzen, berichten die Gewinner im Anschluss auf dem Blog der Webseite. Ein Gewinner war beispielsweise ein trockener Alkoholiker auf Jobsuche. Das bedingungslose Grundeinkommen erlaubte es ihm, in Ruhe nach einem passenden Job zu suchen, statt den erstbesten annehmen zu müssen. Mittlerweile hat er seinen Traumjob gefunden. Eine geschiedene Frau, deren Ex-Mann sich weigerte das gemeinsame Kind finanziell zu unterstützen, konnte es sich durch ihr Grundeinkommen leisten ihrem Sohn das Studium zu finanzieren. Ein neunjähriger Gewinner berichtete davon, wie das Grundeinkommen dafür sorgte, dass sie in der Familie mehr miteinander unternehmen konnten.

Die meisten berichten davon, wie das Grundeinkommen für eine emotionale Sicherheit und auch für ein körperliches Wohlbefinden sorgt. Macht Geld also doch glücklich? “Unsere Gewinner berichten uns, dass sie besser schlafen, sich weniger Sorgen machen und dadurch auch deutlich mehr Energie haben,” sagt Lichtenberg. Dadurch können sie sich die Zeit nehmen, die Projekte zu verfolgen, die sie begeistern. Oder sie haben den Mut endlich das eigene Unternehmen zu gründen.

Christian Lichtenberg glaubt nicht, dass Menschen durch ein regelmäßiges Grundeinkommen faul und nutzlos werden. “Die meisten Menschen wollen ja arbeiten. Aber wenn man sich mal genau anguckt, welche Jobs beispielsweise Hartz IV-Empfängern angeboten werden, also wirklich zum Teil menschenunwürdige Niedriglohnjobs – also da hätte ich auch keine Lust zu arbeiten.” Die Erfolgsgeschichten von Mein Grundeinkommen zumindest scheinen ihm Recht zu geben.

Das Konzept beeindruckt mittlerweile auch viele andere Menschen weltweit. Angespornt vom Erfolg der deutschen Seite will so nun auch ein Team in den USA probieren, per Crowdfunding ein ähnliches Projekt in Kalifornien umzusetzen. Und wer weiß, vielleicht kann so die Utopie von Thomas Morus doch noch Wirklichkeit werden… per Crowdfunding.


Image: Screenshot by Mein Grundeinkommen


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Marinela Potor

Marinela Potor

begann ihren journalistischen Werdegang bei kleinen Lokalzeitungen und arbeitete dann während ihres Studiums als Reporterin für den Universitätsradiosender. Ihr Volontariat machte sie bei Radio Jade in Wilhelmshaven. Seit 2010 hat sie ihren Rucksack gepackt und bereist seitdem rastlos die Welt – und berichtet als freie Journalistin darüber. Über alle „inoffiziellen“ Geschichten schreibt sie in ihrem eigenen Blog fest.

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