Grünflächen für das Wohlbefinden – Wie man städtische Räume planen kann, die uns heilen

Ein Fünftel aller Australier wird dieses Jahr einer psychischen Krankheit zum Opfer fallen – und das Leben in der Stadt, macht es noch wahrscheinlicher, dass es passiert. Im Gegensatz zu Menschen, die auf dem Land leben, entwickeln Stadtbewohner Studien zufolge mit einer 20 Prozent größeren Wahrscheinlichkeit Angstsörungen und unterliegen fast einer 40 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit, Depressionen zu entwickeln.

Vielversprechend ist jedoch die Erkenntnis aus der Forschung, dass Menschen aus urbanen Zentren, die in der Nähe von Grünflächen wohnen, weitaus seltener an schlimmen psychischen Krankheiten erkranken. Städteplanern ist somit die wichtige Rolle zugeteilt, die Krankheitsraten von psychischen Krankheiten zu verringern. Dabei steht die Frage, wie die Natur unsere Gehirne beeinflusst, im Mittelpunkt und hat großen Einfluss darauf, wie wir die Stadtplanung in Zukunft verändern sollten. Aufgrund der Tatsache, dass Depressionen weltweit die Hauptursache für Berufsunfähigkeiten darstellen, können wir es uns nicht leisten, die Auswirkungen öffentlicher Bereiche auf psychische Erkrankungen zu ignorieren.

Verschiedene Stressfaktoren, die mit dem Leben in der Stadt zu tun haben, lösen eine Hirnaktivität in den Bereichen aus, die für die Reaktionen für Flucht oder Kampf verantwortlich sind. Wie verringert der Aufenthalt in der Natur diese Stressfaktoren? Dazu gibt es zwei Theorien: Beide basieren auf der Annahme, dass die Natur regenerative Auswirkungen auf kognitive und emotionale Körperfunktionen hat.

Es ist jedoch nicht nur die ruhige Atmosphäre, die hier den gewünschten Effekt bringt. Die Natur hat mit ihrer chaotischen, wilden, lauten und vielfältigen Pracht den größten Einfluss darauf, ob das gestresste Gemüt in einen ruhigen und aufmerksamen Zustand zurückgeführt werden kann. Dies bietet dann ein Gefühl der Flucht aus der urbanen Welt – so kurz es auch sein mag.

Der Gedanke ist kein neuer und ebenso wenig überraschend. Der Mensch strebt nach der Natur, um sein körperliches Wohlbefinden wiederherzustellen. Es wurde bereits mehrfach versucht, diese regenerativen Auswirkungen auf das Gehirn zu messen.

Das Resultat ist eine über 40 Jahre andauernde Forschung, bei der vor allem bestimmte neurologische, emotionale und physiologische Auswirkungen der Naturelemente gemessen wurden. Diese Effekte umfassen die Faktoren Ruhe, Kontemplation, verringerte Unruhe und Aggression sowie einen Anstieg der kognitiven Funktionstüchtigkeit – wie beispielsweise der Konzentration und des Erinnerungsvermögens.

Eine vernachlässigte Quelle für die Stadtplanung

Dieser Reichtum an Daten wurde bisher weitestgehend als eine potenziell treibende Kraft für gute Städteplanung übersehen. Vieles davon kann dem Umstand zugeschrieben werden, dass die Daten in wissenschaftliche Disziplinen – die von Grund auf unterschiedlich sind –  isoliert wurden. Alle benutzen verschiedene Termini und viele Ergebnisse sind oft hinter Paywalls wissenschaftlicher Zeitschriften verborgen.

Ebenso wichtig ist die Komplexität der psychischen Krankheiten. Dies macht es schwierig, Schlussfolgerungen bezüglich Umweltauswirkungen zu ziehen. Um die Daten nutzen zu können, musste zunächst eine Metaanalyse dieser Methoden und Ergebnisse stattfinden. Außerdem musste ich meine eigene Interpretation hinzufügen, wie die Daten spezifisch auf die Städteplanung anzuwenden sind. Dabei wurden einige bemerkenswerte Schlussfolgerungen ersichtlich:

  • Verschiedene natürliche Elemente können unterschiedliche Vorzüge hervorrufen. Das bedeutet, dass die Grünflächenanlagen in der Stadtplanung, wie ästhetisch ansprechend sie auch sein mögen, nicht gezielt die Bekämpfung psychischer Krankheiten zum Ziel hat.

  • Die Zeit spielt eine entscheidende Rolle. Es ist sinnlos, große Grünflächen zu haben, wenn diese nicht dazu verleiten, lange genug zu bleiben, um die wiederherstellenden Effekte auszunutzen.

  • Wie man mit seiner Umgebung umgeht, ist durchaus wichtig. Die Resultate unterscheiden sich dahingehend, ob die Person der Umwelt Beachtung schenkt, ihr zuhört oder in ihr trainiert. Wenn man all diese Kriterien berücksichtigt, ergeben sich vielschichtige Kombinationen verschiedener Planungsszenarien.

Auch wenn viele Studien die heilende Wirkung von Wäldern bereits erforscht haben, sind diese für die meisten Stadtbewohner keine Option, da sie entweder nicht so einfach erreichbar oder schlichtweg nicht vorhanden sind. Stadtparks können eine Alternative sein, denn wenn man mit natürlichen Maßnahmen im städtischen Raum interveniert und die zufällige Interaktion des Individuums mit der Grünfläche fördert, kann man einen zusätzliche Nutzen davontragen.

Viel wurde darüber geschrieben, wie Joggen oder andress Training im Grünen die Effekte der Natur auf das Gehirn zu verstärken vermag. Tatsächlich können schon fünf Minuten Training im Grünen diese Vorteile hervorrufen.

Was ist an den bereits existierenden Grünflächen auszusetzen?

Insbesondere in Wohngebieten sind viele Stadtparks und Grünflächen sehr langweilig und wenig inspirierend gestaltet. Es fehlt hier an Grundlegendem, um ein Gefühl für die Natur hervorzukitzeln. Darüber hinaus fördern sie nicht das Verlangen, draußen laufen zu gehen oder die Natur zu genießen – völlig unabhängig davon, wie lange man sich dort aufhält.

Beispielweise wecken Wege ohne Schattenspender nicht das Bedürfnis, lange genug laufen zu gehen, um von den Vorteilen zu profitieren. Weil es keine abwechslungsreichen Landschaften und kaum interessante Ecken gibt, kommt selten jemand vorbei, um sich hier aufzuhalten – besonders wenn man berücksichtigt, wie sich Parks von ihrer Umgebung unterscheiden könnten.

Mit dem Versuch, Plätze zu schaffen, die einem bestimmten Zweck dienen –  wie beispielsweise das Schaffen von Platz, um Fußball spielen zu können – litt die Artenvielfalt und somit auch die Schönheit, die Geräuschkulisse und die unterschiedlichen Gerüche, die für eine eindringliche, multi-sensorische Erfahrung notwendig sind. Gleiches gilt für viele Fußwege und Wohnstraßen in den Vorstädten.

Wenn es die Stadtplanung richtig macht

Man vergleiche diese Umstände mit anderen Stadtgebieten, die ihre Parks kreativer und fast willkürlich anlegen, um Aufmerksamkeit und eine echte Begegnung hervorzurufen. Hier gibt es Parks und städtische Grünflächen, die so gestaltet wurden, dass sie uns anregen, dort zu verweilen, auszuruhen und länger zu laufen. Im Umkehrschluss führt dies dazu, dass wir uns bestmöglich regenerieren können.

Die Rolle der Städteplaner dreht sich immer weniger um die Gestaltung eines Raumes, vielmehr geht es um die Förderung der Prinzipien, die auf städtische Räume angewendet werden können: Dies kann sich auf einen speziell angepassten Kontext, eine Landschaft, ein Region oder ein Klima beziehen. Dies bedeutet einerseits, dass die Stadtplanung einen tiefgehenden Einfluss auf das geistige Wohlbefinden haben kann. Zudem heißt es, dass wir uns nach Daten außerhalb unseres Wissensumfeldes umschauen müssen, um das Problem auf möglichst effektive Weise zu lösen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Wald“ by 12019 [CC0 Public Domain]


The Conversation

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Zoe Myers

Zoe Myers

ist Forscherin und Dozentin am australischen Urban Design Research Center (AUDRC) an der University of Western Australia, wo sie zu staatlichen und lokalen Forschungs- und Designprojekten beiträgt und im Master Urban Design unterrichtet. Zoe hat einen Doktortitel in der australischen Geschichte und verfügt über Erfahrung in Politik, Projektmanagement, strategische Kommunikation und Webdesign. Ihre aktuellen Interessen liegen in der Gestaltung ökologisch regenerativer und kreativer urbaner Räume und der Sicherstellung, dass die städtebauliche Forschung echte soziale Auswirkungen hat.

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