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Mit IPGarten von der Couch aus Gemüse ernten

So ein eigener Gemüsegarten ist eine schöne Sache. Selber zu entscheiden, was man anpflanzt und das Gemüse jederzeit zu kontrollieren und anschließend zu ernten, machen das Ganze zu einem rundum schönen Erlebnis. Gerade wenn das Gemüse dann hinterher auf dem Teller landet, kann man sich voller Stolz auf die Schulter klopfen. Leider haben nicht alle die Möglichkeit einen eigenen Gemüsegarten anzulegen. In Großstädten kann dies ganz schön schwierig sein. Doch wer darauf nicht verzichten möchte, kann in Berlin seinen eigenen Gemüsegarten ganz einfach von der Couch aus managen!

Die Rede ist hier nicht von einem Online-Game, bei dem du dich um deinen eigenen Hof kümmern musst – doch ist es irgendwie auch ganz ähnlich. Mit IPGarten kannst du dir ganz einfach deinen eigenen Gemüsegarten zulegen und ihn von Zuhause aus steuern. Wir erklären dir einmal, was hinter dem Ganzen steckt.

Erfülle deinen Traum vom eigenen Gemüsegarten – egal wo du bist

Der IPGarten versteht sich als digitale Brücke zwischen dir und den Bio-Bauern. Per Mausklick bepflanzt du dein eigenes 16m² großes Ackerland ganz nach deinem Belieben. Diese 16m² sind in 16 Sektionen aufgeteilt, die du nach deinen Wünschen bestücken kannst. Hierbei hast du eine Riesenauswahl an verschiedenem Saatgut. Entscheide zwischen 50 Kräuter-, Gemüse- oder Blumensorten. Du bestimmst, wo du was pflanzt und bewässerst und pflegst dein Beet per App. Zudem kannst dabei deinem eigenen Gemüse via Life-Cam beim Wachsen zusehen. Deine Befehle führen direkt vor Ort die IPBauern aus. So kannst du sicher sein, dass es deinem Gemüse immer gut geht. Allerdings muss ein m² mit Blumen bepflanzt sein, damit die Bienen auch etwas von deinem Garten haben.

Eine gut durchdachte Umsetzung

Via Live-Cam kontrollierst du jede einzelne Parzelle ganz genau, oder bekommst einen Überblick über das, was gerade so auf den Feldern passiert. Zusätzlich sind die Parzellen mit einer Vitalsensorik ausgestattet, womit du ganz einfach wichtige Daten über die Pflanzen, Boden, Wasser und Luft aufrufen kannst. Umso wichtiger ist das Einschreiten, solltest du sehen, dass dein Garten bewässert oder gedüngt werden muss, oder sich etwas am Zustand deiner Pflanzen ändert.

Gartenübersicht – verschiedene Ansichten | Screenshot by Jennifer Eilitz

Zusätzlich hast du die Möglichkeit deinen Garten via Autopilot zu managen. Dieser macht Sinn, sollte dir selber die Zeit fehlen oder du Unterstützung beim Pflegen deines Gemüsegartens gebrauchen kannst.

Der Lerneffekt ist beim Online-Garten natürlich auch gegeben. Du lernst viele Gemüse-, Kräuter- und Blumenarten kennen und zusätzlich noch Wissenswertes über die Pflege und Ernte. Auch in Schulen ist dies eine gute Art, sich bewusst mit Lebensmitteln und Gemüse auseinanderzusetzen und gemeinsam zu lernen, wie man diese pflegt und anschließend zubereitet.

Zeit zu ernten

Am Ende soll deine Arbeit natürlich belohnt werden. Wenn du dich also gut um deinen Garten gekümmert hast und natürlich auch die Natur ihr Übriges getan hat, dann kannst du damit rechnen von Mai bis November etwa 20 bis 30 Kisten mit eigenem Gemüse zu erhalten. Dabei beliefern dich die IPBauern ganz persönlich gegen einen kleinen Lieferaufpreis. Wenn du lieber selbst dein Gemüse abholen möchtest, dann kannst du das natürlich auch tun. Wer spenden möchte, hat die Möglichkeit überschüssiges Gemüse an soziale Einrichtungen zu spenden – tolle Sache!

Nutze verschiedene Modelle

Hast du dich dafür entschiedenen deinen eigenen Garten anzulegen, stehst du noch vor der Entscheidung, in welchem Rahmen du das Ganze starten möchtest. Hierfür stehen dir verschiedene Modelle zur Auswahl.

Selbstständig Gärtnern kannst du schon für etwa 30 Euro im Monat. Hierbei überwachst du allerdings, wie der Name es schon sagt, selbstständig dein eigenes Gemüse und steuerst deinen Garten bei voller Kontrolle online. Beachte, dass hier eine Mindestlaufzeit von zwölf Monaten angesetzt ist.

Rundum sorglos bist du bei diesem Modell. Das Ganze läuft auf Autopilot und die IPBauern managen dein Gemüse und bescheren dir viele tolle Gemüsekisten. Hierbei bezahlst du monatlich für ein Jahr 34 Euro.

Kunden im Raum Berlin/Potsdam werden vom Team persönlich beliefert oder aber du holst dir deine Erntekiste selbst in der Berliner Malzfabrik ab. Dort hast du zusätzlich die Möglichkeit mit anderen IPGärtnern zu sprechen oder auch Gemüse mit ihnen zu tauschen.

Ab der kommenden Saison sollen auch Gärtner bundesweit ihre Gemüsegärten anlegen und anschließend von DHL beliefert werden können.

Wenn du Lust bekommen hast, deinen eigenen Online-Garten anzulegen, dann lohnt sich ein Blick auf die Möglichkeiten, die dir IPGarten bietet, allemal. Gründer Martin Kruszka und sein Team garantieren nach ökologischen Maßstäben angebautes Gemüse frei von Pestiziden oder synthetischem Dünger.

Profitiere vom Wissen der Profibauern, die dir mit Rat und Tat beiseite stehen und sei daheim auch ohne Garten immer bestens versorgt mit eigens angebautem Gemüse!


Image by thieury via stock.adobe.com

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Der nächste Schritt in nachhaltigem Design: Das Wetter kommt nach Hause

Bäume(adapted) (Image by 3938030) [CC0 Puplic Domain] via Pixabay)

Der primäre Zweck eines Gebäudes mag darin bestehen, das Wetter draußen zu halten. Allerdings erledigen die meisten Häuser ihre Aufgabe so überdurchschnittlich gut, dass sie uns versehentlich von zwei Schlüsselanforderungen für unser Wohlbefinden und unserer Effektivität berauben: Natur und Veränderung.

In den 1950ern begründete Donald O. Hebb mit seiner Erregungstheorie, dass Leute einen bestimmten Grad an Sinnesstimulation benötigen, um vollkommen aufmerksam zu bleiben. 30 Jahre später zeigt die wegweisende Forschung von Roger Ulrich, einem Designer im Gesundheitswesen, dass Krankenhauspatienten in Räumen mit Blick ins Grüne deutlich niedrigere Stresslevel hatten und schneller gesund wurden als Patienten, die lediglich auf eine Ziegelwand schauen konnten.

Unglücklicherweise sind viele Gebäude nicht mit einer grünen Umgebung gesegnet – vor allem in der Stadt ist dies der Fall. Ich bin in einer Gruppe von Architekten und Psychologen an der University of Oregon aktiv. In dieser Gruppe untersuchen wir Möglichkeiten, um dieses Problem mit Hilfe der Natur zu überwinden. Hierfür bedienen wir uns eines Aspektes, der überall verfügbar ist: Das Wetter. Man denke an wogendes Sonnenlicht, reflektiert vom Wasser an die Unterseite eines Bootes. Oder an gesprenkelte Schatten von sich in einer leichten Brise wiegenden Laubes. Andere Beispiele finden sich unter vitalarchitecture.org.

Als wir diese Arten von natürlichen Bewegungen nach drinnen brachten, stellten wir fest, dass diese die Herzfrequenz reduzieren und weniger störend wirkten als ähnliche, künstlich erzeugte Bewegungen. Frühe Ergebnisse suggerieren, dass das Wahrnehmen von natürlichen Bewegungen dieser Art in Innenräumen wohltuender war als durch ein Fenster die Natur zu betrachten. Darüber hinaus kann diese Aussicht nicht nur dazu beitragen, uns zu beruhigen, sondern kann auch unsere Aufmerksamkeit steigern.

Diese Befunde decken sich mit der Aufmerksamkeitswiederherstellungstheorie, die von Rachel und Stephen Kaplan – die als Psychologen an der University of Michigan arbeiten – aufgestellt wurde. Neben anderen Gesichtspunkten suggeriert deren Arbeit, dass derartige vertraute natürliche Bewegungsmuster uns wachsam zu halten können, ohne uns zu stören.

Jenseits des grünen Gebäudes

Während der letzten zwei Jahrzehnte haben Architekten und Ingenieure Ansätze für Gebäudedesigns entwickelt, die den Einfluss von Bauwerken auf die natürliche Umgebung („grüne“ Gebäude) und deren menschlichen Bewohner („gesunde“ Gebäude) bedeutend reduzieren. Diese Bewegungen konzentrieren sich jedoch in erster Linie auf neue Gebäude, was lediglich einer relativ kleinen Anzahl von Leuten zugutekommt. Im Vergleich zu den vielen Menschen, denen damit geholfen werden könnte, bereits bestehende Bauten bewohnbarer zu machen.

Außerdem sind sich viele Leute dieses Fortschritts nicht bewusst. Inklusive derer, die für das Beauftragen von Konstruktionen oder Umgestaltungen von Gebäuden verantwortlich sind. Viele Hauptmerkmale der grünen Gebäude, wie beispielsweise Energie und Wasserschutz, sind nicht umgehend wahrnehmbar. Daher liegen diese einfachen, aber wichtigen Faktoren oft brach.

Diverse führende Berichterstatter zu nachhaltigem Design – unter ihnen auch Judith Heerwagen oder der kürzlich verstorbene Stephen Kellert – haben angeregt, dass grüne Gebäude nicht länger einfach nur „keinen Schaden anrichten“ dürfen, um einen bedeutungsvollen Einfluss auf die gewaltigen Umweltprobleme zu haben. Vielmehr zählen die Fachleute Argumente auf, dass mittels der Bauwerke Möglichkeiten aufgezeigt werden müssen, um mit der Natur in Harmonie zu leben. Unser Bericht schlägt vor, dass man passive energiesparende Ausstattung in Gebäuden offensichtlicher für jene machen könne, die über diese verfügen und sie bewohnen. Indem man Sonnenlicht, Wind und Regen nach drinnen bringt, kann deren Verwendung gesteigert werden.

Das Wetter nach drinnen bringen

So kann beispielsweise ein lichtreflektierender Einlegeboden ein Hilfsmittel sein, der gewöhnlich an Fenstern von bestehenden Häusern nachgerüstet werden kann, um das Tageslicht tiefer in den Innenraum zu reflektieren. Aaron Weiss, ein Absolvent der University of Oregon, hat zusammen mit mir aufgezeigt, dass besagtes Brett sich bewegende Sonnenstrahlenmuster auf die Decke im Inneren reflektiert. Dies geschieht, wenn sich ein dünner Wasserfilm auf einem reflektierenden Brett befindet und der Wind darauf bläst.

In kontrollierten Experimenten unter der Verwendung eines fensterlosen Raums, eines Ventilators und einer energiereichen Lichtquelle konnten wir feststellen, dass das besagte windbewegte Sonnenlicht nicht nur die Herzfrequenzen der Bewohner senkte, sondern sich auch als beruhigender erwies als künstlich generierte Bewegungsmuster. Hier muss man betonen, dass die Windbewegungen nicht die Menge an übertragenem Licht reduzierte. Indes wurden die Ablagen umso sichtbarer für die Leute, die den Raum nutzten.

Wir fanden heraus, dass dasselbe für eine Reihe anderer grundlegender passiver Energiespartechniken zutrifft, samt Solarheizung, Sonnenschutz und natürlicher Belüftung. Das Hinzufügen von Sonne, Wind oder regengenerierten Bewegungen reduzierte nicht die Umweltleistung. Es offenbarte aber deren Funktionsweise für die, die das Gebäude benutzen.

Die beruhigenden Effekte der natürlichen Innenraumanimation könnten insbesondere hilfreich sein an stresserfüllten Orten, wie Krankenhäusern oder Arztpraxen. Also besonders an Plätzen wo Leute zusätzlichen Stress durch Warten erfahren. Aquarien werden zum Beispiel häufig in Wartezimmern verwendet, da man feststellte, dass sie beruhigende Effekte auf Patienten haben. Die Stressreduzierung kann sogar größer sein, wenn Bewegungen im Innenraum durch die freie Natur erzeugt werden. Wie zum Beispiel durch das Wetter.

Wie jedoch können wir die Bewegung ins Innere bringen? Ohne den Hauptzweck eines Bauwerks – der Schutz vor dem Wetter – zu untergraben? Es gibt drei einfache Wege. Wir können wettergenerierte Bewegungen in verglasten Innenhöfen einbauen; wir könnten Sonnenlicht nutzen, um Bewegungen von außerhalb auf innenliegende Oberflächen zu projizieren. Wir könnten es allerdings auch auf die Außenseite von lichtdurchlässigen Materialien wie beispielsweise Milchglas projizieren.

Kein echter Ersatz für Natur

Heutzutage sind auf diese Weise viele Arten von Naturphänomenen technisch zugänglich. Wir können Videos von sanft rollenden Meereswellen anschauen oder zu Regengeräuschen einschlafen. Es gibt sogar hochentwickelte Softwareprogramme, die diese Effekte digital erzeugen können. Also warum den Kampf mit der Neugestaltung von Gebäuden durchmachen, um diese Effekte nach drinnen zu bringen?

Um diese Frage zu beantworten, haben Jeffrey Stattler, ehemaliger Doktorand an der University of Oregon, und ich einen digitalen Schatten eines Baumes auf die Wand eines fensterlosen Raumes projiziert und getestet, ob es irgendeinen Unterschied in den Reaktionen der Leute gab. Die Reaktion hing davon ab, ob die Bewegung des elektronischen Baums von Veränderungen des Windes draußen oder vom Computerprogramm erzeugt wurde.

Die meisten Leute konnten nicht feststellen, ob die Bewegungen vom Wind oder vom Computer generiert wurden. Wenn diese jedoch glaubten, dass die Bewegungen durch den Wind erzeugt wurden, waren deren Beurteilungen der positiven Effekte in allen Kategorien bedeutsam höher. Anders gesagt: Wahrnehmungsveränderungen innerhalb eines Gebäudes haben wahrscheinlich eine größere positive Auswirkung auf uns, wenn wir denken, dass sie natürlich und lebendig sind. Wenn wir also nicht darauf vorbereitet sind, Leute zu täuschen, gibt es keinen wirklichen Ersatz für das Original.

Gemäß der Umweltschutzbehörde verbringen Leute in den Vereinigten Staaten heute mehr als 90 Prozent ihrer Leben drinnen. Eigenschaften, die uns in Innenräumen entspannter und produktiver machen, könnten so auf viele Menschen deutlich positive Effekte haben.

Beleuchtung, Beheizung und Kühlung dieser Bauwerke macht fast 40 Prozent des US-Energieverbrauchs aus. Dieselben natürlichen Innenraum-Animationseffekte könnten außerdem helfen, diese Prozentzahl zu reduzieren. Das geschieht, indem das öffentliche Bewusstsein des passiven Energiesparens in Gebäuden erhöht wird. Neben den praktischen Vorteilen für Mensch und Umwelt zeigt uns diese wetterbedingte Innenraum-Animation auch, dass uns unsere Häuser wieder mit der Natur in Verbindung bringen können. Obwohl wir uns zugleich von deren Extremen in der Natur distanzieren.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Bäume“ by 3938030 (CC0 Public Domain)


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Zurück aufs Land – dank selbstfahrender Autos?

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Selbstfahrende Autos werden verändern, wie wir leben, und das in jeder möglichen Hinsicht. Doch sie werden nicht nur uns Menschen beeinflussen – die nahende Revolution in autonomem Verkehr hat auch signifikante Folgen für Tiere und Pflanzen. Naturschützer und Landschaftsplaner müssen sich mehr Gedanken über die Wirkung selbstfahrender Autos machen, und zwar ganz besonders, wenn es um die erneute Zersiedlung der Landschaft geht.

In mancher Hinsicht verheißen die vielseitigen Entwicklungen bei der Automobiltechnik Gutes für die Umwelt. Elektrische Autos werden vermehrt den Verbrennungsmotor ersetzen, womit zumindest theoretisch die Kohlenstoffdioxid-Emissionen und gesundheitsschädliche Luftverschmutzung verringert werden dürften.

Durch die Verringerung von Staus könnten selbstfahrende Autos auch unseren Energieverbrauch senken. Im Gegensatz zu menschlichen Fahrern können Computer den „Ziehharmonika“-Effekt“ des unnötigen Beschleunigens und Abbremsens vermeiden, der Verkehrsstaus verschlimmert. Sie würden sich nicht dazu hinreißen lassen, zu „gaffen“, wenn sie an einem Unfall vorbeikämen. Und da autonome Fahrzeuge nicht durch menschliche Reaktionszeiten eingeschränkt werden, könnte es sinnvoll sein, die Höchstgeschwindigkeit für sie auf größeren Strecken im Stadtbereich anzuheben.

Daher können selbstfahrende Autos eine Zukunft schnellerer Reisezeiten mit stark verringerter Beeinträchtigung der Umwelt bedeuten. Sie können sogar dafür sorgen, dass weniger Tiere überfahren werden. Aber es ist ebendiese Effizienz der selbstfahrenden Autos, die Raumplaner und Naturschützer vor eine Herausforderung stellt. Es könnte sein, dass die Städte immer dünner besiedelt werden.

Streben ins Ländliche

Autonome Fahrzeuge versprechen eine Zukunft, in denen Fahrgästen freisteht, ihre Zeit produktiv zu nutzen – beispielsweise zum Arbeiten. Die Fahrzeuge können sich selbst parken oder Teil eines Sharing-Fuhrparks sein, was noch mehr Zeit im Berufsverkehr einspart. Wenn nun auch die Fahrtzeiten immer kürzer werden, wird es immer mehr Gründe geben, außerhalb der Stadt zu leben.

Hier spielen sowohl Push- als auch Pull-Faktoren eine Rolle: Schwindelerregende Preise in den meisten Städten verdrängen die Bevölkerung aus den Stadtzentren, während gesunde Umgebung und grünes Leben die Menschen ins Hinterland ziehen. Der begrenzende Faktor der Ausbreitung in die Vorstädte ist meistens die Fahrtzeit, ob im öffentlichen Verkehr oder mit privaten Fahrzeugen. Selbstfahrende Autos sorgen dafür, dass diese Gleichung grundsätzlich nicht mehr so aufgeht, wie gewohnt.

Bestehende Planungsvorschriften orientieren sich an unserem derzeitigen Verkehrssystem. So sind zum Beispiel grüne, weitläufige Flächen darauf ausgelegt, eine Zerstädterung zu verringern, indem die Entwicklung innerhalb einer Pufferzone um ein Stadtgebiet eingeschränkt wird. Dennoch macht es der geringere Verkehr, der durch selbstfahrende Autos ermöglicht wird, leichter, außerhalb des grünen Gürtels zu leben und weiterhin im Innern zu arbeiten. Diese Flächen sind also in Gefahr, eine dünne Schicht in einem Sandwich aus immer weiter fortschreitender Suburbanisierung zu werden.

Das ist natürlich eine Herausforderung, die wir seit dem Aufstieg des Autos in den 1940er Jahren nicht mehr erlebt haben. Die von Raumplanern erdachten Lösungen sind jedoch auf menschengesteuerte Autos ausgerichtet worden – nicht auf die Zukunft mit einem fahrerlosen Verkehr.

Andere Beispiele, wie die Tier- und Pflanzenwelt geschützt werden kann, schließen Naturschutzgebiete, Nationalparks und diverse “Gebiete herausragender natürlicher Schönheit” mit ein. Solche Gebiete haben entweder strikte Kontrollen für Bauprojekte oder lassen diese überhaupt nicht zu. Trotzdem sind es schöne Gebiete, um dort oder in der Nähe zu wohnen. Die nahende Revolution in der Automobilindustrie und die Möglichkeit, hinterm Steuer des computerisierten Fahrzeugs zu arbeiten, werden das Leben in solchen Gebieten vermehrt mit der Pendelei in die nächste Stadt in Verbindung bringen.

Überdruss der Stadt-Auswüchse

Das komplette Verschwinden von natürlichen Lebensräumen oder ihre Zersplitterung in immer kleinere Fragmente sind seit langem als einige der Hauptgründe für das Artensterben auf der ganzen Welt bekannt. Erneute Zersiedlung könnte dafür sorgen, dass das Ausmaß von Lebensraumverlust und -zerteilung immer größer wird. Diese Bedrohungen sind unter Naturschützern weit bekannt, aber es gibt unterschiedliche Ansichten, wie am besten darauf reagiert werden sollte.

Zum Beispiel empfehlen Öko-Modernisten eine Strategie des “land sparing”, bei der sich die Menschen auf die Stadtgebiete konzentrieren sollen und weite Landstriche unter Naturschutz gestellt werden. Es gibt viele kulturelle und ethische Probleme, die mit dem Einpferchen von Menschen in Städten einhergehen, aber die kurzfristigen Planungsschwierigkeiten durch autonome Fahrzeuge werden die Herausforderungen sogar noch verschärfen. Sie werden den Anspruch verstärken, in Gebieten leben zu wollen, die nicht geschont werden.

Als Alternative befürworten einige Naturschützer „Land-Sharing“, also das Teilen von Grundstücken, bei dem die Gemeinden die Art, wie wir landwirtschaftlich arbeiten und leben, neu anpassen, um mit Pflanzen und Tieren Seite an Seite zu leben. Autonome Fahrzeuge stellen erhebliche Herausforderungen für jeden der Ansätze dar, weil sie auf Straßen angewiesen sind, die wiederum die Landschaft zerpflügen.

Welcher Ansatz auch immer gewählt wird, wir müssen existierende Systeme und Vorschriften überarbeiten, um die vergrößerte Reichweite zu berücksichtigen, die den Verkehr für selbstfahrende Autos ermöglicht. Dies kann bedeuten, dass wir neue Regelungen für verschiedene Gebiete benötigen, um größere Landstreifen zu schützen als bisher. Mit Sicherheit werden weitere Entwicklungen grüner Infrastruktur, Lebensraum-Korridore und Grünstreifen verlangt werden.

Auch technische Lösungen können erforderlich sein. Dies wird wichtig, weil autonome Fahrzeuge auch unterirdisch gefahren werden müssten. Es ist möglich, sich eine Zukunft vorzustellen, in der die berühmten Bärenbrücken von Banff kleine Vorzeichen eines großen Programms sind, in dem Autobahnen mit jeder Menge Grün bewachsen sind. Das Umverlegen von Straßen in Tunnel wird nicht billig sein, aber es wird leichter werden, wenn menschliche Fahrer nicht mitgerechnet werden. Software-Fahrer sind weniger genervt von künstlichem Licht und effizienter darin, die Beeinträchtigung während der Bauarbeiten abzuschwächen.

Viele Naturschutzvorschriften basieren auf Planungen für die Welt, in der wir gerade leben. Strategische Planung von Naturschutz muss stattdessen wahrscheinliche Zukunftsszenarien berücksichtigen. Und in einer Zukunft der selbstfahrenden Autos ist es gut möglich, dass die Mega-Städte des 20. Jahrhunderts zu den Mega-Stadtwucherungen des 21. Jahrhunderts werden. Natürlich nur, solange sich nicht Raumplaner und Naturschützer diesen neuen Herausforderung stellen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Autos“ by Pexels (CC0 Public Domain)


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Grünflächen für das Wohlbefinden – Wie man städtische Räume planen kann, die uns heilen

Wald(adapted)(Image by 12019 [CC0 Domain] via Pixabay)

Ein Fünftel aller Australier wird dieses Jahr einer psychischen Krankheit zum Opfer fallen – und das Leben in der Stadt, macht es noch wahrscheinlicher, dass es passiert. Im Gegensatz zu Menschen, die auf dem Land leben, entwickeln Stadtbewohner Studien zufolge mit einer 20 Prozent größeren Wahrscheinlichkeit Angstsörungen und unterliegen fast einer 40 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit, Depressionen zu entwickeln.

Vielversprechend ist jedoch die Erkenntnis aus der Forschung, dass Menschen aus urbanen Zentren, die in der Nähe von Grünflächen wohnen, weitaus seltener an schlimmen psychischen Krankheiten erkranken. Städteplanern ist somit die wichtige Rolle zugeteilt, die Krankheitsraten von psychischen Krankheiten zu verringern. Dabei steht die Frage, wie die Natur unsere Gehirne beeinflusst, im Mittelpunkt und hat großen Einfluss darauf, wie wir die Stadtplanung in Zukunft verändern sollten. Aufgrund der Tatsache, dass Depressionen weltweit die Hauptursache für Berufsunfähigkeiten darstellen, können wir es uns nicht leisten, die Auswirkungen öffentlicher Bereiche auf psychische Erkrankungen zu ignorieren.

Verschiedene Stressfaktoren, die mit dem Leben in der Stadt zu tun haben, lösen eine Hirnaktivität in den Bereichen aus, die für die Reaktionen für Flucht oder Kampf verantwortlich sind. Wie verringert der Aufenthalt in der Natur diese Stressfaktoren? Dazu gibt es zwei Theorien: Beide basieren auf der Annahme, dass die Natur regenerative Auswirkungen auf kognitive und emotionale Körperfunktionen hat.

Es ist jedoch nicht nur die ruhige Atmosphäre, die hier den gewünschten Effekt bringt. Die Natur hat mit ihrer chaotischen, wilden, lauten und vielfältigen Pracht den größten Einfluss darauf, ob das gestresste Gemüt in einen ruhigen und aufmerksamen Zustand zurückgeführt werden kann. Dies bietet dann ein Gefühl der Flucht aus der urbanen Welt – so kurz es auch sein mag.

Der Gedanke ist kein neuer und ebenso wenig überraschend. Der Mensch strebt nach der Natur, um sein körperliches Wohlbefinden wiederherzustellen. Es wurde bereits mehrfach versucht, diese regenerativen Auswirkungen auf das Gehirn zu messen.

Das Resultat ist eine über 40 Jahre andauernde Forschung, bei der vor allem bestimmte neurologische, emotionale und physiologische Auswirkungen der Naturelemente gemessen wurden. Diese Effekte umfassen die Faktoren Ruhe, Kontemplation, verringerte Unruhe und Aggression sowie einen Anstieg der kognitiven Funktionstüchtigkeit – wie beispielsweise der Konzentration und des Erinnerungsvermögens.

Eine vernachlässigte Quelle für die Stadtplanung

Dieser Reichtum an Daten wurde bisher weitestgehend als eine potenziell treibende Kraft für gute Städteplanung übersehen. Vieles davon kann dem Umstand zugeschrieben werden, dass die Daten in wissenschaftliche Disziplinen – die von Grund auf unterschiedlich sind –  isoliert wurden. Alle benutzen verschiedene Termini und viele Ergebnisse sind oft hinter Paywalls wissenschaftlicher Zeitschriften verborgen.

Ebenso wichtig ist die Komplexität der psychischen Krankheiten. Dies macht es schwierig, Schlussfolgerungen bezüglich Umweltauswirkungen zu ziehen. Um die Daten nutzen zu können, musste zunächst eine Metaanalyse dieser Methoden und Ergebnisse stattfinden. Außerdem musste ich meine eigene Interpretation hinzufügen, wie die Daten spezifisch auf die Städteplanung anzuwenden sind. Dabei wurden einige bemerkenswerte Schlussfolgerungen ersichtlich:

  • Verschiedene natürliche Elemente können unterschiedliche Vorzüge hervorrufen. Das bedeutet, dass die Grünflächenanlagen in der Stadtplanung, wie ästhetisch ansprechend sie auch sein mögen, nicht gezielt die Bekämpfung psychischer Krankheiten zum Ziel hat.

  • Die Zeit spielt eine entscheidende Rolle. Es ist sinnlos, große Grünflächen zu haben, wenn diese nicht dazu verleiten, lange genug zu bleiben, um die wiederherstellenden Effekte auszunutzen.

  • Wie man mit seiner Umgebung umgeht, ist durchaus wichtig. Die Resultate unterscheiden sich dahingehend, ob die Person der Umwelt Beachtung schenkt, ihr zuhört oder in ihr trainiert. Wenn man all diese Kriterien berücksichtigt, ergeben sich vielschichtige Kombinationen verschiedener Planungsszenarien.

Auch wenn viele Studien die heilende Wirkung von Wäldern bereits erforscht haben, sind diese für die meisten Stadtbewohner keine Option, da sie entweder nicht so einfach erreichbar oder schlichtweg nicht vorhanden sind. Stadtparks können eine Alternative sein, denn wenn man mit natürlichen Maßnahmen im städtischen Raum interveniert und die zufällige Interaktion des Individuums mit der Grünfläche fördert, kann man einen zusätzliche Nutzen davontragen.

Viel wurde darüber geschrieben, wie Joggen oder andress Training im Grünen die Effekte der Natur auf das Gehirn zu verstärken vermag. Tatsächlich können schon fünf Minuten Training im Grünen diese Vorteile hervorrufen.

Was ist an den bereits existierenden Grünflächen auszusetzen?

Insbesondere in Wohngebieten sind viele Stadtparks und Grünflächen sehr langweilig und wenig inspirierend gestaltet. Es fehlt hier an Grundlegendem, um ein Gefühl für die Natur hervorzukitzeln. Darüber hinaus fördern sie nicht das Verlangen, draußen laufen zu gehen oder die Natur zu genießen – völlig unabhängig davon, wie lange man sich dort aufhält.

Beispielweise wecken Wege ohne Schattenspender nicht das Bedürfnis, lange genug laufen zu gehen, um von den Vorteilen zu profitieren. Weil es keine abwechslungsreichen Landschaften und kaum interessante Ecken gibt, kommt selten jemand vorbei, um sich hier aufzuhalten – besonders wenn man berücksichtigt, wie sich Parks von ihrer Umgebung unterscheiden könnten.

Mit dem Versuch, Plätze zu schaffen, die einem bestimmten Zweck dienen –  wie beispielsweise das Schaffen von Platz, um Fußball spielen zu können – litt die Artenvielfalt und somit auch die Schönheit, die Geräuschkulisse und die unterschiedlichen Gerüche, die für eine eindringliche, multi-sensorische Erfahrung notwendig sind. Gleiches gilt für viele Fußwege und Wohnstraßen in den Vorstädten.

Wenn es die Stadtplanung richtig macht

Man vergleiche diese Umstände mit anderen Stadtgebieten, die ihre Parks kreativer und fast willkürlich anlegen, um Aufmerksamkeit und eine echte Begegnung hervorzurufen. Hier gibt es Parks und städtische Grünflächen, die so gestaltet wurden, dass sie uns anregen, dort zu verweilen, auszuruhen und länger zu laufen. Im Umkehrschluss führt dies dazu, dass wir uns bestmöglich regenerieren können.

Die Rolle der Städteplaner dreht sich immer weniger um die Gestaltung eines Raumes, vielmehr geht es um die Förderung der Prinzipien, die auf städtische Räume angewendet werden können: Dies kann sich auf einen speziell angepassten Kontext, eine Landschaft, ein Region oder ein Klima beziehen. Dies bedeutet einerseits, dass die Stadtplanung einen tiefgehenden Einfluss auf das geistige Wohlbefinden haben kann. Zudem heißt es, dass wir uns nach Daten außerhalb unseres Wissensumfeldes umschauen müssen, um das Problem auf möglichst effektive Weise zu lösen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Wald“ by 12019 [CC0 Public Domain]


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Medikamente aus Insekten – Auf sechs Beinen zur medizinischen Revolution?

caterpillar (adapted) (Image by Josch13 [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Seit Tausenden von Jahren wenden sich die Menschen an die Natur, wenn es darum geht, Krankheiten zu lindern und zu heilen. Die moderne Wissenschaft baut auf diese altbewährten Grundlagen auf. Diese „Naturprodukt-Entdeckungsprogramme“ von Pharmaunternehmen versorgen uns mit Medikamenten, die Krebs, Infektionen und anderes behandeln könnten.

Aber natürlich vorkommende Medikamente zu entdecken, ist bei weitem nicht unkompliziert. Es ist schwierig genug, ausreichend nützliche Organismen zu finden, sei es eine Baumwurzel oder eine Giftschlange, und es ist noch weitaus schwerer, die exakte medizinische Komponente zu extrahieren und in großen Mengen zu produzieren.

Mit all diesen Stolpersteinen ist es kein Wunder, dass Pharmaunternehmen ihren Schwerpunkt von der Natur ins Labor verschoben und damit begonnen haben, massenhaft Wirkstoffe von Grund auf zu entwickeln, die dann auf vielversprechende Effekte getestet wurden. Seit den 1990ern stellten die Pharmaunternehmen ihre Entedeckungsprogramme ordnungsgemäß ein und die riesige Palette von Testextrakten, die sie gesammelt hatten, wurden verkauft oder verworfen.

Trotzdem haben neuste Genetik-Entwicklungen eine Rückkehr zu den Naturprodukten ausgelöst. Wissenschaftler können inzwischen die gesamte DNS eines Organismus durchforsten, um nach nützlichen Komponenten zu suchen. Es hat sich herausgestellt, dass wir kaum erst an der Oberfläche der natürlichen Molekulardiversität gekratzt haben, die durch mehr als drei Milliarden Jahre ds Ausprobierens verfeinert wurde. Und es gibt noch viele weitere unentdeckte Medikamente, die in Pflanzen, Tieren, Pilzen und Bakterien schlummern. Diese Erkenntnis – und sich anbahnende Gesundheitskrisen wie beispielsweise die Resistenz gegen Antibiotika – haben das Interesse in die Suche nach nützlichen natürlichen Wirkstoffen erneuert, auch Biosprospecting genannt.

Die meisten natürlich gewonnenen Medikamente kommen heutzutage von Pflanzen, Pilzen und Bakterien. Diese Medikamente auf Tierbasis stammen größtenteils aus ein paar wenigen Quellen: giftige Wirbeltiere wie die Gila-Krustenechse oder der Jararaca-Lanzenotter, dem Speichel von Blutegeln oder die Gifte und Sekrete von Organismen wie Schwämmen und Weichtieren. Aber Tiere sind extrem vielseitig und wir haben kaum das pharmazeutische Potential der vielseitigsten Gruppe angetastet: den Insekten.

Insekten stecken voller nützlicher Wirkstoffe

Insekten bewohnen auf der Erde jede erdenkliche Nische im Wasser und zu Land. Daher gibt es eine verblüffende Vielfalt des Zusammenspiels mit anderen Organismen, was bedeutet, dass sie eine enorme Bandbreite an Wirkstoffen entwickelt haben, um sich selbst zu schützen oder andere zu jagen.

Bei dem geringen Anteil der Insekten, der untersucht wurde, wurden eine Menge interessanter Wirkstoffe identifiziert. Zum Beispiel wird Toxiferin, ein antimikrobieller Wirkstoff, der von Schmeißfliegenlarven produziert wird, in Südkorea und Russland als Mittel gegen Viren eingesetzt und soll Tumoren vorbeugen. Die Larven einiger anderer Insektenarten werden auf potente antimikrobielle Stoffe untersucht. Im Gift der Wespe Polybia paulista wurde darüberhinaus ein Wirkstoff gefunden, der Krebszellen tötet, ohne die gesunden Zellen zu beschädigen.

Wieso haben die Medikamentenforscher den Insekten relativ wenig Aufmerksamkeit geschenkt? Teilweise ist die schiere Vielfalt daran Schuld – bei den Millionen von zu untersuchenden Arten ist die erfolgreiche Suche nach einem nützlichen Insekt wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Und obwohl wir überall Insekten vermuten, ist der Großteil dieser gigantischen Menge auf ein paar gewöhnliche Arten zurückzuführen. Die meisten Insekten sind schwierig zu finden und nur unter aufwändigen Bedingungen in Gefangenschaft zu züchten.

Und selbst wenn eine nützliche Spezies identifiziert und erfolgreich gezüchtet wurde, ist es noch immer unglaublich schwierig, eine ausreichende Menge des relevanten Materials zu gewinnen. Insekten sind in der Regel sehr klein und ihre Drüsen, die die für die Forschung interessanten, potentiell nützlichen Wirkstoffe produzieren, sind noch viel kleiner.

Die Suche nach freundlichen Insekten

Die gute Neuigkeit ist, dass wir manche dieser Probleme überwinden können, indem wir unsere Erkenntnisse aus der Naturkunde anwenden. David Wilcockson von der Aberystwyth Universität und ich nennen diese Vorgehensweise „ökologiegeführte Entdeckung von Medikamenten“.

Viele Insekten zeigen die Produktion von potentiell nützlichen Wirkstoffen in der Art und Weise auf, wie und wo sie leben. Manche produzieren potente, komplexe Gifte, um ihre Beute zu bändigen und für ihre Nachkömmlinge frisch zu halten. Andere sind Meister darin, schmutzige Mikrohabitate wie Fäkalieren und Kadaver auszunutzen, in denen sie regelmäßig von unzähligen Mikroorganismen herausgefordert werden. Die Insekten in diesen beiden Beispielen haben eine Reihe antimikrobieller Wirkstoffe, um mit krankheitserregenden Bakterien und Pilzen zurechtzukommen, die eventuell als neue Antibiotika für Menschen dienen könnten.

Obwohl unsere Kenntnisse der Naturkunde uns in die richtige Richtung weist, löst es nicht die Probleme, die mit der geringen Größe von Insekten und den winzigen Mengen der produzierten Wirkstoffe zusammenhängen. Glücklicherweise ist es jetzt möglich, die DNS-Stränge zu identifizieren und diejenigen auszusondern, die die Informationen für die interessanten Wirkstoffe tragen. Die betreffenden Stränge werden in Zellen hingegeben, die dafür sorgen, dass größere Mengen produziert werden können.

So gern ich auch an der Entwicklung einer neuen Trendmedizin auf Insektenbasis teilhaben würde, ist meine Hauptmotivation, die Konservierung zu untersuchen, die Insekten betreiben. Ich möchte Wirkstoffe aus den Insekten als Mittel für die Grundforschung, Artenentdeckung und Naturgeschichte gewinnen. Alle Arten, egal wie klein und scheinbar unwichtig, haben ein Recht darauf, um ihrer selbst Willen zu existieren.

Aber diesem Empfinden fehlt die politische Schlagkraft, die man braucht, um für den dringenden Schutz der Natur zu kämpfen. Wir brauchen etwas, das man anfassen kann, etwas, das direkten Nutzen für die Menschen hat. Es ist schwierig, etwas zu finden, das so viel Gewicht hat wie unsere Gesundheit.

Wenn wir die Untiefen des Medizinschränkchens der Natur beleuchten können, wenn wir also die durchaus nützliche Zusammensetzung der facettenreichsten Tiere dieses Planets erforschen können, glaube ich, dass wir die Denkweise der Menschen über den Wert der Natur verändern könnten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-NC-SA 3.0 US. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „caterpillar“ by Josch13 (CC0 Public Domain)


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Wie Vögel noch immer den Flugzeugbau inspirieren

flugzeug-image-by-joelfotos-cc0-public-domain-via-pixabay

Sieht man sich ein Flugzeug an und anschließend einen Vogel, wird man nicht gerade große Ähnlichkeiten feststellen können. Bis auf die Flügel und die Tatsache, dass sich beide in der Luft fortbewegen und halten können, gibt es kaum Äußerlichkeiten, die bei einem Vogel direkt an ein Flugzeug erinnern und umgekehrt. Dabei haben Vögel und Flugzeuge viel mehr gemeinsam, als man auf dem ersten Blick vermuten könnte.

Faszination Fliegen stand für viele Forscher schon immer im Mittelpunkt. Bereits Leonardo DaVinci hatte davon geträumt, in die Lüfte empor zu steigen und so beobachtete er die Welt der Vögel genauer. Er benutzte deren Flügel als Vorbild, um seine ersten, selbst entwickelten Flughilfen zu bauen. Welches Vorbild, um in die Luft zu steigen, eignet sich schließlich besser als ein Vogel?

Otto Lilienthal – ein sogenannter Pionier des Flugzeugbaus und der Luftfahrt – setzte ebenfalls auf die Kraft der Natur und ihrem Einfluss in die Technik und verfasste daher 1889 das Buch „Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst“. Er konstruierte Gleitflugzeuge und konnte mit ihnen bereits den ersten Gleitflug unternehmen. Doch leider wurden Lilienthal seine Flugversuche zum Verhängnis, denn vor etwa 120 Jahren stürzte dieser mit einem seiner Gleitflugzeuge ab und er erlag nur einen Tag später seinen Verletzungen.

Natur und Technik im Einklang

Die Natur gibt einiges her, wenn es darum geht, diese auch im technischen Bereich einzusetzen. Der Forschungsbereich der Bionik – ein Begriff, der die Biologie und die Technik beinhaltet und das Anregen und Umsetzen von der Biologie in die Technologie meint – liefert mit Vögeln und Fischen gleich einige Beispiele, die zur Inspiration in der Automobilwelt dienen. Auch der Gecko oder die Katze haben ihren Teil dazu beigetragen und nützen Herstellern beispielsweise bei der Entwicklung von Autoreifen.

Aber was genau konnte man denn nun bei Vögeln eigentlich abkupfern, um Flugzeuge flugtauglich zu konstruieren? Nach Jahrhunderten der aufschlussreichen, jedoch in den meisten Fällen gescheiterten Flugversuchen hat sich im Laufe der Zeit eine Menge verändert. Denn mal abgesehen vom Flügelschlag eines Vogels, was das Einzige war, das man bisher noch nicht nachzustellen vermochte, hat die Technik sich auf die Tragflächen von Flugzeugen konzentriert – die eindeutigste Verbindung zwischen Vogel und Flugzeug.

Die Flügel der Vögel sind vorne abgerundet und verlaufen schmaler nach hinten. Diese Konstruktion ist auch bei Flugzeugtragflächen zu finden. Während des Fluges bildet sich ein Randwirbel an den Tragflächen. Durch den Unterdruck auf der Flügeloberseite und dem Überdruck auf der Flügelunterseite bildet sich der Randwirbel immer wieder neu, da der Druckunterschied der Oberseite und Unterseite von der Luft versucht wird auszugleichen.

Um den Luftwiderstand zu verringern, spreizt der Vogel seine Flügel und gerade bei Landvögeln, wie beispielsweise dem Storch, ist gut zu beobachten, dass dieser vor allem die Flügelenden spreizt. Das können auch Flugzeuge, indem man diese mit sogenannten Winglets ausgestattet hat. Die am Ende der Tragflächen hochgeklappten Spitzen, bieten wie beim Vogel eine Verringerung des Widerstands und sorgen für mehr Auftrieb. Auch Treibstoff kann so besser eingespart werden – das Gleiche tut der Vogel, um Energie zu sparen.

SunExpress Boeing 737-800 TC-SUM (adapted) (Image by sloppyperfectionist [CC BY-SA 2.0] via Flickr)
Image (adapted) „SunExpress Boeing 737-800 TC-SUM“ by sloppyperfectionist (CC BY-SA 2.0)

 

Auch der Hai dient als Vorbild für den Bau von Flugzeugen, denn auf seiner Haut findet man mikroskopisch kleine Rillen, die in der Richtung der Strömung verlaufen. Eine solche rillenartige Haut kann man auch in Form einer Folie auf Flugzeugen finden, die Forschern der Haihaut nachempfunden haben.

Bionik in der Zukunft

Aber die Entwicklung bleibt nicht stehen und daher suchen Ingenieure immer wieder nach geeigneten bionischen Inspirationen gerade für den Flugzeugbau. Spiroids oder auch Split Wing Loops genannt – eine Weiterentwicklung der Winglets, die sich ebenfalls an den Tragflächen befindet, wurden dafür entwickelt, um die Randwirbel kontinuierlich zu verschmieren. Sie erinnern an die Schwungfedern der Vögel.

Dassault Falcon 50 (adapted) (Image by FlugKerl2 [CC BY-SA 3.0] via wikimedia)
Image (adapted) „Dassault Falcon 50“ by FlugKerl2 (CC BY-SA 3.0)

Auch Airbus bedient sich beim Körperbau der Vögel und so sollen sich die Flugzeuge in der Zukunft am Vogel-Skelett orientieren und im Jahr 2050 umgesetzt sein. Passagiere könnten dann das Fliegen ganz neu erleben und ihre Umgebung während eines Fluges mit ganz anderen Augen wahrnehmen. Zudem soll die Natur bei der Formation der Flugzeuge wieder einmal als Vorbild dienen: Flugzeuge in Gruppen. Der Sinn dahinter ist, dass Flugzeuge wie Vögel im Schwarm fliegen sollen, um ihren Energieverbrauch einzudämmen.

Was davon allerdings in der kommenden Zeit umgesetzt wird, bleibt abzuwarten. Die Zukunft wird viele Innovationen beinhalten und sich sicherlich besonders im Flugzeugbau ausweiten. Spannend wird es, wenn wir tatsächlich eines Tages in den Himmel schauen und erst auf den zweiten Blick erkennen, dass der Vogelschwarm über unseren Köpfen tatsächlich aus Flugzeugen besteht.


Image (adapted) „Flugzeug“ by Joelfotos (CC0 Public Domain)


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Wie Pokémon GO künftig unseren Blick für die Natur schärfen könnte

Pokemon Gym at the peak of Zion Observation Point (adapted) (Image by Tydence Davis [CC BY 2.0] via flickr)

Jeder, der sich in den letzten Monaten im Freien aufgehalten hat, wird den großen Erfolg von Pokémon GO mitbekommen haben, das die Spitze der Spiele-Charts erobert hat. Seit zwei Jahrzehnten haben Menschen eifrig Pokémon-Kreaturen über verschiedene Medienformate gesammelt, daher war es ein logischer Schritt, die Smartphone-Technologie zu verwenden, um das Franchise in eine „Mobile Augmented Reality“ (MAR)-Spieleapp umzuwandeln. Es wurde zu einem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Phänomen, der Marktwert des Besitzers Nintendo stieg auf knapp 40 Milliarden US-Dollar. Das Spiel wurde aber nicht wirklich von Nintendo entwickelt, es wurde von dem Google-Spin-Off Niantic erstellt, das auch Ingress, den beliebten Augmented Reality-Vorgänger von Pokémon GO, entwickelt hatte. Ähnlich wie Pokémon GO ist Ingress ein in die Realität eingebettetes Sci-Fi-Spiel, in dem Spieler unter Verwendung von Smartphone-Kameras mit Objekten aus der realen Welt interagieren können, die von bestimmten, spielrelevanten, simulierten Eigenschaften überlagert werden. In einer Veröffentlichung des Journals Restoration Ecology haben wir besprochen, dass MAR-Spiele wie diese viel für das Umweltbewusstsein tun können – im Gegensatz zu den Argumenten von Anderen, die darin einen Grund zur Sorge sehen. Der Schlüssel liegt nicht darin, sich über die Beliebtheit von Spielen oder Augmented Reality an sich zu beklagen oder dagegen zu argumentieren, sondern darin, zu erkennen, was diese so erfolgreich macht. Sie begreifen die Gefühle der Menschen, sie machen Spaß, sie beleben den Konkurrenzkampf und treiben Menschen in die freie Natur – all die guten Gründe, wieso die Leute die Natur lieben.

Das Problem

Das Wachstum unserer modernen Gesellschaft, das durch technische Innovationen vorangetrieben wurde, wird durch die Ausbeutung der Natur gestützt. Heute ist ein großer Teil der Welt, der früher Wildnis war, durch Menschen umgestaltet. Die Population von Pflanzen und Tieren ist zurückgegangen, was zu lokalen Verlusten und globalem Aussterben geführt hat, als Folge der Zerstörung der Lebensräume, Ernte, invasiver Tier- und Pflanzenarten und Umweltverschmutzung. Doch obwohl die direkten Ursachen des Verlustes der Tier- und Pflanzenwelt klar genug sind, ist es weniger offensichtlich, warum es viele Menschen nicht zu interessieren scheint. Der Umweltaktivist und Schriftsteller George Monbiot hat die laufende Zerstörung der Umwelt durch die Gesellschaft der Tatsache zugeschrieben, dass nicht mehr genügend Leute die Natur und Wildnis schätzen. Diese „Öko-Gleichgültigkeit“ hat sich als Synonym unserer modernisierten, urbanisierten Welt eingestellt, in welcher neue Technologien gleichzeitig die Interessen der Gesellschaft dominieren und die Fähigkeiten erhöhen, der Umwelt zu schädigen. Aber was wäre, wenn Augmented Reality, von MAR-Apps auf Smartphone bis hin zu HoloLenses, auf positive und proaktive Weise nutzbar gemacht werden könnten, um die breite Öffentlichkeit mit der Natur zu verbinden und dadurch Ihre angeborene Naturliebe zu aktivieren? Was, wenn ein Handyspiel entwickelt werden könnte, das sich nicht nur auf die Merkmale des Stadtbildes konzentriert, sondern sich spielerisch auf Natur, Pflanzen- und Tierwelt und menschliche Interaktion in einem natürlichem Umfeld konzentriert? Ein solches Spiel würde seine Spieler dazu bringen, aktiv die Natur zu erleben. Sie würden sich mit ihr zusammentun, sie beschützen (das könnte man als Belohnungs-Feature im Spiel verstehen) und damit ihren Wert verinnerlichen. Einen größeren Teil der Gesellschaft mit der Natur zu verbinden, ist seit langem ein Traum von Umweltschützern, der leider schwer erreichbar ist. Vor mehr als einem Jahrzehnt fand eine Gruppe von führenden Naturschutzbiologen heraus, dass Kinder besser Pokémon-Figuren erkennen als bestimmte Gruppen von Tieren identifizieren konnten. Das Problem ist nicht die Entdeckung der „Spezies“ an sich – es liegt mehr daran, dass sie hauptsächlich den elektronischen Lebewesen ausgesetzt sind, statt mit echten Tieren zu tun zu haben. Worin Menschen ihre Aufmerksamkeit investieren, ist ein Problem von entscheidender Bedeutung. Ingress hat aktuell mehr als sieben Millionen aktive Spieler und wurde von 12 Millionen Menschen heruntergeladen, seit es 2012 veröffentlicht wurde. Der Umstand, dass man bei dem Spiel das Haus verlassen muss, ermutigt Spieler dazu, etwas zu finden, zu erkennen und sich mit einer Reihe von kulturellen Symbolen zu identifizieren, die sie ansonsten ignorieren würden.

Egress – Aussteigen!

Hier ist also die besondere Herausforderung: Man sollte eine neue Version von Ingress erstellen (nennen wir es doch einfach „Egress“), die lehrreich und überzeugend sein sollte und zudem auch beliebt. Sie könnte auch Augmented Reality verwenden, um bestimmte  Umweltveränderungen zu zeigen – seien es gute Veränderungen, wie bei Instandhaltungen der Umgebung, oder schlechte, wie bei Anzeichen von Beschädigung. Um ein Hit zu werden, muss sie ein Publikum erfassen und eine Gemeinschaft fordern. Und sie könnte auch Daten für wissenschaftliche Projekte generieren. Es gibt viele Möglichkeiten, wie eine solche App funktionieren könnte. Möglicherweise beinhaltet es die Verwendung von Handys zum Fotografieren, Lokalisieren und automatisiertem Zuordnen von „Tags“ zu Spezies innerhalb einer Landschaft, das Identifizieren von seltenen Pflanzen oder Insekten oder woran man erkennt, dass an einem bestimmten Ort Tiere leben (wie beispielsweise Erdlöcher, Überreste von Ausscheidungen oder anderem, und so weiter). Der entscheidende Punkt ist, dass, obwohl die Konzentration auf Ökologie und Natur liegt, es auch ein Spaßelement geben muss – vielleicht wie eine Art High-Tech-Version dieser alten Vogelbeobachtungs-Handbücher, aber eines, das mehr Anerkennung für das Auffinden seltener Arten bietet. Ein aktueller Leitartikel in der Zeitschrift Nature hebt einige der möglichen Anwendungen von Pokémon GO, Ingress und anderer hervor, die darauf hindeuten, dass MAR-Spiele auch verwendet werden könnten, um neue Spezies zu entdecken und zu beschreiben. Wer möchte nicht, dass ein neues Tier oder eine neue Pflanze nach ihm benannt wird? Solche wissenschaftliche Aktivitäten würden die Verbindungen zwischen Forschung, Erhaltung und der Gemeinschaft stärken. Was Ingress und Pokémon GO gezeigt haben, ist, dass es möglich ist, Millionen von technisch versierten Menschen aus ihren Wohnzimmern und Kellern zu bekommen und sich aktiv mit der übrigen Welt zu engagieren. Während es unmöglich zu garantieren ist, dass jedes Projekt viral wird, zeigen die jüngsten Erfahrungen mit der Augmented Reality auf den Telefonen, dass große Menschenmassen wirklich überzeugt werden können, das Haus zu verlassen und die Welt zu erkunden. Das ist sicherlich der erste und notwendigste Schritt, um Menschen wieder zu verbinden und sich um die Natur im digitalem Zeitalter zu kümmern. Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Pokemon Gym at the peak of Zion Observation Point“ by Tydence Davis (CC BY 2.0)


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Übertrieben oder notwendig? Frankreich will E-Mails nach Feierabend abschaffen.

t was nice to have a bed after three weeks of camping. Real nice. (adapted) (Image by Jared Tarbell [CC BY 2.0] via flickr)

Wie oft verbringen sie Ihren Tag damit, von einem Meeting ins nächste zu hetzen, nur um sich danach am Abend hinzusetzen um das überlaufende E-Mail-Postfach in Angriff zu nehmen? Nun ja, Sie werden sich jetzt vielleicht wünschen, in Frankreich zu arbeiten – denn dort hat die Regierung jetzt ein Gesetzt vorgestellt, welches E-Mails nach Dienstschluss ein Ende setzten soll. Die vorgelegte Arbeitsreform soll ein „Recht auf Abschalten“ einführen. Falls dies genehmigt wird, bedeutet das, dass es für Firmen erforderlich wird Standards einzusetzen, die festlegen, wann Angestellte nicht verpflichtet sind, auf E-Mails zu antworten. Natürlich ist die Erwartungshaltung, dass wir auf E-Mails auch nach Dienstschluss antworten, kein wirklich neues Problem. Wir wissen, dass der ständige Draht zur Arbeit negative Konsequenzen wie Stress und Angstattacken haben kann und dass die Arbeit in die Freizeit hineinreicht. Als Resultat dessen haben viele Firmen begonnen, die Forderung nach ganztägiger Erreichbarkeit zu überdenken. Volkswagen zum Beispiel machte damit Schlagzeilen, dass ihre Server ausgeschaltet werden, die den Angestellten Mails außerhalb der Arbeitszeiten schicken. So will man Stress und Burnout vorbeugen. Daimler hat eine automatische Lösch-Strategie für E-Mails,die eingehen, während die Mitarbeiter im Urlaub sind. Was Arbeitgeber allerdings noch mehr beunruhigt, ist der Einfluss der ständigen Erreichbarkeit der Angestellten auf ihre Produktivität, Kreativität und Fähigkeit, sich zu konzentrieren. Wussten sie zum Beispiel, dass die reine Anwesenheit eines Telefons in Ihrer Nähe Sie ablenken kann? Das ist der Fall, weil das Telefon unendliche Möglichkeiten der Kommunikation darstellt. Und es gibt noch mehr – tendieren Sie dazu, Ihre E-Mails abends auf ihrem Telefon oder Tablet zu checken, sollten Sie sich in Acht nehmen: Recherchen zeigen, dass dieses Verhalten sich am Folgetag rächt. Das Smartphone sorgt für einen unruhigen Schlaf und man beginnt den nächsten Arbeitstag bereits weniger erholt. All das hat das Streben nach Abstand von Technik befeuert, der sich in dem wachsenden Trend des sogenannten Digital Detox manifestiert. Die Blogosphäre ist übervoll mit Menschen, die die Vorteile eines digitalen Urlaubs anpreisen. Ein anderer, etwas ironischer Trend ist die Verwendung von Produktivitäts-Apps wie der Freedom-App, um Leuten beim Abschalten und Fokussieren zu helfen. Camp Grounded bringt den digitalen Detox noch etwas weiter: ein Sommercamp für Erwachsene, das die Teilnehmer dazu anregen soll, ihre Technik am Eingang azugeben und die ständige Erreichbarkeit gegen Aktivitäten an der frischen Luft zu tauschen. Hört sich das dramatisch und ein bisschen New-Age mäßig an? Vielleicht. Aber die Vorteile sind klar: Für ein paar Tage den Abstand von Technik zu üben zugunsten eines Eintauchens in die Natur kann dabei helfen, die eigene Leistung bei Tätigkeiten, die Kreativität und Problemlösungsfähigkeiten erfordern, zu steigern. Dies sind Fähigkeiten, die essentiell wichtig in einer Wissenswirtschaft sind.

Kann Technologie kontrolliert werden?

Trotz allem ist ein digitaler Detox nur für Menschen in sicheren Positionen realistisch, die keine Angst haben müssen, ihren Job zu verlieren. Die Möglichkeit, ein „Recht auf Abschalten“ außerhalb der Arbeitszeit geltend zu machen, ist vielleicht in Theorie einfacher als in der Umsetzung. Viele Leute haben kein festes Arbeitsmuster und ihre Arbeitsvorlieben sind unterschiedlich. Für einige ist es tatsächlich bequemer, wenn sie ihre E-Mails spät am Abend verschicken. Diese Probleme unterscheiden sich auch abhängig vom Sektor einer Firma sowie darin, wo sich ihre Kunden und Mitstreiter befinden. Ein von der Regierung vorgeschriebenes umfassendes Verbot kommt für diese Arbeitsabläufe nicht in Frage. Es wirft auch größere Fragen über Privatsphäre und die Autonomie der digitalen Kontakte der Angestellten auf, wie sie sich am liebsten organisieren. Wie sollen beispeilsweise Arbeitgeber mit denjenigen Mitarbeitern umgehen, die weiterhin E-Mails nach Dienstschluss verschicken? Wird es Sanktionen geben? Wer wird sie überwachen – und ist es überhaupt in Ordnung, das zu tun? Schliesslich ist die Geschwindigkeit des technischen Fortschritts nicht auf dem selben Stand wie die Regulationen der Regierung. Das vorgeschlagene Gesetz würde 2018 in Kraft treten. Sind E-Mails zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch interessant? Neue Systeme, Social Media-Unternehmen und Apps wie Slack, die auch immer mehr in die Unternehmen Einzug halten, verändern bereits die Art, auf welche Menschen arbeitstechnisch miteinander kommunizieren. Es ist unwahrscheinlich, dass das Gesetz flexibel genug sein wird, um mit diesen neuen Entwicklungen mitzuhalten. Gibt es also Vorzüge in dem französischen Vorschlag? Ja, falls die neue Regulation Angestellten die Macht gibt, ihr Maß an Erreichbarkeit selbst zu kontrollieren. Ja, wenn sie die Anforderungen an Angestellte, ständig erreichbar zu sein, ohne erkennbaren Grund reduziert. Und schließlich: ja, wenn das Vorhaben dazu führt, dass wir uns über unterschiedliche Arbeistweisen unterhalten. Momentan gibt es keinen Vorschlag für Sanktionen, falls das „Recht auf Abschalten“ missachtet wird. Die Firmen willigen auf freiwilliger Basis ein. Der echte Wert dieser Reform liegt daher nicht in ihrer Fähigkeit, eine mögliche ständige Erreichbarkeit zu regulieren, sondern darin, das Gespräch zwischen Arbeitgeber und Angestellten darüber, wie ihre Kultur der Erreichbarkeit aussehen sollte, anzuregen. Wenn die Reform zu solchen Bewegungen führt, könnte sie ein nützliches Vorbild für andere Länder sein. Wenn sie jedoch die Fähigkeit französischer Unternehmen als Konkurrenten einschränkt und sich nicht positiv darauf auswirkt, dass das Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit gewahrt bleiben muss, sollten andere Länder dem Beispiel nicht folgen. Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „It was nice to have a bed after three weeks of camping. Real nice.“ by Jared Tarbell (CC BY 2.0)


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Der weltweite Bikesharing-Boom – warum die Städte Fahrräder lieben

City Bikes (Image: Picography.co [CC0 Public Domain], via Pexels).jpg

Während die Urbanisierung und Modernisierung ein nie dagewesenes Ausmaß erreicht hat, sind Verkehrsstaus zu einer modernen Bedrohung geworden. Dichter Verkehr wird gleichgesetzt mit Luftverschmutzung, enormen Sicherheitsrisiken und verminderter Erreichbarkeit. Man denkt an eine zu geringe Wettbewerbsfähigkeit, zu wenig nachhaltiges Wachstum und den Verlust des sozialen Zusammenhalts. Wenn wir entschlossen sind, unsere Städte attraktiv und nachhaltig zu machen, müssen wir uns diesen Herausforderungen stellen.

Es gibt viele mögliche Maßnahmen um dieses Problem anzugehen: entweder, indem wir schlichtweg weniger Autos benutzen, oder durch das Bereitstellen brauchbarer Alternativen. Keine dieser Lösungen ist derzeit mehr im Trend und besser vermarktbar als das gemeinsame Nutzen von Mobilitätsresourcen – zum Beispiel Carsharing. Und keine von ihnen ist umweltfreundlicher als Radfahren, was immer mehr Leute als bestgeeignete Möglichkeit entdecken, um kürzere Strecken zurückzulegen.

Wenn man diese beiden kombiniert, ergibt das eben: Bikesharing. Eine Innovation, die die besten Eigenschaften beider Lösungen kombiniert und dabei die Reichweite des öffentlichen Personennahverkehrs erweitert. Bikesharing bezeichnet ein Verleihsystem, bei dem jeder Räder an verschiedenen Punkten der Stadt ausleihen, fahren und abstellen kann – üblicherweise an automatisierten Stationen.

Die Vorteile des Bikesharing

Zu den Vorteilen des Bikesharing zählen Transportflexibilität, Reduktion der Fahrzeugemissionen, gesundheitliche Vorteile, weniger Staus und Treibstoffverbrauch und nicht zuletzt finanzielle Ersparnisse für den Einzelnen. Aber das Besondere an öffentlichen Fahrrädern ist die Idee, sie zu teilen. Durch das Teilen mit anderen über ein öffentlich erreichbares Programm können die Fahrräder von jedem benutzt werden, der sie braucht – ohne die Kosten und Verantwortung, die mit Eigentum verbunden sind. Dadurch ermöglichen es diese Programme, Leuten, die sonst womöglich keine Fahrräder nutzen würden, die Vorteile des Radfahren zu genießen – seien es nun Touristen oder Einheimische.

Bikeshare-Programme können auch als Türöffner für mehr Radverkehr dienen, indem sie ein starkes visuelles Statement setzen, dass Fahrräder sehr wohl zu den Straßen einer Stadt gehören. Gemäß meiner Recherchen nehmen Pendler Bikesharing als eine mächtige, straßengebundene “Fahrradwerbung” wahr.

Darüber hinaus berichten andere Studien, dass der Radverkehr in Städten, in denen Bikeshare-Systeme eingeführt wurden, zugenommen hat, und führen aus dass diese Ergebnisse den kombinierten Effekt von einer Verbesserung der Radfahr-Einrichtungen sowie der Einführung von Bikeshare-Systemen widerspiegeln. Einige gehen sogar noch weiter, indem sie andeuten, dass die Einführung von Bikeshare-Systemen dazu führen kann dass Radfahren in Kontexten, wo es nicht sonderlich verbreitet ist, als sicheres und alltägliches Verkehrsmittel angesehen wird.

Ursprünge

Bikesharing ist ein Konzept, das seinen Ursprung in den 1960ern hat. Allerdings war es nicht sonderlich verbreitet, bevor Techniken entwickelt wurden, die Echtzeitinformationen über das Programm bereitstellen, Räder orten und gegen Diebstahl sichern helfen konnten. Heutzutage boomt Bikesharing in einem nie dagewesenen Ausmaß, größtenteils dank der angemessen niedrigen Kosten der Programme und wie einfach, zumindest verglichen mit anderer Transportinfrastruktur, es ist, diese Programme zu implementieren. Und es ist ein einfacher Sieg für Regierungen und städtische Gesellschaften, die ihr grünes Image unterstreichen können, indem sie sich für so ein umweltfreundliches Design einsetzen.

Black and White Suspension Bridge (Image: Unsplash [CC0 Public Domain], via Pexels).jpeg

2004 gab es nur in elf Städten ein Bikeshare-System. Heute gibt es mehr als 1000 öffentliche Bikeshare-Systeme mit verschiedenen Größen und Eigenschaften in über 50 Ländern auf fünf Kontinenten. Das größte System Europas ist das Pariser Vélib’ mit 1800 Stationen und über 20.000 Fahrrädern. Hangzhou in China besitzt das größte System der Welt – drei mal größer als Vélib‘ – welches bis 2020 auf 175.000 Räder expandieren soll. Das vielleicht raffinierteste System ist Bycyklen in Kopenhagen. Hier gibt es eine Flotte elektrischer Fahrräder, die mit wetterfesten Tablets mit GPS ausgestattet sind.

Gemäß neuester Forschungen über das Styr & Ställ –System in Göteborg spürt die Bevölkerung der Stadt – einmal angemessene Werbung für Bikeshare vorausgesetzt – dass solche Systeme eine umweltfreundliche, billige und gesunde Transportalternative bieten. Insbesondere wurden sie als Ergänzung zu städtischen ÖPNV und als ein Beitrag zu einem menschenfreundlicheren Antlitz der Stadt wahrgenommen.

Wie es richtig geht

Aber Forschung und Erfahrung sagen uns, dass es zu Problemen mit Bikesharing kommen kann. So gibt es zum Beispiel einige Systeme, die lediglich 0,3 Fahrten pro Rad und pro Tag ermöglichen, obwohl die Nutzungsrate dieser Systeme weltweit üblicherweise zwischen drei und acht Fahrten pro Rad pro Tag schwankt. Neben mangelnder Auslastung kann sich die Ausweitung der Programme schwierig gestalten, oder es könnte Probleme mit schwerfälligen und komplizierteren Planungsprozessen geben. Sie können auch zu politischen Spannungen führen, wenn Kommunen nicht willens sind, Parkplätze für Fahrradstationen aufzugeben.

Doch strikte Radfahrregeln können auch ein Hindernis sein: in den beiden australischen Metropolen Melbourne und Brisbane wurde festgestellt, dass die Helmpflicht viele potentielle Radfahrer abschreckt. Sicherheitsbedenken und fehlende Fahrradinfrastruktur wurden auch als erfolgsverhindernde Faktoren ermittelt. Trotz dieser Schwierigkeiten sind Bikeshare-Programme insgesamt eine großartige Errungenschaft für uns alle. Etwas so gewöhnliches wie Radfahren in der Stadt in einer Weise neu zu erfinden, die Shared Economies einbezieht und von der Öffentlichkeit gut angenommen wird, ist eine günstige Investition in das aktive Bewerben nachhaltigen Verkehrs. Städte, die starke und zusammenhängende Pläne entwickeln, werden feststellen, dass wiedererkennbare Bikeshare-Programme ein mächtiger und positiver Teil ihres Images werden können. Unterdessen können Bürger jeglicher Couleur von leereren Straßen und saubererer Luft profitieren – ob sie nun Rad fahren oder nicht.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

The Conversation


Image “City Bikes” by Picography.co (CC0 Public Domain)

Image “Black and White Suspension Bridge” by Unsplash (CC0 Public Domain)


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Am Freitag den 13. stürzt Weltraumschrott auf die Erde

Earth Horizon (adapted) (Image by DonkeyHotey [CC BY 2.0] via flickr)

 

Es wird vorhergesagt, dass ein mysteriöses Trümmerteil aus dem Weltraum namens WT1190F gegen 06:20 GMT am Himmel über dem Indischen Ozean wieder in die Erdatmosphäre eindringen wird. Obwohl es voraussichtlich etwa 100 km vor der Südküste Sri Lankas verglühen wird, ist es nicht ausgeschlossen, dass kleinere Fragmente auf die Oberfläche stürzen könnten.

Das Objekt sollte der Überrest einer vorangegangenen Weltraummission sein, wahrscheinlich eine ausgebrannte Rakete, einer der jüngsten Roboter-Mondmissionen oder sogar ein Relikt der Apollo-Ära. Obwohl es jedoch wie ein schlechtes Omen scheinen könnte, sind die Wissenschaftler begeistert. Es ist bekanntermaßen schwierig vorauszusehen, wo die Trümmer, die auf die Erde fallen, aufprallen werden. Die Gelegenheit, die Flugbahn von WT1190F zu untersuchen, könnte helfen, die derzeitigen Methoden zu verbessern.

Feuerballschau

Das Objekt wurde erstmals 2013 von der Catalina Sky Survey entdeckt, als es sich der Erde auf 250.000 km näherte, bevor es wieder zurück in den Weltraum eintauchte, in eine Entfernung von etwa einer halben Million Kilometer, doppelt so weit entfernt wie der Mond. Seine elliptische Umlaufbahn ist jedoch unstabil und die Höhe der größten Erdannäherung des Objekts ist gesunken. Dies wird am Freitag bewirken, dass es bei einer Geschwindigkeit von mehreren Kilometern pro Sekunde in die Erdatmosphäre eindringt. Wenn dies passiert, wird es der Luftwiderstand in der Atmosphäre abbremsen und es dazu veranlassen, aus dem Orbit zu fallen, während der reibende Effekt der vorbeiströmenden Luft das Objekt schlagen, erhitzen und verdampfen wird.

Laut Astronomen, die seine Größe und Dichte geschätzt haben, hat das Objekt einen Durchmesser von etwa 1-2 Metern und ist hohl. Glücklicherweise bedeutet dies, dass es zu klein und zerbrechlich ist, um es bis zur Oberfläche zu schaffen. Während es sich auflöst, werden die kleineren Fragmente rasch verglühen und dabei eine brillante Feuerballschau verursachen, die sichtbar sein könnte, wenn sie über den Mittagshimmel in Richtung Süden Sri Lankas streift. Nur sehr kleine Fragmente, wenn überhaupt, werden im Indischen Ozean wasserlanden. Es ist schlichtweg nicht genug Masse beteiligt, um sich Sorgen machen zu müssen.

Dies wissen wir, da es keinesfalls das erste vom Menschen erschaffene Objekt ist, das aus dem Orbit fällt, noch das größte. Als die 135 Tonnen schwere russische Raumstation Mir 2001 ans Ende ihres Lebens gelangte, verdampfte ein Großteil der massiven Station während des Wiedereintritts, einige Bruchstücke fielen gefahrlos in den Südpazifik.

Die Schwierigkeit einer Vorhersage der Absturzstelle

Dennoch ist es nicht immer einfach vorherzusagen. Als sich herausstellte, dass die 75 Tonnen schwere NASA Skylab Raumstation im Juli 1979 wieder in die Erdatmosphäre eintreten würde, schätzte die NASA die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch irgendwo auf dem Planeten getroffen wird, auf eins zu 152.

Letztendlich, statt über dem Meer südöstlich von Südafrika wieder einzutreten während sie gen Osten raste, verglühte Skylab ein wenig später als erwartet und Bruchstücke fielen südöstlich von Perth, im Westen von Australien, auf die Erde. Obwohl niemand verletzt wurde, zeigte der Absturz von Skylab Unsicherheiten in den Wiedereintritts-Schätzungen dieses Tages auf. Es stellte sich heraus, dass Skylab robuster war als erwartet, so dass der Widerstand der fallenden Raumstation fehlberechnet wurde.

Skylab zeigte auch den wichtigen Effekt auf, den Mutter Natur auf solche Orbits hat. Ursprünglich wurde angenommen, dass die Raumstation, die im Mai 1973 gestartet wurde, für etwa neun Jahre im Orbit bleiben würde. Doch die höher als erwartete Sonnenaktivität in den 1970ern führte zu einer stärkeren Erwärmung und Expansion der oberen Erdatmosphäre. Der resultierende zusätzliche Widerstand auf die Raumstation verlangsamte sie und bewirkte, dass ihr Orbit schneller als vorhergesagt sank.

Heutzutage wird der Einfluss von Sonnenaktivität auf die erdnahe Weltraumumgebung “Weltraumwetter” genannt und ihre Auswirkung auf Objekte in einer niedrigen Umlaufbahn ist der Schwerpunkt umfangreicher Forschung. Neben Untersuchungen, wie sie den atmosphärischen Widerstand auf Satelliten und bemannte Raumschiffe erhöht, besteht großes Interesse an ihrem Einfluss auf die Flugbahn von Weltraumschrott – eine allumfassende Beschreibung, für alles von Starthilfsraketen und Satelliten, die schon lange außer Betrieb sind, bis hin zu Muttern und Bolzen. Studien mit Bodenradargeräten haben mehr als 21.000 Objekte in der Erdumlaufbahn gefunden, die größer sind als 10 cm. Inzwischen gibt es geschätzt etwa 50.000 Teilchen mit einem Umfang zwischen 1 cm und 10 cm, gleichzeitig geht die Zahl von Teilchen mit einer Größe von weniger als 1 cm in viele Millionen.

Im Stande zu sein, um vorherzusagen, wie die Orbits dieser Objekte sich entwickeln werden ist wichtig, um zukünftige Hochgeschwindigkeits-Kollisionen zwischen Weltraumtrümmern und erdumkreisenden Satelliten oder bemannten Raumschiffen zu verhindern. Es ist außerdem von wesentlicher Bedeutung für nationale Verteidigungsagenturen, welche zwischen ankommendem Weltraumschrott und interkontinentalen ballistischen Raketen unterscheiden können müssen.

Da wir den unseren Planeten umgebenden Raum mit einer erdumkreisenden Schrottwolke gefüllt haben, ist die beste Vorgehensweise nun, eine Ende-des-Lebens “Exitstrategie” in moderne Satelliten einzubauen. Üblicherweise beinhaltet dies ein geplantes und kontrolliertes Deorbiting, gewöhnlich hinauslaufend auf die vollständige Zerstörung des Satelliten in der oberen Atmosphäre, oder ein geplantes Manöver in einen stabilen Friedhofsorbit und somit in Sicherheit außerhalb der geostationären Umlaufbahn.

Sollten wir uns also Sorgen um WT1190F machen? Nein. Freitag der 13. wird ein schlechter Tag für dieses spezielle Stück Weltraumschrott sein, aber für Forscher ist es ein großes Glück. Seit Skylabs Tag haben Simulationen und Prognosen eine lange Entwicklung genommen und falls die bis jetzt gemachten Messungen korrekt sind, ist dies ein relativ leichtgewichtiges Trümmerteil und wird wahrscheinlich in vorhersehbarer Weise über einem klar abgegrenztem Gebiet verglühen. Nichtsdestotrotz werden Wissenschaftler WT1190Fs prognostizierte Wiedereintrittszone sorgfältig überwachen, um Daten für die weitere Verbesserung unseres Verständnisses der Physik des Wiedereintritts zu sammeln.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) “Earth Horizon” by DonkeyHotey (CC BY 2.0)


 

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