Seeing Summer (Image: Conor Ashleigh)

Warum gerade Flüchtlinge ein Smartphone besitzen

Seeing Summer (Image: Conor Ashleigh)

Wird heutzutage über die Lage der in Deutschland Asyl suchenden Flüchtlingen gesprochen, fällt oft das vermeintliche Argument, dass es den Menschen gar nicht so schlecht gehen kann, wenn sie sich doch beinahe alle ein auch hierzulande mehrere Hundert Euro kostendes Smartphone leisten können. Ein Trugschluss, wie der Hamburger Migrationsforscher Vassilis Tsianos im Interview auf Wired.de erklärt.

Trugschluss: Das Smartphone als Neuland-Luxus

Diesen Sommer war ich auf zwei Familienfeiern – einmal auf einer Feier meiner eigenen Familie in Sachsen-Anhalt und einmal auf der Feier der Familie meiner Freundin in Baden-Württemberg. Auf beiden Veranstaltungen wurde die Notlage der Flüchtlinge diskutiert und auf beiden Feiern fiel das Argument, dass es den Menschen gar nicht so schlecht gehen kann, denn “die haben ja alle ein Smartphone”. Smartphones, in unserer westlichen Industriegesellschaft inzwischen Alltagsgegenstände, werden als Kriterium herangezogen, um die Situation von Flüchtlingen zu bewerten.

Zu Unrecht. Die Ansicht, dass Menschen auf der Flucht keine wertvollen Smartphones besitzen können, beruht neben rassistischen Ressentiments auch auf ein mangelndes Verständnis für den Umgang mit neuen Technologien. Gerade in einer Gesellschaft, die alles im Überfluss hat, auch diverse Kommunikationswege, sind Smartphones für die meisten Leute noch als Luxus betrachtetes Neuland. Ein Trugschluss, denn Smartphones dienen Flüchtlingen nicht nur als ein Statussymbol, sie sind für die lebenswichtige Werkzeuge auf ihrer Flucht.

Das Smartphone als Werkzeug zum Überleben

Der Fotograf Matt Cardy besuchte Anfang des Jahres ein Flüchtlingslager im irakischen Erbil, indem von der Terror-Gruppe “Islamischer Staat” vertriebene Christen untergekommen sind. Er fotografierte aus Qaraqosh geflohene Menschen, die den Gegenstand zeigten, den sie nicht zurück lassen konnten und mit auf die Flucht nahmen. In der Bilderserie sind unter anderem ein sechsjähriges Mädchen zu sehen, das ihren Lernlaptop mitnahm, zwei ihre Smartphones zeigende Studierende und ein sein Notebook präsentierender Tischler. In der Not entschieden sie, für sie wichtige Technik zu retten.

Teure Geräte für die Flucht sind alles andere als ein Statussymbol. Das ist eine Art mobile Bank, eine Investition. Sie sind nicht nur essentiell für die Navigation oder Kommunikation unterwegs. Man kann sie auch in Geld verwandeln, verleihen oder als Hypothek für einen Teil der Reise hinterlegen.”, erklärt Vassilis Tsianos, Migrationsforscher an der Universität Hamburg im Interview mit Chris Köver.

Tsianos betont, dass es auch selten mittellose Menschen sind, die sich auf eine oft mehrere Tausend Kilometer lange Flucht machen: “In der Regel migrieren tatsächlich nicht die Ärmsten der Armen, sondern die Angehörigen der Mittelschicht, und genau wie alle globalen Mittelschichtler gehen sie mit diesen Medien entsprechend um — und können sich diese Geräte leisten.” Wer sich trotzdem kein Smartphone oder zumindest ein einfaches Handy leisten kann, es verloren hat oder es bei der Polizei abgeben musste, organisiert sich laut Tsianos in Gruppen, die sich dann ein Gerät teilen. “Das total entnetzte migrantische Subjekt, das sich halbnackt auf den Weg nach Europa macht, existiert nicht”, sagt Tsianos.


Der australische Filemmacher Conor Ashleigh sammelte letztes Jahr via Crowdfunding Geld für einen Film über in Australien lebende Flüchtlinge aus Afghanistan und dem Sudan zu drehen, die mithilfe von Smartphones ihre eigenen Geschichten erzählen können. Das Projekt hat sein Crowdfunding-Ziel erreicht und ist in der Produktion.


“Digital Divide” ist ein Märchen

Tsianos erklärt in dem Interview auch, dass es keine vergleichsweise zurück gebliebene Entwicklung im Umgang mit modernen Technologien bei Menschen gibt, die aus Afrika oder dem Nahen Osten fliehen: “Diese Vorstellung vom ‚Digital Divide‘ zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden, die stimmt so einfach nicht. Im Gegenteil: Neue Technologien werden oft erst im sogenannten globalen Süden erprobt, dort von den Usern angeeignet und dann im Norden eingeführt.” Als Beispiel nennt er die Nutzung von GPS-Navigation, die von verschiedene Länder durchquerenden Migranten noch vor den Westeuropäern genutzt wurde.

Und die Suche nach Steckdosen, um sein Smartphone aufzuladen, oder ein öffentlich zugängliches WLAN, um online gehen zu können, sind hierzulande als „First World Problems“ ins Lächerliche gezogene Nöte, die gerade Migranten kennen. “Die Steckdose ist eine der wichtigsten Infrastrukturen unterwegs”, erklärt Tsianos und betont, dass “Digitale Konnektivität inzwischen ein Grundbedürfnis aller Bewohner Europas” ist. “Gerade bei Menschen, die transnational unterwegs sind, ist Zugang zum Netz Teil ihrer Soziabilität: So wahren sie die Verbindung zu Familie und Freunden, so organisieren sie Ressourcen für das Überleben in der Illegalität oder auch Legalität. So finden sie heraus, wo ihre Brüder oder Schwestern gelandet sind.


Das komplette Interview mit Vassilis Tsianos findet sich auf Wired.de. Tsianos forscht zu mobilen Medien und ihrer Nutzung durch Flüchtlinge. Gemeinsam mit Nicos Trimikliniotis und Dimitris Parsanoglou hat er gerade das Buch “Mobile Commons, Migrant Digitalities and the Right to the City” veröffentlicht.


Teaser & Image „Seeing Summer“ by Conor Ashleigh


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Tobias Schwarz

Tobias Schwarz

ist Coworking Manager des St. Oberholz und als Editor-at-Large für Netzpiloten.de tätig. Von 2013 bis 2016 leitete er Netzpiloten.de und unternahm verschiedene Blogger-Reisen. Zusammen mit Ansgar Oberholz hat er den Think Tank "Institut für Neue Arbeit" gegründet und berät Unternehmen zu Fragen der Transformation von Arbeit.

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